Worum es wirklich geht

Istanbul Seit ihrer Gründung ist die Türkei ein zerrissenes Land, das sich selbst im Wege steht. Die Demonstranten vom Gezi-Park wollen das ändern

Es ist eigentlich nicht so kompliziert. In der Türkei leben Millionen Menschen, die ihm zu Füßen liegen. Ihn verehren. Ihm an den Lippen hängen. Und selbst das ist noch zu wenig. So rief eine betagte Wählerin mit Kopftuch sichtlich bewegt am vergangenen Sonntag auf der Istanbuler Großkundgebung der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) in das Mikrofon einer Reporterin: „Erdoğan, ich bin ein Haar an deinem Arsch!“

Ein Haar am Arsch vom Tayyip Erdoğan zu sein, heißt, dass keine Macht der Welt – keine Demonstranten, keine Parkbesetzer, keine nationalen oder internationalen Kräfte – einen Keil zwischen ihn, den Vorsitzenden der Regierungspartei AKP, und seine Wähler treiben kann. Beim Barte des Propheten: Ein Haar am Arsch des Ministerpräsidenten der Türkei zu sein, heißt: Tag und Nacht an seiner Seite.

So kompliziert ist das alles nicht. Es leben in der Türkei und mittlerweile vielleicht auch in Deutschland Millionen Menschen, die ihn hassen. Die seine wachsende Macht spüren, seine arrogante Art zu reden verabscheuen, die Art, wie der türkische Regierungschef sich physisch und politisch bewegt. Die ihm, wenn sie nur seinen Namen hören, ebenfalls an den Hintern wollen, aber anders als die Frau. So schrie eine ebenfalls ältere Demonstrantin auf einer am vergangenen Wochenende von Aleviten organisierten Anti-AKP-Veranstaltung in Köln auf Türkisch mit kurdischem Akzent: „Gebt mir eine Bombe! Ich will sie ihm in den Hintern stecken und anzünden!“

Wenn man das verstehen will, muss man wissen, was die Türkei ist. Die Türkei, das sind 76 Millionen Menschen in 81 Provinzen. Die von dort stammenden Menschen haben unterschiedliche Ethnien, Religionszugehörigkeiten, entstammen verschiedenen Milieus, sprechen unterschiedliche Sprachen und Dialekte sowieso. Als Mustafa Kemal Atatürk im Jahr 1923 die Republik gründete, beschloss er, dass künftig alle Menschen eine Herkunft hätten. Nämlich die türkische. Er beschloss auch, dass der sunnitische Islam Staatsreligion ist. Er ordnete an, dass Dörfer und Städte umbenannt werden. Jeder bekam einen neuen Namen, er führte eine neue Schrift und eine neue Sprache ein. Eine neue Verfassung, neue Kopfbedeckungen, neue Begrüßungsformeln. „Guten Tag“ statt „Grüß Gott“. Die Nation wurde geboren. Die Menschen aber blieben die gleichen.

Die Frage nun, was die Menschen rund um den Gezi-Park und ihre Sympathisanten im ganzen Land wollen, ist eine, mit der sich die Türkei eigentlich schon seit ihrer Gründung beschäftigt. Nun kann man noch einmal mehr jeden Tag in Dutzenden Fernsehkanälen und in Zeitungen verfolgen, wie sich Politiker, Politologen, Journalisten, Intellektuelle, ja selbst Ärzte und Psychologen daran beteiligen, die Ereignisse zu rekonstruieren und die Frage zu beantworten: „Was ist passiert?“ Und: „Worum geht es?“

Die Floskel des „Zusammenspiels der unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräfte“ stimmt. Die Türkei war in ihrer Geschichte nie etwas anderes. Ein uneiniges Land, das keinen gemeinsamen Nenner findet, ohne in Nationalismus auszuarten.

Eine Republik der Zukunft

Der Konflikt, der seit drei Wochen rund um den Gezi-Park ausgetragen wird, begann als Kampf um das Mitspracherecht an städtischer Bebauung, er ging über zu einer Kritik am Umgang mit der Kritik und nun, wie stets seit Gründung der Türkei, geht es um nichts Geringeres als die künftige Ausrichtung der Republik.

Akut heißt das Problem Tayyip Erdoğan, der nur einen Politikstil kennt: Kompromisslosigkeit. Eine Haltung, die bei Menschen, die Religion als Halt empfinden, oft zu finden ist. Starke Menschen üben ihre Religion zurückhaltender aus. Nur schwache Gemüter möchten ihre Ansichten in Gesetze und eine Staatsdoktrin gegossen wissen. Das fing schon bei Atatürk an.

Der Dauerkonflikt aber ist ein anderer. Die Türken haben nicht gelernt, dass ein Leben möglich ist, auch wenn der Nachbar eine andere Sprache spricht, zu einem anderen Gott betet oder gar nicht. Darunter sind Menschen, die Pogrome, Vertreibungen und Folter erlebt haben. International bekannt ist die Vertreibung der Armenier und Aramäer, wohl bis zu 1,5 Millionen Opfer gab es. Weniger bekannt ist, was in Dersim ab 1937 geschah. Zehntausende alevitische Kurden wurden „gezüchtigt und deportiert“, wie das damals genannt wurde. Denn jene alevitischen Kurden hatten sich gegen das Prinzip „eine Nation, eine Konfession“ gewehrt. Überlebende berichteten von bestialischen Tötungen, Kinder wurden bei lebendigem Leib verbrannt.

Diese Kapitel und andere sind bis heute weder juristisch, politisch, wissenschaftlich oder künstlerisch befriedigend aufgearbeitet worden. Auch der seit 30 Jahren stattfindende Kampf gegen die kurdische Bevölkerung im Osten des Landes bleibt unaufgearbeitet. Sobald sich einer an die Themen heranwagt, verschwindet der Mensch von der Spielfläche, wird inhaftiert oder diskreditiert oder anderweitig mürbe gemacht. Sobald einer Mut fasst, aufsteht und bekennt: „Ich habe Leid erfahren“, steht ein anderer auf und fordert, „die alten Kapitel“ zuzuschlagen.

Keine Zwischentöne

Die Türkei ist eine verschlossene Kiste. Der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink hat nie etwas anderes als reden gewollt. Er wollte keine Entschädigung, keine Entschuldigung, bloß Empathie. Das war zu viel. 2007 wurde er von Rechtsnationalisten auf offener Straße erschossen.

Man kann eine Nation sein, ohne so zu tun, als gäbe es nur eine Ethnie und eine Religion. Aber diese Möglichkeit scheint hier nicht bekannt. Man könnte die Trennung von Nation und Religion gut finden und müsste nicht unbedingt ein fanatischer Verehrer von Atatürk sein. Man könnte sich für die Rechte von Kurden einsetzen und trotzdem ein guter Staatsbürger sein. Man könnte ein Armenier sein und sich für die Aufarbeitung des Genozids von 1915 einsetzen und damit ein Humanist. Man gilt aber eher als eine Art tickende Zeitbombe. Und wenn man sagt, dass es der Regierung egal sein sollte, wer trinkt und sich wo küsst, gerät man immer an einen, der völlig entsetzt fragt, ob man allen Ernstes ein Interesse daran hätte, „besoffen auf der Straße zu ficken“.

In der Türkei kennt man keine Zwischentöne. Es ist ein Land der rechthaberischen Mächtigen und mächtigen Rechthaber. Gesellschaftliche und politische Verhandlungen werden seit jeher mit der Begleitmusik von Gewalt geführt. Seit Tagen lässt der türkische Regierungschef Wasserwerfer, Tränengas und Gummiknüppel einsetzen und anschließend tritt er vor die Mikrofone und beschimpft die Kemalisten. Er tituliert Atatürk als Säufer und beklagt sich über die Repression, die Religiöse hier vor der Machtergreifung der AKP erdulden mussten. Die Nation wartet auf Rechtfertigung für die Gewalt, und er beklagt, dass der Muezzin damals nicht auf Arabisch – also in der Sprache des Propheten – zum Gebet riefen, sondern auf Türkisch. Die Demonstranten haben noch geschwollene Augen vom Reizgas, und Tayyip Erdoğan erzählt die Anekdote, dass man während der Proteste in eine Moschee eingedrungen ist und den Imam dort zwang, Alkohol zu trinken. Der Geistliche hat das mehrmals dementiert und wurde daraufhin suspendiert.

Es geht mal wieder um die guten und die schlechten Türken. Die Kemalisten hassen die Konservativ-Religiösen. Die Konservativ-Religiösen hassen die Kemalisten. Irgendwo dazwischen ist die Protestbewegung, die diese Lagerkämpfe satt hat und vor Verzweiflung, zwischen die Räder zu geraten, behauptet, nicht politisch zu sein. Was natürlich Blödsinn ist. Eine Protestbewegung ist immer politisch. Vor allem eine, die seit drei Wochen die Regierung auffordert abzutreten, und sich dafür mit Atatürk-Fahnen behängt.

Die Türkei muss ihren Frieden schließen, mit sich selbst und mit all diesen unterschiedlichen Erfahrungen. Wie kann es sein, dass sich heutzutage Menschen beleidigt fühlen, wenn Pärchen Händchen halten, Mädchen einen Minirock tragen oder einen langen Mantel mit Kopftuch? Nun ist der Alkoholverkauf nach 22 Uhr seit letzter Woche übrigens verboten, Erdoğan empfiehlt Ayran. Wenn der eine sich die Birne mit Alkohol zudröhnt und „Şerefe“ lallt und der andere erst „Bismillah“ sagt, bevor er einen Ayran trinkt – wen schert es?

Leider ist es genau das, worum es auch geht. Um alltägliche Nichtigkeiten, von denen jeder meint, dass sein Gott, seine Nation, seine Einheit oder seine Freiheit bedroht sei. Ein Problem, das in Europa übrigens nicht ganz unbekannt ist.

Wohin das Ganze führen soll? Gute Frage. Das fragen sich die Türken selber. Wenn demnächst auch noch Panzer rollen, nur weil sich eine Gruppe von Menschen erlaubt hat, ihren Protest anzumelden, wohin kann das Ganze schon führen? Zu noch mehr Gewalt, zu noch mehr Protest, zu noch mehr Spaltung. Kann Erdoğan das wollen? Vielleicht ja. Vielleicht nein.

Mely Kiyak wurde 1976 in Sulingen geboren. Sie gehört zu einer der wichtigsten Stimmen ihrer Generation und hat zahlreiche Artikel und Bücher veröffentlicht. 2011 gewann sie den Theodor-Wolff-Preis. Kiyak ist seit Ausbruch der Proteste in Istanbul

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 25/13 vom 20.06.2013

06:00 04.07.2013
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