Wunderland

Berliner Abende Kolumne

Freitagabend im DVD-Megastore. Fünfzigfach begrüßt mich Borat, gleich daneben trägt der Teufel Prada. Ich habe Lust auf ein paar Klassiker fürs Wochenende. Vielleicht Chaplin oder Billy Wilder?

Vor zwanzig Jahren habe ich selbst in einer kleinen Videothek gearbeitet. Um mein mageres West-Taschengeld aufzubessern und, statt fürs Abi zu lernen, mir sinnlose Dinge zu kaufen, die ich damals für absolut unverzichtbar hielt. Heute kaufe ich nur sinnlose Sachen, von denen ich weiß, dass sie verzichtbar sind, das macht bei Weitem nicht so viel Spaß. So ändern sich die Zeiten.

Ich streife - Verzeihung, ich browse - vorbei an den kühlen Metallregalen des Megastores, ich sehe die blitzblanken Cover und rieche Putzmittel. Kinder stehen herum und diskutieren über neue Ballerspiele, die es hier selbstverständlich auch gibt. Alles ist offen und sauber, nichts Verbotenes, keine Tabus. Die Pornos warten zwar in einem Nebenraum, aber das hat gar nichts Anrüchiges. Videokameras überwachen alles und jeden, kein Platz für Mutproben oder Heimlichkeiten.

Ich schließe die Augen, und plötzlich riecht es muffig, meine Füße gehen auf fleckigem, verschlissenem Teppichboden. Ich befinde mich in einer Zeit, in der Videotheken halbdunkle Höhlen waren, zu denen man unter 18 keinen Zutritt hatte, und die schon deshalb jeden 16-Jährigen begeisterten. Das Wort "Schmuddel" hatte einen geheimnisvollen Klang und war keine Bezeichnung für das tägliche Fernsehnachmittagsprogramm. Staub lag auf den Videohüllen und kalter Zigarettenqualm hing in der Luft. Tatsächlich, damals durfte man in Videotheken rauchen, ohne verhaftet zu werden. Es war eine bunte, gefährliche Welt, in die man da eintauchte.

Neben den aktuellen Filmhighlights fanden sich massenweise unentdeckte Perlen für Fans, Filme, die man niemals im Fernsehen zu sehen bekam. Blutrünstige Cover mit axtschwingenden Killern standen in den Regalen neben zärtlichen Cousinen und muskelbepackten Macho-Helden. Den engen Raum mit den "Heimatfilmen" betrat man durch einen klappernden Bambusvorhang. Es wurde geflüstert, man hielt den Blick gesenkt.

Ich stand, Herbst 1989, hinter einem hässlichen Holztresen und hämmerte dem C64-Computer Kundennummern ein. (Es gab auch Videotheken ganz ohne Elektronik, mit Verleihkarten, wie in der Bücherei.) Hinter mir lief der "Film des Tages", wer seine Kassette nicht zurückgespult wiederbrachte, musste eine Mark berappen. Ich war glücklich! Mein Chef war ein sympathischer Kumpeltyp mit Schnauzbart, der nebenbei noch zwei Spielsalons und wahrscheinlich auch ein Bordell betrieb.

Als die Mauer fiel, witterte er seine große Chance. Wir mussten sämtliche angeschimmelte, ausgenudelte Pornos aus dem Keller holen, mit denen sich dort nur noch die Ratten vergnügten, und sie zum Vorzugspreis von 20 Mark das Stück in Käfigen anbieten. Nach zwei Tagen waren wir ausverkauft. Die Ossis rissen uns aus den Händen, was nicht angetackert war, und die Begrüßungs-Hunderter stapelten sich in unserer Kasse.

Einige Kunden kamen am nächsten Tag wieder und wollten ihr Geld zurück; sie beschwerten sich, dass das Gestöhne nicht deutsch synchronisiert war. Aber doch nicht mit uns! So lernten die Ossis in meiner Videothek ihre erste Lektion in Sachen Kapitalismus.

Mein Chef machte kurz darauf in Salzwedel seine erste Ost-Filiale auf, in der ich ebenfalls dann und wann aushalf. Auch hier kam schnell zusammen, was zusammen gehörte: Das Geld der Ossis in unsere Kasse. Einen Film zu leihen kostete damals 10 (in Worten: zehn!) DM pro Tag.

Heute zahle ich 99 Cent und bekomme noch Gutscheine, Aufkleber, Sammelpunkte und einen Auto-Kalender. Es gibt Knabbereien, Eis, Getränke, T-Shirts, Urlaubsreisen und wohl auch Kleinwagen zu kaufen. Alle Angestellten sind coole Jungs mit Baseball-Mützen, freien Bauchnabeln und tiefsitzenden Cargos. Keine Tastatur klappert, nur der Scanner piepst diskret.

Meinen ersten Sex-Film lieh ich, noch minderjährig, mit der Verleihkarte meiner großen Schwester aus. Das Leihkärtchen versteckte ich zwischen drei Komödien, die mich als unschuldig tarnen sollten. Mit zitternden Knien und dem stillen Stoßgebet, die kettenqualmende Angestellte würde nicht merken, dass ich noch nicht volljährig war, nahm ich die Hostie in Empfang.

Heute liegt neben der Kasse Berlins Schwulen-Magazin Nummer eins offen aus, die nackte Sahneschnitte auf dem Titel zum kostenlosen Mitnehmen. Ich greife mir ein Heft und muss weder zittern noch brauche ich Riechsalz. Der Store heißt "Wunderland", aber das ist eine Lüge.

Früher war nicht alles besser. Aber ein bisschen spannender schon.


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00:00 16.03.2007

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