Worte sind manchmal wie Schiffe

Antisemitismus in der DDR Hat der "verordnete Antifaschismus" auch dabei versagt?

Unmittelbar nach der Wende - die euphorischen Monate zwischen Oktober 1989 und März 1990 ausgenommen - begannen die meisten Medien im Osten und Westen Deutschlands, den Antifaschismus der DDR zu delegitimieren: der sei nicht echt gewesen, sondern zwangsverordnet und lediglich als Machtinstrument gebraucht worden. 17 Jahre später wird der gleiche Ball wieder ins Feld geworfen: Das Buch von Hubertus Knabe Die Täter sind unter uns und eine Ausstellung über Antisemitismus in der DDR Das hat´s bei uns nicht gegeben, die zur Zeit in Berlin gezeigt wird*, nehmen ihn auf, die Medien spielen ihn dankbar zurück.

Dabei ist die Arbeit von Schülern, die für diese Dokumentation in ihrem Lebensumfeld über Antisemitismus geforscht haben und nun die Resultate präsentieren, uneingeschränkt zu loben. Sie listen auf, was es zu DDR-Zeiten an Übergriffen gab, was darauf folgte, welche Schlüsse gezogen wurden, wie es zu Sensibilisierungen kam, die es verdienen, bis heute beachtet zu werden. Allerdings suggeriert der Kontext dieser von der Amadeu-Antonio-Stiftung veranstalteten Schau: Die tiefer lotende Auseinandersetzung mit Antisemitismus ist in der DDR auf der Strecke geblieben. Kraft Verdikt hat es nach 1949 im Osten nur noch Unschuldige gegeben. Übersehen wird, wäre das tatsächlich der Fall gewesen, hätten die aus Exil, KZ und Zuchthaus zurückgekehrten Kommunisten ihr moralisches Leumundszeugnis entwertet und auf ein Machtinstrument verzichtet. Eine naive Vorstellung - das Gegenteil ist richtig: Die Führung der SED trug ihre Herkunft aus dem Widerstand wie eine lebenslange Auszeichnung und wahrte Abstand zur übrigen Bevölkerung. Wer dem NS-Regime die Stirn geboten hatte, konnte auf einen Bonus pochen, um unpopuläre Entscheidungen durchzusetzen.

Der von Nazigegnern gegründete Staat sorgte dafür, dass kein Kind aufwuchs, dem die Verbrechen des NS-Regimes unbekannt blieben. Für den Geschichts- und Literaturunterricht an den Schulen gab es verbindliche Vorgaben. Die Ursachen von Faschismus und Antisemitismus wurden dort ebenso behandelt wie eine Literatur, die sich dem widmete. Anna Seghers´ Das siebte Kreuz, Bruno Apitz´ Nackt unter Wölfen, Arnold Zweigs Erziehung vor Verdun gehörten dazu wie Gedichte und Kurzgeschichten, die - im Lesebuch abgedruckt - den Mord an den europäischen Juden schilderten: Sarah Kirschs Legende über Lilja, Johannes Bobrowskis Bericht, Stephan Hermlins Abendlicht. Flankiert wurde der Schulstoff durch Romane wie Bobrowskis Levins Mühle, Jurek Beckers Jacob der Lügner, Friedrich Wolfs Professor Mamlock oder Hirsch/Schuders Standardwerk Der gelbe Fleck, in dem es heißt: "Worte sind manchmal wie Schiffe, sie tragen eine Fracht. Die Fracht wird abgeladen, eine andere aufgenommen, dasselbe Schiff transportiert nun einen anderen Inhalt".

Soll heißen: Wie weit die Fracht sich in einem Menschen verteilt, kann nicht verbindlich festgelegt werden. Auch dann nicht, wenn hinzufügt wird, dass eine Reihe eindrucksvoller Filme die Bilder lieferte, die für die Erinnerung der Jüngeren nicht verfügbar waren: Kurt Maetzigs Ehe im Schatten (1947) wäre zu nennen oder Sterne (1959) von Konrad Wolf oder Jacob der Lügner, bei dem Frank Beyer 1974 Regie führte. Die Liste ließe sich beliebig erweitern, etwa durch den Streifen von Dokumentarfilmer Karl Gass Jeder konnte es sehen - Novembertage von 1988, der Schuld eben nicht allein der NS-Diktatur zuweist, sondern jeden nach seiner Verantwortung fragt.

Den "Bodensatz" nicht berührt

Dem wird entgegen gehalten: Die Auseinandersetzung fand nicht freiwillig statt. Doch was kann Schule anderes sein, als Wissensvermittlung, Anstoß und Erziehungsansatz, der - konsequent zu Ende gedacht - in eine bestimmte Richtung führt, in diesem Falle vorgegeben durch die "zwangsverordnete Beschäftigung" mit dem Naziterror? Auch wenn die Schule das Ihre getan haben mag - so der Vorwurf weiter - sei der "Bodensatz" unberührt geblieben. Die Ablagerungen aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 im Unter- und Alltagsbewusstsein, in Gefühlen und Gebräuchen seien in der DDR nicht wirklich bekämpft worden, so dass Nährboden für heutigen Rassismus entstand. Viel zu sehr sei Schuld der herrschenden Klasse zugemessen worden. Denen also, die ein materielles Interesse am erstarkenden Deutschland der dreißiger Jahre und nichts dagegen hatten, wenn ihnen nazistischer Rassenwahn ökonomische Konkurrenz vom Halse schaffte. In der Tat sparte der DDR-Geschichtsunterricht die Interessenlagen der Klassen nicht aus, denn erst das Zusammenspiel von Eliten und aktiviertem Pöbel - dem "Bodensatz" - führte zur Vernichtungspolitik.

Sicher kann es nie genug Aufklärung geben. Was immer berichtet, in Museen und Gedenkstätten erlebt oder durch Literatur aufgearbeitet wird - es bleibt viel von der Unmenschlichkeit schuldig, unter der jüdische Bürger in Nazideutschland zu leiden hatten. Auch lässt sich das Urteil nicht entkräften, man habe in der DDR längst nicht alle erreicht, nicht alle Begriffe aus der Nazizeit energisch verbannt und zu viel toleriert. Daraus jedoch abzuleiten, der zweite deutsche Staat habe das Recht verwirkt, antifaschistisch genannt zu werden, ist eine politische Schimäre.

Auch die Forschungen der Berliner Ausstellungsmacher rechtfertigen das nicht. Sie listen auf: Fehlendes Gedenken an jüdische Vereine wie Mogen David im Zentrum Berlins, umgestürzte Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen, die Praxis der DDR-Regierung, zwar Gelder für jüdische Einrichtungen zu vergeben, aber die Verantwortung für deren Pflege den Gemeinden zu überlassen. Eine Überforderung, die dazu führte, dass Friedhofsgelände verkauft werden musste.

In einem Falle wurde eine Notiz der Staatssicherheit gefunden, aus der hervorgeht, dass in der Nähe des KZ Lieberose (eines Außenlagers des KZ Sachsenhausen) 1971 ein Massengrab entdeckt wurde, in dem die SS etwa 1.300 jüdische Häftlinge verscharrt hatte, die im Februar 1945 erschossen worden waren.

Aus besagter Notiz geht hervor, bei den Leichen wurde Zahngold entdeckt: 1.080 Gramm, dessen Verbleib durch die Schüler nicht geklärt werden konnte. Ein Gedenkstein, auf dem aller Opfer des KZ Lieberose gedacht wird, ohne die jüdischen gesondert aufzuführen, ist gleichfalls ein Indiz für den unzulänglichen Umgang mit der Geschichte dieses Ortes. Doch der Kampf gegen den Antisemitismus als Ideologie war davon nicht betroffen.

Ein entlastender Begriff

Von Anfang an beschäftigt sich der 1945 im Osten gegründete Kulturbund - um ein Beispiel zu nennen - mit den Ursachen des Antisemitismus und den Möglichkeiten, Überlebenden zu helfen. Der Kulturbund-Kalender von 1946 vermerkt Debatten, in denen es um die "Rassentheorie und ihre skrupellose Anwendung" und die "Auswirkungen in einer so fürchterlichen Realität wie Gaskammern und Verbrennungsöfen" geht. Hilfe wird angeboten. Wer aus den Lagern oder dem Exil zurückkommt, braucht Wohnraum und Lebensmittelkarten. Vor allem aber - so eine Recherche der DDR-Wochenzeitung Sonntag von 1988 - gelte es, "wider das Vergessen, wider die Verdrängung anzugehen - und das hieß, die Wurzeln des Antisemitismus freizulegen, der Versuchung der Bagatellisierung oder Marginalisierung des Genozids, der Shoa, kämpferisch zu begegnen." Das Wort "Holocaust" taucht noch nicht auf, der Begriff setzt sich auch im Westen erst in den achtziger Jahren durch, nachdem Millionen den gleichnamigen Fernsehfilm aus den USA gesehen haben. Holocaust, kein sehr deutscher Begriff für eine sehr deutsche Schuld. Vielleicht kommt er deshalb bis heute leichter über die Lippen als das in der DDR gebräuchliche Wort "Völkermord". Wovon mehr Aufklärungsimpulse ausgehen, darüber lässt sich streiten.

Unbestreitbar ist: Auch in der DDR hätte die Aufarbeitung des NS-Systems sehr viel genauer und umfassender sein müssen. So merkt der Sonntag auf seinen Themenseiten zum 50. Jahrestag des Pogroms von 1938 an: "Es gibt eine Scheu, ganz persönlich der jüdischen Opfer zu gedenken - in der Familie, in der Schule, in Vorlesungen und Seminaren, in Versammlungen... Wir nennen die unvorstellbar großen Zahlen, hinter denen das vorstellbare einzelne Schicksal verschwindet." Und: "Solchen Fehlhaltungen zu begegnen ... da gibt es kein Ausweichen für die damaligen Zeitgenossen, da gibt es auch keine ›Gnade der späten Geburt‹."

Der Antifaschismus als Grundkonsens war eine Säule des DDR-Staates, die auch dann nicht wegdiskutiert werden kann, wenn in Hass gegossener Antikommunismus zu den abenteuerlichsten Thesen ausholt. Sie hat in dem Maße an Festigkeit verloren, wie die Redlichkeit jeder Aktivität von Staat oder Bürgern unter "Generalverdacht" geriet. Zwangsläufig verliert eine Elterngeneration, der weder Grundüberzeugungen noch persönliche Integrität zugebilligt werden, an Glaubwürdigkeit bei der Erziehung eigener oder anvertrauter Kinder. Eine Folge sind die 15- bis 25-Jährigen, die heute im Osten zusammen mit dem "Bodensatz" aus den alten Bundesländern brüllen, schlagen und die Arme in die Luft recken.

Literatur: Und lehrt sie: Gedächtnis, Eröffnung des Ephraim Palais (1988); Pätzold/Runge, Pogromnacht 1938, Dietz-Verlag 1988; Matthias Krauß, Völkermord statt Holocaust, Anderbeck-Verlag 2007; Heiner Lichtenstein/Otto R.Romberg (Hrsg.) Täter-Opfer-Folgen, Bundeszentrale für Politische Bildung 1997

(*) Die Ausstellung war bis zum 24. April im Rathaus Berlin-Lichtenberg zu sehen


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00:00 27.04.2007

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