Wuchten, zittern, streiten

Sport Eine Transfrau hebt Gewichte, eine Party eskaliert. Fair, unfair – egal?
Wuchten, zittern, streiten
Die Neuseeländerin Laurel Hubbard beim Gewichtheben

Foto: Dan Mullan/Getty Images

Stellen Sie sich vor: Mit Freunden verfolgen Sie die herausragendste der olympischen Disziplinen live: Das Gewichtheben der Frauen. Sie haben Häppchen vorbereitet und Getränke zum synchronen Reißen und Stoßen. Die Stimmung ist famos. Laurel Hubbard, die erste Transfrau der olympischen Geschichte, Schwergewicht, betritt die Plattform. Hubbard bückt sich nach der Langhantel, Sie nach Bier oder Sprudel. Hubbard wuchtet, Hubbard zittert und ... da sagt plötzlich einer Ihrer Gäste: „Das ist total unfair!“

Das, liebe Lesende, ist ein Alarmsignal. Peinigende Debatten kündigen sich an. Szenario eins: Jemand antwortet: „Sport ist nie fair. Manche haben viel schneller zuckende Muskelfasern als ich, Usain Bolt zum Beispiel. Ist doch klar, dass ich da nicht mitkomme. Total unfair! Mosere ich deswegen rum? Nein!“ – Gast B, nachdenklich: „Wieso gibt’s überhaupt Männer- und Frauensport?“ – Gast C, euphorisch: „Eben! Einfach Unsinn, dieser ganze binär reaktionäre Quatsch. Alle zusammen und gut ist! Gibt’s noch was zu trinken?“

Gast A räuspert sich: „Okay, in dem Fall müsste die Hubbard natürlich auf rhythmische Sportgymnastik oder Springreiten umsatteln. Da haben Frauen Chancen gegen Männer.“ – Gast C, ärgerlich: „Meine Fresse. Wieso denkt sich das Olympische Komitee nicht endlich einen Algorithmus aus, der ungleiche Startbedingungen mit einrechnet? Das kann doch nicht so schwer sein!“ – „Oder“, wirft Gast A ein, „es richtet Leistungsklassen ein: Gute und Nicht-ganz-so-Gute.“ – „Wie doof ist das denn?“, stöhnt Gast E. „Dann werden doch die Schlechten aus der guten Klasse absichtlich noch schlechter, damit sie die Besten der nicht ganz so Guten sind.“ Zwei Gäste sitzen nervlich zerrüttet in den Ecken, einer schreit: „Mein Gehirn platzt gleich!“ Das Treffen versinkt im Chaos.

Spulen wir deshalb zurück, zu der Stelle, als Laurel Hubbard zittert und ein Gast sagt: „Das ist total unfair!“ Szenario zwei: „Na ja“, sagt jemand, „Studien zufolge verschlechtert sich die physische Leistung von Transfrauen durch Testosteronhemmer immer mehr, bis sie genau so schlecht sind wie Bio-Frauen. Insofern ...“ – „Quatsch“, unterbricht Gast C empört: „Studien zufolge schrumpfen weder die Lunge noch das Herz auf typische Frauengröße, ebenso wenig die Knochendichte. Studien zufolge sollen Transmänner schneller rennen als Bio-Männer. Studien zufolge sind Studien einfach Quatsch.“

Alle Gäste sind aufgestanden, um ihre Muskeln zu vergleichen. Eine hebt den Fernseher hoch, ein anderer einen Sessel – aus Studiengründen. Drei Gäste müssen plötzlich schnell weg. Das Treffen versinkt im Chaos. Rewind: Hubbard zittert, ein Gast sagt: „Das ist total unfair!“ Szenario drei: „Typisch Törf!“, krakelt jemand. „Turf?“ – „Mann! Nicht Turf! T-E-R-F, trans-exclusionary radical feminist! Total transphob! Genau wie die Potterfrau.“ Gast A verschwindet schnaubend in die Küche. Gast B: „Hab ich was Falsches gesagt?“ Gast C besänftigend: „Du meinst, hier geht es hauptsächlich um Inklusion?“ Gast A, mit vollem Mund aus der Küche zurück: „Inklusion! Ausgerechnet! Inklusion ist doch nicht fair, guck doch nur mal in die Schule, da ...“ – „Im Ernst? Mit dem Schmarrn kommst du jetzt hier an?“

Das Treffen versinkt im Chaos. Das muss nicht sein: Hier kommt mein Rat: Offerieren Sie eine Lage Schnaps, kippen Sie notfalls ein Bierglas um oder simulieren Sie geschickt eine Übertragungsstörung, während Laurel Hubbard ihre 143 Kilo nach oben stößt. Schafft sie das nur, weil sie als Ex-Mann einen körperlichen Vorteil hat? Wenn wir das wüssten, könnten wir die obigen Diskussionen vielleicht sogar fair führen.

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06:00 31.07.2021

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