Wo sich Stalins Musterdorf versteckt

Sachlich richtig Erhard Schütz liest sich durch die Nachkriegsgeschichte – vom Streit um die Nationalhymne bis zu Ost-West-Bauweisen
Wo sich Stalins Musterdorf versteckt
Wer das Schweriner Schloss besucht, müsste eigentlich auch die Kurve zum Musterdorf Mestlin nehmen

Foto: Argum/Imago

Vor 175 Jahren schrieb Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland das Deutschlandlied, heute die deutsche Nationalhymne. Die Bonner Republik hatte zunächst keine eigene, und Bundespräsident Theodor Heuss wollte seinerzeit etwas ganz Neues. So auch die DDR, der Johannes R. Becher und Hanns Eisler eine Hymne besorgten, die an den Schlager Goodbye Johnny erinnerte – und unter Honecker inopportun wurde. Heuss hatte den Dichter Rudolf Alexander Schröder beauftragt, er bastelte auch selbst an einem Text, wie zigtausend weitere Deutsche, deren Vorschläge noch heute im Bundesarchiv zu finden sind.

Der gewiefte Adenauer schuf derweil Fakten, indem er im Berliner Titania-Palast die dritte Strophe singen ließ. Heuss hingegen hielt an Schröders „Land des Glaubens, deutsches Land“ fest, stellte sie Silvester 1950 im Rundfunk vor und erntete viel Spott. Kurt Schumacher titulierte sie einen „schwäbisch-protestantischen Nationalchoral“ und Gottfried Benn meinte, ihre Entsprechung sei „dann ein Kaninchenfell als Reichskriegsflagge“. Clemens Escher hat die seinerzeitige Diskussion um die bundesdeutsche Nationalhymne ausgegraben. Herausgekommen ist eine ganz eigene, subtile Mentalitätsgeschichte der Nachkriegsjahre. Höchlich empfehlenswert!

Am symbolträchtigen 8. Mai 1952 wiederum wurde in Mecklenburg der Grundstein für das sozialistische Musterdorf Mestlin gelegt, ein Paradeobjekt nach hochstalinistischem Muster, ein riesiger Aufmarschplatz, drumherum alles, was das Dorfleben attraktiv machen sollte, von der Kinderkrippe zur Oberschule, vom Ambulatorium zum Lebensmittelgeschäft. Als Krönung ein gewaltiges Kulturhaus, das 1957 eingeweiht wurde. So entstand aus dem ehemaligen Gut des Klosters Dobbertin die „Stalinallee der Dörfer“. Mestlin blieb zwar singulär, aber war vor allem mit dem Kulturhaus und dessen Film- und Musiktechnik eine weit in die Umgebung strahlende Attraktion. Mit der Wende wurde Mestlin zum Übungsplatz für Gernegroße, Opportunisten und Ahnungslose. 1996 war auch das Kulturhaus, bis dahin wilde Disco, vollends geplündert und ruiniert. Bibliothek wie Akten verschwanden in einer nahen Sandgrube. Ein Förderverein bemühte sich später um den Erhalt. Heute finden im immer noch halbverfallenen Gebäude unter anderem überregional bemerkenswerte Ausstellungen statt. Wer das Schweriner Schloss besucht, müsste eigentlich auch die Kurve nach Mestlin nehmen.

Nach 1945 war Göttingen eine ernst zu nehmende Filmstadt. Neben Walter Kirchners „Neuer Filmkunst“ vertrieb die Arca dort internationale Filme, etwa Die ehrbare Dirne, nach Sartre, 1952, Geliebte um Mitternacht oder Julietta, beide 1953 mit Jean Marais. Vor allem produzierte man Kerndeutsches selbst. Voran die lieblich backfischigen Immenhof-Filme oder Pikanteres wie die Liane-Filme mit der süßblonden Marion Michael, die dann auch in Der tolle Bomberg oder Bomben auf Monte Carlo mittat. Ann Smyrner war 1958 der Star in Lilli – ein Mädchen aus der Großstadt.

Naturgemäß durfte die „schöne Kriegszeit“ nicht fehlen, in Göttingen wurde aber auch Kurt Meisels Kriegsgericht oder Bernhard Wickis Es geschah am 20. Juli produziert. Schließlich nicht zu vergessen Veit Harlans umstrittener Film Das dritte Geschlecht (§175) / Anders als du und ich (1957). Zu allen diesen Filmen hat der begabte Karl-Heinz Fehrecke (1913 – 1994) die Plakate zunächst gemalt, später collagiert. Der schöne Katalog seiner Arbeiten ist eine Zeitreise in knallbunte Lüsternheit, biedere Unschuld und sauberes Soldatentum.

„Ein Mittel, das Gefühl der Enge zu überwinden, ist die liebevolle Betrachtung kleiner Dinge“, hat Ernst Jünger einmal notiert. Von daher könnte man einen ganz anderen Blick auf die beklagte Verbiedermeierung der Nachkriegszeit werfen. Doch werfen wir hier nur einen auf die Subtilen Jagden des „Metaphysikers im Gewande des Empirikers“ (Hans Blumenberg), Jüngers berühmtes Käferbuch, zuerst 1967 erschienen. „Bruchstellen sind Fundstellen“, heißt es da.

In der von Walter Linsenmaier meisterlich illustrierten Prachtausgabe, zu der Uwe Tellkamp ein eher dämmriges Nachwort beigesteuert hat, kann man nun Jüngers Entdeckungsfahrten zu den kleinen Wesen nachverfolgen, deren Aufspießung sie zu kleinen Dingen machte: gelegentlich Vögel und Fische, allermeist Insekten, speziell eine Unterart der Sandlaufkäfer, die Cicindelen mit ihrem „sanguinisch-solarischen Charakter“. Man wird nicht umhinkönnen, dieser auf die Mitwelt blinzelnden Weltentrücktheit Bewunderung zu zollen, die sich Raum für Andacht zum Kleinen schafft, indem sie die Welt durchmisst, vom heimischen Harz und Steinhuder Meer nach Ceylon, Singapur, Angola, Byblos, Malaysia, Norwegen, Sizilien oder Israel, um nur einige der Jagdreviere zu markieren, in die damalige Zeitgenossen nicht gar so selbstverständlich gelangten.

Info

„Deutschland, Deutschland, Du mein Alles!“ Die Deutschen auf der Suche nach ihrer Nationalhymne 1949 – 1952 Clemens Escher F. Schöningh 2017, 364 S., 39,90 €

Musterdorf Mestlin. Vom Klostergut zur „Stalinallee der Dörfer“ Friedemann Schreiter Ch. Links 2017, 160 S., 20 €

Filmplakate im Wirtschaftswunder Karl-Heinz Fehrecke Beate Fehrecke, Dagmar Rode (Hg.), Steidl 2017, 112 S., 18 €

Subtile Jagden Ernst Jünger Mit einem Essay von Uwe Tellkamp und Illustrationen von Walter Linsenmaier, Klett-Cotta 2017, 307 S., 50 €

06:00 16.08.2017

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