Wo ich einkaufe

Billigmarkt Es ist eine billige Wahrheit und dennoch spricht man darüber nicht gern: Wo jemand einkauft, daran kann man erkennen, wie sein Leben verläuft; man ...

Es ist eine billige Wahrheit und dennoch spricht man darüber nicht gern: Wo jemand einkauft, daran kann man erkennen, wie sein Leben verläuft; man erkennt, wo und wie er lebt und mit wem er sich umgibt. Ich kaufe jetzt bei Lidl ein, nachdem ich vor einigen Monaten umgezogen bin, aus dem ländlichen Norddeutschland zurück nach Berlin, genauer gesagt, nach Pankow, in den Osten der Stadt.

Mein Lidl ist ein Billigmarkt, zumindest ist es das, womit er wirbt. Ich glaube, dass man solche Läden Discounter nennt, und ich kann mich noch erinnern, wie ich dieses Wort zum ersten Mal vernahm. Ich war zehn Jahre und meine Großtante aus Westberlin war zu Besuch. Sie saß auf dem Sofa bei meiner Großmutter und erzählte, wie beschwerlich das Leben im Westen sei, vor allem wenn sich die Ostverwandten so merkwürdige Dinge wünschen, die man für sie besorgen muss, nur deshalb sei sie neulich in einen Lebensmittel-Discount geraten, den sie sonst niemals freiwillig betritt. Normalerweise kauft sie nämlich am Ku´damm ein, und dort sind die Geschäfte frisch und sauber und die Verkäuferinnen ausgesprochen nett. Aber dieser Discounter - o nein! Überall aufgerissene Kartons, die Waren unausgepackt und verschmutzt und noch dazu so schummriges Licht, was für sie als alte Frau doch nahezu gefährlich ist. Ich sah meine Tante von halbkriminellen Verkäufern verfolgt, die ihr auf ihre Fragen keine Antwort gaben, stattdessen gierig auf ihre Brieftasche starrten, und die Tante fand in dem schummrigen Licht den rettenden Ausgang nicht. "Ach, und die Milchriegel, die ich für das Mäuschen kaufen sollte, konnte ich auch nicht finden!" hörte ich meine Tante sagen und ihre Stimme holte mich wieder ins Bewusstsein zurück, "denn die haben dort noch nicht einmal ein Kühlregal!" Bei diesen Worten sah sie mich vorwurfsvoll an.

Ich muss sagen, so schlimm ist unser Lidl gar nicht. Inzwischen habe ich mich an die Kartons gewöhnt, wenn der Saft bekleckert ist, kann man einen anderen nehmen und Kühlregale haben sie inzwischen auch. Außerdem gibt es zweimal in der Woche Sonderangebote, die besonders günstig sind, und wenn man sonst im Leben keine Abenteuer erlebt, kann man sich mit diesem ablenken, denn scheinbar ist es ein witziges Spiel. Schon einen Tag vorher stecken die Zettel mit den Angeboten zwischen unserer Post. Sobald am nächsten Morgen die Eingangstür geöffnet wird, stürmen die Leute in den Supermarkt und zwei Stunden später sind die Angebote schon weg.

Bevor ich hierher zog, glaubte ich, die Ostler wären hauptsächlich arbeitslos und arm und würden überflüssige Haushaltsgegenstände liegen lassen, aber das ist nicht wahr. Es ist ein regelrechter Sport, diese Dinge zu ergattern, und auch ich konnte mich dem Sog nicht entziehen. Aus diesem Grunde besitzen wir inzwischen einen Patent-Dosenöffner, den wir seit dem Kauf noch nicht einmal ausgepackt haben, einen Waschmaschinen-Überzug aus Frottee, von dem ich nicht genau weiß, wozu er nütze ist, und einen Pflanzensprüher aus glänzendem Chrom. Und auch wenn diese Dinge meistens im Wege liegen, sind sie doch wirklich günstig gewesen, und eigentlich ist unser Lidl wirklich nicht schlecht.

Nur der Anblick der Leute dort, muss ich zugeben, schlägt mir zuweilen aufs Gemüt. Es sind meistens traurige Gestalten, die durch die Gänge schlurfen, Männer, bei denen man die Einsamkeit beinahe riecht. Sie kaufen ein paar Dosenbier, eine Packung Salami und trockenes Brot, dann verschwinden sie schnell über den Parkplatz hinweg in irgendeinem Haus. Oder die Frau, der man ansieht, dass sie Alkoholikerin ist, sie hat noch weniger Essbares in ihrem Einkaufskorb, dafür eine große Flasche Sekt und einen billigen Rosé. Jeden Abend, an dem ich sie treffe, und mehrmals habe ich schon überlegt, ob wir uns aus unserem früheren Leben kennen und ob ich sie nicht ansprechen soll, aber ich habe mich nicht getraut. Dann gibt es noch die Familien, die kleine Kinder in ihrem Wagen schieben. Die Kinder sind nach einem langen Tag sehr müde und blass, sie sagen nicht viel, denn noch bevor sie den Mund aufmachen, herrschen ihre Eltern sie an. Einige Male habe ich versucht, diese Kinder anzulächeln, eine hilflose halbherzige Geste, aber meistens haben sie den Kopf abgewandt und sich geschämt.

Nein, es ist eine traurige Gesellschaft, in der ich mich bewege, abends in meinem Supermarkt, und wenn ich einen schlechten Tag erwischt habe, überlege ich, ob ich mir nicht einen anderen Ort zum Einkauf suchen soll, an dem man fröhlichere Menschen trifft. Aber ich weiß nicht, ob ich den finde. Außerdem habe ich jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, denn ich muss gleich zum Lidl hinuntergehen. Heute ist Montag und es gibt ein neues Angebot: einen Eierkocher mit Zeitsteuerung und Fortkochstufe. Ich habe noch keine Ahnung, wofür ich ihn verwenden werde, dennoch bin ich jedes Mal, wenn ich ein derartiges Schnäppchen abbekommen habe, auf dem Heimweg ausgelassen und unglaublich froh.

00:00 27.09.2002

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare