Wühlen in Ruinen

Russland/Ukraine Junge einheimische Aktivisten versuchen, alte Sowjetarchitektur vor dem Verfall zu schützen

Oft stehen sie noch, die Gebäude des Riesenreiches, als wollten sie die Zeichen einer Epoche sein und an eine vergangene Ära erinnern. Die Architektur der Sowjetunion besteht heute in sowohl faszinierenden wie übel zugerichteten Zeugnissen einer untergegangenen Zivilisation. Und das nur drei Jahrzehnte nachdem die Union der Sowjetstaaten zerfiel. Die physischen Überreste einer weitgehend vergessenen Architektur bestätigen, dass es im 20. Jahrhundert ein Gesellschaftssystem gab, das auf radikal anderen Werten beruhte als denen eines weltumfassenden Kapitalismus.

In der Regel änderten sich die Bauweisen und -stile, wenn die Sowjetunion in eine neue Phase eintrat. Grob unterteilt lassen sich für die Architektur drei Perioden unterscheiden: der Konstruktivismus von 1922 bis 1932, der sozialistische Klassizismus bis 1955 und die Spätmoderne, die bis zum Zusammenbruch Ende 1991 zu ihren Bauten fand. So wie Machtkämpfe innerhalb der Kommunistischen Partei über die Richtung entschieden, die das Land nehmen sollte, änderte sich auch der ästhetische Anspruch des Bauens. Nachweisen lässt sich das bis heute in allen 15 Nachfolgestaaten, wo zugleich das bauliche Dekor die kulturelle und ethnische Diversität des Vielvölkerstaates UdSSR spiegelt. Ausgezeichnete Fotobücher, besonders Roman Bezjaks Sozialistische Moderne und Frédéric Chaubins Cosmic Communist Constructions Photographed, beide von 2011, stellen die auffälligsten spätmodernen Gebäude einem größeren Publikum im Westen vor. Zuletzt kam 2019 der fesselnde Band Sowjetische Moderne, Brutalismus, Postmoderne – Gebäude und Strukturen in der Ukraine 19551991 von den Ukrainern Ievgeniia Gubkina und Alex Bykov heraus. Beide stehen dem zerstörerischen Umgang mit dem baulichen Erbe der UdSSR und den politischen Verhältnissen ihres Landes, die das erlauben, äußerst kritisch gegenüber.

Wege durch den Smog

Oft haben sich die Regimes, die nach 1991 in einstigen Sowjetrepubliken das Sagen hatten, als Flurbereiniger zu beweisen versucht. Wichtige Bauwerke wurden abgerissen oder Fassaden hinter Werbung versteckt. An Orten wie dem Ausstellungszentrum WDNCh in Moskau kommen die Gebäude inzwischen wieder zu Würde und Ehre. Womöglich zu Propagandazwecken, was nicht auszuschließen ist. Im Allgemeinen jedoch verfällt sowjetische Architektur ungebremst. Kehre ich in eine vor Jahren besuchte Gegend zurück, erschlägt mich häufig die traurige Entdeckung, dass ein Gebäude, das ich auf einer früheren Reise bewundert habe, verschwunden ist. So ließ der Bau eines neuen Einkaufszentrums am Freiheitsplatz im georgischen Tiflis keinen Platz für das elegante Portal einer U-Bahn-Station und den formidablen offenen Raum davor. An der Stelle dieses architektonischen Ensembles von 1967 steht nun eine H&M-Filiale. Mit der Leichtigkeit seiner hellen Materialien und dem rieselnden Wasser eines Trinkbrunnens war der Ort einst ein Beispiel für sowjetische Spätmoderne in einer lokalen Spielart.

In der abgelegenen Bergbausiedlung Tschiatura, ebenfalls in Georgien, war es schmerzhaft, 2016 den Abriss einer einzigartigen Seilbahnstation miterleben zu müssen. Das Gebäude gehörte gleichfalls zur Spätmoderne und war das einzige weltweit, in dem die Gondeln aus drei Himmelsrichtungen einfuhren. Es hatte mich bei meinem ersten Besuch in der kleinen Stadt sofort begeistert.

Eine der besten Varianten des sozialistischen Klassizismus in Armenien ging der Nachwelt ebenso verloren – die schöne Halle, in der sich der Gemüsemarkt von Jerewan befand, von den Einheimischen Pak Schuka genannt: „Markt mit Überdachung“. Der Architekt Grigorij Agababjan entwarf das Gebäude 1952. Ich sah es 2008 zum ersten Mal. Als ich bald darauf erneut nach Jerewan kam, war es verschwunden. Trotz öffentlicher Proteste ließ ein einheimischer Oligarch 2012 den Markt zugunsten eine Shoppingmall schleifen.

Nicht überall ist die Stadtentwicklung in den Ex-Sowjetrepubliken seit 1991 so katastrophal wie in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Fast drei Jahrzehnte lang ist hier hässlich, gesetzlos und ohne Gesamtplan gebaut worden. Überall erheben sich Penthouse-Silos, Business- und Hoteltürme. Eine brachiale Instant-Architektur hat die ukrainische Kapitale buchstäblich geschändet. 25-Stock-Monster sind mitten in einzigartige Jugendstil-Viertel aus der Zeit um 1900 hineingesetzt, Grundstücke zwischen Bauten des sowjetischen Konstruktivismus und des Neoklassizismus der Zarenzeit wurden einfach abgeräumt. Auf der Jagd nach Gewinn verschandeln Investoren das historische Kiew, dem Denkmalschutz zum Trotz verhindert es eine unverwüstliche Korruption, das aufzuhalten. Als besonders unansehnliches Beispiel darf das Hilton-Hotel (erbaut 2014) gelten, das in einer reizvollen Gegend unweit des Botanischen Gartens und der graziösen U-Bahn-Station „Universität“ von 1960 thront. Das Monster aus Stahl und Glas verhöhnt jedes ästhetische Gefühl noch in einer Entfernung von drei bis vier Kilometern. Nebenher führt die von verdichteten Hochhäusern ausgelöste Bevölkerungskonzentration zu häufigem Verkehrsstau. Denn die Menge der Fahrzeuge steigt rasant, das Ergebnis sind lange Staus in engen Gassen, wenn alles Stoßstange an Stoßstange steht, auch jetzt, trotz der durch die Corona-Krise auferlegten Beschränkungen. Jene dünne Schicht, die vom Gesellschaftssystem profitiert, blockiert mit SUVs der Marken Lexus und Maserati den Weg für den Bus- und Straßenbahnverkehr. Wovon die Kiewer Metro profitiert, die zu den menschenfreundlichsten Untergrundbahnen der Welt gehört. Nur wurde sie in den postsowjetischen Jahrzehnten kaum modernisiert. Überfüllte, störanfällige Züge sind die Folge, wie das auf viele Großstädte in den Nachfolgestaaten der UdSSR zutrifft. Darin spiegelt sich, wie brachial in diesen Ländern nach 1991 eine besondere Gesellschaftsformation Einzug hielt – die eines archaischen Neoliberalismus. Wie schon für den Sowjetsozialismus gilt auch für dieses Wirtschaftsregime, dass die Kluft zwischen dem Wunsch nach Selbstdarstellung und der Realität unüberwindbar ist. Vielmehr zeigt das postsowjetische Bauen an, wie diese Kluft zum Abgrund wird. Üblicherweise ist der Begriff „Ideologie“ in der politischen Theorie luftig und ungreifbar. Doch ist Architektur stets auch ein Ausdruck von Ideologie und ein Indiz dafür, wie sich Macht selbst wahrnimmt. Der Rückgriff des Neoliberalismus auf den öffentlichen Raum reflektiert Machtverhältnisse. Wie dieser Raum konstruiert, dekoriert und genutzt wird, dient dazu, Autorität unter Beweis zu stellen. Die Macht, eine physische Umgebung zu verändern, ist geeignet, die Wahrnehmung des Einzelnen von sich selbst zu verändern.

Keine Nostalgie

Aus diesem Grund sind große architektonische Veränderungen in einer Stadt eine basale Form der Machtausübung. Das gilt für Menschen und Städte in den ehemaligen Sowjetrepubliken genauso wie in West- und Mitteleuropa. Wenn sich in Ländern wie Deutschland und Dänemark zunehmend Unmut über die vorherrschende Architektur bemerkbar macht, warum sollte es dann nicht angebracht sein, sich auch wieder mit sowjetischen Bauweisen zu beschäftigen? Es lohnt sich, in den Ruinen der Sowjetunion herumzuwühlen und zu fragen: Welche Ideen baulicher Ästhetik sollten verworfen werden, welche könnten von Nutzen sein, wenn etwa die Macht von Immobilienfonds über die Stadtentwicklung Berlins oder Kopenhagens gebrochen werden soll, wenn Beispiele wie der Potsdamer Platz oder die kalte Funktionalität des Stadtteils Ørestaden in der dänischen Kapitale der Vergangenheit angehören sollten. Trotz vieler Unzulänglichkeiten, die das Leben in der Sowjetunion prägten, hätten dort Investmentfonds wie Blackstone nie Einfluss auf das Bauen nehmen können, wie das heute der Fall ist.

In der UdSSR war es der Architektur neben allem Drang nach Repräsentation zugleich aufgetragen, das Allgemeinwohl im Blick zu haben. Dies führte bei Stadtplanungen zu einem wesentlich konstruktiveren Ansatz als heute, da die Kakophonie einzelner Prestigeprojekte für viele Metropolen einen zu hohen Stellenwert hat. Wie Gemeinwohl in der sowjetischen Architektur beachtet wurde, ließen vorrangig Gebäude mit sozialer Funktion wie Kulturhäuser, Museen, Kinos, Sportanlagen und Bibliotheken erkennen. Ein Gegensatz zum heutigen Trend und der Praxis, lukrative Grundstücke in öffentlichem Besitz zu privatisieren und an den Meistbietenden zu verkaufen, um Luxusimmobilien für Begüterte, Residenzen von Konzernen, Filialen von Großbanken oder auf Überkonsum gerichtete Einkaufszentren zu bauen. Oft erreicht die Spekulation mit derartigen Immobilien ein groteskes Ausmaß. Dem würde sich die sowjetische Architektur widersetzen, wenn es sie noch gäbe.

Insofern wirken trotz ihres oft miserablen Zustands die aus Sowjetzeiten stammenden Bauten heute wie Ausrufezeichen. Als wollten sie sagen, dass es sich lohnt, durch das Bauen dem Ideal der sozialen Gerechtigkeit Gestalt zu geben. Unverkennbar ist mittlerweile das Bemühen vieler Bewohner in Moskau, St. Petersburg und anderswo – oft junge Menschen, die nach 1990/91 geboren wurden –, Gebäude im Namen eines positiven Aktivismus zu verteidigen. Sie protestieren gegen Bauunternehmer und ihre Abrisspläne. Gezielte Kampagnen retteten den legendären Schuchow-Radioturm in Moskau und das einzigartige Freiluftkino „Moskau“ in Jerewan vor den Planierraupen. Nach Ansicht Ruben Arewschatjans, Experte für die armenische Spätmoderne, handelt es sich bei solchen Protesten weder um Revanchismus noch um Nostalgie. Diese seien vielmehr ein Eingeständnis, dass die extreme soziale Ungleichheit in den postsowjetischen Oligarchien inakzeptabel ist. Sie bringen zum Ausdruck, dass Vertreter einer neuen Generation einem Ideal des Wohnens und Lebens nähertreten, wie das der Konstruktivismus wie die Spätmoderne vermittelten. Äußerst relevant für die Bemühungen dieser Generation ist der Umstand, dass sich der norwegisch-dänische Bauhaus-Professor Edvard Heiberg (der Freitag 4/2020) bereits 1932 nach einer Reise in die Sowjetunion Gedanken über den Kapitalismus, die Architektur und Stadtplanung machte. Die neuen sowjetischen Städte frisch in Erinnerung, kam er zu dem Schluss, dass der Kapitalismus aus „... Kräften besteht, die den Interessen der arbeitenden Bevölkerung zuwiderlaufen und die Entwicklung von Städten zu idealen Wohnquartieren in diesem sozialen System unvorstellbar machen“. Fast hundert Jahre später bestätigt die neoliberale Stadtentwicklung Edvard Heiberg in dieser Auffassung.

Jens Malling ist ein dänischer Autor, der für den Freitag bereits aus Abchasien, Armenien und der Ukraine berichtet hat

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