Woher ist das Material?

Erinnern Alexander Kluge schreibt 48 kurze Geschichten über die Verbrechen der Nationalsozialisten und macht unsere Rezensentin damit etwas ratlos
Ausgabe 13/2013

Es gibt viel Fachliteratur über das sogenannte Dritte Reich, belletristische Bearbeitungen, Dokumentationen, kunstvolle und populäre Filme, Zeitzeugenberichte, Institute, Mahnmale und Archive, man kann das nicht alles kennen. Wer heute noch über die zwölf Jahre des Tausendjährigen Reichs schreiben will, muss – so er einige Ansprüche hat – eine Sprache finden, die weder im Betroffenheitskitsch versackt, noch die grausamen Geschichten in allzu großer Distanz einfriert. Ich nehme an, Alexander Kluge hat sich in seinem neuen Buch um diesen Balanceakt bemüht. Sachlich, sehr frei von Gefühlen berichtet er kleine Szenen von Tätern und Opfern, von Zufällen, durch die Leben vernichtet oder gerettet wurde, über die „merkwürdige Zuständigkeit von Architekten“ für die Beseitigung von Leichen und über Merkwürdigkeiten der Verwaltungssprache des Dritten Reichs. Manchmal sind es nur wenige Zeilen, in denen über die Bürokratie der Mordmaschinerie, über Störungen im Ablauf der Deportationen berichtet wird, Namen werden genannt, Vergleiche mit der fernen Geschichte der Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal nahegelegt. Das ganze weite Feld von Familienbeziehungen über Transporte nach Auschwitz, von der Rassenforschung zu Partisanen, von kranken SS-Obergruppenführern bis zu russischen Zwangsarbeitern kommt zur Sprache. Es sind kurze Sentenzen, in denen die allmähliche Verfertigung des Plans, das Skelett der Vernichtungsmaschine und der Weg zur Vervollständigung des Mordens unter Beteiligung harm- und gewissenloser gewöhnlicher Menschen sichtbar werden. Kluge fischt Organisationsfehler heraus, die eine Exekution verhindert oder eine Rettung ermöglicht haben, er verfolgt Seitenarme bekannter Geschichten und streut philosophische Gedanken zwischen die Zeilen.

Die Jetzt-Zeit „eichen“

Es gibt diesen Vorspann, in dem es unter Berufung auf Adorno heißt, dass „die Schwierigkeit, den Holocaust mit den Mitteln der Kunst zu erfassen“ darin liegt, dass die klassische literarische Form bei Auschwitz nicht greift. Und fett gedruckt die Antwort: „Umso wichtiger, dass man die Erfahrung der eigenen Zeit, der Jetzt-Zeit, immer wieder in diesen geschichtlichen Absturz hineinhält, sie darin ‚eicht‘. Dauerhaft und beharrlich gilt es weiterzuerzählen: vom Versagen der Eliten, von der Rasanz eines behördlich organisierten bösen Willens, von der extremen Seltenheit der Rettung.“

Sonst gibt es keine Erörterungen, aber der Band ist Fritz Bauer, dem Generalstaatsanwalt des Landes Hessen, gewidmet, der die Auschwitz-Prozesse in den sechziger Jahren initiiert und geführt hat. Wäre Fritz Bauer nicht aus dem Exil zurückgekehrt und hätte ihn ein längst vergessener hessischer Ministerpräsident nicht an das Gericht berufen, so hätte die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht bereits in den sechziger Jahren stattgefunden; ohne ihn wären die Attentäter des 20. Juli nicht rehabilitiert, wäre Eichmann nicht gefasst und die Bundesrepublik ein anderes Land geworden. Der erste Text in Kluges Buch handelt vom Begräbnis Fritz Bauers, es ist zugleich eine knappe Charakteristik dieses von vielen gehassten Richters.

Kluge schreibt über einen Transport nach Auschwitz, bei dem einige Gefangene dank zufälliger Koordinationsprobleme an der französisch-deutschen Grenze entkamen, über eine Feldforscherin, die mit dem Abtransport ihrer Forschungsobjekte nicht einverstanden war, über den Verkauf einer jüdischen Waffenfabrik, von der dann Flick doch nicht profitieren konnte, von Bedenken eines Sicherheitschefs gegenüber der Form von Judenverfolgung. Kurze Texte von ein bis zwei Seiten, ohne Anmerkungen und ohne Kommentar. Manchmal vertieft ein Folgetext den tiefen Sinn, manchmal bleibt er – mir zumindest – verborgen.

Ich hätte gerne gewusst, woher das Material kommt, aus dem zitiert oder über das berichtet wird. Was ist Protokoll, was Nacherzählung des Autors, und was hält die Mischung zusammen? Stammen die Geschichten aus den Verhören, die Fritz Bauer geführt hat? Das könnte sein und würde die Auswahl erklären, aber es steht nicht da. Oder sind es Geschichten, die sich Alexander Kluge auf der Basis existierenden Materials ausgedacht hat? Hat er in den Archiven des FBI gesessen, oder waren Mitarbeiter des Fritz-Bauer-Instituts so nett, ihm Bestände zu besorgen? Wer oder was wird hier geeicht?

Scheinbar sachlicher Ton

Muss man die Prozessakten aus dem Portefeuille Fritz Bauers kennen oder alle Schriften Kluges? Da ist zum Beispiel die Geschichte von den russischen Zwangsarbeitern, es könnte ein Protokoll sein: Der Berichterstatter erzählt, wie sie mit einem Dampfschiff die Donau hinunterfahren, von Linz nach Melk, wo die sowjetisch besetzte Zone begann. Sie legten, steht da, etwa 200 km zurück. Aber Melk ist von Linz bestenfalls 80 km entfernt. Ist das nun die Falschaussage des Zeugen, der das nicht wissen muss oder eine Schlamperei dessen, der diesen Bericht wiedergibt und wissen sollte oder nachschlagen könnte, wie nahe die Städte beieinanderliegen? Es folgt ein zweiter Text, der Kommentar sein könnte – aber war der in diesem Text erwähnte Verdacht der Kollaboration, mit dem die entlassenen Zwangsarbeiter in der Sowjetunion konfrontiert wurden, tatsächlich nur eine kränkende Erfahrung? Man weiß doch inzwischen, dass viele der Rückkehrer wegen dieses Verdachts im Gulag landeten, müsste das nicht, falls es ein Kommentar ist, auch hier stehen? Also ist es kein Kommentar und auch ein Protokoll? Sind all die anderen Geschichten auch Protokolle oder zumindest eine Wiedergabe aus Prozessen? Und wo ist der Autor, ist er seinerseits Zeuge oder doch Kommentator? Was hat ihn mit Fritz Bauer verbunden, waren die beiden befreundet, ist das Buch ein Denkmal für den Staatsanwalt?

Natürlich ist der objektive Ton ein Stilmittel, auch in der Erzählung vom Feierabend um 17 Uhr, zu dem das Töten in Riga aufhört und die Wachen und lettischen Hilfsdiener in Kolonnen zurück in ihre Quartiere marschieren. Einige der unzulänglich bewachten Opfer gelangten bis zu den Verstecken der Partisanen, einige wurden mit dem verbliebenen Teil der Gettobevölkerung von Riga am nächsten Tag erschossen. Ich unterstelle Alexander Kluge nur die besten Absichten, dieses Nicht-Partei-Nehmen und nur Aufzeichnen mag ja Erschütterung durchaus einschließen. Aber wie nah ist diese Sprache an dem Verwaltungsdeutsch? Und ist das Absicht?

Der schwierige Balanceakt zwischen gefühliger und rationaler Auseinandersetzung gelingt nicht immer. Und wenn, wie Adorno sagte und der Klappentext wiederholt, die klassische literarische Form nicht greift, so greift auch der scheinbar objektive Ton des Berichterstatters nur bedingt. Es kommt wohl auch auf den Standort an. Da unter den Erschossenen in Riga zufällig auch meine Großeltern waren, stößt mir vor allem die Ähnlichkeit auf: zwischen der objektivierenden Sprache des Autors und der von jenen Zeugen, die bekanntlich ein Faible für sachliche Ausdrucksweisen hatten.

Wahrscheinlich habe ich die Absicht und die Stilmittel nicht verstanden. Ich habe mehr als hundert Bücher über das Dritte Reich, das Davor und Danach gelesen, habe Ausstellungen besucht, Diskussionen gehört und Filme gesehen. Aber ich kenne nicht alles und bleibe vor Kluges Buch so ratlos sitzen wie anno ’68 seine Artisten in der Zirkuskuppel. Es ist ja dies alles auch schwer zu verstehen, sowohl das Dritte Reich wie auch die Absicht des Verfassers.

Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter. 48 Geschichten für Fritz Bauer Alexander Kluge Suhrkamp 2013, 117 S., 16,95 €

Hazel Rosenstrauch wurde 1945 als Tochter österreichisch-jüdischer Kommunisten in London geboren und wuchs in Wien auf. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Sie hat zahlreiche Bücher publiziert, unter anderem JUDEN NARREN DEUTSCHE (2010) über Erinnerungskultur und das deutsch-jüdische Verhältnis

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