Womit soll ich anfangen?

Festen Boden unter die Füsse Bei David Albahari hört sich im kanadischen Exil ein serbischer Jude die Bänder mit der Geschichte seiner Mutter an

David Albahari, 1948 im kosovarischen Pec geboren, lebte längere Zeit in Zemun und Belgrad und machte sich dort in oppositionellen Kreisen mit seinen acht Büchern und Gedichten einen beachtlichen Namen. In den Achtzigerjahren gab es eine lebhafte Debatte über kritische Literatur und ihr Verhältnis zum damaligen Regime. Hier gruppierten sich bereits die literarischen Anhänger des serbischen Nationalismus um die Proponenten des "neuen historischen Romans" (Dobrica Cosic, Gojko Djogo, Danko Popovic) gegen die warnenden Stimmen des "neuen Individualismus", die man später in der Opposition finden wird, nämlich Dragan Velikic, Radoslav Petkovic und andere, darunter auch David Albahari. Jasmina Lukic charakterisiert ihn als "Kultautor seiner Generation", der in seinem Schaffen sich "auf das Individuelle als Sphäre einzig relevanter Erfahrung" konzentriert. Die Art und Weise, wie Albahari die Lage des Einzelnen in einer bedrohlichen Welt darstellt, erinnert, so Lukic, stark an Danilo Kis?, den letzten großen jugoslawischen und zugleich Exilschriftsteller. Auch Albahari ist 1994 vor den Schrecken der serbischen Kriege geflohen und nach Calgary, Kanada ins Exil gegangen.
Schon sein erstes auf Deutsch erschienenes Buch Beschreibung des Todes (1993) kreist um die Herkunft, wenn er den Spuren eines jüdischen Autors in Belgrad nachgeht, die schwierigen Lebensverhältnisse und die zahlreichen Abschiede, vom Vater, von der Gemeinde, nachzeichnet. Den Kontrapunkt dazu setzt Tagelanger Schneefall (1997), ein Buch über das Exil, in dem die jugoslawische Tragödie nur am Rande vorkommt, Protokoll einer Entwurzelung. Er soll an einer Provinzuniversität zu den Ereignissen etwas sagen, die Gastgeber wollen ihm aber auch nicht zu viel zumuten - oder auch: Das Interesse am Genozid in Bosnien hält sich in wohl dosierten Grenzen oder wird ins Akademische erhöht, wenn ihm ein Professor beim Mittagessen erklärt, Jugoslawien sei ein "erfolgloses Experiment" gewesen. Die vielen Worte, tagelanger Redeschwall, ummauern das Exil wie einen Bunker. Das einzig Verbindliche zwischen den Donauebenen und den kanadischen Prärien beschwört der letzte Satz: "Später hörte es auf zu schneien, und am Himmel erschien ordnungsgemäß der Mond."
Und jetzt dieser Anfang: "Womit soll ich anfangen." Diese Frage bringt mehrere Dimensionen ins Spiel. Zunächst ist es die Stimme der Mutter vom Tonband, das der Icherzähler gleich wieder ausschaltet. Kein Cassettenrecorder, sondern ein altes, mechanisches Gerät mit Spulen und drei Laufgeschwindigkeiten. Es war schwierig, diesen anachronistischen Kasten in Kanada aufzutreiben, um darauf die Bänder einspannen zu können. Denn der "Roman" setzt mit der Exilsituation des Icherzählers ein, der sie aus seiner Heimat mitgebracht hat, die er hinter den Bänden des von der Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Wörterbuchs aufbewahrt: Aufnahmen, die er vor vierzehn Jahren mit seiner Mutter gemacht hat, am Esszimmertisch, vor sich ein Blatt Papier, beschrieben mit: "Mutter: Das Leben". Natürlich war die Mutter erst einmal verlegen, wusste nicht so recht: "Womit soll ich anfangen"...
Bald wird dem Leser die Schwierigkeit dieser Frage bewusst werden. Gleichgültig, wann ein Mensch in diese Region hineingeboren wird, immer steht sie unter Hochdruck, immer ereignen sich gerade kleinere und größere Explosionen. Womit anfangen bei diesem vor Ereignissen berstenden Subkontinent? Die Kindheit der Mutter geht fast in die k.u.k. Monarchie zurück, jedenfalls in Zeiten, in denen noch viel von "den guten alten Zeiten" gesprochen wird, denn immer gibt es Menschen, die das Vergangene für das Bessere halten, ungeachtet aller Katastrophen. Es geht Albahari auch gar nicht um die Ordnung der Dinge, seine Art des Zugriffs ist ohnehin alles andere als linear, immer wieder "beginnt" er an irgendeinem Punkt: Er bringt die Freundschaft mit dem kanadischen Schriftsteller Donald ins Spiel, der irgendwann das Manuskript nach seiner geradlinigen Ordnung der Dinge korrigiert, er erzählt vom Besuch in Israel, diesem jüdischen Neubeginn, er lässt, mit der Stimme der Mutter, die Fluchten dieser Frau Revue passieren, Fluchten vor den Deutschen aus Zagreb, vor der Ustascha aus Derventa, vor den Tschetniks aus Krus?evac, Fluchten, die an anderen Orten ein Anfangen erfordern, die aus dem Leben ein ständiges Anfangen machen, den immer währenden, zum Scheitern verurteilten Versuch sesshaft zu werden. Sein Freund Donald versteht das nicht, als Kind des elementaren amerikanischen Mythos´ von der grenzenlosen Beweglichkeit findet er es wunderbar, ein wurzelloser Mensch zu sein. Er hat auch nie einen Krieg erlebt, denn Kanada ist eine unangreifbare, friedliche Insel.
Die Mutter aber hat sich zum balkanischen Kreuz auch noch ein weiteres aufgeladen. Auch damit kann man anfangen: Ihr erster Mann ist Jude und ein "Organisierter", mit ihm hat sie zwei Kinder. Er wird ins Zwangslager verschleppt, eine Situation, die der Icherzähler aus Brieffunden andeutet, später wird er ermordet. Die Mutter aber nimmt, in diesen Zeiten!, den jüdischen Glauben an, um den Kindern eine jüdische Erziehung angedeihen zu lassen, obwohl ihr Mann sie in seinem verzweifelten letzten Brief auffordert, die Kinder als Serben zu erziehen. Sie ist eine einfache Grundschullehrerin und wird später ihrem zweiten Mann, einem Arzt, helfend und schweigend zur Seite stehen. Sie hat etwas Unbeugsames, ein paar Regeln, an die sie sich eisern hält, ja ist ja und nein ist nein. Dabei geht es Albahari nicht darum, diese Figur als grandiose Persönlichkeit darzustellen, sie zur Überfrau zu stilisieren. Natürlich spürt der Leser, dass der Icherzähler seine Mutter liebt, dass die Geschichte auch eine Art Liebeserklärung an diese aufrechte Frau ist. Aber dem Autor ist jedes Heroentum fremd. Gerade sein ständiger Perspektivenwechsel vermeidet das Auswalzen von Erinnerungen und ihre Verklärung, immer und immer steht er sich selbst misstrauisch gegenüber. Er ist kein schwelgender Erzähler, sondern reduziert sein Material auf Dokumente. Zu sehr ist für ihn das gesprochene Wort durch die Lüge kompromittiert: "Die Flut der schamlosen Lügen, die in kürzester Zeit verbreitet wurden, sucht ihresgleichen in der Geschichte der menschlichen Ehrlosigkeit", reflektiert er in der Auseinandersetzung mit Donald über Politik und Propaganda. Dieser traut den Politikern, weil sie angeblich nicht zu viel lügen dürften, um nicht ertappt zu werden und ihre Karriere hinwerfen zu müssen. Donald ist nicht naiv, aber der Westen scheint einfacher als der Balkan zu funktionieren.
Wahrscheinlich gibt es gar keinen Anfang, sondern schon der Anfang ist eine Kopie. Auf dem Tonband, vor vierzehn Jahren aufgenommen, längst ist die Mutter verstorben, hört der Icherzähler den Satz der Mutter und seine eigene Reaktion: "›Aber wenn du mich fragst, ob ich glaube, daß sich all jenes wiederholen kann, dann bin ich mir nicht so sicher, obwohl ich mir vorstellen kann, daß auch andere Flüchtlinge denselben Weg gehen, vielleicht sogar in beide Richtungen.‹ Ich lachte. In diesem Lachen war soviel Arroganz und Unglauben, daß ich jetzt, während ich sein Echo in meinem kanadischen Häuschen höre, Lust bekomme, mich zu ohrfeigen. Natürlich gingen die neuen Flüchtlinge diesen Weg, natürlich wiederholte sich alles, natürlich mußte man im Schlaf auf der Hut sein und natürlich glaubte ich an nichts von alledem. ›Und wenn ich schon nicht am anderen Ufer lebte‹, fuhr Mutter fort, ›so tat ich doch alles, um mir das andere Ufer herbeizuzaubern. Ich hatte die Menschen in Serbien während des Krieges gesehen und wußte, daß es unter ihnen nie mehr Frieden geben würde und daß viele von ihnen sich wie die Wetterhähne auf den Dächern drehen würden. Wenn es etwas gab, wovor man Angst haben mußte, dann war es ihre Bereitschaft, jedem Führer zu folgen, egal ob freiwillig oder unter Zwang. Und so traten wir gleich, als wir in Zemun ankamen, der jüdischen Gemeinde in Belgrad bei, nicht weil ich aus euch, aus deiner Schwester und dir, echte Juden machen wollte, denn fast alle dort waren nur teilweise Juden, Splitter eines zerbrochenen Gefäßes, sondern um in euch - und auch in mir - ein Gefühl wirklicher Zugehörigkeit zu entwickeln, um da, wo alles ins Wanken geraten war oder sich in wirbelndes Gas verwandelt hatte, festen Boden unter die Füße zu bekommen.‹"

David Albahari: Mutterland. Roman. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2002, 170 S., 17,90 EUR

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00:00 22.03.2002

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