Wurzeln schlagen

Film Heimat ist ein Wort, das sich in alle Sprachen übersetzen lässt. „Minari“ erzählt vom Neuanfang auf dem Land
Wurzeln schlagen
Der Film war für sechs Oscars nominiert, mit Steven Yeun erstmals ein asiatischstämmiger Mann als Hauptdarsteller

Foto: Melissa Lukenbauch, Courtesy of A24

Zuhause – was macht das eigentlich aus? Als Familie Yi zum ersten Mal auf ihr neues Heim blickt, ist sich keiner von ihnen sicher, dass dieser Ort das Nötige mitbringt, um ein solches zu werden. Nach einer zermürbenden Autofahrt stehen Vater Jacob (Steven Yeun) und Mutter Monica (Han Ye-ri) mit ihren kleinen Kindern Anne (Noel Cho) und David (Alan S. Kim) auf einem weiten Grundstück – vor ihnen ein wenig einladender, überlanger Trailer. Während sich der Nachwuchs in kindlichem Optimismus ins Innere stürzt und sich auch Jacob, allerdings merklich gezwungen, um Zuversicht bemüht, stößt seine Frau beim Betreten der provisorischen Residenz ein bitteres „Es wird einfach immer schlimmer!“ aus.

Die Haltungen der einzelnen Familienmitglieder zu ihrem Neustart im ländlichen Arkansas sind die tragenden Säulen des Plots von Minari – Wo wir Wurzeln schlagen. Die genaue Beobachtung, wie sich diese Haltungen im Verlauf der Zeit aneinander reiben, zwischenzeitlich kollidieren und doch wieder stützen, ist das Herzstück eines überaus sensiblen Filmdramas, dem es gelingt, nie ins Kitschige oder bemüht Anrührende abzurutschen. Es erzählt die Geschichte einer koreanischstämmigen Einwandererfamilie, die ihre halbwegs gesicherte, aber erdrückende Existenz in Kalifornien hinter sich ließ.

Müde von der immergleichen Fabrikarbeit, bei der sie Küken nach ihrem Geschlecht sortierten, wollen die Yis sich in Arkansas ein Dasein als Farmer aufbauen. Diesen Plan hat vor allem Jacob gefasst, der davon träumt, die 30.000 bis 50.000 Koreaner*innen, die zu jener Zeit – es sind die 1980er – jährlich in die USA einwandern, mit dem bevorzugten Obst und Gemüse zu versorgen.

Monica hingegen quält nicht nur die Sorge, dass das nächste Krankenhaus, das sich um den mit Herzproblemen geplagten David kümmern könnte, zu weit weg ist. Sie befürchtet außerdem, dass die mühsam angesparten finanziellen Rücklagen im Handumdrehen aufgebraucht sein könnten, und leidet unter der neuerlichen Einsamkeit.

Tatsächlich stören die anhaltenden Turbulenzen den Familienfrieden empfindlich: Um sich über Wasser zu halten, müssen doch wieder Küken sortiert werden, und um Geld zu sparen, entschließt sich Jacob, selbst eine Bewässerungsanlage zu bauen, was freilich nicht folgenlos bleiben kann. Damit ist Minari wahrscheinlich der erste US-amerikanische Film, der zwar ein asiatischstämmiges Figuren-Ensemble aufweist, dabei aber nicht bloße Erzählung über Identität und Herkunft sein möchte. Das, was der knapp zweistündige Film verhandelt, sind weitgehend universale familiäre Probleme und Fragen um den Wert des bedingungslosen Zusammenhalts. Angereichert wird das Szenario mit altbekannten Erzähl-Elementen vom „American Dream“, von dem Versuch, gegen alle Widrigkeiten doch noch zu Wohlstand zu gelangen. Mehr als einmal ist Jacob dabei zu sehen, wie er sich bis zur Erschöpfung auf den Feldern abmüht, wie er mit seinem Stolz hadert, wenn der nächste Misserfolg ansteht.

Autobiografisch inspiriert

Das von Lee Isaac Chung geschriebene und inszenierte Drama, insgesamt mit sechs Oscar-Nominierungen bedacht, ist in mehrfacher Hinsicht eines der „ersten Male“: Steven Yeun wurde als erster asiatischstämmiger Mann in der Geschichte des Preises in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ ins Rennen geschickt. Nebendarstellerin Yoon Yeo-jeong wiederum wurde als erste Koreanerin mit einem Academy Award für eine schauspielerische Leistung ausgezeichnet.

Sie verkörpert Großmutter Soon-ja, die bald in die USA eingeflogen wird, damit sie ihrer Tochter beisteht. Ihre Figur ist es, durch die es doch immer wieder zu kleinen, aber gelungenen – weil nie ins Karikatureske herabsteigenden – „Culture Clash“-Momenten kommt. Zum Beispiel, wenn David seiner Oma erklärt, dass es sich bei Mountain Dew um Bergwasser handele, woraufhin der Softdrink prompt zu ihrem neuen Lieblingsgetränk avanciert, während sich ihr Enkel täglich vor dem koreanischen Sud inklusive Hirschgeweih-Pulver ekelt. Die Beziehung, die sich zwischen ihnen entwickelt, nimmt bald den größten Raum ein, sie wird von Lee Isaac Chung mit den meisten Facetten versehen. Dass Minari in weiten Teilen autobiografisch inspiriert ist, wird anhand der Natürlichkeit, die diese Szenen ausstrahlen, besonders deutlich.

Dass sich der Plot nicht lange mit speziellen Identitätsaspekten aufhält, bedeutet jedoch nicht, dass Familie Yi keine Exotisierung durch Außenstehende erfahren würde. Bei einem Kirchenbesuch fordert eine Gleichaltrige Anne dazu auf, sie darauf hinzuweisen, sobald sie etwas in „ihrer Sprache“ sage, und beginnt daraufhin, ein Kauderwelsch aus vermeintlich koreanisch klingenden Silben aneinanderzureihen. Ebenfalls von einem Altersgenossen wird David gefragt, warum sein Gesicht denn so platt sei.

Zwischenfälle wie diese bleiben allerdings die Ausnahme im Drama. Ob es Familie Yi am Ende denn „geschafft“ hat, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Dafür konzentriert sich der feinsinnige Plot zu sehr auf die kleinen, wahrhaftigen Momente und verwebt sie zu einem berührenden, aber losen Panorama, das sich zu jeder Zeit lebensnah anfühlt. Dabei gibt es kein magisches Band, das am Ende alle Erlebnisse in ein stimmiges Ganzes überführt. Auch hier wird das autobiografische Element, das die Seele des Filmes ausmacht, ersichtlich: Schließlich verläuft auch das Leben selbst nur selten entlang eines roten Fadens. Alles ist im Fluss, an dessen Ufer wir von Zeit zu Zeit „Wurzeln schlagen“ – so wie der titelgebende Minari, der Wasserfenchel, den David mit seiner Oma pflanzt.

Info

Minari Lee Isaac Chung USA 2020, 116 Minuten

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06:00 16.07.2021

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