Wohnwagen, Inzucht

USA In Cleveland, Ohio, schreibt ein Onlinemagazin gegen die Klischeebilder vom hinterwäldlerischen Rust Belt an

Will man amerikanische Reportagen über den Mittleren Westen lesen, muss man über einen besonderen, wenn auch begrenzten Wortschatz verfügen. Die Städte und Dörfer sind „hardscrabble“ oder „run-down,“ die Menschen sind „down on their luck,“ „haggard,“ „weary“ oder einfach nur „tired“. Die genauen Definitionen dieser Wörter sind unwichtig. Im Endeffekt wollen sie alle nur sagen, dass es den Menschen im sogenannten Rust Belt, dem einstigen industriellen Herzen Amerikas, beschissen geht. Selbst in Deutschland sind einige Bilder zu Klischees geronnen – die Ruinen Detroits, die mit Blei vergifteten Kinder von Flint; die sogenannte White Working Class, die Trump gewählt hat. Anne Trubek, Gründerin des in Cleveland, Ohio, ansässigen Onlinemagazins Belt sowie des Verlags Belt Publishing nennt die Autoren der Reportagen, die solche Klischees geprägt haben, Fallschirm-Journalisten: Sie kommen mit dem Flieger aus New York oder Washington, bleiben ein paar Tage und veröffentlichen fast immer eine Geschichte, die den Einwohnern der Region einseitig, undifferenziert, und unzutreffend vorkommt.

Schandfleck – und weg

Dem will Belt etwas entgegensetzen, Autoren müssen aus der Region kommen oder dort leben; die Redakteure, Grafiker und Lektoren sind ebenfalls im Mittleren Westen ansässig. Das Beharren auf dem Regionalen zahlt sich aus. Bereits 2014, ein Jahr nur nach Gründung des Verlags und des Onlinemagazins, vermeldete Anne Trubek, Belt habe die Rentabilitätsschwelle erreicht, und das, obwohl das Magazin sich allein durch Spenden finanziert. Trubek, die zuvor viele Jahre als Autorin und Lektorin, unter anderem am Oberlin College in Ohio, tätig war, ist über die Idee geradezu gestolpert. Am Telefon erzählt sie, wie das Ganze mit einer privat veröffentlichten Aufsatzsammlung über ihre Heimat Cleveland anfing. Der Band wurde von den Einwohnern der Stadt und der Region mit einem solchen Enthusiasmus aufgenommen – und verkaufte sich entsprechend gut –, dass Trubek sogleich Magazin und Verlag gründete. Finanziell gesehen, fußt dieser auf ähnlichen Bänden, unter anderem über Grand Rapids, Youngstown, Detroit und Buffalo. Durch den soliden Verkauf dieser Bände sowie die Spenden einer leidenschaftlichen Leserschaft lassen sich gründliche investigative Reportagen, Memoiren, politische Kommentare und die Neuauflagen vergessener regionaler Klassiker von Autorinnen wie Harold Frederic, Hamlin Garland und Ida Tarbell finanzieren.

Nicht, dass Belt die grundlegenden Schwierigkeiten der Region schönreden will. „The Rust Belt is screwed no matter what“, sagte Trubek einmal. Belt-Reportagen sind oft düster, und doch scheint ein gewisser Optimismus durch, den viele Amerikaner mit dem Mittleren Westen in Verbindung bringen. So berichtete Jiquanda Johnson kürzlich, wie sich Einwohner von Flint eigenständig darum bemühen, sauberes Wasser in Flaschen an Bedürftige zu verteilen; Mason Adams schrieb über eine Mutter und ihre Tochter, die 34 Tage in einem Baum verbrachten, um gegen den Neubau einer Pipeline in Virginia zu protestieren, und Joey Horan informierte die Leserschaft über eine Gesetzesänderung in Ohio, die endlich dazu führen soll, dass ehemalige Häftlinge, die für unschuldig erklärt wurden, Anspruch auf Schadenersatz haben. Das sind die guten Nachrichten. Zum Glück gibt es sie.

Ohne die Hoffnung in das Engagement Einzelner, ist aus einigen Geschichten herauszulesen, wäre die Zeitschrift so deprimierend, dass man sie kaum lesen könnte – ein Artikel von Lawrence Tabak erzählt etwa davon, wie korrupte Politiker in Racine, Wisconsin, bewohnte und gepflegte Häuser als „Schandflecke“ deklariert haben, damit sie für eine Fabrik des Elektronikherstellers Foxconn aus dem Weg geräumt werden können. Und wem das noch nicht finster genug ist, der kann in Trevor Bachs Reportage lesen, dass Nestlé die Erlaubnis erhalten hat, 1.500 Liter Wasser pro Minute aus der ländlichen Region Osceola County im Bundesstaat Michigan herauszupumpen, während die Menschen in Flint noch immer Blei im Wasser haben.

Eigentlich ist Belt fast immer zu spät dran mit solchen Reportagen. Und eigentlich ist das Publikum, bei allem Erfolg, zu klein, um solcher Korruption wirklich entgegenzuwirken. Seit 1996 haben die Bundesstaaten Michigan, Ohio, Indiana, Illinois und Wisconsin mehr als 3.000 Journalisten verloren – ungefähr ein Drittel derer, die es vor 30 Jahren im Herzen des Rust Belt noch gab. Lokale Zeitungen machen dicht; regionale Radio- und Fernsehsender wurden im Lauf der vergangenen Jahrzehnte von Großkonzernen aufgekauft und bieten zunehmend nur noch ein Standardprogramm aus Musik und Nachrichten an. In diesem Kontext kann Belt kaum mehr leisten als eine Palliativtherapie.

Was die Bücher betrifft, sagt Anne Trubek, so sei es ein Leichtes, Stoff zu finden, den die New Yorker Verlage nicht auf dem Radar haben. Diese seien auf der Suche nach dem nächsten Bestseller. Selbst ein Buch, von dem man einen mäßigen, aber soliden Verkauf erwarten könne, sei uninteressant, wenn man die Miete in Manhattan bezahlen müsse: „Es gibt so viele Geschichten, die nicht erzählt werden.“

Als Beispiel nennt sie What You Are Getting Wrong About Appalachia von Elizabeth Catte, das im Februar bei Belt Publishing erschien. Es fiel mitten hinein in eine nationale Debatte über diese Region, die oft mit der Armut weißer US-Amerikaner gleichgesetzt wird, obwohl hier mehr als 25 Millionen Menschen auf rund 1,9 Millionen Quadratkilometern leben – einer Fläche, die so groß ist wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien zusammen. Doch für die Vielfalt entlang dieser Bergkette interessieren sich die New Yorker Medien nicht – was sich verkauft, ist eben nicht die differenzierte Auseinandersetzung mit kleinen Communities, sondern die vereinfachte Darstellung eines arbeitslosen und drogenabhängigen „White Trash,“ wie er in Hillbilly Elegy (2016) von J.D. Vance beschrieben wird.

In einem Gastbeitrag für die britische Zeitung The Guardian schrieb Elizabeth Catte über eine Bildersuche nach dem Schlagwort „Appalachia“. Ihre Suchmaschine schlug ihr als Ergänzung die Begriffe „hillbilly“ (dt. Hinterwälder), „Wohnwagen“ und „Inzucht“ vor. Darüber hinaus fiel ihr auf, dass die Suche dreimal so viele Bilder von Weißen im Sarg ergab wie von Nichtweißen insgesamt.

Dabei unterscheiden sich die Appalachen gar nicht so sehr vom Rest der Vereinigten Staaten. Die US-Medien nennen die Region „Trump Country“ und verschweigen dabei, dass der Anteil der Trump-Wähler auf Long Island im Bundesstaat New York ähnlich hoch war. Das Klischee der gewalttätigen Barbaren hat eine lange Tradition, um die Notwendigkeit eines kapitalistischen Zivilisierungsprozesses zu behaupten. Heute, so Catte, diene die Fixierung auf eine weiße Unterschicht, die einstimmig Trump unterstützt habe, einem ähnlichen Zweck. Die Bewohner der kulturellen Zentren an den Küsten sprächen sich so von jeder Verantwortung für die radikale Wende in der amerikanischen Politik frei. Es stimmt zwar, dass man in den Appalachen viele Rassisten und Rechtsnationalisten trifft. Aber es gibt sie auch an den Küsten. Hier wie dort ist die ungebremste kapitalistische Ausbeutung das eigentliche Problem.

Mehr als nur hart

Einst waren die Kulturgüter des Rust Belt der Stolz Amerikas – wir kennen alle die Platten von Motown Records aus Detroit und Chess Records aus Chicago. Wie auch das früher in Memphis ansässige Label Stax gehören sie mittlerweile zu Großkonzernen in New York und Los Angeles. Auch die Literatur war einst hier zu Hause – Saul Bellow, Ernest Hemingway, Toni Morrison, Malcom X, Bob Dylan, John Berryman und viele mehr kamen aus der Gegend; inzwischen scheint die amerikanische Literatur nur noch in New York und an den Hochschulen beheimatet zu sein.

Dass es im Rust Belt kaum noch publizistische Möglichkeiten gibt und sich die bedeutenden Verlage in New York ballen, daran vermag auch Belt kaum etwas zu ändern. Ebenso wenig wird das Magazin die verlorenen Arbeitsplätze wiederbringen. Das Leben ist hart in Youngstown, in Flint, und Detroit. Aber das Leben ist mehr als nur hart. Anders als die Fallschirm-Journalisten zeigt Belt uns auch die Solidarität in diesen Communities und das unermüdliche Bemühen, den Rostgürtel wieder zum Glänzen zu bringen.

Peter Kuras ist in Michigan aufgewachsen. Er lebt als Autor und Übersetzer in Berlin

06:00 14.08.2018

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