Wundpflaster des Konsums

Ökosiegel Die Agrarwende nimmt Gestalt an, doch viele Fragen bleiben ungelöst. Glaubwürdig werden die Siegel erst, wenn sie auch soziale Kriterien einbeziehen

Alle reden von Nachhaltigkeit. Dass man als Konsument tagtäglich Entscheidungen trifft, die nachhaltig produzierten Produkten den Vorrang geben oder eben nicht, gerät immer wieder aus dem Sinn. Bei Lebensmitteln haben seit langem zahlreiche Bioprodukte ihren Platz im Regal. So hat Hertie schon 1995 in Sachsen begonnen, Lebensmittel mit dem sächsischen Ökopunkt zu verkaufen. Auch Karstadt, Rewe und andere Ketten verweisen schon länger auf eine eigene Biostrecke. Doch die Vielzahl von Zeichen, Labeln und Marken auf Lebensmitteln führt bei den Kunden zu Verwirrung. Mit dem staatlichen Bio-Siegel gibt es nun eine einheitliche Kennzeichnung. Das Siegel, das Verbraucherministerin Renate Künast vor acht Monaten eingeführt hat, erhalten Erzeuger und Hersteller, die der EG-Öko-Verordnung gerecht werden. Die Verbandszeichen der Öko-Anbauverbände sowie andere Eigenmarken können weiter verwendet werden. Diese Möglichkeit nutzen die meisten Anbauverbände auch aus, zum einen, um sich ihre Kunden zu erhalten. Zum zweiten aber auch, weil die Anforderungen für bestimmte Siegel höher sind als die EU-Vorschriften.
Der Verbraucherverband hat die Einführung des Bio-Siegels begrüßt. Durch die einheitliche Kennzeichnung sämtlicher Lebensmittel aus ökologischem Anbau werde es Verbrauchern erleichtert, beim Einkauf "Klasse statt Masse" zu bevorzugen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) fordert dagegen strengere Kriterien. Der BUND-Geschäftsführer Gerhard Timm kritisiert, dass das Biosiegel den europäischen Richtlinien entspreche und damit unter dem strengen deutschen Standard liege. Agrarministerin Künast müsse sich deshalb auf europäischer Ebene für die Anhebung der Ökolandbau-Standards einsetzen. Nach Aussagen des BUND genügen 80 Prozent der deutschen Öko-Lebensmittel schärferen Kriterien, als das Siegel vorschreibt. Das EU-Label kann auch von Betrieben genutzt werden, die nur teilweise ökologisch wirtschaften. Tiere müssen nur 24 Monate ökologisch gehalten werden, dann gilt das Fleisch als Bio-Fleisch. Futter darf unbegrenzt zugekauft werden, was die Qualitätskontrolle erheblich erschwert.
Trotzdem haben die Bio-Verbände Demeter und Bioland das Siegel schon bei der Einführung eindeutig unterstützt. Es sei ein bedeutender Schritt für die Ausweitung des Bio-Marktes. Lob bekommt Künast vor allem für die einfachen Vergabemodalitäten. Bioland-Vorstand Thomas Dosch steht auch heute noch zu dem Siegel.
Bioland und Demeter fordern allerdings die rasche Umsetzung des geplanten Bundesprogrammes Ökolandbau, damit die Öffnung des deutschen Marktes für Produkte aus anderen EU-Ländern keine nachteiligen Folgen für deutsche Biohöfe hat. Völlig unklar sei, wieso Künast die Preise von Ökoprodukten bei Lebensmitteldiscountern als Zielmarke für alle hinstelle. Ob sie damit im Sinn hatte, Bio-Produkte nicht mehr nur den Besserverdienenden zu überlassen? Wohl kaum. Die Kampfpreise der Discounter liegen oft unter den Erzeugerpreisen und drücken damit das allgemeine Preisniveau, weil Supermarktketten eben anders kalkulieren können als der Bioladen um die Ecke.
Überhaupt kein Thema beim staatlichen Öko-Siegel sind soziale Kriterien. Ob die Lebensmittel fair gehandelt wurden, woher sie stammen, ob sie mit dem Flugzeug eingeflogen worden sind oder aus der Region stammen, all das spielt keine Rolle. Hier sieht Renate Künast die Verbraucher in der Verantwortung. Ein anderes Problem ist die fehlende Öffnung des europäischen Lebensmittelmarktes für viele Produkte aus den Ländern der Dritten Welt. Eine Lösung könnte die weltweite Förderung von nichtdiskriminierender Regionalvermarktung sein. Denn Weltmarktintegration ergibt für viele Kleinbauern überhaupt keinen Sinn.
Bei der Vermarktung von Ökolebensmitteln bleibt also noch viel zu tun. Doch es ist ein Stand erreicht, von dem andere Öko-Siegel nur träumen können: etwa das FSC-Waldsiegel und das FLP-Blumensiegel. Beide sind noch relativ unbekannt in Deutschland, obwohl es zum Beispiel in Deutschland schon große FSC-Waldflächen gibt.


Wald: ökologisch, sozial und wirtschaftlich nutzbar



Wenn im Frühjahr die Gartenmöbelbranche boomt, präsentieren viele Möbelhäuser elegante Ware aus Teakholz. Will man sicher gehen, dass ein Möbelstück nicht aus Raubbau an Tropenholz in südostasiatischen oder afrikanischen Ländern stammt, sollte das Stück FSC-zertifiziert sein. Für den immer noch steigenden Papierkonsum werden aber auch Urwälder Skandinaviens kahlgeschlagen. Das FSC-Siegel ist das Gütesiegel des internationalen Weltforstrates FSC, der 1993 mit dem Ziel gegründet wurde, einer umwelt- und sozialverträglichen Waldbewirtschaftung zum Durchbruch zu verhelfen. Dem Rat geht nicht allein um ökologische Kriterien. Wesentliches Kennzeichen des FSC ist die Schaffung eines Interessenausgleichs zwischen der Ökologie, sozialen Belangen und wirtschaftlichen Ansprüchen an den Wald. Zu den ökologischen Grundsätzen zählen die Unterlassung von Kahlschlägen und das Verbot von Biozideinsatz. Das Personal wird möglichst ganzjährig beschäftigt, es gibt regelmäßig Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen. Der Wald wird effizient bewirtschaftet und regelmäßig eine Forstinventur durchgeführt. Bei all dem sollen marktgerechte und möglichst starke Hölzer produziert werden.
In Brandenburg wurde schon vor einem Jahr der erste Pilotversuch unter Einbeziehung von Landeswald ins Leben gerufen. Es gibt zwei FSC-Zertifizierungsgruppen, eine im nadelwaldreichen Süden und eine im buchenwaldreichen Norden. Neben dem Eigentümer Land Brandenburg beteiligten sich kommunale, kirchliche und private Waldbesitzer an dem Vorhaben. Hermann Graf Hatzfeldt, Vorstandsvorsitzender der FSC-Arbeitsgruppe, betont: "FSC-zertifizierte Holzprodukte sind am Markt zunehmend gefragt." Die Nachfrage übersteige noch immer das Angebot. Wenn Verbraucher zum Beispiel beim Kauf von Papier oder Gartenmöbeln verstärkt auf das FSC-Siegel achten oder danach fragen, wirkt das letztlich auf die Erzeuger in der Holzwirtschaft. Nach Ansicht Hatzfelds könnten mehr Erzeuger von sich aus tätig werden: "Wir würden uns freuen, wenn jetzt in Brandenburg weitere Gruppen- beziehungsweise einzelbetriebliche Zertifizierungen diesem Bedarf nachkommen."
Im Vergleich mit anderen Programmen einer verbesserten Forstpraxis kann sich FSC sehen lassen. So hat das amerikanische Programm SFI zu Fortschritten beim Forstmanagement geführt, doch ökologische Standards sind unscharf formuliert, soziale Belange werden gar nicht berücksichtigt, Großkahlschläge sind nicht verboten. Auch der kanadische Standard CSA lässt einiges zu wünschen übrig. Das FSC hingegen ist ein extrem glaubwürdiges Siegel, es muss an jedem Gartenstuhl befestigt sein, sonst gilt er als nicht zertifiziert.


Chemiecocktail Schnittblume



Den Blumen ist es oft nicht anzusehen. Miserable Löhne, unsichere Arbeitsverträge, Unterdrückung freier Gewerkschaften und Gesundheitsgefahren durch einen massiven Pestizideinsatz - all diese Probleme haben 1991 das Food First Informations- und Aktionsnetzwerk (FIAN), Brot für die Welt und terre des hommes dazu bewogen, eine Blumenkampagne ins Leben zu rufen. Nach viel Lobbyarbeit gab es im Januar 1999 ein Übereinkommen über sozial- und umweltverträgliche Schnittblumen mit Importeuren und Floristen. Das Flower Label Program vergibt nun ein Gütesiegel für Blumen aus menschen- und umweltschonender Produktion. Auch hier sind also, wie bei FSC, soziale und ökologische Kriterien miteinander verknüpft. Die Arbeiter auf den angeschlossenen Plantagen erhalten existenzsichernde Löhne. Ausbeuterische Kinderarbeit ist verboten. Die Arbeiter dürfen sich zu Gewerkschaften zusammenschließen. Besonders giftige Pestizide dürfen nicht eingesetzt werden, andere Agrarchemikalien sollen reduziert werden. Unabhängige Kontrollen und Beschwerdeverfahren sind vorgeschrieben.
Erste konkrete Verbesserungen hat die Kampagne bereits bewirkt. In Simbabwe erhalten alle Frauen jetzt einen bezahlten Schwangerschaftsurlaub von drei Monaten. In Kenia wurden strikte Wiederbetretungsfristen (6-24 Stunden) in den Gewächshäusern nach dem Einsatz von Pestiziden eingeführt. So werden akute und chronische Vergiftungen verhindert. In Ekuador hat die große Mehrzahl der Beschäftigten jetzt Festverträge.
Europäische Unternehmervertreter behaupten immer wieder, dass - zumindest im Sommer - überwiegend heimische oder europäische Ware verkauft würde und dass diese in jedem Fall sozial und ökologisch unbedenklich sei. Dass sie damit zugeben, dass im Winter verkaufte Blumen aus dem Ausland kommen, scheint sie nicht zu stören. Und selbst im Sommer stimmt die Argumentation nicht: Die wirkliche Herkunft von Blumen, die über die holländischen Blumenbörsen gehandelt werden und so auf den europäischen Markt gelangen, wird oft verschleiert. Die größten Blumenproduktionsflächen der holländischen Blumenzüchter liegen in Lateinamerika und Afrika. Und in der kalten Jahreszeit kommt jede dritte Blume aus einem sogenannten "Dritte Welt"-Land. In diese Länder verkaufen deutsche Pharmafirmen zum Teil noch Chemikalien, die in Deutschland schon lange verboten sind.
Die ehrenwerten Ökosiegel können aber letztlich kaum darüber hinwegtäuschen, welches die ökologischste Lebenseinstellung ist: eine konsequente Konsumverringerung. Den Widerspruch, in dem sich Ökologie und Konsum letztlich befinden, können Ökosiegel nicht auflösen, sondern nur mildern.
00:00 24.05.2002

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