Wunder haben keine feste Haut

Wirklichkeit in der Idylle In Helga Schütz Buch "Grenze zum gestrigen Tag" geht es um Behinderungen vielfältigster Art

Ich rechne längst mit Wundern. Wer weiß, sage ich, wenn ich will, schlägt der Spazierstock Wurzeln." Dieser Wunderglaube macht das Leben lebenswert. Freude, Leid, Sorgen, Siege. Es ist, wie es sein soll. Auf die schönste Art normal. Die Ich-Erzählerin in dem jüngsten Roman von Helga Schütz ist so eine wundergläubige Frau: Etwas ganz intensiv wollen, dafür arbeiten, sicher die Fäden in der Hand halten, dann wird´s. Dazu gelernte Gärtnerin - naturverliebt also. Sangesfreudig - so lernt sie Hugo, den Mann ihres Lebens kennen. Sie fühlt sich als Urmutter, als Mittelpunkt einer kleinen Gemeinschaft, in der Lage, alle Dinge zu ordnen, Glück zu verströmen. Sie muss nur ihr kleines Universum einpassen in das nächst größere, dann ist es gefeit gegen die Welt. Sie hat alles, was sie braucht. Eine große Liebe, einen Beruf, ein kleines Kind, das mit ihr das Glashaus teilt, bevor sie in das Haus am See ziehen, das den Blick auf die Welt hinter der Grenze zulässt. Zunächst jedenfalls. Dazu Katze, Federvieh, ein Pferd. Ein Mikrokosmos, in dem die Heiterkeit regiert. Dann das zweite Kind, es wird nicht wie das erste sein. Behindert geboren, die Aussichten sind schlecht. Der Einbruch der Wirklichkeit in die gedachte Idylle. Aber die Ich-Erzählerin wird es richten. Nicht mehr arbeiten. Betty pflegen, diesem Kind Freude geben. Warum soll das schlechter sein? Früh vor sechs stinkende Braunkohle in einen veralteten Ofen schippen, damit es Mann und Kinder warm haben. Ganz normal. Dem Verfall des Kindes zusehen. Das wird besser werden irgendwann, sicher. Schließlich wird der Blick über das Wasser versperrt. Mach die Augen zu und du kannst sehen, was du auch bisher gesehen hast: "Der See dampft. Ein Fischerboot läßt sich vom Westen herübertreiben. Schläft denn der Kerl?... Die Aale und Havelzander leben wie in alten Zeiten. Die Vögel haben sowieso wenig Gesetz im Leibe, keine Not mit der Schwerkraft, kein Kummer mit Grenzen..." Von innen und außen legen sich Schnüre um ihr kleines Wunder. Sie ist umzingelt: Am Ende des Gartens verlaufen erst Zäune, dann Betonmauern. Niemand kann mehr kommen und gehen, keine Freunde, keine Verwandten, nur die Großeltern, manchmal. Von Krankheit, Heilung ausgeschlossen. Nichts ist, wie bei anderen. Betty wird nicht in die Schule gehen, die von der anderen Seite des Sees trickreich herübergebrachte Medizin wird die Krankheit nicht heilen und ihr Kind wird zum letzten Mal die Augen aufschlagen, wenn sie unterwegs ist, um Vorbereitungen zu treffen, es nach Hause zu holen. Und am Ende wird Hugo weg sein, er darf aus-, aber nicht wieder einreisen - schließlich war das Paar nie verheiratet - und der Sohn auch. Wunder haben keine feste Haut.
Helga Schütz hätte ein Melodram schreiben können: Behindert in jeder Weise, würden die großen und kleinen Träume ihrer Figuren zwangsläufig in Depression münden. Elend lässt sich nicht verinnerlichen, es sei denn um den Preis des Untergangs. Die private Katastrophe im Schatten der Mauer wäre sicher erzählenswert, aber ohne Überraschung, weil in dieser Form erwartet. Sie tut es nicht. Sie schildert niemals das Ereignis an sich, sondern immer, wie ihre Figuren damit umgehen. Sie folgt der Ich-Erzählerin in die Verästelungen der kleinen Welt, auf die schlappen Seile des Lebenssegels, hilft dabei, Krücken zu bauen und Notplanken zu verlegen. Denn ohne sie regierte Verzweiflung. Die aber ist ein Feind des Lebens, man muss sie in Schach halten. Und sei es mit einem kleinen gemieteten Ausweichquartier, das keine andere Bestimmung hat, als die Illusion einer Existenz außerhalb der gegebenen Bedingungen zu pflegen. Wer weiß schon, wieviel Illusionen ein normales Leben braucht? Wovon sie abhängen? Wer könnte im Bewusstsein des Todes glücklich sein, wenn er Angst und Schmerz und die totale Leere spürt, immer und zu jeder Zeit? Die Ich-Erzählerin füllt alle Heiterkeit, derer sie habhaft wird, in dieses Leben, die Seltsamkeiten einer Katzenliebe, die merkwürdige Art des Bauern, der dem Pferd Logis gibt, es zu füttern, die wenigen Lernerfolge des Kindes, aufsteigende Nebel, die Weite märkischer Auen.
Helga Schütz hat ihre Naturauffassung, in der Werden und Vergehen immerwährender Prozess sind, von dem der Mensch ein Teil, aber nicht der bestimmende ist (im Frühjahr wird bei Aufbau ihr Buch Dahlien im Sand erscheinen, in dem über diese Naturauffassung nachzulesen sein wird), in die Literatur übertragen und zu einem heiter erzählten dramatischen Roman verarbeitet, in dem ihre Ich-Erzählerin den Ablauf der Ereignisse zwar wahrnimmt aber sofort wieder verdrängt. Sie hadert nicht mit dem Schicksal, sie nimmt es an und durchlebt es solange wie möglich scheinbar unbeschadet. Die beschriebenen Alltäglichkeiten bescheren selbst dem todkranken Mädchen immer wieder strahlende Augen. Das Pferd, auf dem es wenigstens für kurze Zeit sitzen darf, macht es glücklich, die Katze wärmt. Die Grenzer rücken aus und umstellen den Notarzt als "unangemeldete Person", füttern aber schließlich die Enten, weil der Rückruf ausbleibt. "Mietz, bei uns hat dein Geputze keinen Zweck, das solltest du nach sieben Jahren im Grenzgebiet wissen. Grenzgebiet, Betreten verboten. Wir wohnen in einer Festung."
Dabei unterschlägt die Autorin nicht etwa, was an den Nerven reißt, nicht das Gebell der angeleinten Spürhunde, nicht die gelegentlichen Schüsse, nicht die Krankheitsschübe und auch nicht das Leben außerhalb des kleinen Bereichs. Hugo arbeitet an einer Friedens-Oper, gefördert zunächst, dann misstrauisch begleitet. Hoffnung aus Prag, Panzer in Prag. Was heißt da Frieden? Sie vermeidet Interpretation. Sie setzt das gewöhnliche Leben gegen politisches Kalkül. Sie balanciert auf dem schmalen Grat, der Alltägliches von Absonderlichem trennt und schlägt so viel wie möglich zum Alltäglichen. So hält sie Gleichgewicht. Für sie zählen nicht die Normen Fremder, sie hat eigene, unumstößliche Grundsätze, denen sie folgt. Dass ihr die Zügel des eigenen Lebens entgleiten, darf sie nicht zur Kenntnis nehmen. Seit es der Sohn weiß, schippt er die Kohlen. "Seit der Zeit, da er im Keller das Ascheräumen und Heizen übernommen hat, zeigt er mir nur noch Mut. Er ist fast erwachsen in seinen Verstellungskünsten, aber noch nicht erwachsen genug."
Die erwartete gedrückte Stimmung bleibt in diesem Buch aus, das Naheliegende, das Suggerierte unterbleibt. Nur wer die Zwischenzeilen erfasst, hört den Putz rieseln, ahnt, dass das kleine, so bizarr abgeschirmte Haus längst eine Ruine ist, fühlt die Nähe der Katastrophe: Es wird das beschworene Glück nicht geben. Die Kongruenz zwischen Natur im Fluss und menschlichem Bemühen um Glück gibt es nicht. Die leise, starke Frau gibt dennoch nicht auf.
Grenze zum gestrigen Tag ist das Buch über eine Familien im Berliner Grenzgebiet - wer will, kann die Orte finden, an denen es spielt, Lebensläufe überprüfen. Es ist gleichzeitig die Geschichte der Hoffnungen und Vorstellungen, der kleinen und großen Illusionen, der verdrängten Erfahrungen und bewahrten Träume einer Vielzahl von Menschen in der DDR. Idealistische, naive, sympathisch verträumte Weltveränderungs-Entwürfe aus den frühen Jahren dieser Republik trotzen der Krankheit, die am neuen Staat nagte. Die Momente von Ausgelassenheit und Freude, von Erfolg und dem üblichen Schmerz übertönten Signale, die grell durch den geschlossenen Raum gellen.
Der Zusammenbruch kommt nach dem Wunderglauben - dann, wenn es nichts mehr zu tun gibt. Wenn nur noch Leere ist und keine Angst mehr um andere, keine Verantwortung, die auch im Dunkeln nach einem Schimmer sucht. "Man kann auch von Täuschungen leben. Aber sie dürfen nicht weh tun und nichts kosten..."
Helga Schütz, die profilierte Potsdamer Autorin hat, wie in beinahe allen ihren Büchern, nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern ein Lebensbild entworfen, das sich vorschneller Urteile über verdrängtes und bedrängtes Leben enthält, statt dessen unaufgeregt leicht ein Panorama aller Umstände zeichnet. Die Erzählerin versteht sich als Chronistin des Einmaligen, das zwangsläufig die Wesenszüge des Allgemeinen enthält. Sie formuliert gekonnt sorgfältig - manchmal ausufernd - unter Verzicht auf grelle Licht- oder Wortreflexe. Sie will nicht behelligen, sondern darlegen. Und plötzlich schimmert vor diesem sorgfältig grundierten heiterem Hintergrund der Abgrund.

Helga Schütz: Grenze zum gestrigen Tag, Roman, Aufbau-Verlag, Berlin, 2000, AtV 2002, 8,50 EUR

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00:00 22.02.2002

Ausgabe 39/2020

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