Wunderwaffe gegen Panzer

Wolfram versus Uran Nach dem zweiten Golfkrieg geriet der Einsatz von panzerbrechenden Urangeschossen ins Kreuzfeuer der Kritik. Doch auch die Alternative Wolfram erzeugt langfristig Krebs

Lange Zeit wurde über eine Ersatzmunition für militärisch eingesetzte Urangeschosse diskutiert. Wolfram hieß die Lösung. Wolfram ist ein nicht radioaktives Metall und weit weniger giftig als abgereichertes Uran ("depleted uranium", DU). Allerdings galt das Metall bisher als ungeeignet für den Einsatz in Wuchtgeschossen, da es sich beim Aufprall verformt. In einer speziellen Legierung soll Wolfram nun über ähnliche Eigenschaften wie abgereichertes Uran verfügen. Laut Angaben der Firma Liquidmetal Technologies mit Sitz in Tampa, Florida ist die Legierung wie Uran formbeständig, allerdings wesentlich teurer als die Uranmunition.

Missbildungen und Krebs

Seit den siebziger Jahren ist Munition aus abgereichertem Uran die Waffe der Wahl im Kampf gegen Panzer. Uranhaltige Munition wurde im Golfkrieg von 1990/91 als "Wunderwaffe" gegen jede Art von Panzerung eingesetzt. Nach einer speziellen Temperaturbehandlung ist Uran so hart wie gehärteter Werkzeugstahl. In Verbindung mit seiner hohen Dichte ergibt sich ein Material, das ideal für die Verwendung als panzerbrechende Pfeilmunition ist. Immer wieder kam die Uranmunition in die Kritik, ganz besonders dann, wenn aus den besiedelten ehemaligen Kriegsgebieten über gehäufte Krebsfälle in der Bevölkerung berichtet wurde oder Bauern aus diesen Gebieten über Ernteausfälle und zu kleine Früchte klagten. Mediziner, die seit Jahren im Irak arbeiten, haben nach dem zweiten Golfkrieg einen explosionsartigen Anstieg von Missbildungen und Krebsleiden vor allem bei Kindern registriert. Doch die weltweite Diskussion und die deutlichen Warnungen der Wissenschaftler wurden von militärischer Seite lange ignoriert.

Messungen an Fleisch und Früchten sollen Radioaktivitätswerte ergeben haben, die den von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Grenzwert um das 84-fache übersteigen.

Zwar berufen sich Militärexperten in aller Welt darauf, dass abgereichertes Uran eine nur relativ geringe Radioaktivität aufweise und sie gegenüber der natürlichen Strahlendosis in den Kriegsgebieten nur minimal sei. Eine Gesundheitsgefährdung für die Zivilbevölkerung bestehe demnach durch das giftige Uran nur, wenn man es in größeren Mengen in gelöster Form zu sich nehme.

Mediziner und Strahlenbiologen halten solche Aussagen aber für eine Verharmlosung: Beim Aufprall des Geschosses verdampft das Uran zu Uranoxid. Es entsteht eine Staubwolke aus kleinsten Partikeln, die kein Atemschutzfilter stoppen kann. Die Teilchen gelangen leicht in den Körper und auch in die Lungen. Sie können nicht ausgeschieden werden und strahlen weiter. Mögliche Folgen: Schwermetallvergiftungen und Krebs.

Auch im jüngsten Irakkrieg wurde nicht nur Wolfram eingesetzt, sondern Geschosse mit abgereichertem Uran. Laut einem Bericht der iranischen Nachrichtenagentur IRNA vom 24. März 2003 wurde uranhaltige Munitionen von den US-amerikanischen und britischen Streitkräften bereits beim ersten Angriff gegen irakische Panzer in Basra verwendet.

Golfkriegssyndrom

Bereits nach dem zweiten Golfkrieg war die US-Regierung durch die Klagen der Veteranenverbände unter Druck geraten. Die als Golfkriegssyndrom bekannt gewordene Krankheit zeigt zahlreiche Symptome: Gelenk- und Kopfschmerzen, Schwindel und Erbrechen, Beschwerden wie Haar- und Zahnausfall, Drüsenschwellungen, Sehstörungen und Gedächtnisschwund können ebenfalls auftreten. Bei Kindern von Kriegsveteranen haben Ärzte häufig Geburtsdefekte festgestellt. Da diese Symptome bei mehreren tausend Heimkehrern aus dem zweiten Golfkrieg auftraten, fassten die amerikanischen Ärzte das Krankheitsbild 1994 unter dem Begriff Golfkriegssyndrom zusammen. Viele Mediziner machen die Uranmunition dafür verantwortlich. Auch Studien des Pentagon schätzen DU als hoch giftig ein. Dennoch bestreiten die offiziellen Stellen weiterhin jeden Zusammenhang zwischen radioaktiver Munition und den schweren Erkrankungen derjenigen, die der Strahlung ausgesetzt gewesen sind. Dass die US-Regierung mittlerweile die Umstellung auf Wolframgeschosse, die von vielen Armeen schon vollzogen ist, anstrebt, kann als implizites Eingeständnis in das Gefahrenpotenzial von Uranmunition gewertet werden.

Wissenschaftler vom Radiobiologischen Forschungsinstitut des amerikanischen Militärs in Bethesda fanden nun allerdings heraus, dass Wolfram doch nicht so ungefährlich ist wie angenommen. John Kalinich und seine Kollegen haben bei Versuchen mit Ratten festgestellt, dass die Wolframlegierung bei den Tieren eine erhöhte Krebsrate hervorruft. Den Versuchstieren wurden Wolframstücke implantiert - damit simulierten die Forscher eine Verletzung, wie sie Menschen erleiden, wenn sie von Splittern eines solchen Projektils getroffen werden. "Alle Ratten bildeten innerhalb weniger Monate aggressive Tumore rund um die Metallsplitter aus", erläutert Kalinich. Später seien auch lebensbedrohliche Metastasen in der Lunge entstanden. "Je höher die implantierte Dosis des Wolframs ist, desto schneller bilden sich Tumore aus." Die Ratten der Kontrollgruppe, denen das Metall Tantal implantiert wurde, blieben hingegen gesund.


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00:00 13.05.2005

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