Wu-Tang-Watschen

Was läuft Über den schwarzen Superhelden „Luke Cage“ und Faustkämpfe im Gegenlicht. Spoiler-Anteil: 7 Prozent

Ein Held will seine Ruhe haben: Während Stadträtin Dillard ihre sich der black history bewusste Kommunalpolitik mit den kriminellen Machenschaften des Cousins Cottonmouth quer finanziert, kehrt unser Mann (Mike Colter) in Pops Friseurladen die Haare auf, bringt den Müll raus und wechselt zu seinem Zweitjob als Tellerwäscher. Dann geht ein Waffendeal schief, ein alter Mann gerät in die Schusslinie. Und der mürrische Held, der Ralph Ellisons Roman Invisible Man in der Sporttasche bei sich trägt, muss raus aus der Deckung.

Neo-noir-artige Ausleuchtung, Farbakzente, hingetupfte Glanzlichter in intensivem Rot, Gelb, Grün, Blau: Mit (Spezial-)Effekten wird sparsam operiert. Die Netflix-Serie Luke Cage (2016) hat sich offensichtlich mehr an den Batman-Filmen aus dem vorigen Jahrhundert orientiert als an den digital überfrachteten Superheldenerzählungen, die gegenwärtig die Kinoleinwände dominieren (Black Panther inklusive).

Es wird nicht bombastisch, sondern bedächtig inszeniert. Statt dynamisierter Sequenzen steht das Zeichenhafte der Einstellung im Vordergrund. Als beispielhaft dafür kann man eine Szene nehmen, die sich in Cottonmouths Chefzimmer im Nachtklub namens Harlem‘s Paradise abspielt: Bereits vorher ist dort das großformatige Farbfotoporträt des Rappers Notorious B.I.G. aufgefallen, das den 1997 Ermordeten mit keck schief sitzender Krone zeigt. Der stolze Besitzer fragt: „Gefällt dir mein Biggie Foto?“, um wenig später genau so ins Bild gesetzt zu werden, dass die Krone scheinbar seinen Kopf schmückt: „Jeder will König sein.“

Den Mann, der gern König sein möchte, verkörpert Mahershala Ali, kurz vor seinem Leinwanddurchbruch mit Moonlight (für den er einen Oscar gewann). In Luke Cage (Showrunner: Cheo Hodari Coker) ist seine Gangsterfigur komplexer, als es zunächst den Anschein hat. Die Auftaktfolge führt ihn und ein gutes Dutzend weiterer Charaktere rund um den Titelhelden ein; das Aufgebot an Darstellerinnen, von der famosen Alfre Woodard bis zur Newcomerin Simone Missick, ist ehrfurchtgebietend.

Und eine Rückblende macht umgehend klar, dass im Verlauf von zwölf weiteren Folgen derart in die Tiefe und die Vergangenheit gegraben werden wird, dass es einigen Spielraum für überraschende Wendungen in der Erzählung und in den Beziehungen der Figuren zueinander gibt. Herrlich.

Mariah Dillard (Woodard) wirbt für eine „New Harlem Renaissance“. Die Titelsequenz entwirft das Bild vom Heldenkörper als Projektionsfläche seines Viertels. Die Schultern, der breite Rücken tragen Landmarks, Neonkreuze. Den Arm, der mit geballter Faust seitlich ins Bild gleitet, zieren Wegweiser zur Lenox Avenue aka Malcolm X Boulevard. Einmal längs durch Harlem.

Die Serie spielt in der Smartphone bewehrten Gegenwart, aber unmissverständlich handelt es sich bei Luke Cage um eine Schöpfung der Blaxploitation-Ära. Die Figur, „halb Houdini, halb Ali“, wurde als einer der ersten schwarzen Comic-Helden Anfang der 1970er Jahre lanciert. Im Kino machten zur selben Zeit Shaft oder Foxy Brown neue Identifikationsangebote.

Luke Cage bestreitet in deren Sinn Faustkämpfe im Gegenlicht, wirft Körper herum, als wären sie Crash-Test-Dummies. Reißt sich eine Autotür als Schutzschild aus und schmettert zu Wu-Tang Clans grimmigem Track Bring Da Ruckus reihenweise Gegner durch hübsch erbsengrüne Rigipswände.

Neben dem Erbe der black history sind jüngere Topoi dieser Erzählung Teil des popkulturell getarnten Gegenwartsbefunds: racial profiling, Dashcam-Videos, die Einsätze und/oder Übergriffe dokumentieren, oder das ikonische Bild vom black man in a hoodie. Luke Cage erzählt davon mit kugelsicherer Haut als Fantasie und Fanal. Anfangs ist der Umstand, dass der Held nach jedem Beschuss (nur) die Kapuzenjacke wechseln muss, noch ein Gag. Aber mit der Zeit wird der durchsiebte Kapuzenpullover zum Statement und Camouflageartikel: Während Luke ein unversehrtes Kleidungsstück in Tarnfarben überstreift, führen seine schweigenden Verbündeten in Löchersweatern auf den Straßen die Verfolger in die Irre.

Barkley L. Hendricks‘ Selbstporträt im Superman-Shirt von 1969 war unterschrieben mit der Paraphrase eines Satzes von Bobby Seale (einem „richtigen“ Black Panther): „Superman Never Saved Any Black People“. Luke Cage schon. Staffel zwei ist für dieses Jahr angekündigt.

06:00 17.03.2018

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 1