Wo Zukunft ein Fremdwort ist

Dagestan Es gibt für den unruhigen Nordkaukasus grandiose Investitionsprogramme für Skizentren und Seebäder. Doch Korruption und islamistischer Terror rauben die Perspektive
Ulrich Heyden | Ausgabe 12/2013

Noch vor fünf Jahren habe ich mich wenig für Politik interessiert“, erzählt Swetlana Isajewa, „so wie die meisten Leute in Dagestan.“ Sie sitzt in einem Büro der Menschenrechtsliga Mütter Dagestans im Erdgeschoss eines mehrstöckigen Wohnhauses an der Peripherie von Machatschkala, Hauptstadt der Kaukasus-Republik Dagestan. Vor fünf Jahren wurde Swetlanas Sohn – damals gerade 25 Jahre alt – von maskierten Männern entführt. Um ihn wieder zu finden, schloss sich die einstige Buchhalterin mit anderen Frauen zusammen, die gleichfalls nach ihren Kindern suchten. Über ihren Sohn erzählt Swetlana: „Zu Hause tat er keiner Fliege was zuleide. Für Waffen interessierte er sich schon gar nicht. Aber religiöse Bücher, die sah ich oft bei ihm.“ Wahrscheinlich habe er mit den Lesnyje sympathisiert. So nennt man in Dagestan die zumeist in den Bergwäldern operierenden islamistischen Untergrundkämpfer.

Dass maskierten Männer in Kampfanzügen, die junge Männer wie Swetlanas Sohn kidnappen, mit den russischen Sicherheitskräften kooperieren, ist in Machatschkala ein offenes Geheimnis. Entführt wird, wer verdächtigt wird, mit den Lesnyje in Verbindung zu stehen. Dafür reicht es schon, dass jemand den Backenbart der Salafiten trägt. Diese Religionsgemeinschaft bildet in Dagestan eine gewaltlose, fundamentalistische Bewegung, die den traditionellen Islam ablehnt und nur Allah verehrt. Die für den Nordkaukasus relativ neue Strömung hatte in den vergangenen Jahren viel Zulauf. Unter den wohlhabenden Bürgern Machatschkalas gehört es inzwischen zum guten Ton, die Koranschulen der Salafiten zu besuchen.

Russlands Staatsautorität setzt hingegen auf den herkömmlichen Islam, der in Dagestan Suffismus heißt und seit dem Ende der Sowjetunion zum geistigen Bezugspunkt einer Bevölkerungsmehrheit wurde. Der Versuch, die Salafiten in diese Strukturen zu integrieren, wurde im August 2012 jäh gestoppt, als Scheich Said Afandi, Dagestans oberster islamischer Würdenträger, beim Anschlag einer Selbstmordattentäterin starb. Wer das zu verantworten hatte, blieb ungeklärt. Hinter dem Anschlag können sowohl Lesnyje als auch Sicherheitskräfte stecken, denen jede Aussöhnung mit Islamisten zuwider ist. Eine Koexistenz mit den Salafiten jedenfalls war danach nicht mehr möglich.

Verhüllt in quietsch-rosa

Im Moment gäbe es wieder mehr Entführungen, sagt Swetlana Isajewa. Wer auf diese Weise verschwinde, den finde man später oft unter den Toten, die von den Sicherheitskräften nach einer Säuberungsaktion wie erlegtes Wild auf der Straße zur Schau gestellt würden. „Wenn sich Rechtsanwälte um die Verschwundenen kümmern, leben sie gefährlich“, meint Isajewa. Anfang 2012 sei Umar Sagidmagomedow, der Untergrundkämpfer vor Gericht verteidigt habe, von einem Polizisten erschossen worden, als er sein Haus verließ. Die Presse in Dagestan sei relativ frei und berichte über derartige Geschehnisse. „Aber dadurch ändert sich nichts.“

Machatschkala vermittelt dem Besucher einen friedlichen Eindruck. In den Parks flanieren die Rentner mit ihren Papachas, den hohen kaukasischen Fellmützen. Eine junge Frau, hochhackig, den Kopf mit einem quietsch-rosa Tuch verhüllt, eilt zum Einkaufen. Dagestanerinnen, die sich aus der europäischen und islamischen Kultur nehmen, was ihnen gefällt, sieht man häufig. Etwa jede Fünfte trägt einen Hidschab, die den Körper verhüllende islamische Frauenbekleidung, und zeigt so öffentlich Sympathie für die Salafiten.

Im mehrgeschossigen Gemüse- und Fleischmarkt mitten im Zentrum summt es wie in einem Bienenstock. In der Sowjetskaja-Straße haben teure Restaurants geöffnet. Am Jaralskaja-Boulevard gibt es Nachtclubs und Videotheken. Man kann in der Stadt ohne weiteres Alkohol kaufen. Wie man hört, verlangen kriminelle Banden von den Händlern ein Schutzgeld, um für ihr „sündiges Gewerbe“ Abbitte zu leisten. Wer sich weigert, dies zu zahlen, dem werde das Geschäft mitunter durch eine Bombe weggesprengt, erzählt man.

Die Menschen haben sich daran gewöhnt. Was bleibt ihnen übrig? Nach Zentralrussland auszuwandern, habe keinen Sinn, meint die Journalistin Luisa Stawrow. Dort gäbe es wüste Vorurteile gegen Migranten aus Dagestan. Andererseits sei es kaum auszuhalten, den eigenen Kindern stets von Neuem erklären zu müssen, sie sollten schnell an einem Abfalleimer vorbeigehen, weil darin eine scharfe Bombe versteckt sein könne. „Hinter allem steckt Amerika“, meint Luisa. „Die wollen aus Dagestan ein zweites Syrien machen. Davon bin ich überzeugt.“

Trotz eines gewaltigen Aufwandes bleibt die Anti-Terror-Kampagne der russischen Sicherheitsorgane bislang den gewünschten Effekt schuldig. Nach der offiziellen Statistik gab es allein 2012 im Nordkaukasus 2.000 Spezialoperationen, bei denen 363 dschihadistische Kämpfer, darunter 48 Anführer, getötet worden seien. Eine viel diskutierte These lautet: Generäle des Innenministeriums wollten gar nicht siegen, weil sie mit ihren Spezialaktionen eine schöne Stange Geld für die zweite und dritte Datscha verdienen. Ihre Operationen würden nach Stunden bezahlt. Wen könne es da wundern, dass sich die „Feldzüge gegen den Terror“oft tagelang hinziehen.

Einfach erschossen

Während der Dschihadismus in den neunziger Jahren noch auf pekuniären Beistand aus arabischen Ländern zählen konnte, finanziert sich der islamistische Untergrund heute über Schutzgelder lokaler Unternehmer. Die Lesyje schicken Geschäftsleuten sogenannte Fleschkis – Videobotschaften, auf denen martialisch maskierte Männer vor der schwarzen Fahne des Heiligen Kriegs Geld fordern. Wer sich dem verweigert, schwebt in Lebensgefahr.

Warum sie einen Hidschab trage, will ich von Aischa wissen. Die Menschenrechtlerin arbeitet bei der Nichtregierungsorganisation Prawosaschita (Rechtsschutz) und hat ihr Büro im dritten Stock eines Bürohauses in Machatschkala. „Seit ich den Hidschab trage, fühle ich mich innerlich sehr frei und ruhig“, sagt Aischa. Diese Kleidung schütze sie vor den anzüglichen Blicken der Männer. Nur leider sei es damit fast unmöglich, eine Arbeit oder Wohnung zu finden.

Ob es stimme, will ich wissen, dass eine Schuldirektorin von einem Islamisten erschossen wurde, weil sie den Mädchen das Tragen des Hidschab verboten hatte? Der Vorfall ereignete sich schon 2010 im Dorf Schamchal. Aischa, die Menschenrechtlerin antwortet ausweichend. Der Fall sei nie richtig aufgeklärt worden. Man wisse zu wenig, um urteilen zu können. Die Zeitungen in Dagestan stellten es damals so dar, dass zwei Maskierte in die Mittelschule Nr. 79 eindrangen und die Direktorin kurzerhand erschossen hätten.

Aischa sagt noch, sie sei froh, dass die Salafiten stärker würden. Immer mehr Moslems würden die christlichen Neujahrsfeiern als „heidnisch“ ablehnen und keine Musik mehr hören. „Die Menschen zieht es zu den Ehrlichen. Dorthin, wo es sauber ist.“ Aber haben die Bewaffneten in den Bergen nicht viele Kriminelle in ihren Reihen? „Nein“, meint Aischa, „das sind Ausnahmefälle, das wird übertrieben ...“

Der Kreml versucht, den Nordkaukasus durch Milliarden-Investitionen zu stabilisieren. Es war in seinem Sinne, als der dagestanische Milliardär Suleiman Kerimow vor zwei Jahren begann, mit Millionen Dollar den Fußballclub Anschi Machatschkala zu sponsern. Der mauserte sich zur zweitstärksten russischen Equipe, was den Dagestanern nach Jahren des Niedergangs wieder ein Gefühl des Stolzes vermittelte. Und überhaupt, die Regierung von Premier Dmitri Medwedjew hat für den Nordkaukasus grandiose Pläne. Für 12,5 Milliarden Euro will sie Skizentren und Seebäder am Kaspischen Meer bauen. Doch erscheint ein solch ambitioniertes Programm nur dann realistisch, wenn der Staat zeigt, dass er ernsthaft bereit ist, ehemalige islamistische Gegner in den Staatsapparat zu holen, wie das in Tschetschenien ab 2001 passiert ist. Dies in Dagestan zu wiederholen, dürfte schon wegen der Korruption seiner Beamten schwierig sein, die Moskauer Fördergelder ungerührt in unbefugte Taschen fließen lassen.

Während es sich die Neureichen im Ausland gut gehen und ihre Villen in Machatschkala leer stehen lassen, müssen Hunderttausende Dagestaner als Gastarbeiter in Russland Geld verdienen. Auch nach 20 Jahren Transformation gibt es in der Kaukasus-Republik keine funktionierende Ökonomie. Nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 wurden die meisten Betriebe geschlossen, egal ob sie zur Lebensmittel-, Textil- oder Rüstungsindustrie gehörten. Was heute noch funktioniert, sind neben Wasserkraftwerken eine private Viehwirtschaft sowie kleine Möbel- und Ledermanufakturen wie im Bezirk Unzukul. Diese hügelige Berglandschaft durchzieht der 2.300 Meter hohe Gimrinskij-Kamm, der sich wie der Rücken eines Dinosauriers am Horizont wölbt.

Früher gings gegen den Zaren

Die Region gilt als Unruheherd. Im November erst blockierten Hunderte Bewohner des Ortes Gimry stundenlang eine Fernstraße. Es flogen Steine gegen Polizisten. Die Menschen protestierten gegen die gewaltsame Festnahme von drei Bürgern ihres Dorfes auf dem Flughafen von Machatschkala. Von dort wollten die Betreffenden zum Studium an einer Islam-Universität in Syrien fliegen. Angeblich habe man in ihrem Auto eine Kalaschnikow und Munition gefunden, hieß es. Die Waffe sei von Polizisten in den Wagen gelegt worden, behaupteten die Festgenommenen und mussten nicht lange in Gewahrsam bleiben. Nach der Straßenblockade kamen sie überraschend frei.

Vielleicht hatte die aufgebrachte Stimmung in Gimry auch etwas mit der Geschichte zu tun. In diesem Ort wurde 1797 der legendäre Imam Schamil geboren, der die Dagestaner und Tschetschenen in einen Krieg gegen das russische Zaren-Heer führte, den aber die Gorzi – die Leute aus den Bergen – nach zähem Kampf verloren.

Als 2007 Truppen des Moskauer Innenministeriums ihr Lager am Rand von Gimry aufschlugen, um sich monatelang mit einer Counterinsurgency-Operation zu beschäftigen, war an Landwirtschaft nicht mehr zu denken. Viele Pfirsich- und Aprikosenhaine seien damals vernichtet worden, schimpfen die Leute aus Gimry bis heute. Eine Entschädigung blieb ihnen verwehrt.

Abdul mit hoher Fellmütze und einem faltenzerfurchten Gesicht sorgte während der „Operation“ für den Kontakt zwischen den Militärs und der Bevölkerung. „Der General“, wie der Hochgewachsene genannt wird, erzählt, dass inzwischen sechs Männer aus Gimry auf der Fahndungsliste stehen würden. Sie hätten sich den Lesnyje angeschlossen. Auf russische Militärs ist der 61-Jährige, der als sowjetischer Soldat in der DDR stationiert war, nicht gut zu sprechen. „Der Krieg in Afghanistan hat die Moral zerrüttet. Seitdem sind Menschenleben nichts mehr wert“. Wenn ein Mensch ein- oder zweimal getötet habe, dann gehe ihm die gesunde Psyche verloren. Und – halb im Scherz, halb im Ernst – fügt er hinzu: „Wir wollen im Kaukasus nicht auf den Knien liegen und Stiefel lecken.“

Ulrich Heyden schrieb für den Freitag zuletzt über den Pussy-Riot-Prozess in Moskau

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01:00 04.04.2013

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