Jens Berger
03.11.2009 | 13:05 10

"Wuff, ich will da rein!"

Wikipedia I In der deutschen Wikipedia-Gemeinde gibt es Streit darum, welche Themen für das Online-Lexikon relevant sind und welche nicht. Ein Wettstreit konkurrierender Ideale

Die Schäferhündin Blondi starb am 30. April 1945 im Alter von elf Jahren. Wer mehr über Hitlers Hund wissen will, wird auf den deutschsprachigen Seiten der Wikipedia fündig, denn Blondi gehört zu den 21 Hunden, denen von der Wikipedia das Attribut „relevant“ verliehen wurde. Nach den Wikipedia-Kriterien ist ein „tierisches Individuum“ relevant, wenn „ein besonderes wissenschaftliches oder öffentliches Interesse an ihm dokumentiert ist“. Damit unterscheidet sich Blondi von 99 Prozent aller lebenden menschlichen Individuen, die laut Wikipedia irrelevant sind. Wer relevant ist und wer nicht, entscheidet sich an der Eingangstür. Nur wer den strengen Blicken der virtuellen Türsteher standhält, darf sich freuen, Bestandteil des Weltwissens zu sein.

Die Wikipedia hat sich über die Jahre zu einem exklusiven Club entwickelt, in den nicht jeder Eintrag aufgenommen wird. Das hat seinen Grund, denn Relevanz ist immer relativ. Für Otto Normalnutzer ist natürlich seine eigene Schäferhündin mindestens genau so relevant wie Blondi – allerdings sieht dies wahrscheinlich nur Otto Normalnutzer so. Um die selbst ernannte Sammlung des Weltwissens nicht zu einer Sammlung weltweiter Belanglosigkeiten ausarten zu lassen, sind solche Relevanzkriterien sicherlich notwendig. Braucht man allerdings mehr als 8.500 Wörter, um in bester bürokratischer Reglementierungswut Relevanzkriterien aufzustellen? Und: Was ist im Netz überhaupt relevant?

Neu gegen alt

Die Wikipedia ist kein redaktionelles Nachschlagewerk in der Tradition einer Encyclopedia Britannica. Der Wettstreit zwischen Wikipedia und den ledergebundenen Enzyklopädien ist nur ein Schlachtfeld der digitalen Revolution. Neu gegen alt, online gegen offline, Netzmedien gegen Zeitungsverlage, Basisdemokratie gegen Hierarchien, freies Wissen gegen kommerzielle Wissensverwertung. Beim Streit um die Relevanzkriterien geht es daher nicht nur um die Qualität eines Nachschlagewerks – es geht um konkurrierende Ideale.

Als sich zu Beginn dieses Jahrzehnts einige Internetpioniere auf den Weg machten, eine freie Onlineenzyklopädie zu verwirklichen, wurden sie von einem Ideal getrieben. Man wollte das Wissen der Massen sammeln, um es zum Nutzen der Allgemeinheit zu dokumentieren. Doch auch die digitale Revolution fraß ihre Kinder. Nachdem allein die deutschsprachige Wikipedia mit 900.000 Artikeln bereits das dreifache Volumen des Großen Brockhaus umfasst, ist das Onlinenachschlagewerk anscheinend an einem Punkt angekommen, an dem es zwischen Quantität und Qualität entscheiden muss. Soll die Wikipedia ihren idealistischen Ansprüchen treu bleiben oder nur eine Kopie der Encyclopedia Britannica werden?

Die Nutzer der Wikipedia sind sich der Einzigartigkeit ihres Online-Lexikons durchaus bewusst. Wer tatsächlich die Meinung vertritt, Wikipedia-Artikel müssten zwingend objektiv hohe Qualitätsstandards haben und zwingend objektiv relevant sein, hat das Prinzip Wikipedia nicht verstanden. Das Alleinstellungsmerkmal ist der basisdemokratische Ansatz. Die Relevanzkriterien versündigen sich an diesem Ideal. Wenn ein neuer Artikel für einige Nutzer relevant ist, dann kann man im Rahmen der Wiki-Software offen diskutieren, ob die Ansicht dieser Nutzer denn auch begründet werden kann. Sich hinter starren Paragraphen zu verstecken und so vermeintlich irrelevante Artikel zu löschen, ist nichts anderes als Zensur.

Um nicht selbst in den Verdacht zu geraten, als Blockwart über Relevanz oder Irrelevanz zu entscheiden, haben die Wikipedia-Administratoren versucht, „objektive“ Instanzen ins Feld zu führen. Eine lebende Person ist etwa relevant, wenn sie „in einem anerkannten biographischen Nachschlagewerk verzeichnet ist“. Für Otto Normalnutzer eine fast unüberwindbare Hürde. Er müsste entweder „wegen einer Beteiligung an historischen, politischen oder sonst nachrichtenwürdigen Ereignissen bekannt“, eine Persönlichkeit aus der Unterhaltungsbranche, oder ein Urheber von Werken sein, die als „herausragend anerkannt und dauerhafter Teil der Geschichte des betreffenden Fachgebiets geworden sind“. Als letzte Chance bliebe ihm, sich vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen – dann wäre er nämlich laut Relevanzkriterien ebenfalls relevant.

Die Wikipedia müsste sich selbst auflösen

Wer aber urteilt darüber, ob ein Werk herausragend oder ein Ereignis nachrichtenwürdig ist? Zeitungen, Zeitschriften und andere Papierpublikationen, so sie selbst relevant sind. Wenn eine relevante Zeitung über ein Ereignis oder eine Person berichtet, so ist dies laut Wikipedia relevant. Berichtet hingegen ein Blog oder eine Internetzeitung, so ist dies irrelevant. Schreibt ein Autor für eine gedruckte Zeitung, so ist sein Text Gradmesser für die Relevanz von Personen. Schreibt er den gleichen Artikel für eine Internetseite, so ist sein Werk irrelevant. Für ein Online-Lexikon sind solche Relevanzkriterien ein Zirkelschluss. Letztendlich spricht sich die Wikipedia damit selbst ihre Relevanz ab. Nach diesen Kriterien wäre ein Eintrag in der Encyclopedia Britannica relevant, ein Eintrag in der Wikipedia irrelevant. Wenn dem so wäre, müsste die Wikipedia sich selbst auflösen.

Wenn die Wikipedia nicht ihre Ideale über Bord werfen will, muss sie einsehen, dass es Wissen gibt, das nicht für jedermann relevant ist. Wenn ein Artikel neben dem Verfasser selbst nur einen weiteren Menschen interessiert, so ist dies – im Sinne des Ideals der digitalen Revolution – relevant, auch wenn die Online-Türsteher dies anders sehen. Sollte jedoch der einzige relevante Unterschied zwischen Wikipedia und einer redaktionellen Enzyklopädie die kostenlose Nutzung sein, so hat die Wikipedia eine historische Chance verspielt.

Jens Berger betreibt den Blog Der Spiegelfechterund schreib regelmäßig für den Freitag.

Der Streit darum, welche Themen relevant genug sind, einen eigenen Wikpedia-Eintrag zu bekommen und welche nicht, ist fast so alt, wie das Mitmach-Lexikon selbst. Es gibt die Inklusionisten, die finden, in den Weiten eines Online-Lexikons sollte für jedes Thema Platz sein. Ihnen gegenüber stehen die Exklusionisten, die Auswahl und Qualität betonen und die Wikipedia nach dem Vorbild einer klassischen Enzyklopädie gestalten wollen. In den letzten Wochen hat sich der Streit um die Relevanzkriterien auf den Wikipedia-Seiten und in vielen Blogs zugespitzt, nachdem der Eintrag des Vereins Missbrauchsopfer gegen Internetsperren (MOGIS) gelöscht wurde. Wikimedia Deutschland hat daher für den 5. November zu einer Diskussion nach Berlin eingeladen, wo über Sinn und Unsinn der Relevanzkriterien gesprochen werden soll. jap

Kommentare (10)

avatar 03.11.2009 | 14:33

Ich möchte nicht näher auf das allgemeine Thema Inklusionismus vs. Exklusionismus eingehen, da das bereits an verschiedensten Stellen thematisiert wurde.

Nur einige artikelspezifische Kommentare:
Die Wikipedia ist keine Basisdemokratie und war es auch nie. Richtig ist, dass sie durchaus demokratische Elemente beinhaltet. Ansonsten ist die Machtstruktur innerhalb der Wikipedia aber sehr komplex und man kann unter de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Machtstruktur einen Einblick gewinnen.

Das wichtigste Merkmal der Wikipedia ist selbstverständlich somit auch nicht der basisdemokratische Ansatz, sondern die freie Lizenzierung ihrer Inhalte. Dies hat zum "Untertitel" "Die freie Enzyklopädie" geführt und das ist ein entscheidender relevanter Unterschied zu herkömmlichen Enzyklopädien.

Zur letzten Überschrift - dieser Gedankengang ist nicht konsequent zu Ende gedacht worden - anabhängig von anderen Kriterien ist die Wikipedia nach ihren eigenen Richtlinien alleine schon durch die Medienberichterstattung, die Forschungsarbeiten über sie, etc. relevant.

avatar 03.11.2009 | 15:10

Dann schlage ich vor, dass du Larry und Jimmy anschreibst und um einen Kommentar bittest.

Larry lässt zwar kein gutes Wort an der Wikipedia oder Jimmy - aber er verfolgt den gegenteiligen Ansatz: Keine Anonymität, stärkere akademische Ausrichtung, keine "Trivialeinträge".

Auch Jimmy wird dir meiner Einschätzung nach wohl eher nicht zustimmen. Insofern finde ich, dass man zwar über die Aussage, dass die Wikipedia "eine historische Chance verspielt" hat, diskutieren kann, aber finde die Aussage, dass jemand "das Prinzip Wikipedia nicht verstanden" hat, ziemlich vermessen.

Spiegelfechter 03.11.2009 | 16:43

Das ist ja der Vorteil einer freien Diskussion - auch Vermessenheit hat ihre Daseinsberechtigung ;-)

Wo wären wir denn, wenn nur eine einzige gültige Interpretation des "Prinzips Wikipedia" existieren würde? Ich finde es eher vermessen, die Wikipedia zu vereinnahmen. Die Wikipedia ist eine Gemeinschaft und genau so unterschiedlich wie die Mitglieder dieser Gemeinschaft sind, sind auch die Interpretationen des "Prinzips Wikipedia".

Aber wie ich schon schrieb - die digitale Revolution hat anscheinend ihre Kinder gefressen.

zelotti 03.11.2009 | 18:53

Erstens verwechselst du Relevanz mit Lemma, ein bekanntes Problem

Zweitens ist Dir nicht klar, dass die Brittanica bereits tot ist. Das ist also die Debatte von gestern.

Drittens geht es um die besondere Löschnazi-Haltung in der deutschen Wikipedia gegen qualitativ hochwertige Artikel. Das klassische Beispiel ist eine Berliner Straße, die nach Wikipedia relevant ist und einen schönen Artikel auf englisch hat, während sie auf de.wikipedia.org irrelevant ist.

zelotti 03.11.2009 | 19:07

Das problematische Wort ist "Basisdemokratie", das eine bestimmte Fatalität hat, nämlich in Richtung Herrschaft und Legitimierung von Herrschaft durch eine Gruppe weist.

Das wollte man ja gerade nicht. Die Wikipedia folgt dem Open Source Prinzip, wer beiträgt hat Recht, wer beiträgt und nicht Recht hat, fordert dich auf es noch besser zu machen. Nun kann man sich vorstellen, dass Leute, die beitragen und sanktioniert werden, sich verschaukelt fühlen. Man schreibt einen exzellenten Artikel und irgendwelche Gartenzwerge löschen den einfach. Es ist doch ganz klar, dass die Relevanzschwelle in dem Maße absinkt, wie die Wikipedia im Kern wächst. Was nicht lexikalisch würdig im Jahr 2004 war, z.B. meine Schule, wird es im Jahr 2010, weil es Artikel zu meinem Stadtteil usw. gibt und der Artikel meiner Schule genau die Geschichte und die Entwicklung dieser Schule erklärt und ausserdem der und der wichtige dort zur Schule ging, oder ein Attentat auf die Schule stattfand etc.

Spiegelfechter 03.11.2009 | 20:27

@zelotti

Zitat: "Erstens verwechselst du Relevanz mit Lemma, ein bekanntes Problem"

Ich weiß nicht, wie man diese Begriffe verwechseln kann. Hilf mir doch mal bitte auf die Sprünge

Zitat: "Zweitens ist Dir nicht klar, dass die Brittanica bereits tot ist. Das ist also die Debatte von gestern."

Nein, das ist mir auch nicht klar. Warum soll "die Britannica" tot sein?

Zitat: "Drittens geht es um die besondere Löschnazi-Haltung in der deutschen Wikipedia gegen qualitativ hochwertige Artikel."

Darum mag es Dir gehen. Mir nicht.

sternschwarz 05.11.2009 | 14:39

Die Wikipedia ist bislang eine einzige Erfolgsgeschichte gewesen - als ein Lexikon, das dezentral vom Schwarm betrieben wird.
Diese Johnny Kontrolletis haben den Sinn dieser neuen Art von Lexikon offensichtlich nicht verstanden: Es ist gerade der Clou daran, das JEDER sich GLEICHBERECHTIGT daran beteiligen kann. Es obliegt auch dem Einzelnen, zu entscheiden, was für ihn verwertbar ist und was nicht. Das Wiki-Prinzip beinhaltet, beim User selbst die Mündigkeit zur informationellen Selbstbestimmung anzunehmen. Jetzt anzufangen, User in bestimmte Kategorien einzuteilen und zentraliserte Blockwarte zu beschäftigen, ist der Anfang vom Ende der (deutschen) Wikipedia. Meinetwegen soll man die User selbst entscheiden lassen, welche Beitrag sie relevant finden und welchen nicht - ein simples Bewertungstool für Artikel würde dazu vollkommen ausreichen.