Wunde

Metapher Gedichte des libanesischen Autors Abbas Beydoun

"Man spricht von übertriebener Gewaltanwendung. Warum nennt keiner es Barbarei?" Als sich der libanesische Dichter Abbas Beydoun vergangene Woche in deutschen Zeitungen zum Krieg in seinem Land äußerte, ließen seine Interventionen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Er warf Israel nicht nur die Unverhältnismäßigkeit der Mittel beim Schlag gegen die Hisbollah vor. Schlimmer: Er bezichtigte das Nachbarland einen Krieg zu führen, der den Frieden unmöglich macht: "Der Krieg besagt, dass Israel uns als Feind haben wollte ... Er hat sich daran gemacht, das friedliche libanesische Projekt in seinen Grundfesten zu zerstören".

So scharfsinnig und entschieden der politische Essayist argumentiert, so schwebend bleibt er in seiner Lyrik. Wer das Bändchen zur Hand nimmt, das der 1945 geborene Schriftsteller während eines Aufenthalts im Berliner Wissenschaftskolleg 2002/2003 verfasst hat, stößt auf Bilder wie Karlheinz Stockhausen als "elektrisch betriebenen Engel" oder auf Generale, die "in schwarze Regenwälder" marschieren. Immer wieder kreiert Bedoun in seiner Lyrik Momente der Verlorenheit, des Rätsels und des Traumes.

Eine Saison in Berlin ist, wenn man so will, ein Gelegenheitsprodukt. Und wie oft bei "Stipendiatenprosa" trägt dieses lyrische Tagebuch eines Deutschlandaufenthalts alle Merkmale jener produktiv verwandelten Fremdheit, mit der man das Eigene neu sehen lernt. Dazu gehört die vertrackte Dialektik des Verstehens. Erst fällt dem Gast aus dem arabischen Land in einem Lokal das deutsche Wort "Apfelkuchen" nicht ein. Später trägt ihm nur "ein richtiges Missverständnis" die Speise auf den Tisch. Etwas anderes versteht er sofort: Verbrechen sind zahnlos am Potsdamer Platz/Die Flügel des Schicksals sind gestutzt am Potsdamer Platz/Nichts hinterlässt Reste am Potsdamer Platz - beschreibt Beydoun die sterile Urbanität des Okzidents.

Die Litanei des Erschreckens über das entseelte Posthistoire der Kommerzkultur sollte nicht dazu verleiten, Beydoun in die Schublade irgendeines typischen "Orient" zu stecken. Die Lyrik eines der wichtigsten arabischen Poeten der Gegenwart ist zwar bildgesättigt und metaphernreich. Sie atmet das Pathos der arabischen Poesie, wenn sich in einem Gedicht "das Gesicht des Sees mit Tränen füllt". Doch in Bildern wie dem "Tod als deutschen General, der sein blaues Auge auf den Tisch legt und mit einem hinkenden Bein fortgeht" meint man das ferne Echo des europäischen Surrealismus zu vernehmen. Und wenn am Potsdamer Platz "der weisse Rauch unserer Seelen ... vom Krematorium" aufsteigt, merkt man die poetische Orientierung dieses Lyrikers, der in Beirut und Paris arabische Literatur und Islamwissenschaften studierte: "Beydoun ist mehr Celan als Orpheus" beschrieb der Schriftsteller Michael Kleeberg in seinem wundervollen libanesischen Reisetagebuch Das Tier, das weint einmal seinen Gastgeber, der ihm zum Freund wurde. Seit 1997 ist Beydoun Feuilleton-Chef der linken libanesischen Zeitung As-Safir.

Vielleicht ist es dieser doppelte kulturelle Fundus aus dem Beydoun schöpft, der es ihm ermöglicht "die Stimmen des Leidens der Juden" so klar zu hören. Zwei lyrischen Reflektionen über Imre Kertész und das Jüdische Museum in Berlin beweisen, dass nur diese Exponenten der arabischen Zivilgesellschaft den unausweichlichen Dialog mit Israel führen könnten, der jetzt gerade im Streubombenhagel untergeht. Auch wenn der nach 15 Jahren Bürgerkrieg desillusionierte Marxist Beydoun etwas ahnt von der Halbwertzeit historischen Bewusstseins: "Sofort ist die Nachricht gelöscht zugunsten der über Ruanda oder über Bosnien oder über Bagdad".

Das Bild, das sich am häufigsten durch das Bändchen zieht, ist das der Wunde. Diese "Wunde in der Brust", von der das lyrische Ich immer wieder spricht, mag man als poetische Verarbeitung des Herzleidens Beydouns deuten. (Den geplanten Roman über die von Generation zu Generation vererbte Wunde hat er bislang noch nicht geschafft.) Man kann sie aber auch als Metapher für die tiefe Wunde dieses geplagten Landes lesen oder sie auf die politische Situation derzeit übertragen. Auch wenn die scheinbar unversöhnliche Feindschaft der Kriegsparteien dagegen spricht: Vielleicht ist es gar nicht so falsch, sich den Nahen Osten so vorzustellen wie Beydoun zwei Liebende nach dem Kampf des Geschlechtsaktes: "nackt mit einer Wunde".

Abbas Beydoun. Eine Saison in Berlin. Übersetzt von Leila Chammaa, Nesrine Shibib und Tarek Eltayeb. Mit einem Nachwort von Michael Kleeberg. Edition selene. Wien 2004, 64 S., 14,90 EUR


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00:00 04.08.2006

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