Wo sind die Antworten?

Offene Fragen "Let´s make Money" taugt nur bedingt, um die Fehlfunktionen des Kapitalismus sichtbar zu machen

Let´s make Money ist nicht nur ein dokumentarischer, sondern auch ein politischer Film. Er könnte als Anklage gegen die gesamte Finanzpolitik verstanden werden, als ein großer Vorwurf: Warum tut ihr nichts? Leider geht er über das Kritikstadium hinaus, und damit bleibt der politische Erkenntnisgewinn gering. Die Welt ist ungerecht, aber das wussten wir schon vor Let´s make Money. Ein entfesselter Kapitalmarkt produziert Auswüchse im Sinne einer hemmungslosen Ausbeutung nicht nur von Menschen, sondern auch von Ressourcen. Auch das wussten wir schon vor dem Film. Er wirft viele Fragen auf, Antworten bleibt er dagegen schuldig.

Davon abgesehen sind etliche Beispiele nur bedingt überzeugend. So wird etwa der österreichische Industrielle Mirko Kovats vorgestellt. Dieser schwärmt von der Rechtssicherheit und den niedrigen Löhnen in Indien. Ich habe an dieser Stelle darauf gewartet, dass ein Interview mit den Arbeiterinnen und Arbeitern des Werkes erfolgt. Nur dann kann ich doch beurteilen, ob das, was als Ausbeutung geschildert wird, auch Ausbeutung ist. Stattdessen erfolgt ein zusammenhangloser Übergang zur Begehung eines Slums in Madras. Der Zuschauer erfährt aber nicht, ob die Beschäftigten von Herrn Kovats sich als zufriedene Arbeitnehmer oder als Ausgebeutete empfinden. Damit kann die Frage, ob die Investition letztendlich zu mehr Ausbeutung oder gar zu mehr Wohlstand führt, nicht wirklich beantwortet werden.

Auch das Einstiegsgespräch mit dem Fondsmanager Joseph Mark Mobius taugt nur bedingt, um die Fehlfunktion des Kapitalismus zu verdeutlichen. Zwar wird Mobius mit dem polarisierenden Satz zitiert, dass man investieren solle, wenn Blut fließt, das heißt, wenn es Krieg, Revolution oder ähnliche Katastrophen gibt. Das heißt aber nicht, dass er zu Krieg oder Revolution aufruft. Man könnte den Sachverhalt auch genau umgekehrt betrachten: Es ist gut, wenn Investoren einem Land Mittel zur Verfügung stellen, wenn es am Boden liegt, denn nur so kann ein Wiederaufbau finanziert werden. Leider steigt der Film auch hier nicht tiefer ein, weder wird die Struktur der Investitionen des betreffenden Fonds aufgezeigt, noch erfolgt der Nachweis, dass der Fonds tatsächlich politisch destabilisierend arbeitet, um höhere Profite zu erreichen. Herr Wagenhofer klagt durch die Bilder an und bleibt die Beweise schuldig. Das ist sehr bedauerlich, denn vielleicht gibt es sie ja. Aber man weiß es nicht, und so lässt auch dieses Beispiel offen, ob globale Investitionen sich negativ oder am Ende doch positiv auswirken.

Dabei gibt es durchaus sehr gut belegbare Beispiele. Die Baumwollanbauer in Burkina Faso etwa. Vollkommen zu Recht beschwert sich der Produktionsmanager der Baumwollfirma über die unfaire Handelspolitik der USA, die von den Entwicklungsländern den Abbau von Schutzzöllen fordert und gleichzeitig die eigene Agrarwirtschaft durch Subventionen schützt. Die Konsequenz aus diesem Beispiel lautet aber eher mehr Marktwirtschaft und Wettbewerb.

Das große Problem der Globalisierung ist, dass alles mit allem zusammenhängt und sich dieses Feld deshalb nur sehr bedingt für politischen Aktionismus eignet. Nicht zuletzt aus diesem Grund beschränkt sich auch der in dem Film erwähnte SPD-Bundestagsabgeordnete Herrmann Scheer darauf, Missstände in dramatischer Manier aufzuzeigen.

Der Film leidet unter seinem Anspruch. Er möchte einerseits nicht werten, bewertet aber durch die Konzeption dennoch. Er will die Kraft der Geschichten wirken lassen, erzählt sie aber nicht zu Ende. So ist von economic hitmen die Rede, welche systematisch rohstoffreiche Länder in die ökonomische Abhängigkeit der USA führten. Zuerst wird dem Land ein überhöhter Kredit angeboten, sollte dieser nicht abbezahlt werden können, werden die Lieferung von Rohstoffen oder politische Gefälligkeiten eingefordert. Widersteht das Land dem Kreditangebot, kommen die "Schakale" zum Einsatz, im Prinzip nichts anderes als gedungene Meuchelmörder, um eine korruptionsresistente Regierung zu beseitigen. Haben sie keinen Erfolg, kommt das Militär zum Einsatz, wie man angeblich am Beispiel des Iraks sehen kann. Eine sehr kühne These; leider werden außer der Einzelaussage einer unbekannten Person keine weiteren Beweise geboten. Schade, denn allein dieses Thema hätte genug Potential für einen ganzen Film. So muss man als Zuschauer den Recherchen des Autors vertrauen, statt sich selbst eine Meinung bilden zu können. Und das in einem Punkt, der, wäre er erwiesen, zu sofortigem Handeln aller aufrichtigen Demokraten zwänge.

Mirko Kovats sagt an einer Stelle, dass es ein ständiges Auf und Ab der Länder, Gewinner und Verlierer gebe und er hoffe, dass der Westen künftig nicht zu den Verlierern gehöre. Seine Angst begründet er mit der stark steigenden Anzahl hervorragend ausgebildeter indischer Ingenieure, die zu einer zunehmenden Wettbewerbsfähigkeit Indiens führen. Wie berechtigt seine Angst ist, zeigt die Verlagerung von Software-Unternehmen oder Call-Centern nach Indien. Leider beschränkt sich Let´s make Money darauf, Indien als Land mit Umweltproblemen und Slums zu zeigen. Aber ist Indien nicht auch Bollywood und Bangalore? Ist Indien unterm Strich eigentlich Globalisierungsgewinner oder -verlierer? Erwin Wagenhofer bleibt leider auch hier die Antwort schuldig.

Es gibt genügend Auswüchse der Finanzmärkte, die der Film zu Recht geißelt. Bezeichnend für die schizophrene Einstellung mancher Finanzmanager ist der im Film erwähnte Private-Equity-Manager Anton Schneider. Er findet sein Gewerbe zwar zutiefst unmoralisch, geht ihm aber trotzdem nach, da es kein Gesetz gibt, welches ihm das verbietet. Mit Eigenverantwortung hat das nichts zu tun. Das sind gängige Ausreden für Menschen, die wissen, dass das, was sie tun, falsch ist. Moral ist aber keine Frage von Gesetzen, sondern zunächst eine Frage des Gewissens. Gesetze können kein moralisches Verhalten garantieren, sie können lediglich Auswüchse verhindern oder begrenzen.

Die Ratlosigkeit der Politik verdeutlicht auf hervorragende Weise der SPD-Abgeordnete Scheer, der zwar befürchtet, dass die Betonung des monetären Wertes des Menschen in ein neues Zeitalter der Barbarei führen werde, aber Lösungsvorschläge ebenfalls schuldig bleibt. Globale Finanzmärkte brauchen globale Regeln, und unter diesem Aspekt ist die Finanzmarktkrise vielleicht sogar eine historische Chance, endlich zu gemeinsamen Regelungen zu kommen. Die Globalisierung der Finanzmärkte und der Wirtschaft muss einhergehen mit einer Globalisierung der Werte, des Rechts und der Menschenrechte. Das Instrumentarium gibt es bereits, etwa die Vereinten Nationen, die im Film kritisierte Weltbank oder der IWF.

"Lasst uns Geld machen" mag das Motto einer einseitig gemachten und gedachten Globalisierung der Märkte sein. "Lasst uns Rechte schaffen" könnte das einer globalisierten Zivilgesellschaft sein, welche die Freiheit der Märkte mit den Bedürfnissen der Menschen vereint.

Volker Wissing, 38, ist promovierter Jurist, war Richter und sitzt seit 2004 im Bundestag. Er vertritt die FDP im Finanzausschuss.

00:00 30.10.2008

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