Wunschtrainer

A–Z Er muss es voll draufhaben. Gut aussehen. Gut sprechen. Der Wunschtrainer! Guter Mann, der. Guter Typ. Man muss ihn nur finden. Unser Wochenlexikon
Wunschtrainer

Foto: Imago Images

A

Auf- und Abstieg Wer hätte schon ahnen können, dass ein Mann aus Einöd zum Wunschtrainer einer Bankenmetropole und selbst ernannten Weltstadt mutiert. Damals, 1996, kurz vor Weihnachten und kurz nach dem ersten Abstieg aus der Bundesliga in der Geschichte dieses so stolzen Vereins, lag vieles in Scherben bei Eintracht Frankfurt. Da kam dieser unscheinbare Mann und seine erste Amtshandlung bestand darin, sich einen weißen Gartenstuhl zu besorgen, auf dem er fortan am Spielfeldrand Platz nahm. Die Skepsis war groß, von „Energiefeldern“ und „Voodoo“ war schnell die Rede und Horst Ehrmantraut galt nicht wenigen Beobachtern als „kauzigster Bundesligatrainer aller Zeiten“ (11 Freunde). Doch entgegen allen Unkenrufen führte der heute 63-Jährige die „Diva vom Main“ zurück in die Beletage des deutschen Fußballs, und spätestens da mutierte er zum Kult- und Wunschtrainer. Timo Reuter

B

Bauernopfer Fährt eine Mannschaft eine Serie von Niederlagen ein, ist der Schuldige schnell ausgemacht: der Trainer. Es mag nicht sein Versagen sein, aber er wird verantwortlich gemacht – und oft genug als Bauernopfer aus dem Team geworfen. Natürlich kann der Trainer schuld sein an falscher Taktik, schlechter Besetzung und fehlender Motivation seiner Mannschaft. Aber häufig ist seine Ablöse reine Symbolpolitik. Denn in erster Linie liegt es an den Spielern und ihrem Zusammenspiel, welche Resultate die Elf auf dem Platz einfährt. Man kann aber eher einen Trainer ersetzen als mehrere Spieler. Daher dienen Trainerwechsel als Signale an die Mannschaft und sollen vielleicht auch öffentlichen Druck nehmen. Für die Vereine stellt das Bauernopfer Trainer einfach den Weg des geringsten Widerstandes dar, um Mannschaft und Fans zu befrieden. Die Welt verlangt einfache Lösungen. Nichts ist in diesem sportlichen Spiegel der kapitalistischen Gesellschaft plausibler als ein rollender Kopf (Dercon). Tobias Prüwer

D

Dercon Schon bei seiner Ernennung sorgte die Intendanz von Chris Dercon für Zündstoff. Immerhin trat er 2017 an die Spitze der Berliner Volksbühne – je nach Lesart sagenumwobene Bühne kritischer Kunst oder zum Stachel aufgeblähtes Ossitheater. Und er löste Frank Castorf nach 25 Jahren ab (Intendantenwechsel). Der Belgier ist Kunsthistoriker und leitete zuvor die Tate Modern in London. Ein Theatermensch ist er nicht. Er werde, so befürchteten die einen, das Theater zur Eventmaschine umbauen. Die anderen hofften, ihr Wunschtrainer werde neuen Glanz ins Haus bringen, irgendwas Mondänes veranstalten.

Dercon wollte das gewachsene Ensemble auflösen, was ihm viel Gegenwind einbrachte. Renommierte Künstler und Regisseure sagten ihre Mitarbeit ab. Besucher blieben weg. Die Auslastung der großen Bühne sank auf unter 50 Prozent, die Kritiken fielen negativ aus. Zudem verkalkulierte sich Dercon mit seinem Fünf-Millionen-Euro-Budget: Er suchte das große Spektakel auf dem Tempelhofer Feld – konnte aber den Spielplan nicht durchfinanzieren. Schon im April 2018 wurde sein Vertrag aufgehoben. Nun macht er als Wunschtrainer in Paris die französischen Nationalmuseen für den internationalen Tourismus fit. Tobias Prüwer

F

Frauen Seit 1990 gibt es die Frauenfußball-Bundesliga. Früher wurde sie vor allem durch Turbine Potsdam und deren Trainer-Urgestein Bernd Schröder (s. Foto) geprägt. Sechs Meisterschaften zwischen 2004 und 2012! Vor Kurzem wurde Schröder vom DFB für sein Lebenswerk geehrt – 45 Jahre für den Frauenfußball!

Nun aber ist es wirklich höchste Zeit, dass die Debatte rund um Frauen in Führungspositionen ihren Weg auch in die Männerfußball-Bundesliga findet. Umgekehrt geht’s schließlich auch. Eine echte Typin in der Bundesliga, eine Maestra auf der Trainerinnenbank, eine, die nicht sagt, die Jungs hätten gespielt wie „Flasche leer“, sondern zeitgeistig auf ihre alten weißen Männers schimpft – das wär’s doch! Freie Stellen gibt es schließlich zur Genüge. Und kaum irgendwo dürfte mehr Not am Mann sein als im ehrwürdig-miefigen Fußballgeschäft. Jan Jasper Kosok

I

Intendantenwechsel Warum alleine wechseln, wenn man noch jemanden mitnehmen kann? Oliver Reese war seit 2009 gefeierter Intendant des Frankfurter Schauspiels. Als er zur Spielzeit 2017/18 dann Claus Peymann am Berliner Ensemble (BE) nachfolgte, tat er das gleich mit einer künstlerischen Fahrgemeinschaft. Zum Beispiel Wolfgang Michael, Sascha Nathan und Martin Rentzsch kamen mit ans BE. Die drei hatten in Frankfurt in Yasmina Rezas Kunst grandios reüssiert. Nun läuft das Stück weiter, als sei kein Umzug gewesen. Jan C. Behmann

J

Jugend Jeden Dienstag und Donnerstag sammelte er mich nach Feierabend mit seinem kleinen Mazda ein, ich wohnte weit weg vom Fußballplatz, auf dem wir trainierten. Während der meisten meiner Jahre in der Jugend des CSC Batzenhofen-Hirblingen war er mein Trainer, organisierte uns Trainingsanzüge und Fahrten zu Turnieren in Italien und Spanien. Zu Hause kickten wir in der alleruntersten Liga, er hatte trotzdem Ziele, während wir den Alkohol und die Mädchenmannschaft entdeckten und über ihn Junggesellen und seinen Ehrgeiz lachten. Einmal wären wir fast aufgestiegen, vergeigten es aber, am letzten Spieltag – auswärts: Der Mazda wütete mit 150 km/h über die Landstraße, ich hatte Angst, konnte ihn da aber verstehen. Sebastian Puschner

L

Life Coach Während die Lebensberaterin im Deutschen psychosoziale Unterstützung bei Lebenskrisen, Familienfragen und Problemen in der Arbeitswelt bietet, wird sie im Englischen prompt zum Flaschengeist: Life Coaches sollen dem Klienten nicht nur dabei helfen Motivation zu finden, Selbstbewusstsein aufzubauen und ihre Ziele zu erreichen. Sie werben mancherorts sogar damit, dem Klienten die Suche nach dem Sinn des Lebens zu erleichtern. Leonardo DiCaprio und Oprah Winfrey haben’s gemacht, Serena Williams anscheinend auch, und warum glauben Sie wurde Bill Clinton zu dem, der er heute ist? Der Life Coach ist mein absoluter Favorit für den Wunschtrainertitel. Er soll – so steht’s auf der Packungsbeilage – nicht nur dabei helfen, seit Jahren gehegte Wünsche zu erfüllen, sondern liest einem darüber hinaus noch jene Wünsche von den Augen ab, von denen man bis dato noch gar nichts wusste. Das Beste daran? Das Ganze geht ganz ohne Sit-ups und die blöde Gewichtheberei. Valentina Gianera

M

Missbrauch ist auch im Sport leider immer wieder ein brisantes und aktuelles Thema. Es sind sehr oft die Trainer, die die Hoffnungen und das Streben der ihnen Anvertrauten in eigene Macht ummünzen und sie missbrauchen. In Südkorea warf vor Kurzem die Olympiasiegerin im Shorttrack Shim Suk Hee ihrem Trainer jahrelange sexuelle Belästigung bis zur Vergewaltigung vor. Auch in Deutschland werden immer wieder – vor allem im Bereich des Jugendsports – neue Übergriffe bekannt. So zum Beispiel in Weimar, wo der Trainer eines Turnvereins 15 Mädchen sexuell belästigt hat und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.

Ein Forschungsprojekt des Deutschen Olympischen Sportbundes erforscht seit einigen Jahren die Hintergründe und stellt Handlungsempfehlungen zur Verfügung, die Kinder und Jugendliche vor Übergriffen schützen sollen. Sie müssen vor allem ermutigt werden, über das Verhalten von Trainern oder Übungsleitern, das ihnen Unbehagen bereitet, zu sprechen. Das Schweigen müsse durchbrochen werden. Magda Geisler

N

Nachfolge Meine Freunde und ich sind versehentlich Mitglied bei Hertha BSC, daher trieb uns wochenlang die Frage nach dem nächsten Trainer um. Und diese Kniffelei: ob man durch eine geschickte Mediennutzung zu echter Information vordringen kann. Wie die Medien eine Trainervakanz bewirtschaften, ist ja bekannt. Zunächst rascheln alle Namen durchs Dorf, die jedes wachgerüttelte Partyopfer in der S-Bahn als Erstes runterleiern würde: Labbadia, Stöger, Rehhagel, haha.

Tags drauf haben die Zeitungen dann schon Namen aus ausländischen Ligen gegoogelt, lauter Leute, die noch nie von Hertha gehört haben und zwei, drei Tage brauchen, um gelangweilt abzuwinken – nächste Schlagzeile! Es folgt die Zeit der No-Names; aus der vereinseigenen D-Jugend oder der Liga 3. Bullshit alles, wissen alle. Wichtigste Erkenntnisquelle bleibt die Spekulation. Das auffallend Ungesagte. Manche Namen werden auf geradezu dröhnende Weise verschwiegen. Etwa Niko Kovac. In München angeschossen von Rolex-Kalle, hat er seine Kündigung hinter den Kulissen sicher längst zerkaut und geschluckt. Dass er eine mäßige Mannschaft wie unsere pushen kann, weiß man. Und: Der Mann ist ja Herthaner! Kommt aus dem Wedding. Alles klar also in unserer kleinen Spekulantenrunde, wir beglückwünschen uns zu unserem Scharfsinn. Dass es dann doch ein No-Name wird, ein Vereinseigener – ist ja nicht unser Fehler. Da hat die Vereinsführung an den von uns geschaffenen Tatsachen vorbei entschieden. Klaus Ungerer

P

Phil Spector Einem, dem es nicht gut bekommen ist, von den Größten umgarnt zu werden, ist Phil Spector. In den späten 50er Jahren komponierte er seinen ersten Hit und war danach Lieblingsproduzent und Hitgarant für unzählige Acts der 60er und 70er Jahre. Die endgültig höheren Weihen erhielt er mit der Streicher-Überfrachtung des letzten Beatles-Albums, ganz gegen Maccas Intention, der dann viel später Let It Be naked herausbrachte. Dass ausgerechnet der zu Gewalt neigende Waffennarr „Imagine“ von Lennon produzierte, gehört zu den vielen Widersprüchen jener Zeit.

Nicht jeder Mensch kann mit Ruhm und Genialität (er prägt mit der „Wall Of Sound“ ein eigenes, unverkennbares Markenzeichen) umgehen. Seinen Hang, mit Schusswaffen zu hantieren, musste auch Leonard Cohen über sich ergehen lassen, dem er bei den Aufnahmen zu dessen ungeliebtestem Album die Knarre direkt an die Schläfe hielt (Missbrauch). 2003 hat er eine Geliebte erschossen und sitzt seitdem im Knast. Marc Ottiker

Z

Ziele Amateurfußball ist Erfüllung. Hier, wo Pressekonferenzen für den Lokalsender noch an Tischen mit Holzfurnierplatte mit Bierglasabdrücken abgehalten werden, findet mancher Trainer sein Traumteam. Auch Thorsten Legat, einstiges Bundesliga-Raubein, zu dessen Karriere Gewalttätigkeiten und ein rassistischer Ausfall gehörten, wurde fündig: „Mein größter Wunsch war ebent halt, einmal für den FC Remscheid Trainer zu sein dürfen“, sagte er, als er ebendort 2015 als Coach vorgestellt wurde. Doch kein Traum währt ewig. Nach einigen Monaten mit manch schräger Pressekonferenz und einem Abstecher ins Dschungelcamp folgte der Abschied unter Tränen (Bauernopfer). Benjamin Knödler

06:00 18.05.2019
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