Wohin sich kein Reisender verirrt

Ägypten Kairo ist nicht allein der Tahrir-Platz mit seiner Erinnerung an eine große Protestbewegung. Kairo ist auch das ­islamische Viertel, wo kaum ein Haus nicht verfällt

Vor gut einem Jahr bei der Reise nach Luxor war ich Freiwild. Jeder versuchte, mir etwas zu verkaufen. Es schien unmöglich, durch die Stadt zu gehen oder in ein Geschäft zu schauen – man kam nicht wieder weg. Einmal wurde ich für eine Nacht auf das andere Nilufer gelotst, um nicht zu sagen: entführt. Ein junger Mann, der deutsch sprach, lud mich zu seiner Familie ein, und da ich gern mit den Leuten in Kontakt komme, nahm ich an. Wir fuhren allerdings nicht zu ihm nach Hause, sondern in eine Villa, wo ein älterer Engländer mit einem jungen Araber zusammenlebte. In der Regel seien es Frauen, ältere und begüterte europäische Frauen, die mit jungen ägyptischen Männern lebten, erzählte mir mein Begleiter.

Mir waren solche ungleichen Paare schon aufgefallen. „Wie geht das?“ – „Sie erlebt noch einmal die Liebe, und er denkt ans Geld. Beide kommen auf ihre Kosten.“ Von seinen Freunde hätten schon viele solche Angebote erhalten. Da fast alle ohne Arbeit seien, nähme so mancher das Opfer für die Familie eben auf sich. „Sieh dich hier um, dann wirst du merken, dass es kein Wunder ist, wenn in Ägypten irgendwann der Kessel platzt“, meinte er noch. Die Politik könne man vergessen, Präsident Mubarak sorge nur für die eigene Clique. Natürlich hatte er verstanden, dass ich so manches seiner Urteile teilte. „Die Touristen kommen auf Kreuzfahrtschiffen nach Luxor, steigen in Busse, fahren zu den Sehenswürdigkeiten, und die Einheimischen kommen gar nicht an sie heran, um auch etwas zu verdienen.“

Zwischendurch betete er innig und rief seine Mutter an. Dann kam er plötzlich zur Sache, als hätten wir schon zu viel Zeit mit Palavern verloren: Haschisch bot er an, teures Parfüm und sexuelle Dienste. Zunächst aber müsste ich ein paar Kästen Bier für seine Freunde bezahlen. Da ich auf all diese Vorschläge und Forderungen nicht einging, verschwand er plötzlich und spurlos. Stunden vergingen. Ich begann, vorsichtig die Villa zu erkunden, es war niemand zu entdecken. In dieser späten Stunde mein Hotel auf der anderen Seite des Nils erreichen zu wollen, schien mir zu riskant und wenig ratsam. Wer weiß, ob es überhaupt noch Fähren gab?

Also verbarrikadierte ich ein Appartement im ersten Stock der Villa und legte mich schlafen. Sobald es hell war, wollte ich den Rückweg antreten. Doch das Gartentor war verschlossen, das Anwesen von einer hohen Mauer umgeben. Ich überlegte, auf einen Baum zu klettern und über die Mauer zu springen. Das hätte die Nachbarn vermutlich irritiert. Schließlich tauchte der alte Engländer auf, der über meine Anwesenheit nicht weiter verwundert schien, und öffnete mir die Pforte.

Zum Glück besiegte meine Neugierde den Schock dieses Erlebnisses. Und so verbrachte ich noch ein paar Tage in Dahab auf dem Sinai. Die Hotelanlage lag außerhalb, war aber kein Ghetto, was zu weiten Spaziergängen verführte. Ich freundete mich mit einer Beduinen-Familie an, die eine Art Unterstand am Strand besaß, wo ihr Kamel des Nachts bleiben konnte. Sie sprachen fast nur Arabisch, luden mich zum Tee und einen Tag später zum Essen. Vater Sahin, der 16-jährige Sohn Ramadan und ich aßen frischen Fisch von einer Blech- Platte. Meine Gastgeber nahmen die Finger, mir gaben sie einen Löffel, und immer wieder suchte Sahin für mich die besten Stücke aus. Seine Frau aber, die jugendliche Tochter und der kleine Sohn saßen etwas entfernt und mussten sich mit einem Topf begnügen. Wenn nicht gerade jemand vorbeikam, zeigten die bis auf die Augen verhüllten Frauen ihre Gesichter – es war nicht zu übersehen, dass sie sich freuten, einen Gast zu haben.

Reichlich widernatürlich

Dieses Jahr flog ich wieder nach Kairo und mitten hinein in den politischen Umbruch. Die Machtsysteme in Ägypten, Tunesien, Libyen, Bahrain oder Jemen schienen für die Ewigkeit gemacht, und nun begann eines nach dem anderen zu bersten. Ich erkundete die Stadt wieder allein und nahm unterwegs zu den Pyramiden erst einmal versehentlich einen Metro-Wagen, in dem Männer nichts zu suchen haben. Ich fragte sofort eine junge Frau ohne Kopftuch, ob ich aussteigen müssen. Sie winkte generös ab: „No problem!“ Doch schon wandte sich ein bis auf den Augenschlitz verschleiertes junges Mädchen in vorzüglichem Englisch an mich mit der Bitte, den Waggon zu wechseln. Auf ihrer Nase saß eine Designerbrille.

In Gizeh angekommen musste ich erst einmal eine Schwadron von Führern abwimmeln. Aber schon an den – neben der Cheops-Pyramide gelegenen – Königinnen-Pyramiden sollte ich meine Ruhe finden. Wunderbar war es im Totentempel an der Mykerinos-Pyramide. Die Art, wie die Steine behauen sind, erinnerte mich an die Inka-Bauten in Peru. Im Tempel neben der Sphinx kam ich mir vor wie in Ollantaytambo. Nur dass die alten Ägypter schon ein paar tausend Jahre früher als die Inkas so monumental zu bauen verstanden.

Was Architekten, Baumeister und Arbeiter vor 4.500 Jahren in diesem Teil Nordafrikas geschaffen haben, zählt zu den herausragenden Leistungen der Menschheit. Aber wozu wurden sie vollbracht? Damit sich ein Pharao unter diesen Massen von Steinen begraben lassen konnte? Das scheint mir reichlich widernatürlich. Vor allem, was hat der für die Ewigkeit Erhaltene davon? Die Gräber wurden in der Regel früher oder später ausgeraubt, von Grabschändern geplündert, die sich von keinem Gott davon abhalten ließen, ihr schändliches Werk zu tun.

Anders als in Gizeh hat Kairo Bauwerke zu bieten, denen zu bescheinigen ist, dass sie die Endlichkeit ihres Daseins ausgeschöpft haben. Am Tahrir-Platz etwa fällt das ausgebrannte Gebäude von Hosni Mubaraks einstigem Staatsklub der Honoratioren ins Auge – der am 28. Januar geschleifte Sitz der Nationaldemokratischen Partei. Links und rechts hängen noch Transparente aus jenen Tagen, als der alte Präsident nicht weichen wollte und der Aufruhr auf des Messers Schneide stand. Die Armee und das Volk sind vereint, ist dort weiterhin zu lesen. Übertriebene Realitätsnähe kann dem nicht mehr bescheinigt werden. Der Militärrat führt ein hartes Regime und ließ bis zu 5.000 Menschen inhaftieren, ist unter Hand zu hören, die gegen das am 12. April erlassene Gesetz Nr. 34 verstoßen haben. Das Dekret droht den Teilnehmern nicht genehmigter Demonstrationen ebenso mit Bestrafung, wie es Streiks kriminalisiert.

So spontan der Aufstand und so spontan schöpferisch die Aufständischen besonders auf dem Tahrir-Platz waren, um so mehr schienen sie davon erschöpft, als es vollbracht war und Mubarak endlich abdanken musste. Eine Machtfrage, die dem System gefährlich werden könnte, wird nicht gestellt und dürfte auch bis zu den Parlamentswahlen im September nicht mehr gestellt werden.

Der größte Erfolg der Erhebung besteht offenbar in einer Erfahrung: Kein Kniefall mehr vor der Obrigkeit. Die weicht zurück, wenn ihr das Volk die Gefolgschaft verweigert. Was wird sein, wenn mit den heutigen Autoritäten aus Enttäuschung nicht anders verfahren wird? Bisher hat sich die wirtschaftliche Lage eher verschlechtert, allein die Ausfälle aus dem Tourismusgeschäft sind erheblich. Es wird dauern, sie auszugleichen. Auf den ersten Blick ist davon im alten islamischen Viertel von Kairo nichts zu spüren, aber die Armut trotz aller Exotik mit Händen zu greifen.

So ist das Schicksal

Wer in diese Welt eintaucht, der sollte die Wasserpfeife im Fishawi auf dem Khan-el-Khalili-Basar rauchen – in einer Teestube, in der sich früher Schriftsteller, Journalisten und Intellektuelle trafen. Ein 14-jähriger Schuhputzer ist jedes Mal erfreut, wenn ich vorbei komme und ihn über den üblichen Tarif hinaus entlohne. Er sprach mich beim ersten Mal auf Spanisch an, wechselte dann ins Französische, Englische und Deutsche, schob eine Pappe unter meine Füße, verschwand mit meinen Schuhen und legte sich energisch mit der Touristenpolizei an, wollte sie ihn an seinem Gewerbe hindern. Noch besser war es, die Wasserpfeife dort zu rauchen, wo nur Einheimische sind, etwa im Viertel zwischen dem Stadttor Bab Zuwela und der Zitadelle, wohin sich kaum Ausländer verirren. Ich konnte hier in aller Ruhe das orientalische Leben auf mich wirken lassen. Kaum ein Haus, das nicht dem Verfall preisgegeben ist, doch sind die Menschen von ungetrübter Vitalität. Besonders die Frauen in ihren farbigen Gewändern und Kopftuchkreationen. Erzähle mir niemand, das habe keine erotische Aura. Erscheinen sie in schwarzer Kleidung, dann wird nicht einfach schwarz gezeigt, sondern schwarz auf schwarz getragen in eleganten Mustern.

Die Straßen zwischen den Basaren sind eng und mit Ständen zugestellt, Lastenträger und Süßwarenverkäufer mit ihren Karren drängen sich hindurch. Fahr- und Motorräder, oft doppelt und dreifach besetzt, schieben sich vorbei. Brotverkäufer balancieren auf einem Arm meterbreite Brotpaletten über die Köpfe hinweg. Alle haben es eilig, doch niemand bedrängt barsch den anderen.

Im islamischen Viertel liegt auch die Wakala el-Ghuri, eine ehemalige Karawanserei, in der oft Sufi-Tänzer auftreten. Zur ungeahnten Fingerfertigkeit ihrer Trommler, zu den schrillen Tönen der Blasinstrumente und zu den Mark und Bein durchdringenden Gesängen drehen sich die Derwische Hunderte oder auch Tausende Male um sich selbst, ihre weiten, bunten Röcke fliegen wie Räder über einem Rausch der Ekstase. Ein Glück, wenn Mensch in solche Grenzbereiche geraten können.

Als ich schließlich von Kairo in der Hoffnung nach Dahab fahre, die Beduinen-Familie vom letzten Besuch wieder zu treffen, finde ich sie tatsächlich am gewohnten Ort. Ich zeige ihnen die Fotos vom vergangenen Jahr. Es wird wieder frischer Fisch serviert, aber dieses Mal essen wir Männer mit den Frauen gemeinsam. Es ist ein Baby dazu gekommen, nur der große Sohn Ramadan fehlt, und sie erzählen mir die schreckliche Geschichte, dass ihm wegen einer Krankheit ein Bein amputiert werden musste. Ich hoffte nur, dass ich etwas falsch verstanden hätte, denn uns blieb ja nur die Kommunikation mit Gesten und den drei Brocken Englisch der Tochter. Am nächsten Tag jedoch bekam ich den traurigen Vorfall von einem anderen Beduinen bestätigt.

„So ist das Schicksal“, sagte er.

Rainer Simon ist Filmregisseur sowie Buchautor und drehte bis 1990 Spielfilme für die DEFA

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09:00 01.06.2011

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