Wohl bekomms

Sachlich richtig Professor Schütz will sich nicht auf den Anbau von Kohl beschränken, Hegels Welt ist zu weit!
Wohl bekomms
Wirklich ist für Hegel, so die Bilanz Jürgen Kaubes, was vorgefunden wird (und nicht, was Philosophen oder unsereins wünschten, dass es sei)

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Zum Lobe Jürgen Kaubes muss nichts mehr gesagt werden, wohl aber zu seiner 591 Seiten umfassenden Hegel-Biografie wesentlich mehr, als hier möglich ist. Mit Hegels Welt macht er seiner viel gerühmten Max-Weber-Biografie von 2014, die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, sozusagen intern Konkurrenz. Versuchen wir’s wenigstens. Für den Soziologen Kaube ist Hegel ein Philosoph, der „ständig überrascht“. Der schon gar nicht in den Begriffen und Sentenzen aufgeht, die ihn destillieren wollen, „Weltgeist“ oder „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“. Woraus man ihn am Strick zum Konservativen, gar Proto-Nazi drehen wollte. Im vierzehnten Kapitel von Hegels Welt nimmt sich Kaube in Hegel’scher Leseweise nämlich alles und jedes prüfend, alle die im doppelten Sinne Zuschreibungen vor, die vereindeutigend verdunkelten. Ein Glanzstück in diesem Buch der vielen glänzenden Kapitel! Wirklich ist für Hegel, so die Bilanz Jürgen Kaubes, was vorgefunden wird (und nicht, was Philosophen oder unsereins wünschten, dass es sei), wirklich ist aber auch, „was gedanklich einleuchtet und dem Stabilität zugetraut wird“, wie Hegel davon ausgeht, „dass schon vor uns gedacht wurde und wir uns die Welt nicht ausdenken, sondern uns bestenfalls in sie hineindenken können“.

Hegels Welt, das ist bei Kaube die aufgewühlte Zeit, in der er aufwuchs, eine Welt, die er prägnant vorstellt, in die er ihn und die Entwicklung seiner Gedanken einbettet, aber diese nicht durch jene ersetzt. Und es ist eben die Welt, in die Hegel sich hineindachte, ihr in allen ihren Ausprägungen und Subsystemen systematisch auf den Grund ging – und damit sich in sie einschrieb. In alledem beweist der Autor, dass es lohnt, sich in den höchst Schwierigen hineinzulesen. Seine Kapitel zur Phänomenologie und zur Logik, dem Schwierigsten des Schwierigen, sind unverzichtbare Verständnis- und Einlesehilfen.

Nun in unsere, von Gott wie Hegel verlassene, Welt; ach was, nur dieses heillose Europa, nach außen als Global Player beschworen, nach innen vom alljährlich ausgegossenen Geld in Kumpaneien und Feindschaften strategisch zur Zersplitterung angestiftet, dessen Alternative freilich noch heilloser wäre. Wie ihm die Gut- und Wohlmeinenden beizuspringen versuchen! Ebenso sympathisch wie hilflos. So Simon Winder, Cheflektor beim Penguin-Verlag, der nach seinen jovialen Bestsellern zu Germanien und Habsburg sich den europäischen Naht- und Zwischenländern widmet, mit britischem Humor und britischer Gelehrtheit.

Herzland, sagt der deutsche Titel, das Original nüchterner Lotharingia, also Lothringen. Nicht jenes, das wir Deutsche immer noch leicht mit Elsass bindestricheln, sondern das, was Lothar einst aus dem Erbe Karls des Großen bekam: der Mittelstreifen zwischen Nordsee und Norditalien, durch die Geschichte und die vielen Könige, deren Namen und Beinamen man nicht behalten kann, nach Süden abgeschnitten, nach Norden zerlegt in Luxemburg, Belgien, Niederlande, Teile von Frankreich und Deutschland.

Simon Winder wandert, besser: wimmelt da herum, geografisch und historisch. Sprunghaft, auf dem Sprung, springlebendig, aber oft wie Jack in the Box. Man kann das mögen, weil es ständig witzige Bemerkungen, verblüffende Einfälle und Begegnungen, kluge Anmerkungen gibt. Unterhaltsam, wenn man unterhalten sein möchte. Man kann sich auch genervt fühlen von der Masche, aber nicht leugnen: Es ist eine, wie im Original untertitelt, Personal History – very special.

Oder eher dieses Europa von Jürgen Wertheimer, Literaturwissenschaftler mit Fähigkeit zum kulturellen Ausgreifen: er führt guteuropäisch zurück zu den „alten Griechen“, zur Stier-Mythe, weiter über Rom, das Mittelalter und so fort bis heute. Europa zwischen Metamorphosen und Brüchen. Ein Flickenteppich, den man ja gerne evoziert, hier aus realen Ereignissen, Erinnerungen, Erzählungen.

Man möchte gerne dieser optimistischen Großerzählung von den vielfältigen, miteinander vernetzten Einzelanekdoten glauben, die da souverän ausgebreitet wird. Aber kann man auch? Es wäre das erste Mal, dass tolerierte Vielfalt nicht in vielfache Zerlegung umschlagen könnte.

Andrzej Stasiuk ist ein sehr viel skeptischerer, tief durch die osteuropäische Herkunft und Erfahrung geprägter, ja, auch Europäer. Seine Erfahrungen eines notorisch Reisenden wie notorisch Heimwärtssuchenden sind viel melancholischer, lastender und erdnäher. Seine Beskiden-Chronik, ein diesmal zunächst eher stationär scheinender Blick aus der Heimatprovinz aufs Land und die Welt, versammelt Zeitungsglossen, kurz und packend. Kaum einer kann so wie er im Geburtsort von Rosa Luxemburg zwei einsame Afroamerikaner und englischsprachige Windradprospektoren zusammenbringen, dabei das Gefühl von Nichtmehr- und Gleichwohlnochheimat vermitteln. Ein Brevier der weltläufigen Bodenständigkeit.

Wenn man es angesichts der Weltläufte macht wie Candide am Ende, sich beschränkt, seinen Kohl anzubauen, dann kann man das tun, ohne sein Zimmer zu verlassen. Minigärtnern in der Wohnung und auf dem Balkon. Warum nicht? Claire Ratinon gibt dazu eine durchaus nutzbare Einführung und Anleitung. Sie legt mit Planung, Werkzeug und Zubehör die Grundlagen, zeigt, wie die Aussaat und Anzucht gelingt, was zur Pflege nötig und nützlich ist und charakterisiert den harten Kern der üblichen Verdächtigen vom Schnittsalat über Kräuter, Bohnen, Radieschen, Kartoffeln bis hin zu Pilzen. Wohl bekomms! Hegel, kann man bei Kaube lesen, hat sich für so ziemlich alles interessiert; sich für so ziemlich alles zu interessieren, macht einen, kann man hier lesen, noch nicht zum Hegel.

Tja, wenn man nichts zu gärtnern hat, geht man sich coronar zu Hause auf den Senkel. Paartherapeuten wittern Morgenluft. Werner Bartens, kluger Medizinkopf der SZ, warnt insonderheit Beziehungsveteraninnen und -en, weder durch äußere Krisen noch innerliche Langzeitzweifel miteinander zu brechen. Gefühlte Langeweile als Beweis existenter Liebe zu nehmen. Selbst von 1966, also offiziell zwei Jahre zu spät zum Babyboomer, grämt ihn deren Narzissmus wie der Unwillen der Stones-Generation, erwachsen zu werden. Das ist aber nur Geplänkel vor den entscheidenden Fragen: Was hindert und was erzeugt und erhält eine lange Liebe? Diagnosen, Strategien und Rezepte lassen sich hier nicht bündeln, aber dort mit Gewinn nachlesen – und sei es nur, um sich selbst besser auszuhalten.

Info

Hegels Welt Jürgen Kaube Rowohlt Verlag 2020, 591 S., 28 €

Herzland. Eine Reise durch Europas historische Mitte zwischen Frankreich und Deutschland Simon Winder Nathalie Lemmens (Übers.), Siedler 2020, 559 S., 28 €

Europa. Eine Geschichte seiner Kulturen Jürgen Wertheimer Penguin 2020, 574 S., 26 €

Beskiden-Chronik Andrzej Stasiuk Renate Schmidgall (Übers.), Suhrkamp Verlag 2020, 303 S., 23 €

How to grow your dinner. Gemüse zuhause anbauen. Claire Ratinon Laurence King 2020, 128 S. m. zahlr. Abb., 15,90 €

Lob der langen Liebe. Wie sie gelingt und warum sie unersetzbar ist Werner Bartens Rowohlt Verlag 2020, 320 S., 20 €

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Erhard Schütz war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Humboldt- Universität zu Berlin. Für den Freitag schreibt er einmal im Monat die Kolumne Sachlich richtig, eine konsequent verknappte, höchst subjektive Auswahl von Sachbüchern, die man unbedingt lesen sollte

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06:00 18.10.2020

Ausgabe 44/2020

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