Wolkige Rauchzeichen

Saubere Kohle Die Energieindustrie wirbt für "CO2-freie" Kohlekraftwerke. Doch die Wissenschaft ist skeptisch

Der schlimmste Klimakiller hat eine einfache Formel, die sich längst herumgesprochen hat: CO2. Kohlekraftwerke erzeugen besonders viel davon, deshalb sind sie mit zunehmender klimapolitischer Diskussion in Verruf gekommen. Verglichen mit anderen Energiekraftwerken, sondern sie die größten Mengen klimaschädlichen Rauchgases ab. Weil aber die heimische Kohle noch reichlich vorhanden und relativ billig ist und man unter anderem aus Gründen der Energieunabhängigkeit an diesem fossilen Energieträger festhalten möchte, werden weiterhin Kohlekraftwerke gebaut. Doch weil das Klimaproblem drängt, werden massive Anstrengungen unternommen, eine Technik zu entwickeln und zu erproben, die das CO2 abscheidet, unterirdisch verpresst und speichert, ein Verfahren das unter dem Kürzel CCS firmiert (Carbon Capture and Storage, Kohlendioxid-Abscheidung und Lagerung). Wäre ein solches Verfahren technisch möglich, geologisch realisierbar und von den Kosten her wirtschaftlich, würde es - so die Hoffnung - im Handumdrehen aus den "Dreckschleudern" Kohlekraftwerke die reinsten Saubermänner machen können. Auch politisch hängt viel von den Möglichkeiten der CCS-Technik ab. Einen Vertrauensvorschub hat das Verfahren durch das EU-Klimapaket bekommen, das Mitte Dezember vom EU-Parlament geschnürt wurde. Denn es sieht den Bau "CO2-freier" Kohlekraftwerke vor. Ein ambitioniertes Unterfangen, angesichts der technischen Unsicherheiten des dazu notwendigen CCS-Verfahrens.

Mehrere Forschungsprojekte beschäftigen sich derzeit in Deutschland mit einzelnen Aspekten der CCS-Technik, einerseits der Abtrennung, andererseits der Speicherung von CO2. Und die Energiewirtschaft entwickelt selbstverständlich mit. So hat der Konzern Vattenfall Anfang September im Industriepark "Schwarze Pumpe" in der Lausitz eine Pilotanlage in Betrieb genommen: die laut Vattenfall weltweit erste Anlage mit einer funktionierenden CO2-Abscheidung. In der Versuchsanlage wird die sogenannte Oxyfuel-Methode erprobt, eine von mehreren Varianten, das CO2 lagerfähig zu machen, indem es "verflüssigt" wird. Vattenfall kündigt großspurig an, dass im Jahr 2020 das erste "CO2-freie" Kraftwerk ans Netz gehen soll. Der schwedische Konzern will nun in Jänschwalde in Brandenburg auch den Braunkohletagebau weiter ausbauen.

Von wissenschaftlicher Seite besteht kaum Zweifel an der technischen Machbarkeit der CO2-Abscheidung und Speicherung. Was die Lagerung angeht, so weiß man, dass es prinzipiell möglich ist, CO2 ähnlich wie Erdgasvorkommen im porösen Gestein zu speichern. Im brandenburgischen Kerzin wird getestet, wie die Sicherheit der unterirdischen Lagerung gewährleistet und überwacht werden kann. Hilke Würdemann vom Geoforschungszentrum Potsdam beschreibt diesen Vorgang: "Das CO2 wird in Sandstein injiziert, was man sich vorstellen kann wie bei einem Schwamm: Im porösen Material lagert sich das CO2 an und breitet sich im Gesteinsuntergrund aus. Darüber existieren verschiedene Schichten Deckgebirge, die eine natürliche Barriere bilden und das CO2 daran hindern hochzukommen." Was die Sicherheit angeht, hält Frau Würdemann besonders ein "intensives Monitoring im Bereich der Injektionsbohrung" für notwendig. Eine Leckage könne man mit Hilfe geotechnischer Maßnahmen verschließen.

Probleme bereiten eher die notwendigen Lagerkapazitäten. Abgesehen davon, dass die Energiekonzerne auch über den Transport von CO2 zu einem Endlager im Gestein nachdenken müssen - per LKW oder Pipeline -, da Endlagerstätten nicht immer in Kraftwerksnähe möglich sein werden, wären für die Einlagerung riesige Hohlräume erforderlich, von denen heute noch niemand weiß, ob sie in Deutschland vorhanden sind.

Der Experte für Kraftwerkstechnik Paul-Gerhard Schuch von der Fachhochschule Bingen sieht aber das größte Problem an anderer Stelle. Für die Abscheidung des CO2 aus dem Rauchgas muss viel Energie aufgewendet werden. "Der Wirkungsgrad eines Kohlekraftwerks mit knapp unter 50 Prozent reduziert sich mit dem CCS-Verfahren auf unter 40 Prozent," so Schuch. Gas- und Dampfkraftwerke beispielsweise erreichen bei Stromerzeugung einen Wirkungsgrad knapp unter 60, bei zusätzlicher Wärmenutzung sogar fast 90 Prozent. Die "sauberen Kohlekraftwerke" wären nur wirtschaftlich, wenn Kohle gegenüber anderen Energieträgern deutlich billiger wäre.

Noch kritischer äußert sich Professor Rolf Kreibich, Mitglied im Nachhaltigkeitsbeirat des Landes Brandenburg: "Mindestens ein Drittel der Primärenergie (Kohle) wird zusätzlich gebraucht, um das CO2 abzuscheiden, zu verflüssigen, zu transportieren und zu verbringen. So wird in der Wissenschaft zum heutigen Zeitpunkt noch kontrovers diskutiert, ob und zu welchem Zeitpunkt CCS überhaupt zu tragbaren Kosten großflächig zum Einsatz kommen könnte, jedoch keinesfalls vor dem Jahr 2025." Das Büro für Technikfolgenabschätzung des Bundestags rechnet mit einer Verdoppelung der Stromerzeugungskosten durch CCS gegenüber herkömmlichen mit Kohlekraftwerken. Allerdings gehen sie davon aus, dass auch regenerative Energieerzeugung im Jahr 2020 ähnliche Kosten aufweisen wird.

Trotz der vielen Unsicherheiten sind über 20 neue Kohlekraftwerke geplant. Es wird vermutlich kaum möglich sein, dass Deutschland mit ihnen die Klimaschutzziele von 40 Prozent CO2-Einsparung bis 2020 und 80 Prozent Einsparung bis 2050 erreicht. Die Grünen, die mit Hamburg-Moorburg einen schmählichen Misserfolg hinnehmen mussten, fordern nun, die Genehmigungsverfahren für neue Energiekraftwerke zu verschärfen. Neue Kraftwerke müssten einen Mindestwirkungsgrad von 58 Prozent aufweisen - und den können Kohlekraftwerke nicht erreichen, schon gar nicht mit der Wundertechnik CCS.

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00:00 26.12.2008

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