Wozu dieser Krieg?

Brzezinskis "Eurasischer Balkan" Die US-Strategie gegenüber Afghanistan folgt auffällig den hegemonialen Denkmustern des einstigen Sicherheitsberaters der Carter-Administration

Nach fast fünf Wochen der Bombardierung Afghanistans steigt die Zahl der zivilen Opfer unaufhörlich. In der auf Kanzler-Gefolgschaft eingeschworenen SPD regt sich Unbehagen. Die IG Metall opponiert, auf dem Landesparteitag in Mecklenburg-Vorpommern kann Ministerpräsident Ringstorff nur mit aller Mühe die Abstimmung über einen Antrag verhindern, mit dem ein Ende des Luftkrieges gefordert wurde. Die SPD-Linken Andrea Nahles und Detlev von Larcher tragen die Debatte über die US-Kriegführung wieder in die Bundestagsfraktion der Partei. Von dort erreichte uns auch der Text des Abgeordneten Edelbert Richter, der den Blick auf Kriegsziele lenkt, die bisher ausgeblendet blieben.

Ich weiß, dass ich nichts weiß - nicht nur als Sokratiker, sondern auch als Abgeordneter des Bundestages, der mit diesem Krieg ja doch irgendwie zu tun hat und schon vor den Luftangriffen auf Afghanistan erkennen musste, dass es diesmal erst recht keine unabhängige Berichterstattung geben würde. Auch zu den, über die Terroristenbekämpfung hinausgehenden Zielen der Amerikaner wurde und wird nichts oder wenig gesagt, obwohl es die angesichts des Umfangs der eingesetzten Ressourcen zweifellos geben muss. Ich kann nur vorsichtige Vermutungen anstellen und mich auf das stützen, was ich vor jenem Tag gelesen habe, seit dem nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Ich meine die Lektüre des Bestsellers Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft von Zbigniew Brzezinski, des einstigen Sicherheitsberaters von Präsident Carter und immer noch einflussreichen Beraters des Center for Strategic and International Studies in Washington. Befremdlich daran ist die Hemmungslosigkeit des geopolitischen Denkens. Brzezinskis lässt da an Offenherzigkeit nichts zu wünschen übrig. So macht es ihm nichts aus, Karl Haushofer, auf den sich Hitlers Konzept vom notwendigen "Lebensraum im Osten" stützte, als einen seiner theoretischen Vorläufer zu nennen. Und er hält trotz der wachsenden Bedeutung von Handel, Wirtschaft oder Innovation daran fest, dass "für die außenpolitischen Prioritäten eines Nationalstaats ... nach wie vor die geographische Lage bestimmend" (*) sein werde. Von dieser Tradition ausgehend kommt der Autor zu einer ersten, für unser Verständnis des jetzigen Krieges wichtigen Erkenntnis: Wenn die USA ihre globale Hegemonie erhalten wollten, müssten sie Eurasien beherrschen - "eine Dominanz auf dem gesamten eurasischen Kontinent" sei "noch heute die Voraussetzung für globale Vormachtstellung". Zwar sei die Dominanz mit dem "demokratischen Brückenkopf" (Europa) und dem "fernöstlichen Anker" (Japan) im Ansatz gegeben, müsse aber aktiv befördert werden, weil neue Konstellationen sie in Frage stellen könnten.

Das führt zu einer weiteren wichtigen These Brzezinskis: Das Gebiet von der Türkei im Westen bis an die Grenze Chinas im Osten und von Kasachstan im Norden bis zum Jemen im Süden stelle die "Kernzone globaler Instabilität" dar. Denn hier lebten, so der Autor, fast 400 Millionen Menschen in 25 Staaten, die fast durchweg instabil, weil von ethnischen und religiösen Gegensätzen zerrissen und zugleich von mächtigen Nachbarn umgeben seien. "Teil des Problems in dieser instabilen Region könnte eine Bedrohung der amerikanischen Vormachtstellung durch den islamischen Fundamentalismus werden."

Den Kern dieser Kernzone wiederum bildet nach Auffassung Brzezinskis der von ihm so genannte "Eurasische Balkan". Dazu gehören von Georgien bis Kasachstan acht GUS-Staaten und - Afghanistan! Die Parallele zum europäischen Balkan ist bewusst gewählt, denn, "... die dortigen Staaten sind nicht nur hochgradig instabil, ihre Lage und innenpolitische Verfassung fordern die mächtigen Nachbarn zum Eingreifen geradezu heraus ... Es ist dieses wohlvertraute Phänomen des Machtvakuums mit der ihm eigenen Sogwirkung, das die Bezeichnung Eurasischer Balkan rechtfertigt."

Zur Sogwirkung kommt aber positiv Attraktivität hinzu! Nicht nur, weil künftige Transitwege zwischen den produktiven westlichen und östlichen Randzonen Eurasiens die Region durchziehen, sondern wegen der gewaltigen Vorkommen an Erdöl, Erdgas und anderen Ressourcen, über die dieser "Balkan" verfügt. Realistische Expertisen rechnen mit Vorkommen von mindestens zehn Milliarden Tonnen Öl und mehr als acht Billionen Kubikmetern Gas in der Region (sieben bzw. sechs Prozent der Weltreserven). Brzezinski spricht von einem "ökonomischen Filetstück", zu dem sich dieser "Balkan" entwickeln könnte. Wer will da - noch dazu, wenn ein Machtvakuum herrscht - nicht schnell zugreifen, zumal der Hunger allseits wächst? Der Energieverbrauch wird sich in den nächsten 20 Jahren um 40 bis 50 Prozent erhöhen!

Brzezinski schildert die Interessenlage der verschiedenen um die Region konkurrierenden Mächte (Russland, Türkei, Iran, China), nennt ausdrücklich auch die fernen USA und sieht sie "im Wartestand", sie seien "zwar weit weg", hätten aber starkes Interesse am Erhalt eines geopolitischen Pluralismus im postsowjetischen Eurasien - "als ein zunehmend wichtiger, wenn auch nicht direkt eingreifender Mitspieler, der nicht allein an der Förderung der Bodenschätze in der Region interessiert ist, sondern auch verhindern will, dass Russland diesen geopolitischen Raum allein beherrscht, halten sie sich drohend im Hintergrund. Neben seinen weiterreichenden geostrategischen Zielen in Eurasien vertritt Amerika auch ein eigenes wachsendes ökonomisches Interesse ..."

In der Tat liegen die Anteile großer US-Gesellschaften wie Chevron, Exxon, Mobil Oil an den wichtigsten Konsortien in Kasachstan und Aserbeidschan inzwischen bei 50 Prozent. Auch geostrategisch läuft die Entwicklung ganz im Sinne Brzezinskis, denn in den vergangenen Jahren ist eine durchgehende militärische Bündnislinie bis ins Innere Asiens entstanden: Alle südlichen GUS-Staaten außer (Armenien) nahmen als NATO-Partnerschaftsländer am Jubiläumsgipfel der Allianz 1999 teil.

Bei alldem erscheint es nur logisch, dass die Amerikaner nicht länger "drohend im Hintergrund" bleiben, sondern direkt militärisch eingreifen und auch präsent bleiben werden. Dass Afghanistan selber über keine bedeutenden Öl- und Gasvorkommen verfügt, ist angesichts seiner strategischen Bedeutung dabei zweitrangig. Dass es ein Hort des Fundamentalismus ist, mag Anlass des Eingreifens, nicht die Ursache sein.

Angesichts dieses Krieges müssten die Europäer - vor allem die Deutschen - eigentlich längst diskutieren, was sie über die Zukunft jener Region denken und ob die sich abzeichnende geopolitische Lösung der Amerikaner ihren Vorstellungen entspricht. Laut Brzezinski hätten die Europäer nur die Mission, den "Brückenkopf" der USA im Westen Eurasiens zu bilden und Russland davon abzuhalten, etwa mit China und dem Iran eine Koalition gegen die amerikanische Hegemonie herzustellen. Tatsächlich hat die EU bisher auch kein dezidiertes Interesse am "eurasischen Balkan" gezeigt. Nicht nur ein Indiz für ihre unterentwickelte Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP), ebenso für den Umstand, dass die Union sowohl in der Öl- als auch in der Gasversorgung auf diese Region nicht unmittelbar angewiesen ist.

Immerhin aber hat sie Partnerschaftsabkommen mit den betreffenden Ländern abgeschlossen, spezielle Förderprogramme aufgelegt und einen Energie-Charta-Vertrag initiiert, der eine langfristige Kooperation sichern soll und 1998 in Kraft getreten ist. Weitergehende Vorschläge hat im Übrigen die SPD-Bundestagsfraktion noch im gleichen Jahr unterbreitet. Sie zielten nicht zuletzt auf Einbindung in die OSZE. Warum redet heute niemand mehr davon? Widerspricht es der US-Strategie des massiven ökonomischen und militärischen Zugreifens? Sind diese Vorstellungen, wie manches, was in der SPD einmal gesagt wurde, vergessen, weil in der Regierungsverantwortung nicht mehr opportun? Oder ist seit jenem 11. September wirklich nichts mehr so, wie es einmal war?

(*) alle Zitate aus: Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht, Frankfurt/Main 1999.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 09.11.2001

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare