"Wuff, ich will da rein!"

Wikipedia I In der deutschen Wikipedia-Gemeinde gibt es Streit darum, welche Themen für das Online-Lexikon relevant sind und welche nicht. Ein Wettstreit konkurrierender Ideale

Die Schäferhündin Blondi starb am 30. April 1945 im Alter von elf Jahren. Wer mehr über Hitlers Hund wissen will, wird auf den deutschsprachigen Seiten der Wikipedia fündig, denn Blondi gehört zu den 21 Hunden, denen von der Wikipedia das Attribut „relevant“ verliehen wurde. Nach den Wikipedia-Kriterien ist ein „tierisches Individuum“ relevant, wenn „ein besonderes wissenschaftliches oder öffentliches Interesse an ihm dokumentiert ist“. Damit unterscheidet sich Blondi von 99 Prozent aller lebenden menschlichen Individuen, die laut Wikipedia irrelevant sind. Wer relevant ist und wer nicht, entscheidet sich an der Eingangstür. Nur wer den strengen Blicken der virtuellen Türsteher standhält, darf sich freuen, Bestandteil des Weltwissens zu sein.

Die Wikipedia hat sich über die Jahre zu einem exklusiven Club entwickelt, in den nicht jeder Eintrag aufgenommen wird. Das hat seinen Grund, denn Relevanz ist immer relativ. Für Otto Normalnutzer ist natürlich seine eigene Schäferhündin mindestens genau so relevant wie Blondi – allerdings sieht dies wahrscheinlich nur Otto Normalnutzer so. Um die selbst ernannte Sammlung des Weltwissens nicht zu einer Sammlung weltweiter Belanglosigkeiten ausarten zu lassen, sind solche Relevanzkriterien sicherlich notwendig. Braucht man allerdings mehr als 8.500 Wörter, um in bester bürokratischer Reglementierungswut Relevanzkriterien aufzustellen? Und: Was ist im Netz überhaupt relevant?

Neu gegen alt

Die Wikipedia ist kein redaktionelles Nachschlagewerk in der Tradition einer Encyclopedia Britannica. Der Wettstreit zwischen Wikipedia und den ledergebundenen Enzyklopädien ist nur ein Schlachtfeld der digitalen Revolution. Neu gegen alt, online gegen offline, Netzmedien gegen Zeitungsverlage, Basisdemokratie gegen Hierarchien, freies Wissen gegen kommerzielle Wissensverwertung. Beim Streit um die Relevanzkriterien geht es daher nicht nur um die Qualität eines Nachschlagewerks – es geht um konkurrierende Ideale.

Als sich zu Beginn dieses Jahrzehnts einige Internetpioniere auf den Weg machten, eine freie Onlineenzyklopädie zu verwirklichen, wurden sie von einem Ideal getrieben. Man wollte das Wissen der Massen sammeln, um es zum Nutzen der Allgemeinheit zu dokumentieren. Doch auch die digitale Revolution fraß ihre Kinder. Nachdem allein die deutschsprachige Wikipedia mit 900.000 Artikeln bereits das dreifache Volumen des Großen Brockhaus umfasst, ist das Onlinenachschlagewerk anscheinend an einem Punkt angekommen, an dem es zwischen Quantität und Qualität entscheiden muss. Soll die Wikipedia ihren idealistischen Ansprüchen treu bleiben oder nur eine Kopie der Encyclopedia Britannica werden?

Die Nutzer der Wikipedia sind sich der Einzigartigkeit ihres Online-Lexikons durchaus bewusst. Wer tatsächlich die Meinung vertritt, Wikipedia-Artikel müssten zwingend objektiv hohe Qualitätsstandards haben und zwingend objektiv relevant sein, hat das Prinzip Wikipedia nicht verstanden. Das Alleinstellungsmerkmal ist der basisdemokratische Ansatz. Die Relevanzkriterien versündigen sich an diesem Ideal. Wenn ein neuer Artikel für einige Nutzer relevant ist, dann kann man im Rahmen der Wiki-Software offen diskutieren, ob die Ansicht dieser Nutzer denn auch begründet werden kann. Sich hinter starren Paragraphen zu verstecken und so vermeintlich irrelevante Artikel zu löschen, ist nichts anderes als Zensur.

Um nicht selbst in den Verdacht zu geraten, als Blockwart über Relevanz oder Irrelevanz zu entscheiden, haben die Wikipedia-Administratoren versucht, „objektive“ Instanzen ins Feld zu führen. Eine lebende Person ist etwa relevant, wenn sie „in einem anerkannten biographischen Nachschlagewerk verzeichnet ist“. Für Otto Normalnutzer eine fast unüberwindbare Hürde. Er müsste entweder „wegen einer Beteiligung an historischen, politischen oder sonst nachrichtenwürdigen Ereignissen bekannt“, eine Persönlichkeit aus der Unterhaltungsbranche, oder ein Urheber von Werken sein, die als „herausragend anerkannt und dauerhafter Teil der Geschichte des betreffenden Fachgebiets geworden sind“. Als letzte Chance bliebe ihm, sich vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen – dann wäre er nämlich laut Relevanzkriterien ebenfalls relevant.

Die Wikipedia müsste sich selbst auflösen

Wer aber urteilt darüber, ob ein Werk herausragend oder ein Ereignis nachrichtenwürdig ist? Zeitungen, Zeitschriften und andere Papierpublikationen, so sie selbst relevant sind. Wenn eine relevante Zeitung über ein Ereignis oder eine Person berichtet, so ist dies laut Wikipedia relevant. Berichtet hingegen ein Blog oder eine Internetzeitung, so ist dies irrelevant. Schreibt ein Autor für eine gedruckte Zeitung, so ist sein Text Gradmesser für die Relevanz von Personen. Schreibt er den gleichen Artikel für eine Internetseite, so ist sein Werk irrelevant. Für ein Online-Lexikon sind solche Relevanzkriterien ein Zirkelschluss. Letztendlich spricht sich die Wikipedia damit selbst ihre Relevanz ab. Nach diesen Kriterien wäre ein Eintrag in der Encyclopedia Britannica relevant, ein Eintrag in der Wikipedia irrelevant. Wenn dem so wäre, müsste die Wikipedia sich selbst auflösen.

Wenn die Wikipedia nicht ihre Ideale über Bord werfen will, muss sie einsehen, dass es Wissen gibt, das nicht für jedermann relevant ist. Wenn ein Artikel neben dem Verfasser selbst nur einen weiteren Menschen interessiert, so ist dies – im Sinne des Ideals der digitalen Revolution – relevant, auch wenn die Online-Türsteher dies anders sehen. Sollte jedoch der einzige relevante Unterschied zwischen Wikipedia und einer redaktionellen Enzyklopädie die kostenlose Nutzung sein, so hat die Wikipedia eine historische Chance verspielt.

Jens Berger betreibt den Blog Der Spiegelfechterund schreib regelmäßig für den Freitag.

Der Streit darum, welche Themen relevant genug sind, einen eigenen Wikpedia-Eintrag zu bekommen und welche nicht, ist fast so alt, wie das Mitmach-Lexikon selbst. Es gibt die Inklusionisten, die finden, in den Weiten eines Online-Lexikons sollte für jedes Thema Platz sein. Ihnen gegenüber stehen die Exklusionisten, die Auswahl und Qualität betonen und die Wikipedia nach dem Vorbild einer klassischen Enzyklopädie gestalten wollen. In den letzten Wochen hat sich der Streit um die Relevanzkriterien auf den Wikipedia-Seiten und in vielen Blogs zugespitzt, nachdem der Eintrag des Vereins Missbrauchsopfer gegen Internetsperren (MOGIS) gelöscht wurde. Wikimedia Deutschland hat daher für den 5. November zu einer Diskussion nach Berlin eingeladen, wo über Sinn und Unsinn der Relevanzkriterien gesprochen werden soll. jap

13:05 03.11.2009

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