Wunder

linksbündig Die Katholische Kirche ist ein Kunstprodukt erster Güte

Böse Zungen behaupten, das Christentum in seiner katholischen Variante sei im Grunde keine monotheistische Religion, denn unzählige hoch verehrte Heilige geistern hier wie kleine Götzen auf halbem Wege zwischen Gott und den Menschen herum - will man nicht ganz hinauf in den Himmel beten, gibt es eine Etage tiefer reiche Auswahl an Figuren, die als Vermittler, Vorbilder und Fürsprecher fungieren, Boten des Spirituellen mit irdischer Kragenweite.

Im säkularen 21. Jahrhundert wirkt die Vorstellung von echten "Heiligen" wie ein skurriler Anachronismus, und doch hat Papst Johannes Paul II in den nun 25 Jahren seiner Amtszeit mehr Menschen heilig gesprochen als die Päpste der letzten 400 Jahre zusammen. Das muss dem Karol Wojtyla eine echte Herzensangelegenheit sein, er hat das Heiligsprechungsverfahren reformiert, eigens eingestellte "Relatoren" sind mit Zuarbeiten beschäftigt in dieser effizienten Fabrik der Weihe. 1.308 Selige und 477 Heilige sind unter Johannes Paul II vom Band gelaufen, am 19. Oktober wird er Mutter Teresa selig sprechen, auch wenn sie eigentlich noch nicht gebührend lange verstorben ist. Denn heilig werden nur Tote und zuvor selig Gesprochene. So ist die Ordnung.

Die Katholische Kirche ist nicht von dieser Welt. Ihr Konservativismus kennt keine Grenzen, mit seinem nahezu bewundernswerten Starrsinn fährt der Papst, der unfehlbare, einen so anti-modernen Kurs, dass es jenen, die heute die katholische Lehre ans Publikum vermitteln wollen, nur den Magen umdrehen kann. Andererseits: man weiß, woran man ist. Die Katholische Kirche mit ihrer klaren Linie in Sachen Sexualität, Patriarchat, Ökumene, ist zur Ikone ihrer selbst geworden, zum Kunstgebilde, einer reinen, ästhetischen Form jenseits aller praktischen Lebbarkeit. Wojtylas bodenlos simpel erscheinende Sicherheit des Urteils hat so gesehen fast etwas Tröstliches: sein Friedenswille ist durch keinen US-Zwang zu beirren, sein Missionsgeist ist ungebrochen und wirkt politisch. Er selbst, der Papst, ist personifizierter Widerstand. Ein parkinsonkranker Greis als Vertreter Gottes auf Erden ist eigentlich eine Zumutung und doch über die irdische Kategorie des "Rücktritts" erhaben. Zynisch mag man in seiner erschreckenden Pose ein Bild für den Zustand des Christentums sehen; religiös gedacht ließe sich einwenden: Gott offenbart sich nicht im Orkan, sondern im Lufthauch eines Greises.

Auch der Akt der Heiligsprechung hat etwas Ikonisches, denn bei Personen, die nicht Märtyrer waren, muss eine Wundertätigkeit nachgewiesen sein, damit sie als Heilige gelten dürfen. Ein Wunder! Im 21. Jahrhundert. Schon im Markus-Evangelium wird Jesus als einer geschildert, der vor falschen Propheten warnt, die auch Wunder tun können.Und weil die Katholische Kirche etwas anderes ist als eine Ufo-gläubige esoterische Gemeinde, gibt sie sich ganz dem doppelten Paradox hin, einerseits das richtige vom falschen Wunder scheiden zu wollen und andererseits das per se Übernatürliche durch eine eigens eingesetzte Kongregation und Expertenkommissionen sehr natürlich nachzuweisen. Genau geregelt ist das Verfahren zur Lektüre der Wunder als Zeichen Gottes, des Einbruchs der Übernatur. Mutter Teresas Wunder - sie soll eine Inderin auf unerklärliche Weise von einem Magentumor befreit haben - ist noch zu prüfen.

Die Heiligenverehrung hat viel mit Volksfrömmigkeit zu tun, und weil in früheren Jahren der Kirchengeschichte eine anarchischer Heiligenkult ins Kraut schoss, kanonisierte man im Mittelalter das Verfahren und sprach den Päpsten das alleinige Recht zu, Heilige zu ernennen. Denn Päpste waren in der Regel sparsamer. Was treibt Johannes Paul II zu seinem Furor? "Er ist eben Pole", sagen die einen, "er setzt politische Zeichen", sagen die anderen. Oft handelt es sich bei den Heiliggesprochenen um Menschen, die Orden gründeten in missionarischer Tätigkeit.

Es sieht aber auch so aus, als wolle die Kirche nach dem "deklarierten" Tod Gottes sich ihrer selbst besonders versichern, als wolle der Papst in seiner Manie gleich einen guten Teil aller übrig gebliebenen Gläubigen in den Heiligenstand versetzen. Das hat dann fast schon wieder etwas Demokratisches. Er schafft ein Kunstwerk. Und er nutzt seinen kirchlichen Status zur Kanonisierung der profanen Volksgläubigkeit. Die Kirche verwundert immer wieder.

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00:00 17.10.2003

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