Wut im Herzen

Kolumbien Vor zwei Jahren wurde die damalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt entführt

Es ist der 20. Februar 2002, als der damalige Präsident Andrés Pastrana in Bogotá erklärt, der mit der linke Guerilla Kolumbiens begonnene Friedensprozess sei gescheitert. "Thanatos" heißt jene Operation, bei der die Luftwaffe noch am gleichen Tag "befreite Zonen" der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) bombardiert, um sie wieder "der Hoheit des Staates" zu unterwerfen. In dieser Phase eines erneut entfachten Bürgerkrieges wird am 23. Februar 2002 Ingrid Betancourt, die Präsidentschaftskandidatin der Grünen Partei, zusammen mit ihrer Beraterin Clara Rojas in San Vicente del Caguán von einem Guerilla-Kommando entführt. Betancourt besitzt zwar nicht den Hauch einer Chance, in die Entscheidung zwischen dem Law-and-Order-Mann Alvaro Uríbe - dem späteren Sieger der Präsidentschaftswahlen - und Horacio Serpa, dem Bewerber aus dem Mitte-Rechts-Lager, einzugreifen, aber sie gilt als eine der wenigen profilierten Politikerinnen Kolumbiens.

Kurze Zeit später taucht Betancourt in den Kommuniqués der FARC unter dem Begriff "Austauschbare" wieder auf, was bedeutet, eine mögliche Freilassung hängt von politischen Konzessionen der anderen Seite ab. "Ingrid Betancourt hat die Reihen der ›Austauschbaren‹ gefüllt. Sollte die Regierung sich bis Ende des Jahres nicht entschließen, auf unsere Forderungen einzugehen, werden wir die Entscheidungen treffen, von denen wir überzeugt sind", teilen die FARC mit. Zwei Jahre später besteht die Entscheidung noch immer darin, Betancourt in einem Camp interniert zu halten, so dass die Kinder Melanie (18) und Lorenzo (15) sowie Ehemann Juan Carlos Lecompte von der Erinnerung zehren müssen. Sie teilen dieses Schicksal mit vielen anderen Familien, denn nach vorsichtigen Schätzungen sind derzeit mehr als 3.000 Kolumbianer aus politischen Gründen entführt.

Schon als junge Kongressabgeordnete hatte es Betancourt Mitte der neunziger Jahre gewagt, den öffentlichen Nachweis zu führen, dass der Wahlkampf des damaligen liberalen Präsidenten Ernesto Samper mit Drogengeldern des Calí-Kartells finanziert worden war. Auch ihr sei selbst aus der gleichen Quelle Geld angeboten worden, gab sie seinerzeit bekannt.

Der Kampf um das Leben von Ingrid Betancourt ist inzwischen auch deshalb zu einer international beachteten Kampagne geworden, weil die Entführte die französische Staatsbürgerschaft besitzt, Außenminister Dominique de Villepin ihr Dozent am Pariser Science Po-Institut war und bis heute als persönlicher Freund gilt. Frankreich war 2001 das erste Land, in dem Betancourts aufwühlende Biografie Wut im Herzen erschien. Kein kolumbianischer Verlag hatte es riskiert, das Buch zu verlegen. Als es dann sogar für Wochen auf Platz eins der französischen Bestsellerliste stand, war Betancourt - bis zu ihrer Entführung sollten nur noch wenige Monate vergehen - eine gefragte Gesprächspartnerin im französischen Fernsehen.

Inzwischen haben ihr mehr als 100 Städte - unter anderem Paris, Brüssel, Dublin, Rom und Bogotá - die Ehrenbürgerwürde verliehen. Europäische und lateinamerikanische Intellektuelle schlugen sie für den Friedensnobelpreis vor. Einige grüne Parteien haben öffentlich darüber nachgedacht, sie als Kandidatin für die Europawahlen im Juni zu nominieren. Wie auch immer - Ingrid Betancourt ist zu einer Symbolfigur für die kolumbianische Tragödie geworden als eine Frau, die von allen Seiten bedroht ist: der linken Guerrilla, den Paramilitärs, der Drogen-Oligarchie und jenen Sektoren der politischen Klasse, die mit den zuvor Genannten in irgendeiner Form zum eigenen Vorteil verschwistert sind.

Beim landesweit wichtigsten Karneval in Barranquilla an der Karibikküste wurde jüngst sogar eine Gedenkminute für Betancourt eingelegt. Sie sollte endlich zusammen mit anderen Gefangenen der Guerrilla gegen 400 FARC-Kämpfer ausgetauscht werden, die sich in der Gewalt der kolumbianischen Armee befinden, fordern ihre Familie und ihre Sympathisanten gleichermaßen. Doch die Regierung Uríbe ist strikt gegen ein solches Agreement, sie hält allein einen militärischen Befreiungsschlag für denkbar. Wie gefährlich das sein kann, offenbarte ein gescheitertes Kommandounternehmen im Mai 2003, bei dem ein Gouverneur, ein ehemaliger Verteidigungsminister und acht Soldaten ums Leben kamen. Ohne Zweifel sind die Fronten in Kolumbien verhärtet wie selten zuvor in diesem seit vier Jahrzehnten andauernden Bürgerkrieg.

Am Rande einer Gedenkdemonstration in Bogotá zeigt sich Ehemann Juan Carlos Lecompte deshalb in einem Gespräch mit dem Freitag deprimiert. Er glaube nicht, dass seine Frau vor Ablauf von Uribes Amtszeit im August 2006 frei komme. Nach dieser Protestaktion erhielt Lecompte prompt anonyme Morddrohungen: "Man hat uns gesagt, wir sollten das Land verlassen, wenn uns Uríbe nicht gefällt. Sonst würde man uns zum Schweigen bringen."


00:00 05.03.2004

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