Wörterbuch der Filmwelt

Nicht im Kino Wind, Dreck und Kaugummi – ein neues Wörterbuch erklärt, wie Dinge zu Filmdingen werden. Und was dabei sowohl mit den Dingen als auch mit dem Film passiert
Wörterbuch der Filmwelt
Lust an der Beschreibung: Wenn man die kinematografischen Begriffe lange genug untersucht, werden sie zu einer Allegorie auf das Kino als solches

Foto: Keystone/AFP/Getty Images

Warum sie denn keine echten Kühe benutzten, fragt der Streber Martin Prince in einer Episode der Simpsons einen Requisiteur, der auf einem Set ein weißes Pferd mit schwarzen Farbflecken bemalt. „Kühe sehen im Film nicht wie Kühe aus, da muss man Pferde nehmen“, lautet die Antwort. Und was macht man dann, wenn man tatsächlich Pferde filmen will? „Da binden wir meistens nur ein paar Katzen aneinander.“ Wie Dinge zu Filmdingen werden und was dabei sowohl mit den Dingen als auch mit dem Film passiert – auf diese Fragen gibt jetzt eine neue, handliche Buchveröffentlichung vielseitige Antworten.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich den Titel des Bands, Wörterbuch kinematografischer Objekte, ein wenig falsch verstanden hatte. Erwartet hatte ich eine Art Wörterbuch der Dinge im Film, also einen Beitrag zur Objektgeschichte des Kinos. Es finden sich in dem am Weimarer Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie (IKKM) entstandenen Buch zwar tatsächlich Einträge zu relativ handfesten Gegenständen wie „Zigarette“, „Ball“, „Kühlschrank“, daneben jedoch tauchen auch weniger griffige Einheiten wie „Wind“, „Dreck“ oder „Schrift“ auf, außerdem sogar Bestandteile der Apparatur sowie filmische Verfahren, die eine strengere Grammatik des Kinos wohl eher als „kinematografische Subjekte“ fassen würde: „Kamera“, „Zoom“, „Schwenk“. Mithilfe des Vorworts lege ich mir das so zurecht: Erst die Verfahren machen die vorher ungerichteten Dinge zu kinematografischen Objekten. Oder, kryptischer: „Die Rede vom Objekt integriert ihrerseits operative Elemente.“

Nun sind die weniger strengen Filmgrammatiken sowieso die interessanteren. Und tatsächlich bereitet die Lektüre des Wörterbuchs viel Freude, insbesondere wenn man sich nicht von der alphabetischen Sortierung, sondern von den zahlreichen Querverweisen und eigenen Assoziationen leiten lässt. Die Heterogenität der Einträge sorgt einerseits dafür, dass die mediale und apparative Konstellation Kino als eine dynamische begriffen und nicht einseitig – sei es in reiner Textanalyse oder auf Technik beschränkter Medientheorie – stillgestellt wird. Das zeigt sich auch in vielen einzelnen Beiträgen: Wenn man ein kinematografisches Objekt nur lange genug dreht und wendet, offenbart es sich früher oder später als Allegorie aufs Kino als Ganzes.

Und andererseits passt das zur Heterogenität der Schreibweisen und zu den methodologischen Ausrichtungen, die der Band versammelt. Die meisten Autorinnen und Autoren verdienen ihr Geld an medien- oder filmwissenschaftlichen Instituten des deutschsprachigen Raums. Schön zu sehen, was die weniger oder zumindest anders formatierte Textart des Wörterbucheintrags mit dem akademisch geprägten Schreiben anstellt. In den meisten Fällen wirkt der Zwang zur Kürze und die Abwesenheit eines übergeordneten Theoriemodells befreiend – auch wenn zwischendurch immer wieder Texte auftauchen, bei denen man amüsiert feststellt: Selbst auf eineinhalb Seiten ist es problemlos möglich, einen Gegenstand in drei (natürlich durchnummerierte) Aspekte zu unterteilen und philologisch korrekt zu erörtern.

Als Einstieg sei ein Beitrag empfohlen, der zum Gesamtprojekt auf interessante Weise quer steht, weil er sich eines Gegenstands annimmt, der filmhistorisch tendenziell in Ungnade gefallen ist: die schöne Miniatur zum „Kaugummi“.

Wörterbuch kinematografischer Objekte Dennis Göttel, Friederike Horstmann, Jan Philip Müller, Volker Pantenburg u. a. (Hg.), August-Verlag 2014, 190 S., 18 €

06:00 31.12.2014

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