Wohlfühlen in der Orwellness

Privatsphäre Niemand hat mehr einen Überblick darüber, welche seiner privaten Daten wo gespeichert sind. Und kaum jemanden scheint das zu stören

In den neunziger Jahren - und neuerlich nach dem 11. September 2001 - gab es eine lange, erbitterte Auseinandersetzung darüber, ob Verschlüsselungstechnik für jedermann zugänglich sein solle. An der sogenannten Krypto-Debatte wurde anschaulich, was man "Expertisierung" nennen könnte. Dabei wird ein Thema von allgemeinem Interesse über Monate oder Jahre im wahrsten Sinn des Wortes erschöpfend abgehandelt. Zwei Dinge schaden dem Thema ebenso subtil wie substanziell: die Ermüdung des Interesses, wenn sich auch mittelfristig kein nutzbares Ergebnis abzeichnet, sowie die Zerteilung einer einigermaßen verständlichen Angelegenheit in zahllose kleine, zunehmend unverständliche vulgo in Spezialistensprachen gehaltene Teile.

Heute leidet das Thema Datenschutz unter dem Aufmerksamkeits-Jetlag der Expertisierung. Die Positionspapiere klingen zunehmend juristoid, gremienförmig oder - die wesentlichen Argumente sind längst ausgetauscht - kongresshaft phraseologisch. Bisweilen begegnen wir bereits Formen der Apathie. Als Yahoo vor einiger Zeit den Umgang mit Userdaten in seinen Geschäftsbedingungen änderte, schien sich ein Sturm der Entrüstung anzukündigen, aber nicht einmal eine Brise kam auf. Statt der erwarteten Austrittswelle gab es etwa 40.000 Kündigungen weniger als im Vormonat.

Stürme im Datenmeer sehen inzwischen anders aus. Anfang September letzten Jahres raste Hurricane Frances durch die Karibik auf die Küste Floridas zu. Während die Meteorologen ständig ihre Vorhersagen über seinen Weg aktualisierten, wurde in einem Rechenzentrum in Bentonville im US-Bundesstaat Arkansas ein anderes beeindruckendes Prognosewerkzeug in Betrieb genommen. Tage vor der Ankunft von Frances untersuchten die IT-Spezialisten des weltgrößten Handelskonzerns Wal-Mart, womit Umsatz gemacht worden war, als ein paar Wochen zuvor Hurricane Charly zugeschlagen hatte. Untersuchungsobjekt waren die atemberaubenden Datenmengen über das Konsumverhalten der Kunden, mit denen die Rechner von Wal-Mart vollgestopft sind.

Die Goldsuche in den Datengebirgen ("Data Mining") war erfolgreich. Es stellte sich heraus, dass unerwartete Waren in die Supermärkte an der Küste geliefert werden mussten, nicht bloß die üblichen Taschenlampen. "Wir wussten nicht, dass die Leute vor einem Hurricane siebenmal mehr Erdbeer-Pop-Tarts (ein Blätterteiggebäck) als sonst kaufen", staunte Chief Information Officer Linda Dillman. Der Top-Seller vor dem Unwetter war Bier.

Auch andere Handelsketten sammeln Daten über ihre Produkte und die Kaufgewohnheiten der Kundschaft, aber Wal-Mart übertrifft sie alle. Allein in den USA betreten jede Woche etwa 100 Millionen Käufer einen der 3.600 Supermärkte der Firma. Nach eigenen Angaben hält das Unternehmen 460 Terabyte Daten vor. Zum Vergleich: Das gesamte Internet enthält weniger als die Hälfte dieser Datenmenge.

Die Tickets der Fußball-WM 2006 sind verwanzt. Die winzigen Funketiketten auf den Eintrittskarten, sogenannte RFID-Chips, werden berührungslos ausgelesen. Die Fans im Stadion werden gar nicht mehr merken, wann, wo und von wem sie kontrolliert werden. Begründet wird dieses Daten-Radar mit notorischen Hooligans, die man dadurch aus der Menge fischen könne, sowie der Bekämpfung von Ticket-Schwarzhandel und Terror.

Auch bei der Vorratsdatenspeicherung geht es um die Bekämpfung der Planung terroristischer Aktionen sowie der obligaten weiteren apokalyptischen Reiter des 21. Jahrhunderts. Vorratsdatenspeicherung hört sich beinah gemütlich an, nach guter Ernte und gefüllter Speisekammer, aber als das Thema Ende 2004 erstmals im Brüsseler Ministerrat besprochen wurde, gab Bundesjustizministerin Brigitte Zypries zu bedenken: "Die Aufzeichnung von Telefonverbindungsdaten ist ein Eingriff in Grundrechte." Inzwischen vertritt sie gemeinsam mit Innenminister Otto Schily den Vorschlag, wonach Telefon- und Internetanbieter sämtliche Verbindungsdaten ein Jahr lang für eventuelle Zugriffe von Strafverfolgungsbehörden speichern sollen; derzeit werden sie 90 Tage lang aufbewahrt.

Der Präventivverdacht gegen ein paar Millionen Bürger aktualisiert eine Frage aus der Krypto-Debatte: Werden wir in absehbarer Zeit in einer Gesellschaft leben, in der man nur noch Postkarten schreibt und jeder, der einen verschlossenen Briefumschlag verwendet, sich bereits verdächtig macht? "Das neue Sicherheitsdenken geht von einer absurden Logik aus", bemerkte Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung, "je geringer der Verdacht, umso geringer die Rechte des Bürgers. Das läuft darauf hinaus, dass, wenn es keinen Verdacht gibt, der Bürger sich alles gefallen lassen muss."

Der Überwachungsstaatlichkeit und Totalisierung der Kontrolle begegnen immer mehr Menschen affirmativ. Der Held in Jonathan Franzens Welterfolg Korrekturen sieht sich mit seinem jugendlichen Sohn konfrontiert, welcher sich als Belohnung Überwachungstechnik wünscht - die vom Kinderzimmer aus kontrollierbare Kamera in der Küche bringt den Vater im Lauf der Geschichte noch in ziemliche Schwierigkeiten.

1983 zog der Protest gegen die Volkszählung weite Kreise. Neben den Mainstream-Vorgehensweisen der siebziger Jahre - Boykott und Verweigerung - wurden erstmals Zustimmungswaffen erprobt. Vorbilder waren Leute wie die Kunden einer US-Telefongesellschaft, die gegen eine Gebührenerhöhung protestierten, indem sie massenhaft jeweils einen Cent zu viel für ihre letzte Telefonrechnung bezahlten. Unter der Last der automatisch veranlassten Rückbuchungsverfahren brach das Computersystem der Gesellschaft zusammen. Die Gebührenerhöhung wurde rückgängig gemacht.

Mit fortschreitender Digitalisierung haben viele Begriffe eine Neubestimmung erfahren. Der "Rohling", vor wenigen Jahren noch ein Mensch minderer Sensibilität, ist nun ein unbespielter Datenträger. Aus "Big Brother" ist ebenfalls etwas radikal anderes geworden: das ehemalige Inbild totaler Kontrolle hat sich in ein Orwellness-Institut verwandelt, ein lauwarmes Schweben in inszenierter Privatsphärelosigkeit. Die Idee der Gladiatorenspiele hat einen neuen zivilisatorischen Höchststand erreicht. Statt wilder Tiere sehen die Blicke der Fernzuseher sich in der Arena um. Sterben kann man hier nur noch vor Langeweile.

Auch die strategischen Kämpfe werden mit neuen Waffen geführt. Ausgehend von der Webseite "maschinen essen sich selber auf" kann man den Schöpfungen von Franz Alken beim Surfen über die Schulter schauen: "Bots" - kleine Programme, die automatisch Online-Formulare ausfüllen und neugierige Firmen mit Datenmüll versorgen. Mehr als 2.200 elektronische Charaktere wie Gwendolin Moltke, Anna Lyse oder Rudi Remmler-Neumann mit wechselnden Liebhabereien und Lebensgeschichten sind derzeit aktiv. Alken möchte mit ihrer Hilfe das Datensammeln ad absurdum führen. Wenn immer mehr eingesammelte Daten und Kundenprofile nicht mehr von realen Personen stammen, verlieren die Daten ihren Wert.

Was den Datenschutz angeht, gilt nach wie vor das Nylonstrumpf-Prinzip: Je enger die Maschen gezogen werden, desto mehr Löcher entstehen. Anfang März gab der Informationsdienst LexisNexis bekannt, dass sich unbekannte Eindringlinge Zugang zu persönlichen Dossiers von etwa 32.000 Datenbank-Kunden verschafft hatten.

Einen Monat zuvor hatte die Firma ChoicePoint einen Sicherheits-Supergau bekannt gegeben. Über Tarnfirmen hatten sich Kriminelle Zugriff auf 145.000 Datensätze von Privatpersonen verschafft - Namen, Adressen, Sozialversicherungs- und Führerscheinnummern, Berichte über Kredithistorie, Bonität und Zugang zu Insolvenz-, Forderungs-, und Immobilieninformationen. Firmen wie PeopleWise oder Marktführer ChoicePoint sammeln die persönlichen Daten von Abermillionen Amerikanern und verkauften sie an das FBI, das US-Justizministerium und an große Konzerne.

Am Erfolg der Branche ist kurioser Weise ein Datenschutzgesetz schuld. Der "Privacy Act" von 1974 untersagt Behörden, Daten zu sammeln, die nicht unmittelbar ihre Arbeit betreffen. Den privaten Datensammlern ist keine solche Beschränkung auferlegt.

Das Netz vergisst nicht. Archive wie Waybackmachine.org reichen zurück bis in die Morgenröte des Internet - und mit ihnen unbedachte Äußerungen, Intimes, Jugendsünden. Heute lautet die zentrale Frage nicht mehr: Wie schütze ich meine Daten?, sondern: Wie schütze ich mich vor Informationen?

Suchmaschinen wie Google habe die Art verändert, wie wir miteinander umgehen. Leute zu googeln, gehört zur modernen Lebensart. Der Betriebswirt Waqaas Fahmawi, ein in den USA lebender Palästinenser, erzählte in der New York Times, dass er während seiner Zeit auf dem College freizügig Petitionen unterschrieben habe. Seit Fahmawi entdeckt hat, dass etliche der Unterschriften aus seiner Collegezeit im Internet archiviert sind, ist er wesentlich restriktiver mit der Vergabe seiner Unterschrift geworden. Er befürchtet, dass ihm zukünftige Arbeitgeber seine Ansichten übel nehmen könnten und fühlt sich dadurch zugleich in seiner politischen Äußerungsfreiheit eingeschränkt: "Wir leben in einem System verschärfter Kontrolle."

Auch der ehemalige deutsche EU-Parlamentarier Benny Härlin, heute ein international renommierter Gentechnik-Kritiker, wird die digitalen Schatten nicht los. In den achtziger Jahren firmierte er als einer der summarischen Mitherausgeber eines radikalen Magazins. Das juristische und politische Nachspiel der damaligen Auseinandersetzungen ist längst abgeschlossen, aber das Netz hält die alte Geschichte nach wie vor bereit. "Meine Kontrahenten sind dank Google immer über mein Vorleben im Bild", sagt Härlin und lacht. "Aber ich bin durch die Suchmaschine auch bestens über ihren Hintergrund informiert."

Inzwischen wird das "Datenröntgen" bereits zur Verfeinerung von Dienstleistungen eingesetzt. Im Bel Air-Hotel in Los Angeles werden Gäste, die das erste Mal anreisen, vor ihrer Ankunft gegoogelt. Stellt sich heraus, dass ein Gast laut einer Information im Netz gern morgens joggt, bekommt er ein Zimmer, das in den Morgenstunden Sonne hat.

Unsere Kultur wurzelt in dem hohen Wert, den das Individuum genießt. Privatsphäre ist der Humus, in dem er gedeiht. Aber längstist vormals Privates öffentlich geworden. Widerstand dagegen formiert sich heute ähnlich, wie moderne Kriege: Nicht mehr die große Heere führen Entscheidungen herbei, sondern kleine Einheiten, Spezialisten. Es sind die Experten, die uns aus der zärtlichen Umarmung des Großen Bruders lösen und den, der´s möchte, in den kühlen, belebenden Wind der Selbstverantwortung führen.

Peter Glaser, 1957 in Graz geboren lebt als Schreibprogramm und Computerspezialist in Berlin. 2002 erhielt er den Klagenfurter Bachmann-Preis. 2003 erschien von ihm der Erzählungsband-Band Geschichte von nichts.


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00:00 01.04.2005

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