Wo es Wolken, Vögel und Menschentränen gibt

Sprache der Befreiung Das Volk als leidender Gottesknecht: Rosa Luxemburgs Schrift "Kirche und Sozialismus" setzte Maßstäbe für Christen und Revolutionäre

Im Programmheft des Ökumenischen Kirchentages war Dorothee Sölle für 17 Veranstaltungen angekündigt. Weil sie am 27. April dieses Jahres gestorben ist, bleiben uns nur noch ihre Texte, die immer wieder in überraschender Weise neue Zusammenhänge erkennen helfen und ungewöhnliche Denkwege bahnen. Bereits 1972 hat sie zusammen mit dem Studentenpfarrer Klaus Schmidt die lange vergessene Schrift von Rosa Luxemburg "Kirche und Sozialismus" in die Diskussion zurückgeholt. (*) In dankbarem Gedenken wollen wir auf diese Weise Dorothee Sölle zu Wort kommen lassen, die sich Rosa Luxemburg schwesterlich verbunden fühlte.

Dass sich Rosa Luxemburg in einer programmatischen Schrift mit dem Thema "Kirche und Sozialismus" auseinandergesetzt hat, ist bisher weithin unbekannt geblieben. 1905, das Jahr der Erstveröffentlichung ihrer Schrift "Kirche und Sozialismus" war eines der bewegendsten in ihrem Leben überhaupt. Am 22. Januar hatte die russische Revolution in Petersburg begonnen, deren Bedeutung Rosa sehr bald erkannte: "Die innere Verknüpfung des politischen und sozialen Lebens zwischen den kapitalistischen Ländern ist heutzutage eine so intensive, dass die Rückwirkung der russischen Revolution auf die soziale Lage in Europa, ja in der ganzen sogenannten zivilisierten Welt eine enorme sein wird - eine viel tiefer gehende als die internationale Rückwirkung der früheren bürgerlichen Revolutionen". Darum wollte sie eine "wahre Flut von Publikationen loslassen".

Dabei waren die Christen im traditionell katholischen Polen eine nicht unwichtige Zielgruppe, die noch dazu - nach der Darstellung von Rosa Luxemburg - der stark reaktionären Propaganda des Klerus ausgesetzt war. Sie konnte in Polen Religion und Kirche nicht so verächtlich behandeln wie etwa Marx und Engels in Deutschland. Und sie wollte es auch nicht, weil sie eine viel differenziertere Einstellung zur Religion hatte als die meisten ihrer europäischen Zeitgenossen.

In ihrem jüdischen Elternhaus in Warschau wuchs Rosa Luxemburg in einer künstlerischen und kultivierten Atmosphäre auf. Ihr Vater "stand mit seinen Sympathien bei den nationalrevolutionären Bewegungen in Polen, aber er war politisch nicht aktiv, sondern widmete sich ... den Kulturaufgaben, besonders dem polnischen Schulwesen." Am Leben der jüdischen Gemeinde beteiligte sich die Familie kaum. Rosa behält Zeit ihres Lebens ein sehr distanziertes Verhältnis zum Judentum. "Was willst du mit den speziellen Judenschmerzen?", fragte sie 1917 ihre Freundin Mathilde Wurm. "Mir sind die armen Opfer der Gummiplantagen in Putumayo, die Negerin in Afrika, mit deren Körper die Europäer Fangball spielen, ebenso nahe." Sie betonte, dass sie "keinen Sonderwinkel im Herzen für das Ghetto besaß... Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken, Vögel und Menschentränen gibt."

Da Rosa sich selten über ihre Kindheit und ihr Elternhaus äußerte, erfahren wir auch über ihre religiöse Auffassung aus jener Zeit nicht viel. Allein eine Bemerkung aus dem Jahre 1917 gibt hier ein wenig Aufschluss: "Meine Mutter, die nebst Schiller die Bibel für der Weisheit höchsten Quell hielt, glaubte steif und fest, dass König Salomo die Sprache der Vögel verstand. Ich lächelte damals mit der ganzen Überlegenheit meiner 14 Jahre und einer modernen naturwissenschaftlichen Bildung über diese mütterliche Naivität. Jetzt bin ich auch wie König Salomo: Ich verstehe auch die Sprache der Vögel und Tiere."

Im Spartakusprogramm schließlich, von dem es heißt, es sei ihr "Testament und die bündige Zusammenfassung ihres Lebenswerkes", bezeichnete sie den Spartakusbund als "Gewissen der Revolution" und interpretierte ihn sozusagen "christologisch". "Kreuziget ihn, rufen die Kapitalisten, die um ihre Kassenschränke zittern. Kreuziget ihn, rufen die Kleinbürger, die Offiziere, die Antisemiten, die Presslakaien der Bourgeoisie, die um die Fleischtöpfe der bürgerlichen Klassenherrschaft zittern. Kreuziget ihn, rufen die Scheidemänner, die wie Judas Ischariot die Arbeiter an die Bourgeoisie verkauft haben und um die Silberlinge ihrer politischen Herrschaft zittern. Kreuziget ihn, wiederholen noch wie ein Echo die getäuschten, betrogenen, missbrauchten Schichten der Arbeiterschaft und die Soldaten, die nicht wissen, dass sie gegen ihr eigen Fleisch und Blut wüten, wenn sie gegen den Spartakusbund wüten. Die proletarische Revolution kann sich nur stufenweise, Schritt für Schritt, auf dem Golgathaweg eigener bitterer Erfahrungen durch Niederlagen und Siege, zur vollen Klarheit und Reife durchringen."

Rosa Luxemburgs Sprache der Befreiung aktualisiert die Hoffnung der Hoffnungslosen und nimmt die Bedürfnisse der Menschen so ernst, wie dies in der prophetischen und jesuanischen Tradition geschah. Es geht ihr nicht darum, die religiöse Sprache als eine Art von Trick rhetorisch auszubauen - die in dieser Sprache ausgesprochene Sache der Befreiung aller wird hier vielmehr genommen als das, was uns unbedingt angeht. Die neue Verwendung dieser Sprache bedeutet, dass der absolute Anspruch auf Sinn und Erfüllung des Lebens aller, der sich einst theologisch formulierte, nun ökonomisch-politisch sagbar geworden ist: Das Volk als der "Gottesknecht".

In diesem Zusammenhang berührt Rosa Luxemburg ein Thema, das in seiner religiösen Form uralt ist. Das Thema vom Volk als dem Träger des geschichtswirkenden Leidens. Es gibt im Alten Testament die Vorstellung vom "leidenden Gottesknecht", die sich besonders im Buch des sogenannten "Deuterojesaja" verdichtet (Jes. 53). Die Christen haben das Leiden des Volkes einem einzigen Leiden untergeordnet: dem Leiden Christi. Zwar sagen sie - zum Beispiel im Kölner Politischen Nachtgebet - Vietnam sei Golgatha. Aber nach wie vor hat das Leiden der Menschen vielfach nur eine abgeleitete Funktion als Leiden für Christus oder mit Christus. Dem gegenüber stellt Rosa Luxemburg wieder - ähnlich wie Deuterojesaja, aber von Gottesvorstellungen gelöst - das Leiden des Volkes in den Weltmittelpunkt.

Die gemeinsame Zukunft von Christen und Sozialisten wird sicherlich davon abhängen, wie weit sie bereit sind, ihre jeweilige Überzeugung und Hoffnung radikal in Frage stellen zu lassen - und sie in ständiger Korrelation zueinander aufzuarbeiten. Die Schrift "Kirche und Sozialismus" von Rosa Luxemburg liefert dazu einen wichtigen Beitrag. Sie lehrt die Christen, die Bibel als einen Maßstab zu benutzen, an dem die Kirchengeschichte als Unrechtsgeschichte, als Korruptionsgeschichte erfahrbar wird. Sie gibt den Sozialisten Maßstäbe an die Hand, die eine Selbstkritik ermöglichen, die von der Angst vor dem Beifall aus dem falschen Lager frei geworden ist, zum Beispiel im alten sozialistischen Begriff der religiösen Toleranz. Vor allem aber weist sie beide auf die Dimension des Volkes hin, nicht in einem nationalistisch-völkischen Sinn, sondern im Klassenbewusstsein sich weiter emanzipierender Menschen.

(*) Vollständiger Text nachzulesen in: Rosa Luxemburg, "Kirche und Sozialismus" - Kleine Antworten-Reihe im Stimme-Verlag, Frankfurt/Main 1972.

00:00 23.05.2003

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