Wut

Zwei Entladungen in einem niedersächsischen Dorf Alltag

Früher

Margarethe und Friedrich beheizten ihr Fachwerkhaus mit einem Kachelofen im Wohnzimmer und einem ein eisernern Herd in der Küche.

Das Holz für die Öfen stammte aus dem eigenen Waldstück oder von kränkelnden Apfelbäumen im Garten. Friedrich verarbeitete es mit viel Liebe und Sorgfalt. Erst teilte er die dicken Äste mit einer riesigen, von einem großen, daneben stehenden Motor betriebenen Kreissäge in Blöcke. Laut kreischend fuhr das Sägeblatt durch hartes Holz, dumpf brummend durch weichere Stämme. Das dauerte meist einen ganzen Tag und war, obwohl in diesem Dorf die Häuser weit voneinander entfernt stehen, in der ganzen Nachbarschaft zu hören. Wenn die Kreissäge röhrte, kam niemand auf einen Schnack herüber, denn wer sägt, braucht Ruhe. Sägen ist kontemplative Sammlung, es ist Vorbereitung auf das Eigentliche: Das Holzhacken, die Meditation. Block für Block die gesägten Stücke greifen, in Position bringen, die Axt hineinschlagen, das Ganze anheben und auf den Hackklotz schmettern, so lange bis das ehemalige Stück Baum zerbricht. Dann die Hälften zerkleinern und die Holzscheite zum Lagern aufstapeln. Hinstellen, zuschlagen, spalten, stapeln, in immer gleichem Rhythmus. Manchmal täglich einige Stunden lang.

Das Holzhacken war wichtig. Nicht allein der Öfen wegen, sondern auch wegen Margarethe.

Margarethe heizte jeden Morgen um fünf Uhr früh den eisernen Herd, während Friedrich die hundert Meter zur Straße ging, um die beiden Zeitungen ins Haus zu holen. Margarethe und Friedrich brauchten zwei identische Zeitungen, damit sie nicht am Morgen schon in Streit gerieten und Geschirr zu Bruch ging. Margarethe warf oft mit Geschirr. Sie besaß ein Butterfässchen, eine Schale in weiß-blauem Zwiebelmuster, die trotz mehrfachen Aufpralls an Wänden und Boden noch immer nicht zerbrochen war. Rundherum war die ganze Kante weggesplittert, aber der Ring, in den die Butter gehörte, war noch heil. Fast war Margarethe ein bisschen stolz auf das robuste Stück. Wie viele Scherben sie schon zusammengekehrt hatte, wusste sie nicht. Vielleicht ein ganzes Porzellanservice. Es war ihr egal. Das Fachwerkhaus, in dem ihr Mann geboren war, war ihr zu klein, die Einrichtung zu alt, zur Feldarbeit hatte sie keine Lust und Bäuerin hatte sie nie werden wollen. "Die ist schon unzufrieden auf die Welt gekommen", sagte Friedrich über seine Frau, als sie wiedereinmal wutschnaubend, mit wehendem Mantel auf ihrem Fahrrad von dannen gerast war, um erst Stunden später zurückzukehren.

Margarethe wusste nicht, woher die Wut immer so plötzlich kam. Sie war einfach da und musste raus, und wenn sie kräftig und ausdauernd in die Fahrradpedalen trat, saß sie später friedlich bei Bratkartoffeln und Spiegelei. Andernfalls flogen Steingut und Porzellan. Margarethe brüllte, Friedrich gab polternde Antworten. Oft sagte er einfach nichts, ging nach draußen, schippte Erde oder hackte Holz. Stundenlang. Viel Erde, viel Holz.

Und dann, als beide schon um die siebzig Jahre alt waren, kam die Zentralheizung. Die Kachelöfen wurden abgerissen, nur der Holzkohleherd blieb in Gebrauch. Der Bedarf an Brennholz nahm rapide ab. Dennoch hackte und stapelte Friedrich weiter. Der Holzschuppen war voll und daneben wuchsen Holzmieten wie große Pilze aus dem Boden. Kubikmeter um Kubikmeter. Dort stehen sie noch immer. Erst starb Friedrich, bald darauf Margarethe. Seither ist es still in dem leeren Fachwerkhaus.

Heute

Schaut man zwischen den Holzstapeln hindurch zum Nachbargrundstück, dann sieht man über ein Feld hinweg einen anderen Bauernhof, einen mit großen Ställen und metallenen Getreidesilos. Keine zahmen Hühner, keine knorrigen Obstbäume, die den großen Maschinen im Weg stehen. Alles wirkt modern und wirtschaftlich, viel rechtwinkliger Backstein, kaum wildes Grün. Die Schweinefütterung steuert ein Computer, die Kartoffeln werden mit dem LKW vom Hof gefahren. Hier wohnt und arbeitet Jan, und seit zehn Jahren lebt hier auch Kerstin.

Als Kerstin zu Jan auf den Hof zog, erlaubte sie seinem braunen Mischlingshund, mit in die Küche und sogar in die Wohnstube zu kommen. Dass der Hund ins Haus dürfte, hatte sich Jan schon als Kind gewünscht, aber die Eltern hatten es verboten. Jetzt staunte er, dass man bloß eine Tür aufzumachen brauchte, und schon lag das Tier zufrieden schnarchend unter dem Küchentisch.

Kerstin pflanzte Blumen vor das Haus. Jan fand das gut. Es war hübsch, wenn auch nicht nützlich. Kerstin wollte ein paar Hühner anschaffen und auch diese drolligen chinesischen Rennenten, die sich bewegen, wie kleine, aufrechte Pinguine auf Rollen und im Garten fleißig Schnecken fressen. Obwohl Jan auch das ganz gut fand, wurde nichts daraus. Für freilaufendes Getier ist einfach keine Zeit.

Kerstin bepflanzte den Gemüsegarten. Die Schnecken fraßen den Salat, Krähen machten sich über die Erdbeeren her, Tauben zogen junge Erbsenpflanzen aus dem Boden und am helllichten Tag setzte ein Reh über den kleinen Zaun und verspeiste die Spitzen der Bohnenpflanzen. Nichts Neues für Jan. Das kommt vor, das war früher schon so.

Eigentlich hatte Kerstin gewusst, was sie erwartet. Sie ist selber vom Dorf. Sie weiß, dass gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Sie weiß, dass Neues schwer zu etablieren ist. Aber ginge es nach ihr, sollte doch so einiges anders sein: Kerstin will umbauen, das Haus, in dem ihr Mann aufgewachsen ist, ist ihr zu düster. Sie hätte gerne einen Kachelofen, der kuschelige Wärme verbreitet. Aber alles bleibt wie gehabt: Das Wetter regiert und die Jahreszeit, und der Hof geht vor. Jan kennt es nicht anders.

Immer öfter kommt es vor, dass Kerstin selbstvergessen vor sich hin schimpft. "Scheißkerl", schreit sie, während sie auf dem Aufsitzrasenmäher hockt und die Rasenflächen rund ums Haus auf Einheitslänge stutzt. Es rutscht ihr so heraus. Jan wirkt dann meist so, als bekäme er es nicht mit. Ob er auch wütend ist - er weiß es nicht so genau, und meistens sagt er nichts.

Selten brüllen sich Jan und Kerstin irgendwo zwischen den Stallgebäuden an. Dann wissen die Nachbarn, dass der Haussegen schief hängt, und sie erfahren auch gleich den Grund. Öfter erkennen sie an der Art, wie Jan Trecker fährt, dass irgendetwas nicht stimmt. Für gewöhnlich ist Jan ein Virtuose auf dem Acker, fährt zentimetergenau gezirkelte Kurven und perfekte Linien in der Furche. Nur wenn Jan und Kerstin Ärger haben, dann krachen die Gänge, dann staubt es hinter dem Schlepper und Steine werden von unten gegen die Maschine geschleudert, weil Jan schnell fährt. In Schräglage geht es in die Kurven und gelegentlich landen Dünger und Spritzmittel auf der Straße oder dem Nachbarfeld. Wenn Jan so unterwegs ist, ruft keiner: "Moin Jan, wie geht´s?" Wer seinen Trecker quält, der braucht Ruhe, das wissen die Leute sicher. Das gleichmäßige Hin und Her auf dem Feld kann kontemplative Sammlung sein. Beim Hineinknallen der Gänge, beim Gasgeben und über den Acker rasen - da entlädt sich etwas, da darf man nicht eingreifen. Sie kennen es selbst.

Einmal ist Jan mit dem Trecker gegen die Hauswand gefahren, das gab einen großen Riss im Giebel, der anschließend frisch verputzt werden musste. Auch die Scheiben der großen Dielentür sind schon mehrfach zu Bruch gegangen. Längst fragt niemand mehr, wie es passiert ist, wenn irgendwo ein Fensterglas fehlt. Wenn es auf dem Hof rumpelt und scheppert, als würden sich Kontinentalplatten verschieben, dann tun die Nachbarn so, als hätten sie nichts gehört. Wenigstens, sagen sie sich, müssen nicht auch noch hören, was im Haus geschieht.

Anders als Friedrich und Margarethe kommen Jan und Kerstin mit einer Tageszeitung aus. Dafür brauchen sie mehrere Fernseher. Abends noch um das Programm zu streiten, dazu sind sie nach der Arbeit auf dem Hof zu müde. Denn wenn bei Jan und Kerstin im Haus gestritten wird, gehen gelegentlich Teile des Inventars kaputt. Oft gibt es Scherben und es splittern Möbelstücke. Ein paar Räume des großen Hauses haben sowohl die Verwandten als auch gute Freunde seit langem nicht mehr betreten; dort liegen die Trümmer. Kerstin findet das nicht so schlimm: "So tun wir uns wenigstens gegenseitig nichts an", sagt sie pragmatisch. Sie kann nicht erklären, woher diese Ausbrüche kommen, sie sind einfach plötzlich da.

Oft setzt sich Kerstin ins Auto und rast vom Hof. Manchmal kommt sie erst nach Tagen zurück.

Wenn Kerstin vom Hof gerast ist, fährt Jan in die Stadt in den Supermarkt und kauft Tiefkühlpizza, die er aufbacken kann. Er mag nicht zu seinen Eltern fahren, um dort zu essen. Kerstin würde sich darüber ärgern, und bisher ist sie immer wieder zurück gekommen. Jan wartet einfach. Wenn sich irgendwann der Schlüssel im Türschloss dreht und Kerstin nachsieht, ob etwas im Kühlschrank ist, verliert keiner ein Wort darüber, wo sie gewesen ist. Meist bleibt es dann für eine Weile ruhig.


Vielleicht werden Jan und Kerstin doch eines Tages das Haus umbauen und sich neue Möbel kaufen. Und vielleicht bekommt Kerstin den Kachelofen, den sie sich wünscht. Für diesen Ofen wird sie Feuerholz brauchen. Dann besorgen sich die beiden jedes Jahr ein oder zwei Wagenladungen voll Holz, einen Hauklotz und eine Axt. Und dann wird alles gut. Denn Holzhacken ist besser als Möbel zu zerschlagen, und sogar noch besser als das Treckerfahren. Holzhacken ist Meditation und Entladung in Einem - und es geht nichts kaputt, das nicht zu Bruch gehen soll. Holzhacken ist Gleichmaß und Takt. Hinstellen, Axt hineinschlagen, anheben, aufprallen lassen, spalten, aufstapeln. Man kann immer noch mehr Holz hacken, dann wachsen die Holzmieten vor dem Haus, bis man genug hat bis an sein Lebensende. Und dem Holz ist es egal, woher die Wut kommt.


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00:00 22.12.2006

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