Wunderautomat

Berliner Abende Eine meiner ersten Erinnerungen an Berlin ist ein S-Bahnsteig im damals noch recht dunklen Ostberlin - dunkel, weil die meisten Fassaden noch nicht ...

Eine meiner ersten Erinnerungen an Berlin ist ein S-Bahnsteig im damals noch recht dunklen Ostberlin - dunkel, weil die meisten Fassaden noch nicht frisch gestrichen waren, so dass an Winterabenden sich einzig die Fensterrahmen hell abhoben, die die Mieter selbst weiß lackiert hatten. Den S-Bahnsteig sah ich jeden Morgen, wenn ich auf die Bahn Richtung Wannsee oder Westkreuz wartete, und jeden Abend, wenn die Bahn Richtung Wartenberg, Erkner oder Königs Wusterhausen mich wieder zurück zum Ostkreuz brachte. Und jeden Tag grüßte mich hier ein wundersames Ding. Es war ein Fahrkartenautomat aus den eben erst vergangenen DDR-Zeiten, der noch da stand und dessen Technik offenbar ihren Dienst versagt hatte. Oder sollte der Standard-Ostberliner-Fahrkartenautomat mit Bedacht so konstruiert worden sein? Welch ein Land muss die DDR gewesenen sein! Ihre Techniker Künstler, die Gebrauchsgegenstände entwarfen, die man bediente und meinte, den Hauch einer Utopie zu spüren - was wäre wenn. Das Geld könnte seiner Macht beraubt und nichts als hübsches Klimperzeug sein, das man nach Belieben behält oder weitergibt. Das man auf den flachen Handteller legen und in der Sonne glänzen lassen oder, einer Laune folgend, in den Schlitz eines Automaten werfen kann. Die Münze klingelte im Bauch des Metallapparats. Die Fahrkarten, das Brot, die Currywurst, das alles gäbe es derweilen umsonst. Mein Fahrkartenautomat funktionierte so: Ein Schlitz, der mit "Geldeinwurf" markiert war, nahm, so man es wollte, eine Münze auf. An anderer Stelle befand sich ein Knopf und darunter ein Ausgabefach. Drückte man auf diesen Knopf, spendete dieses eine Fahrkarte. Egal, ob man Geld eingeworfen hatte oder nicht. In den ersten Tagen nach meiner Entdeckung "kaufte" ich jedes Mal einen Fahrschein. Ich verstaute ihn sorgsam in der Brieftasche, um ihn während der Fahrt von Zeit zu Zeit herauszuziehen, ihn zu betrachten und das Gefühl zu genießen, dass alles möglich sei. Die Marktwirtschaft, die Schwerkraft, jegliches könne aufgehoben werden. Dann wurde ich sparsamer, um den Vorrat zu schonen. Was wäre, wenn die Fahrscheine aufgebraucht sein würden - und niemand füllte den Schacht auf, in dem sie ruhten. Mein Gefühl der unbegrenzten Möglichkeiten schwand. Es war die Zeit, in der auch der Zeitgeist begann, sich unmerklich zu wandeln. Den beginnenden Neunzigern des anything goes folgten die abgeklärten Jahre des ausklingenden Jahrtausends. Ich zog aus dem Stadtteil weg, war viel zu beschäftigt, um an utopische Automaten zu denken und hätte ihn beinahe vergessen.

Kürzlich, als ich an meinem alten S-Bahnhof umsteigen musste, fiel er mir wieder ein. Ich suchte ihn. Aber er war nicht mehr da. Plötzlich zweifelte ich daran, dass es ihn je gegeben hatte. Wartende, die ich fragte, ob sie sich an ihn erinnern konnten, schüttelten die Köpfe. Eine Frau, die am Kiosk Würste verkaufte, behauptete, die DDR habe niemals solche Automaten produziert. Sie konnte nicht wissen, weshalb ich so traurig aussah, aber sie schenkte mir zum Trost eine Currywurst.

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