Wurm im Glück

Architektur Die Erneuerung des Umlauftanks 2 ist beispielhaft für den Erhalt junger Baudenkmäler
Lennart Laberenz | Ausgabe 49/2017

Selbst wenn Sie Berlin nur besucht haben, kennen Sie es mit hoher Wahrscheinlichkeit – Richtung Zoo auf der rechten Seite hinter der S-Bahn-Haltestelle Tiergarten, direkt an der Spree: Ein hochgezogener Kasten auf staksig grünen Beinen, aus seinem Inneren quillt altrosa etwas heraus, was an Gedärme denken lässt. Für den Gewährsmann der deutschen Architekturkritik, Wolfgang Pehnt, kniet da seit 1974 „ein aufgeständertes Laborgebäude auf einem riesigen Umlaufkanal wie Siegfried auf dem bezwungenen Lindwurm“. Es ist der weithin sichtbarste Teil der Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffsbau, der Umlauftank 2, gebaut vom 2012 verstorbenen und sträflich unbekannten Ludwig Leo, betrieben von der Technischen Universität.

Siegfried und Wurm waren merklich gealtert, die Jahre hatten dem Helden Blässe und Rost herbeigetrieben, Löcher in den Wurm gebohrt. In der Werkhalle rissen Stoffpaneele, in Blechdecken und Metallstützen fraß sich Dreck. Das Land Berlin, dem der Umlauftank gehört, hatte ihn unter Denkmalschutz gestellt und vernachlässigt. Wenn die Fassade jetzt wieder tiefblau strahlt, der Wurm mit der handwerklich aufgebrachten Schaumschicht lebendig wirkt und die Stoffpaneele im exakten Farbton nicht nur geflickt, sondern sogar kunstgestopft sind, hat das sehr viel mit Philip Kurz zu tun.

Kurz ist Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung, großgewachsen, raspelkurzes Resthaar, und wenn man ihn fragt, wie sie auf den Umlauftank 2 kamen, grinst er. Tatsächlich lief er schon zum Bewerbungsgespräch bei Wüstenrot 2010 mit der Idee, den Umlauftank 2 instand zu setzen, ein Berliner Architekt hatte ihn aufs Gleis gestellt. Kurz, begeistert, erklärte dem Auswahlgremium: „Solche Projekte möchte ich machen.“ „Solche Projekte“ heißt: Baudenkmäler aus dem zweiten Teil des 20. Jahrhunderts.

Der Bewerber Kurz und der als Pop-Art-Architektur und Maschine gedachte Umlauftank hatten Glück, das Auswahlgremium entschied sich für beide. Seither arbeitet das Denkmalprogramm der Stiftung mit einer grundsätzlichen Idee, die sich einem Denkmalbegriff verpflichtet sieht, „der sich an der geschichtlich geprägten Substanz orientiert und die Bau- und Nutzungsgeschichte sowie die Qualitäten der ursprünglichen Substanz des Vorgefundenen ernst nimmt. Die Schaffung von Abbildern oder die Rekonstruktion utopischer Originalzustände ist nicht ihr Ziel.“ Es geht also darum, Gebäude so zu sanieren, dass man am besten gar nicht merkt, dass hier saniert wurde. Und vor allem geht es nicht um geschichtsklitternde Reenactment-Architektur. Kurz macht eine ausladende Geste in der Werkhalle und formuliert es etwas knackiger: „Wir reparieren Substanz, die wir vorfinden, so lange, wie sie eben reparierbar ist.“

Imitat? Philip Kurz erblasst

Das bedeutet, die Stiftung untersucht Bauten, schlägt für Projekte, die ihr interessant erscheinen, Arbeiten vor, übernimmt Bauleitung, Verantwortung und einen Teil der Finanzierung. Sie konzentriert sich dabei auf Kulturdenkmäler, die oft eine sehr schmale Lobby haben: weil sie eben ziemlich jung, oft noch in ihrer ursprünglichen Funktion in Betrieb sind und außerdem selten als Monumente verstanden werden.

Wer an solche Bauten mit Denkmal-Ethos heranrückt, riskiert Diskussionen: Die Blechpaneele des Laborgebäudes werden noch neu hergestellt, trotzdem forschte ein Team zwei Jahre, ob die historische Bausubstanz zu erhalten sei, unter anderem mit Wirbelstromgeräten aus dem Flugzeugbau, die prüften, wie es im Paneel-Inneren so aussah. Und kapitulierte: Eine neue Fassade musste her. Kurz will sich nicht erinnern, welches Berliner Amt dann flapsig kommentierte, dass sie hier wohl „Standardsanierung“ machten, die Zornesröte treibt es ihm aber schon noch ins Gesicht.

Denn tatsächlich, denkmal- und materialethisch vorzugehen, ist derart deutlich aufwendiger, dass es schon die Hartnäckigkeit und den Handlungsspielraum einer gemeinnützigen Stiftung braucht. Die grünen Eisenstützen im Umlauftank wurden in filigraner Handarbeit vom Dreck befreit, Blechverkleidung mit Dampf gereinigt und nicht schnöde neu gestrichen, Fenster ausgebaut und aufgearbeitet, die Schaumhülle auf Schäden untersucht und im gleichen Verfahren wie Anfang der 1970er Jahre repariert, Stoffe wurden kunstgestopft. Im Gegensatz zu einem Lokalpolitiker muss eine Stiftung die entstehenden Kosten nur intern begründen und muss nicht befürchten, dass hier jemand um des einfachen Arguments willen den Boulevard mit vermeintlichen Verschwendungs-Skandalen versorgt.

Hinter dem Aufwand steht das Prinzip, es ernst zu meinen: Kurz erzählt von der Arbeit an Egon Eimermanns Neubau der Gedächtniskirche, aufwendigen Forschungen zu Bauteilen im Betonguss. Das gleiche Prinzip: Erhalten, was eben erhaltbar ist. Wenn man dann – abmildernd, mit dem allerfreundlichsten Lächeln – fragt, ob denn einem Nachbau unrettbarer Bauteile das Gefühl des Imitats beigemischt sei, schaut Philip Kurz erschrocken, denkt vielleicht an gefälschte Uhren, reibt sich mit beiden Händen das Gesicht: „Imitat? Sie sehen, wie gerade alle Farbe aus meinem Gesicht weicht, oder?“

Nur wenn man mit solchem Ernst an junge Bauten herantritt, kann man sie auch – Kurz entschuldigt sich gleich für den hochgestochenen Ausdruck – ernsthaft als Kulturdenkmäler „befragen“. Stimmt schon: Die Rekonstruktion des Materials zeigt viel von der Art, Architektur zu denken, zu planen, handwerklich herzustellen – mit dem Denkmalbegriff jüngere Architektur zu behandeln, heißt, selbst auch denken zu wollen. Seltener Ansatz in einer Stadt, die auf Schlösser setzt und in der manche auch Wandgedichte mit dumpfer Empörung überpinseln wollen.

Und vielleicht verraten ja dünne Wände in Le Corbusiers Wohnmaschine etwas über das gewandelte Verhältnis zu Nachbarn, Geselligkeit und Lärm; vielleicht entdecken wir in den von Ludwig Leo unprätentiös verlegten Kabelschächten oder frei aus der Duschtasse ragenden Abflussrohren eine beruhigend praktische Gelassenheit. Wir könnten auch in Oscar Niemeyers Hansaviertel-Plänen mehr Kollektivgedanken finden, als die Bauausstellung 1957 ertrug. Der Blick öffnet sich für die Formensprache, den sozialen und utopischen Gehalt, genauso wie für ihre jahrzehntelange Nutzung. Kurz zeigt auf die nüchtern angebrachten neuen Feuermelder: Gehören eben auch dazu, passen mit den nackten Kabeln aber ins Bild.

An der Spree steht also wieder ein blaues Zeichen, weithin zu erkennen, sehr kalkuliert neben der früheren Technischen Fachhochschule, von deren Balkon Adolf Hitler die pompöse Parade zu seinem 50. Geburtstag abnahm. Und wenn man aufs kahle Dach klettern könnte, übersähe man von dort viele uniformierte Investorenbauten, für die die Stadt so gern ihr Bauland hergibt.

06:00 14.01.2018

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