Wohin fuhr Celan 1969?

Kraushaar-Debatte Vom Antiimperialismus zum Antisemitismus der Linksradikalen war es vielleicht nur ein Schritt
Jürgen Busche | Ausgabe 15/2013 2

Dieses Buch bietet eine Stoffsammlung, so das Material, der Stil, die Einbettung. Der Untertitel verweist auf das Jahr 1970 und auf München. Die Geschichte reicht von dem Brandanschlag in der Münchner Reichenbachstraße – sieben Tote, darunter Auschwitzüberlebende – über den Anschlag auf die Swissair-Maschine in Würenlingen – zum ersten Mal wurden Passagiere Ziel eines Mordkomplotts – bis zum Olympia-Attentat 1972. Die Debatte um Wolfgang Kraushaars Buch Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel? (siehe Kasten), verkennt, dass die Geschichte, die da diskutiert wird, erst noch zu entdecken ist.

Von den antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus ist die Rede, aber nicht mehr von der fürchterlichsten Manifestation dieses Antisemitismus. Stichworte: Entebbe, Selektion der israelischen Staatsbürger und Juden aus der Gruppe der Geiseln durch deutsche Terroristen, die Ermordung von Dora Bloch. Aber auch die Komplizenschaft eines Teils der radikalen Linken mit palästinensischen Terrorgruppen wird von Wolfgang Kraushaar nicht ausgeleuchtet. Dabei hätte er das ausweislich seiner älteren Bücher gut gekonnt.

So bleibt unerklärlich, weshalb die Mesalliance zwischen jungen Deutschen, die sich als Linke verstanden, und den Palästinensern, die den Kampf gegen Israel nach Mitteleuropa trugen, so lange unterbelichtet blieb. Kraushaar bietet gelegentlich Erklärungen: so der Wunsch der soeben etablierten sozial-liberalen Regierung, der neuen Ostpolitik eine Nahostpolitik zur Seite zu stellen. Aber die Stoffsammlung zeigt auf der Täterseite vor allem Außenseiter, nicht aber die Wurzel, in der sie sich für ein Jahrzehnt – wie verstiegen auch immer – geerdet fühlten.

Bürgerkinder

Dazu ein Hinweis: 1970 erschien in einem Frankfurter Verlag ein Materialband zu Paul Celan. Herausgegeben hatte ihn eine junge Germanistin, geboren 1938, die 1968 mit einer Arbeit über diesen jüdischen Dichter promoviert hatte. Das Buch wurde dem Literaturwissenschaftler Peter Szondi zugesandt, einem Freund Celans. Er bedankte sich bei der Herausgeberin und stellte für sie eine Liste mit Fehlern zusammen, zu berichtigen in der zweite Auflage. Am Ende dieser Liste hieß es lapidar: 1969 fuhr Celan nicht nach Palästina, sondern nach Israel.

Damit legte er einen frappanten Fall von gespaltenem Bewusstsein bei der Herausgeberin offen. Diese, gewiss nicht ohne Empathie für Celan, kannte zweifellos dessen Gedicht „Denk doch“ von 1967, geschrieben unter dem Eindruck des Sechs-Tage-Krieges, in Deutschland veröffentlicht in der Zeitschrift Akzente. 1968 bildete es den Schluss des Gedichtbands „Fadensonnen“. Die Anfangszeilen lauten: „Denk dir: / der Moorsoldat von Masada/ bringt sich Heimat bei“. Der jungen deutschen Germanistin wird nicht entgangen sein, dass Celan mit Kopf und Herz für Israel eintrat. Aber das ignorierte sie.

Wer das verstehen will, muss sich in die Anfänge der Studentenbewegung begeben, in der nicht nur diese Herausgeberin sondern auch die meisten derjenigen politisiert wurden, von denen jetzt bei Kraushaar die Rede ist: Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel, Ina Siepmann, Georg von Rauch. Kraushaar verweist auf ihre geistige Herkunft, die „Subversive Aktion“ . Dort waren sie ebenso heftig antikommunistisch wie antibürgerlich. Sie waren, und das gilt weit über ihren Kreis hinaus, Bürgerkinder, die Anfang der sechziger Jahre große Desillusionierungen erlebt haben: Der Mauerbau in Berlin zerstörte die Illusion der Stärke, Hochhuths Stellvertreter die Autorität der Kirche, die Spiegel-Affäre das Vertrauen in die Politik, der Auschwitzprozess den letzten Rest des guten Gewissens. Es blieben vom politischen Selbstbewusstsein der Antikolonialismus und der Antiimperialismus. Hier gab es zwei Herausforderungen: den Vietnamkrieg und die Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat durch die Israelis.

Was Kraushaar aus Briefen und anderen Texten seiner Protagonisten zusammenträgt, gehört in die breite Zone, die hier zwischen maßlosem, der Selbstbeschwörung verfallenen Bramarbasieren und der wie auch immer genauen oder rudimentären Kenntnis palästinensischer Terroristen besteht. Wenn Ina Siepmann in einem Brief an Freunde in Berlin an geplante Brandstiftungen erinnert, kann das konkreten Bezug haben zu dem, was tatsächlich in engem zeitlichen Zusammenhang geschah und dem, wovon man oft und gern sprach als dem, was zu tun sei. Wenn Fritz Teufel und Georg von Rauch Schlimmes für die Olympischen Spiele in München ankündigen, gar sich in krassen Gedankenspielen ergehen, was dort zu tun sei, dann wäre das ohne das Massaker des „Schwarzen September“ heute ohne Interesse.

Kraushaar stellt aber nicht nur das Material zusammen, das eine gewisse Gleichgestimmtheit gewalttätiger deutscher Linksradikaler und palästinensicher Terroristen belegt. Er zeigt auch, wie Vertuschung, Leisetreterei, und vorauseilende Kapitulation vor Gewalt, bei den Behörden, bei Regierungsstellen bis auf die oberste Ebene die Anschlussfähigkeit terroristischen Handelns an offizielle Politik eben auch den längst in die Kriminalität abgesunkenen Möchtegern-Revolutionären vorzugaukeln vermochte. Wenn ein Terrorist wie Issam Sartawi, nachdem er Yassir Arafats Mann geworden war, vom Bruno Kreisky in Wien einen Menschenrechtspreis bekommen konnte, warum sollte dann nicht Fritz Teufel irgendwann einen Gustav Heinemann-Preis erhalten können. Sein justizkritisches Wort über das Aufstehenmüssen des Angeklagten, „Ja, wenns der Wahrheitsfindung dient“, wurde ja längst mit Wohlwollen zitiert. Da hatte sich einer durchgesetzt.

Die eilfertige Abschiebung der Attentäter, so Kraushaar, infolge von Aktionen, die von deutscher Seite halbwegs unterstützt wurden, tat in ihrer Wirkung ein Weiteres. Was Leute wie Kunzelmann und Siepmann, später auch einige Aktivisten der RAF in Ausbildungslagern der Fedajin im Nahen Osten lernten, bildete, überspitzt gesagt, das eine Ende in der Auffächerung der Politik, deren anderes Ende die Gleichgültigkeit der Strafverfolgung war. So hatte man sich Willy Brandts Wort von 1969, jetzt fange man mit der Demokratie erst richtig an, nicht vorgestellt.

Was ist Antisemitismus?

Bei Kraushaar ist das sehr zurückhaltend formuliert: „Auch wenn es für diese Annahme keine Belege gibt“, schreibt er in seinem Epilog, „so drängt sich doch der Eindruck auf, dass es am politischen Willen zu einer angemessenen Strafverfolgung gemangelt hat. Ob dies möglicherweise aus Furcht vor Racheaktionen der Palästinenser geschehen ist, das Resultat einer Erpressung war oder aber ganz andere Gründe hatte, darüber kann nur spekuliert werden.“ Aber wer über die Stoffsammlung hinaus eine Geschichte erzählen will, die eben nicht Fiktion ist, aber als Geschichte das leistet, was Fiktion leisten kann, muss auf mehr achten als justizkritische Details.

Zu wenig leistet Kraushaar, um ein schwerwiegendes Wort in dem Untertitel seines Buches plausibel zu machen. Aus seiner imponierenden Materialsammlung ergibt sich nicht das, was er unter „antisemitisch“ versteht. Hier kann der Leser nur spekulieren. Eine Definition könnte darin liegen, dass in der Unempfindlichkeit gegenüber der Lage der Juden in Israel eine ganz andere Haltung zu vermuten ist als nur die antiimperialistische. Diejenigen, die solche Unempfindlichkeit ins Extrem steigern, sodass sie zu Terroristen an der Seite israelfeindlicher Terroristen werden, könnten in ihrer Haltung ihren Nazi-Eltern ähnlicher gewesen sein, als sie es sich selber einzugestehen bereit waren.

Als im Juni 1967 der Sechs-Tage-Krieg ausbrach, befand sich der Autor dieser Zeilen in seinem ersten Semester in Münster. Auf dem Wochenmarkt traf er auf Studenten, die Mahnwache vor Apfelsinenständen hielten. „Kauft keine Apfelsinen aus Jaffa“, hieß es. Auf die Frage, ob ihre Eltern vor 30 Jahren vor jüdischen Geschäften dasselbe getan hätten, gab es Krach. Aber damit war die Frage natürlich nicht erledigt. Vieles am Unglück der Juden in Deutschland von 1933 bis 45 wurde durch die Gefühllosigkeit der meisten Deutschen möglich. Gefühllosigkeit gegenüber dem Schicksal der Juden kann zumindest in Deutschland antisemitische Züge haben.

Von Jürgen Busche , Kolumnist dieser Zeitung stammt das Buch Die 68er. Eine Biografie

 

01:00 25.04.2013

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