Wohnen ohne Kompromisse

Privatsache Bewohner von Townhouses geben viel Geld aus, dass Krach, Schmutz und Armut hinter dem Zaun bleiben. In Deutschland sucht eine urbane Mittelschicht das Dorf in der Stadt - und findet das Leben in der Eintönigkeit

In der Mittagssonne zeichnen sich die Fassaden der Häuschen blendend weiß vor dem blauen Himmel ab. Ein hoher Zaun umgibt die neue Wohnanlage, hinter dem automatisch schließbaren Tor sieht man eine Pförtnerloge. Zaun, Tor, Pförtnerloge sind klassische Insignien einer "Gated Community", einer geschlossenen Wohnanlage, wie man sie aus amerikanischen Städten kennt. Doch das Tor ist offen, die Pförtnerloge leer. Hinter dem Zaun erstrecken sich links und rechts der Auffahrt sechzig weiße Reihenhäuser, Drei- und Viergeschosser, Wand an Wand. Vor den Aufgängen gepflegte Vorgärten, blanke VW-Golfs, Porsches und Mercedes-Limousinen, junge Bäumchen, Terrassen mit Sitzmöbeln und Pflanzkübeln. Die Auffahrt ist eine Privatstraße, auf halber Höhe öffnet sich eine kleine Freifläche mit frischem Rasen und Ziersträuchern. Niemand ist zu sehen. Drei Bänke, ein Sandkasten, eine vergessene kleine rosa Plastikgießkanne. Die Stille fällt auf, die ungewöhnlich ist - mitten in der Stadt. Und die Sauberkeit: Kein einziges Graffiti, keine weggeworfene Kippe, nicht mal ein Papierkorb. Nichts hier erinnert an die Berliner Innenstadt da draußen vor dem Zaun, mit dem Plattenbau-Hochhaus um die Ecke, den alten Mietshäusern und den lauten, dreckigen, belebten Straßen. Es ist, als hätte man plötzlich Berlin verlassen und wäre unversehens in einer jener makellosen amerikanischen Vorstadtsiedlungen gelandet, wie man sie aus Filmen kennt.

Es sieht aus wie in der Truman Show.

Dann taucht doch jemand auf: Ein Mann trägt gerade eine Kiste aus einem Haus. Aber er wohne nicht hier, sagt er: "Ich bin hier nur der Housekeeper."

"Paradiesisch wohnen, mitten in Berlin", so warben die Projektentwickler für die neue Siedlung, die erst seit einigen Monaten bewohnt ist. Die "Prenzlauer Gärten" seien "Berlins erstes Townhouse-Quartier nach englischem Vorbild".

Townhouses stehen hoch im Kurs in deutschen Großstädten und besonders in Berlin, sie schießen wie Pilze aus dem Boden, vor allem in den begehrten City-Lagen wie Mitte und Prenzlauer Berg. Die neuen Kleinsiedlungen heißen "Kastaniengärten", "Marthashof" oder "Puccini-Hofgärten", das Prinzip ist meist dasselbe: Ein Investor erwirbt ein größeres Grundstück, errichtet eine Reihenhaussiedlung und verkauft die einzelnen Wohneinheiten. Auch die Verkaufsslogans ähneln sich: "Urbane Privatsache" oder "urban village".

Die Investoren werben mit der ruhigen und dennoch zentralen Lage, mit Privatgärten und Exklusivität, mit Serviceangeboten wie "Housekeepern", die sich um Haus und Garten kümmern, und immer öfter auch mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen wie Videoscans oder Pförtnern, die hier "Doorman" heißen.

Die Nachfrage ist groß, das mediale Interesse auch. Townhouses sind ein neues Phänomen in der traditionellen Mieterstadt Berlin. Aber warum? Wer sucht das Dorf in der Großstadt?

Warum sie hier ein Häuschen gekauft hat, will die Frau mit dem kleinen Kind auf dem Arm nicht erzählen. Die Enddreißigerin steht vor ihrem Hauseingang in den Prenzlauer Gärten, sie wirkt entnervt. "Es waren schon so viele Journalisten da, und nachher kommt immer dasselbe dabei raus: Die sind so elitär und schotten sich ab ..."

Viele ihrer Nachbarn teilen diesen Ärger. Sie sind hierher gezogen, weil sie ein Gärtchen und Ruhe wollten, sie haben viel Geld für ihre urbane Privatsache gezahlt, und nun das: Die Privatsache ist zum öffentlichen Thema geworden. Der Zaun, das Tor, die Pförtnerloge. Sie fühlten sich immer auf der richtigen, der guten Seite, sie leben bewusst, kaufen ökologisch, würden wegen der Zersiedlung nicht in den Speckgürtel ziehen. Jetzt fühlen sie sich missverstanden, und der Ärger schweißt die Gemeinschaft noch mehr zusammen gegen die Missgunst da draußen vor dem Tor.

Auch eine Hochgewachsene, Schlanke mit langem blondem Haar reagiert misstrauisch, abweisend. "Es ist doch immer derselbe Tenor: elitär, Gated Community. Dabei gibt es hier noch gar keinen Doorman, und wir wissen nicht, ob und wann er kommt." Es ist inzwischen Nachmittag, die ersten Mütter haben ihre Kinder aus dem Kindergarten abgeholt. Die blonde Frau sitzt mit einer Nachbarin am Rand des Sandkastens, wo die Töchter der beiden buddeln. Mit ihren Flipflops schiebt sie unschlüssig den Sand hin und her, dann erzählt sie doch. Dass sie aus Hamburg kommt, erst vor drei Jahren nach Berlin gezogen ist und zunächst in einem Altbau in Kreuzberg wohnte. Warum sie hier ein Haus gekauft hat, sei doch klar: "Da hat man was Eigenes und zahlt keine Miete. Die Urbanität, mitten im Prenzlauer Berg. Und gleichzeitig das Grün, die Ruhe und Sauberkeit. Die Sicherheit für die Kinder." Sie lacht dann doch ein bisschen: "Klar, das ist schon wie ein Dorf hier. Wenn man abends auf der Dachterrasse sitzt, alles ist totenstill und nur die Kirchenglocken läuten nebenan, dann fühlt man sich gar nicht wie in der Stadt." Wer hier sonst eingezogen ist? Leute wie sie: Paare mit kleinen Kindern, meist beide berufstätig, Juristen, Designer, Medienleute. "Die wenigsten kommen aus Berlin", sagt die Mutter. Die meisten seien aus den alten Bundesländern zugezogen.

Ähnlich benennen die Vermarkter der künftigen Townhouses in "Marthashof" ihre Klientel: "Eigennutzer der gehobenen Mittelklasse, junge Familien und Singles, die trendy leben wollen". Die Beschreibung deckt sich mit der stadtsoziologischen Definition des "Young Urban Professional" einer städtischen oberen Mittelschicht.

Im "Marthashof", an der Grenze zwischen den Stadtteilen Mitte und Prenzlauer Berg, entstehen auf 12.000 Quadratmetern 133 Wohneinheiten: Penthouses, Townhouses, Gartenhäuser. Der Bau beginnt gerade erst, doch trotz der Ferienzeit sei der Verkauf seit dem Sommer gut angelaufen. Die Investoren, der bayerische Immobilienentwickler Ludwig Maximilian Stoffel und seine Frau, die italienische Modedesignerin Giovanna Stefanel, werben mit dem "Dorf in der Stadt", der Verbindung aus "deutscher Qualität und italienischem Lifestyle".

Allerdings muss man sich den erstmal leisten können. In Marthashof ist die Teilhabe am "urban village" für Preise ab 2.900 Euro/Quadratmeter aufwärts zu haben. Dafür bekommt man ein exklusives Domizil, entworfen von dem Berliner Architektenpaar Grüntuch/Ernst. Entscheidend sei für seine Interessenten die Verbindung aus "einem Eigenheim mit größtmöglicher Privatsphäre" und dem, was der Makler das "unmittelbare urbane Leben im Kiez" nennt. Ein All-inclusive-Paket: Wohnen "im Grünen" mit Bulthaup-Küche, Tiefgarage und Terrasse, dörflicher Ruhe und den Annehmlichkeiten der Großstadt -, dazu Sauberkeit und Sicherheit. Auch Marthashof soll eine halböffentliche, nachts geschlossene Anlage werden, außerdem wird es Bewegungsmelder in den Privatgärten, ein "Lichtkonzept" im Gartenhof und Video-Gegensprechanlagen geben. Der Sicherheitsaspekt, sagt die Firmensprecherin Anna-Maria Gerhart, sei für die Nutzer sehr wichtig.

"Lebensqualität ohne Kompromisse" verspricht ein Slogan der Marthashof-Investoren. Was klingen soll wie "Freiheit ohne Grenzen" oder "Genuss ohne Ende" oder auch "Nicht ohne meine Bulthaup-Küche", bekommt plötzlich eine neue Bedeutung - die vom Werbetexter kaum beabsichtigt sein dürfte: Leben ohne Kompromisse heißt auch, die Konflikte und Kontraste der Großstadt vor dem Zaun lassen zu können, sich darauf nicht einlassen zu müssen. Je mehr die Stadt sozial auseinanderrutscht, desto stärker wird auch das Gefühl der Bedrohung, die Angst vor dem Absturz und das Bedürfnis der städtischen Mittelschicht nach Abgrenzung. Armut, Verwahrlosung, Krach, Schmutz bleiben draußen, außerhalb des Zauns und des Blickfelds.

Am späten Nachmittag zieht in den Prenzlauer Gärten Leben ein. Die Sonne wärmt immer noch, auf der Freifläche zwischen den Häusern sprudeln jetzt vier Fontänen, Kleinkinder springen dazwischen herum, Mütter stehen beisammen und unterhalten sich. Eine harmonische Szene. Man braucht eine Weile, um zu begreifen, was daran irritiert: Es ist das monochrome Bild. Die Kinder sind noch klein, die Frauen sind sämtlich zwischen 30 und 40 und ähneln sich auf merkwürdige Weise. Sie wirken selbstbewusst, tragen lässigen Freizeitschick oder dezent-seriöse Kleidung, der man die Qualität ansieht und die sorgfältige Auswahl. Gepflegte Frisuren lassen die Arbeit des Friseurs mehr ahnen als sehen.

Alte sieht man hier nicht, ebenso wenig sehr Junge oder Migranten. Eine dunkelhaarige Frau mit südamerikanischem Akzent sitzt mit zwei Kleinen im Sandkasten, aber sie wohnt hier nicht, sie ist die Kinderfrau. Man wird hier auch kaum Alleinerziehende treffen, ebensowenig wie türkische Familien oder Arbeitslose.

Man bleibt unter seinesgleichen. Das regelt allein schon der Preis.

Darin inbegriffen ist freilich auch die permanente, unmittelbare Nähe der Nachbarn. Die Häuser schmiegen sich eng aneinander. Die Nachbarn leben Tür an Tür, Terrasse an Terrasse, und wenn sie vor die Tür gehen, treffen sie auf der Freifläche der Anlage doch wieder nur die Nachbarn. Man kennt sich. Für Fremde gibt es keinen Grund hierher zu kommen, und wer als Fremder doch die Anlage betritt, spürt misstrauische, fragende Blicke. Was könnte ein Fremder hier wollen? Urban village: Das Dorf in der Stadt. Die "Marthashof"-Sprecherin umschreibt das so: "Unsere Sicherheitsmaßnahmen schützen die Privatsphäre, dennoch sind wir darauf bedacht, einen öffentlichen Raum zu erhalten, in dem gemeinschaftlich auf den anderen geachtet wird." - Wo die Dorfgemeinschaft selbst die größtmögliche soziale Kontrolle ausübt, ist der Doorman im Grunde überflüssig.

Es ist Abend, der Himmel ist immer noch makellos blau und die Fassaden leuchten makellos weiß in der Abendsonne. Die Mütter stehen vor ihren Hauseingängen und plaudern, die Kinder spielen neben ihnen und dunkel glänzende Autos rollen die Privatallee hinauf, in die Tiefgaragen der Häuser hinein. Männer steigen aus den Autos und begrüßen ihre Frauen und Kinder. Sie sind fast alle um die 40 und tragen meist dunkle Anzüge. Die Fontänen sprudeln vor weißen Häusern.

Es ist ein ungemein amerikanisches Bild. Nur, dass Amerikaner, bei denen Berlin zurzeit ungemein beliebt ist, niemals in die Prenzlauer Gärten kommen würden. Sie lieben die Stadt dafür, dass sie draußen, weitab des Zauns exotisch, rau und aufregend ist.

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