Wo ist daheim?

Trend Es gibt eine neue Heimatliteratur. Zum Glück kommt sie suchend, fragend und ohne Blut-und-Boden-Töne daher
Michael Girke | Ausgabe 26/2016

Als der Schriftsteller Wilhelm Genazino vor nicht allzu langer Zeit ein Buch über das von ihm bewohnte und geliebte Frankfurt am Main veröffentlichte, verfiel er darin in tiefe Nostalgie angesichts des unwiderruflichen Dahinschwindens von alter baulicher wie intellektueller Substanz in der Stadt. Von Heimat war bei Genazino noch keine Rede. Das hat sich geändert. Wenn derzeit jemand sich und seine Vergangenheit schreibend zu ergründen trachtet, wird der Begriff Heimat, von dem es heißt, er sei tief und deutsch wie sonst keiner, meist gut sichtbar in Stellung gebracht.

Natürlich weil er reklametauglich ist, Leser anlockt. Dabei findet sich unter dieser Heimatliteratur einiges, das ästhetisch und sogar philosophisch anspruchsvoll ist. Kein Zweifel, wir haben es mit einer neuen Welle der Heimatliteratur zu tun, die weder von Ökoromantikern noch von denjenigen, die ideologisch dem rechten Lager zuneigen, ausgeht. Sondern von solchen Autoren wie Jörn Klare, der einst die Provinz fluchtartig Richtung Berlin verlassen hatte und mit zunehmendem Alter feststellt: In der Hauptstadt will so recht kein Heimatgefühl aufkommen.

Dieses Gefühl weckt noch immer eher ein Städtchen wie Hohenlimburg (im Ruhrgebiet), wo Klare aufwuchs. Er beschließt also den Ort seiner Kindheit aufzusuchen, nicht mit dem Auto oder dem Zug, sondern wandernd, weil diese Kulturtechnik die Zeit lässt, die es braucht, um sich in die Frage, wohin man denn gehöre, und all das, was sie aufwirbelt, zu versenken. Eben von dieser Frage berichtet Klares Buch Nach Hause gehen.

Hier ist einer auf die Suche nach der Heimat gegangen, der von der angloamerikanischen Popkultur geprägt wurde, die mit Heimatlichem deutscher Bauart nie etwas am Hut hatte. Dies verbindet Klare mit Eberhard Rathgeb, der über sich selbst sagt, die Musik von Jimi Hendrix gehöre zu dem, was ihn am meisten auf der Welt elektrisiere. Rathgebs Grund, sich auf das lange als kontaminiert geltende Thema Heimat einzulassen, ist das Leben und Sterben seines Vaters, das sich als roter Faden durch seinen buchlangen Essay Am Anfang war Heimat zieht. Die Rathgebs haben eine in der Tat außergewöhnliche Geschichte. In den 1920er Jahren wanderten sie aus, nach Argentinien, wo der Vater als Geschäftsmann erfolgreich und zufrieden lebte. Als die Familie nach dem Nationalsozialismus dennoch zurückkehrte, sprach der Vater einen dem Sohn nicht geheuren Satz: Dieses Land, Deutschland, ist meine Heimat! Was ist das für ein Heimatgefühl, dem hier trotz allem, was bis 1945 an Schrecklichem geschehen und von diesem Land ausgegangen ist, gefrönt wurde?

Schwarzwald

Wer diese Frage so grundsätzlich wie Rathgeb stellt, langt schnurstracks bei den bösen Geistern und Ungeheuern des Heimatlichen. Beim Heimatkult im Deutschland des 19. Jahrhunderts, der von der Verklärung des Ländlichen und der Absage an alles Moderne und vor allem Kosmopolitische gespeist war; bei den Nazis, deren National-, Rassen- und Heimatwahn sie zu einem Völkermord und Gräueltaten ohnegleichen trieb. Da Rathgeb seinen Vater, der kein Nationalist war, aber schätzt, tritt er den Heimatbegriff nicht sogleich in die Tonne, sondern bohrt sich gleichsam in ihn hinein, befragt Werke von Künstlern, Dichtern, Denkern, bei denen er eine gewichtige Rolle spielt, um herauszufinden, was genau eigentlich daran und möglicherweise doch zu retten und zu gebrauchen ist.

Einer seiner Auskunftgeber ist Martin Heidegger. Dessen Buch Sein und Zeit galt beim Erscheinen 1927 als Sensation. Heidegger, so sah man es, gab der Philosophie ihre existenzielle Tiefe zurück und machte klar: Im menschlichen Dasein geht es noch um andere Dinge als Ökonomie oder den Aufbau einer bürgerlichen Existenz. Neue Medien wie das Fernsehen und den Rundfunk sah Heidegger mit grollender Skepsis, seiner Ansicht nach bewirkten sie, dass Menschen jene Orte, wo sie zu Hause sind, nicht mehr wirklich bewohnen.

Der fest im Schwarzwald verwurzelte Philosoph pries, wann immer sich Gelegenheit bot, die uralte bäuerliche Kultur, weil diese noch den Einklang mit der Natur suchte. Wie anders sein großer Kritiker, Theodor W. Adorno: ein Fürsprecher der Moderne, Sympathisant des internationalistischen Marxismus. Adorno nahm sich in seiner Schrift mit dem sprechenden Titel Jargon der Eigentlichkeit (1964) Heideggers Sprache vor, attestierte große Nähe zur Blut-und-Boden-Ideologie. Und in der Tat: Als Hitler 1933 an die Macht kam, hatte Heidegger sympathetisch geschlossen, nun sei das Ende der von der Großstadt und von Technik bestimmten Zeit endlich gekommen.

Dabei war Adorno zwar im Gegensatz zu Heidegger ein Modernist, aber dennoch kein Heimatverächter, im Gegenteil. Nach der Rückkehr aus dem US-amerikanischen Exil hat er etwa eingeräumt, in der dortigen Sprache nie heimisch gewesen zu sein. Solches sei ihm nur im Deutschen möglich, das ihn als Kind mit den Dingen der Welt vertraut gemacht hätte. Die auf den ersten Blick so grundverschiedenen Heidegger und Adorno, konstatiert Rathgeb, hatten durchaus Gemeinsamkeiten: ein gewaltiges Unbehagen gegenüber der neuen, geldzentrierten, alles zur Ware machenden Zeit; eine tiefe Verbundenheit mit dem Geist Hölderlins oder Hegels; sowie, daraus geschöpft, eine immense Bildung, die beiden ein Mittel war, dem Siegeszug der kapitalistischen Welt entgegenzuwirken.

Keine Sorge, Rathgebs Buch dreht sich nicht nur um Philosophen. Es erzählt auch, und zwar eindringlich, von solchen Leuten wie dem Vater eines guten Freunds. Für diesen Mann, der keine besondere Bildung genoss und viel zu früh starb, hatte die Sprache nie eine poetische, über den Tag hinausweisende Dimension, sie war funktional. Ein Leben, das Rathgeb deswegen ausführlich schildert, weil es auch ein deutsches ist und exemplarisch für alle jene steht, die man nicht sieht, die nicht in glanzvoll-philosophischen Höhen zu schweben kommen, sondern sich durch ihren Alltag irgendwie wursteln.

Amorbach

Allerdings zieht Rathgeb geistigen Gewinn dann doch eher aus Werdegängen wie dem Ludwig Wittgensteins. Auch er Philosoph, aber anders gestrickt als Heidegger und Adorno. Wittgenstein hielt sich aus allem Weltanschaulichen heraus, zerbrach sich den Kopf lieber über begriffliche Probleme. Er fand den hohen Ton vieler Philosophen befremdlich, mehr noch, lächerlich. Mit anderen Worten: Wittgenstein war einer, dem jegliches Heimatdenken fernlag.

Nüchternheit, Pragmatismus – das ist Rathgeb überaus sympathisch. Was mit sich bringt, dass ihm die Welt seines Vaters mit ihrem Heimatpathos am Ende doch fremd bleibt. „Das Beste, was einer tun kann“, zieht der Schriftsteller Bilanz, „ist, sich selbst weit in die Fremde hinauszuwagen und den alten Ballast, der zum Gehen nicht notwendig ist, abzuwerfen, auf dass die eigene Heimat, der Ausgangspunkt der Exkursionen, offener werde, poröser, lichter und für andere heimischer.“

Jörn Klare, der eingangs erwähnte Großstadtbewohner mit plötzlichem Heimatbedürfnis, begegnet bei seiner Wanderung von Berlin nach Hohenlimburg naturgemäß vielen Menschen, fragt nach ihren Lebensweisen, Zweifeln, Befürchtungen. Sein Buch setzt vor allem die deutsche Provinz in ihr Recht. Rathgeb dringt dagegen tiefer. Er zeigt, wie Persönliches und Überindividuelles ineinanderspielen, macht nachvollziehbar, was von jener Heimatimagination, die Caspar David Friedrich, Rahel Varnhagen, Hannah Arendt und viele weitere Philosophen und Künstler (auch Emigranten) 200 deutsche Jahre lang ausgeformt und zum Klingen gebracht haben, in die Vorstellungen seines Vaters einging. Als wäre Rathgeb bei dem formidablen Johann Peter Hebel in die Schule gegangen, führt er uns auf einen buntscheckigen Basar der Geschichten; und jede lässt eine neue Facette des Heimatthemas zutage treten. Rathgebs Horizont und enormes poetisches Vermögen sorgen dafür, dass sein Buch das mit Abstand scharfsinnigste (und einfühlsamste) der neuen Heimatliteratur ist. Wobei er, der Popmoderne, dem Heimatbegriff schließlich die Luft rauslässt, ihn entzaubert. Sein Argwohn ist begründet. Die Gefahr, dass Menschen nicht Europäer, sondern nur enge Deutsche sein wollen und Heimatgefühle gegen andere mobilisiert werden, die vermeintlich nicht dazugehören, ist virulent.

Bei aller Klugheit weist Eberhard Rathgebs Buch aber doch ein Versäumnis auf: Es durchleuchtet den Heimatbegriff zwar, verändert ihn aber nicht. Ebendies war die große Leistung des von Rathgeb geschmähten Theodor W. Adorno. Dieser, es stimmt schon, hat Busch, Tal, Quelle, Hain in dem Dorf Amorbach, das er zu Kinderzeiten gern und oft besuchte, romantisiert und als idyllische Gegenwelt zu der von ihm skeptisch beäugten Gesellschaft von heute hingestellt (in dem 2003 von Reinhard Pabst herausgegebenen Insel-Band Kindheit in Amorbach kann man sich ein Bild davon machen). Zugleich jedoch war der Heimatgedanke bei Adorno, dem Dialektiker, nie ohne Wirklichkeitsanalyse, ohne das Sehen von Alltag, Realität und konkretem Leben zu haben. Von Theodor W. Adorno lässt sich lernen, wie man das menschliche Bedürfnis nach Geborgenheit, Vertrautheit, Heimat ernst nehmen und es mit einer aufklärerischen Haltung verbinden kann.

Das ist hochaktuell. Nach wie vor sind unsere gängigen Heimatvorstellungen vom Alltags- und Arbeitsleben, von gesellschaftlichen Macht- und Klassenfragen sozusagen gesäubert. Könnte ein Autor das nicht ändern? Aber vielleicht gibt es ihn längst, und es ist nur so, dass man bei „Heimaliteratur“ einfach nicht auf seinen Namen kommt, zum Beispiel Sigmund Freud.

Info

Am Anfang war Heimat Eberhard Rathgeb Blessing 2016, 384 S., 22,99 €

Nach Hause gehen. Eine Heimatsuche Jörn Klare Ullstein 2016, 240 S., 20 €

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06:00 13.07.2016

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