Wohlstand & Umweltschutz: Für die 99 Prozent

Literatur Heiner Flassbecks wirtschaftspolitische Analyse des Klimawandels lässt verzweifeln, macht aber auch Mut
Wohlstand & Umweltschutz: Für die 99 Prozent
Länder, die wirtschaftlich auf die Förderung von Erdöl angewiesen sind, brauchen Alternativen

Foto: epd/Imago Images

Eigentlich müsste man am Ende dieses Buches verzweifeln. Nicht etwa, weil die Untergangsprophezeiung der Klimakrise, die eine Naturkrise ist, hier besonders stark ausgeführt wird, die typischen Drohszenarien fehlen gänzlich. Sondern weil Heiner Flassbeck auf sehr sachliche Weise ausführt, welche wirtschaftspolitische Herausforderung die Klimakrise darstellt.

Dass die Verzweiflung nicht eintritt, ist der stringenten Argumentationsführung in Der begrenzte Planet und die unbegrenzte Wirtschaft (Westend 2020) zu verdanken. Anders als die Flickenteppiche von kleinen Eingriffen, die die Bundesregierung 2019 als Klimapaket verabschiedet hat, konzentriert Flassbeck sich auf die eine grundlegende Aufgabe: die Verringerung der Menge an Erdöl, die am Markt gehandelt wird. Von dieser Problematik ausgehend gelingt es ihm gekonnt, zu zeigen, welche wirtschaftlichen Mechanismen auf einem globalen Markt verhindern, dass die bisher getroffenen nationalen Maßnahmen tatsächlich Wirkung entfalten.

Notwendig wäre eine globale Absprache, die durch Eingriffe in den Markt den Ölpreis über die Zeit verteuert. Zum einen wendet Flassbeck sich damit entschieden gegen neoliberale Theoreme, wonach der Markt selbstständig Lösungen für die Klimakrise finden würde. Zum anderen spricht er sich aber auch gegen das von der Klimabewegung oft propagierte Null-Wachstum aus. Die Flexibilität des Marktes, so der Ökonom Flassbeck, müsse man sich zunutze machen, ihm aber gleichzeitig wirtschaftspolitische Korrektive, wie Eingriffe in den Ölpreis, auferlegen. So ließen sich Wohlstand und Umweltschutz effektiv vereinigen.

Wirklich stark ist das Buch in seiner Verhandlung von globalen Verteilungsfragen und sozialem Ausgleich. Erfrischend und in der Klimadebatte ungewöhnlich ist, dass Flassbeck keine Schuld zuweist. Nicht den Verbrauchern, nicht den Erzeugern und schon gar nicht den Ländern, die mit billiger Energie versuchen, sich dem Wohlstandsniveau des globalen Nordens anzupassen. Damit der notwendige Strukturwandel nämlich langfristig akzeptiert wird, seien demokratische Mehrheiten notwendig. Für diese muss zugesichert werden, dass Haushalte mit geringen Einkommen nicht verstärkt belastet werden. Auf der globalen Ebene bedeutet das für Flassbeck, dass den Ländern, die wirtschaftlich auf die Förderung von Erdöl angewiesen sind, Alternativen angeboten und gleichzeitig Entwicklungsländer spürbar entlastet werden müssen. Soziale Umverteilungen sind also nötig, sowohl national als auch global.

So sehr Flassbeck sich mit Schuldzuweisungen zurückhält, so sehr teilt er Kritik in alle Richtungen aus. Es trifft Parteien und Politiker, die sich plötzlich die soziale Frage aneignen, nur um eben nicht handeln zu müssen, Ökonomen, von denen die meisten, ihn selbst natürlich ausgenommen, trotz Studium nicht verstanden hätten, wie die Wirtschaft wirklich funktioniere. Der Klimabewegung wirft Flassbeck hingegen vor, sich hinter naturwissenschaftlichen Fakten geradezu zu verstecken, anstatt die nächste Aufgabe, die Transformation und Dekarbonisierung der Wirtschaft, voranzutreiben und sich der Aushandlung darüber in einem demokratischen Prozess zu stellen.

Flassbecks Betonung der globalen Zusammenhänge und Abhängigkeiten zeigt klar, wo die Hürden für eine erfolgreiche Umstrukturierung der Wirtschaft bestehen. Dabei geht es ihm vor allem um eins: Der Strukturwandel soll allen zugutekommen und nicht auf Kosten der globalen Mehrheit gehen.

Info

Der begrenzte Planet und die unbegrenzte Wirtschaft Heiner Flassbeck Westend Verlag 2020, 176 S., 18 €

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