Wunschmaschinen

Kehrseite II Wenn sie schläft, ist sie fast hässlich. Ihre Haare kleben am Kissen, auf der weißen Bettwäsche haben sich Blutflecken gebildet. Immerhin ist sie ...

Wenn sie schläft, ist sie fast hässlich. Ihre Haare kleben am Kissen, auf der weißen Bettwäsche haben sich Blutflecken gebildet. Immerhin ist sie deswegen nicht mitten in der Nacht panisch aufgestanden, erinnert sich Schumann. Geschrieen hat sie, fast gekräht, jetzt schnarcht sie und träumt. Von einer Modelleisenbahn, von ruckenden Empfindungen. Sie ist in einem Hotel untergebracht, einer ziemlichen Absteige. Ein Panzer biegt um eine Häuserecke, fährt durch die Straße und hält unter ihrem Fenster. Die Kanone schwenkt in ihre Richtung, aber dann passiert nichts. Ein anderes Bild schiebt sich dazwischen, vielleicht eine Federballpartie, sprenkelnde Farben, eine überbelichtete Wiese. Später schaut sie noch mal nach, linst aus dem Fenster. Der Panzer dreht sich um und rollt davon.

Eine schöne körpereigene Droge, auf der man angenehm und lässig durch den Tag schaukelt. Hormone. Postkoitale Erhabenheit. Schalt die Wunschmaschine ein, nimm dein kleines Schwesterlein. Valerie fühlt sich wundgescheuert, als sie am Morgen im Bus zum Büro sitzt. Aber selig. Vielleicht ist Schumann der Richtige. Vielleicht war es das mit Ralf. Sie schließt ihre Handtasche. Gegenüber sitzen zwei Studentinnen und gucken wie aus Pferdekoppeln.

Nie setzen sie die Brillen ab, nie machen sie die Beine breit, überlegt Schumann in der Bahn von Valerie nach Hause. Ihm gegenüber sitzen welche mit Pferdeschwänzen und Nickelbrillen. Er ist betäubt von der schlaflosen Nacht und sagt Termine ab. Er denkt über einen Besuch des Kaffeehauses an der Esplanade nach. Ob die junge Frau von neulich da sein wird? Er hat die Zeit auf seiner Seite. Eine Nacht mit der Freundin seines besten Freundes, ein loses Date mit Miss Universum. Verdrehtes Weltall. Jemand muss mit Glücksstaub gewedelt haben, und er hat zufällig eine Nase abbekommen, so etwas passiert selten. Aber ist es Glück, wenn man dem besten Freund die Freundin ausspannt?

Die neue Mode: hellblaue Polohemden, rote Sommerjacken. Ein starkes Flackern. Lodernde Farben des Begehrens. Plötzlich haben alle Kaffeetassen in den Gesichtern, da, wo sonst die Nasen sind. Schließen beim Trinken die Augen. Viele Menschen verbringen ihre Zeit in Cafés, viele Menschen verbringen sie in Zügen, weil sie glauben, sich dort verlieben zu können. Die neuen Filme haben den Dreh raus. Die Geschichten des ersten Treffens haben neue Orte gefunden. Aufzüge sind passé. Eine Weile hat man es mit Toiletten versucht, dann mit Fitnessstudios, schließlich mit Hafenanlagen. In Zügen möchten nur die wenigsten angesprochen werden, schließlich handelt es sich um Orte der Ausbeutung. Ausbeutung des Bewegungsdrangs. Welche Orte sind noch unschuldig? Wer reist auf Müllkippen? Oder treibt sich auf Hubschrauberlandeplätzen herum? Oder in Tiefgaragen?

In der Zeitung steht die Geschichte von einer Frau, der eine kleine Spinne aus dem Ohr gesaugt werden musste.

Eine Trauerkolonne bewegt sich durchs Villenviertel. Langsam, unerbittlich. Schwarze Limousinen. Schwarze Anzüge. Sonnenbrillen. Ein Passant, der einen schwarzen Regenschirm zusammengefaltet hat und mit gespielter Gelassenheit herumwirbelt. Bis sich der Schirm löst und über eine der Villenmauern flattert, ein Gebell ohne Hund, eine Alarmanlage ohne Anschluss. Vorherrschende Bilder, während Linda auf der Esplanade sitzt, über die Soziologie des Raums sinniert und nicht sieht, wie sich Schumann dem Kaffeehaus nähert. Er hat nicht viel Zeit, ist in fiebriger Erwartung, schwach auf den Beinen, in Termindruck. Eine kurze Erklärung, hat er gedacht, ein bisschen Konversation, ein schneller Espresso, ein Zettel mit einer Telefonnummer, dann weiter.

Linda schiebt ihre Sonnenbrille herunter, sagt hallo und grinst. Schumann ist höflich und fragt: Darf ich? Bitte. Ich habe leider nicht viel Zeit. Schade. Einen Espresso bitte. Kommt sofort. Ich habe überlegt, ob Sie vielleicht. Räuspern. Linda, die geradeaus schaut und weiter grinst. Nicht frech, eher erwartungsfroh, wissend, was kommt. Einverstanden. Äm, ob Sie vielleicht mal Lust auf eine abendliche Verabredung hätten. Kino oder Bier oder so was. Linda lacht. Für einen Elektriker drückt er sich sehr förmlich aus. Eine Form von Understatement. Danke, der Espresso ist da, Schumann versetzt ihm reichlich Zucker und rührt ihn nervös um. Ja, klar. Wann? Weiß nicht. Am Freitag? Ja, gut. Um acht? Ja. Wo treffen wir uns, was machen wir? Hm, das müssen wir noch rausfinden. Ich schaue mal ins Programm und melde mich, sagt sie und macht damit einen Teil seines Plans zunichte: Wie kommt er jetzt an ihre Telefonnummer? Gut, hier ist meine Nummer, er setzt den Espresso ab, an dem er etwas laut geschlürft hat, wühlt in seiner Jacke nach dem Portemonnaie. Linda beobachtet ihn, hat immer noch ihren Aktenordner auf dem Schoß, schaut wieder nach vorn. Kann ich gleich zahlen? Ja, Moment! Endlich hat er das Portemonnaie gefunden, das er aufklappt, er zieht eine wellige, vergilbte Visitenkarte heraus: RADIO SCHUMANN, Ströme, Kanäle und Ähnliches. Adresse und Telefonnummer. Am Rand die Zeichnung ein altes Funkturmmodells. Linda betrachtet sie und lächelt, sagt aber nichts, außer: Gut. Okay. Stimmt so. Ich muss wieder los. Ja. Also dann bis Freitag? Ja, bis Freitag, bestimmt, ich rufe an.

Jenseits der Mauer spielen Kinder und schreien. Sie war schön wie eine Biene, denkt er. Besummt. Er nimmt jetzt einen anderen Weg, macht sich zu einem Termin auf, fühlt sich erleichtert.

René Hamann wurde 1971 in Solingen geboren. Er lebt und arbeitet in Berlin. Zu seinen Veröffentlichungen zählen zwei Gedichtbände und ein Band mit Kurzgeschichten.


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00:00 12.05.2006

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