Wut schwappt durch die Straßen

Kolumbien Die Proteste gegen die rechtsgerichtete Regierung dauern an. Hier berichten junge Demonstrantinnen und Demonstranten von ihren Erfahrungen
Wut schwappt durch die Straßen
Die Polizeiübergriffe werden dokumentiert, dennoch starben bisher 40 Menschen, Hunderte sind verschwunden

Foto: Luis Robayo/AFP/Getty Images

Seit Ende April protestieren in Kolumbien täglich Menschen gegen die Politik der rechtsgerichteten Regierung unter Präsident Iván Duque. Sie haben mittlerweile eine Steuerreform verhindert, die ärmere und mittlere Haushalte stark belastet hätte. Inzwischen fordern sie eine soziale Grundsicherung, mehr Umweltschutz und eine grundlegende Reform der Sicherheitskräfte, die in den vergangenen Wochen gezeigt haben, wie rücksichtslos und menschenverachtend sie handeln können. Mehr 40 Kolumbianer wurden getötet, Hunderte bleiben verschwunden. Die entstandenen Wunden werden so schnell nicht verheilen. Junge Kolumbianer erzählen, was ihnen bei den Demonstrationen widerfahren ist.

Pablo Fonseca,

Kochlehrling, Bogotá

Es war acht Uhr abends, als das ESMAD, eine polizeiliche Spezialeinheit zur Aufstandsbekämpfung, damit begann, Tränengas einzusetzen. Als ich das sah, drehte ich mich um und lief einmal um den Block, bis auch dort das ESMAD auftauchte. Ich war allein unterwegs, tat absolut nichts Verbotenes, schrie sie nicht einmal an. Dennoch begann die Einheit, fünf oder sechs Tränengasgranaten in meine Richtung zu werfen. Ein Polizist schrie: „Hau ab!“ Aber ich wollte nicht gehen, sondern sehen, was passiert. Ich schaute sie an, aber ich ging nicht weg. Dann warf ein Polizist eine weitere Tränengasgranate, ich drehte mich weg und bemerkte, dass mir ein Polizist direkt in die Augen sah, seine Waffe nahm und auf mich zielte. Ein Gummigeschoss traf mich mitten ins Gesicht. Ich konnte mich nicht ducken, so schnell ging alles. Dabei hatte ich nichts getan, sondern einfach nur dagestanden. Später erfuhr ich, dass mir jemand Erste Hilfe geleistet hat.

Alexander Patiño,

Sanitäter, Bogotá

Ich gehe immer mit dem gleichen Ziel auf Demos: Ich will den Verletzten helfen. Am 1. Mai begleiteten mich zwei Freunde aus meinem Dorf nach Bogotá. Wir kamen gegen sechs Uhr abends an. Es waren vielleicht 600 Personen, die sich versammelten. Dann kam das ESMAD, etwa zwölf Mann. Aus der Demonstration heraus wurden Feuerwerksraketen in die Luft geschossen, aber zunächst blieb alles ruhig. Erst als wir begannen, die Nationalhymne zu singen, setzte das ESMAD Tränengas ein. Als wir 15 Minuten nach dem ersten Angriff versuchten, wieder auf die Straße zu gehen, attackierten sie uns mit Pfefferspray und Blendgranaten. Und dann hörte man mehrmals hintereinander einen lauten Knall, weil das ESMAD Gummigeschosse abfeuerte. Ein Junge neben mir wurde an der Brust getroffen und hatte eine große Platzwunde. Ich versorgte ihn notdürftig wie noch einen weiteren Jungen, der durch eine Blendgranate Verbrennungen am Bein hatte.

Dann rief man mich zu einem Jungen, der auf dem Boden lag und im Gesicht verletzt war. Die Leute um ihn herum wussten nicht, wie sie Erste Hilfe leisten konnten. Ich versuchte zunächst, seine starken Blutungen zu stoppen. Er atmete ganz langsam, war aber bei Bewusstsein. Ein Mädchen fragte mich, ob ich seinen Namen wüsste. So könne man vielleicht schauen, ob Freunde oder Bekannte von ihm unter den Demonstranten seien.

Ich zog einen Ausweis aus der Hosentasche des Verletzten und sah, dass er Juan Pablo hieß, aber niemand kannte ihn, er war offenbar allein gekommen. Ich habe mich dann entschieden, ihn auf den Bürgersteig zu legen und ihm die Jacke auszuziehen, als ich merkte, wie er langsam das Bewusstsein verlor. Der längst gerufene Krankenwagen kam nicht. Es verging wertvolle Zeit und sein Zustand verschlechterte sich, die Pupillen waren bereits sehr groß, Blut lief ihm aus dem Mund. Ich sagte ihm leise: „Juan Pablo, ich bin bei dir, du darfst uns jetzt nicht verlassen, du musst kämpfen!“ Ich wollte schon mit der Wiederbelebung beginnen, als es endlich gelang, ein Auto anzuhalten und den Fahrer zu bitten, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Zu sechst hoben wir ihn hinein. In der Eile vergaß ich, mir das Nummernschild aufzuschreiben.

Ich ging nach Hause und dachte: „Er ist gestorben.“ Später stellte sich heraus, dass Juan Pablo lebte, auf einem Auge erblindet war und mehrere Knochenbrüche im Gesicht erlitten hatte. Ich glaube, als er auf der Straße lag, haben wir sein Leben gerettet. Wie oft ist Menschen dieser Tage ins Gesicht geschossen worden? Wie viele haben ihr Augenlicht verloren?

Vilma Almendras,

indigene Aktivistin, Pereira

Tagsüber war die Stimmung fantastisch in Pereira. Die Menschen versammelten sich ausgelassen, waren zwischen Feierstimmung und Empörung. Die Leute hielten Reden, sie tanzten und sangen, es fühlte sich an, als erhob sich das Volk, um für das Leben zu kämpfen. Die Straßen schwappten über vor Freude, aber auch vor Wut. Auf der Demonstration traf ich Lucas Villa, Sportstudent und Yogalehrer, den alle an seinem langen Bart erkannten. Tagsüber wanderte er durch die Busse der Stadt und sprach darüber, wie die Reichen uns beklauen und ausbeuten. Er versuchte, bei den Menschen ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten zu wecken, mit denen sie es stets von Neuem zu tun bekamen.

Auf der Demonstration hatte er ausgelassen getanzt. Als ich schon zu Hause war, schrieb mir ein Freund, dass gegen Abend Personen in Zivil das Feuer auf einige der Demonstranten eröffnet hätten. Er schrieb: „Ich stand in diesem Augenblick auf einer Brücke, neben mir ein junger Mann mit Bart und blauem T-Shirt, der mit den Jugendlichen über Gewalt auf Demonstrationen sprach und sie davon abhalten wollte. Er sagte ihnen, sie würden sich damit in eine Gefahr begeben wie viele Söhne, die nicht mehr zu ihren Müttern zurückkehrten. Plötzlich fielen Schüsse, und ich warf mich mit meiner Freundin und meinem Cousin auf den Boden. Als wir wieder aufstanden, sahen wir, dass sie auf den Mann mit Bart geschossen hatten, auf Lucas Villa, der am Boden lag. Da hofften wir noch, dass Lucas durchkommen würde, aber am nächsten Morgen hörten wir, dass er an seinen Verletzungen gestorben sei, erschossen von Männern auf einem Motorrad.

Sofia de la Hoz Teran,

Künstlerin, Bogotá

Ich setze mich für mehr Mitbestimmung von Frauen ein. Was wir in diesem Moment erleben, macht vielen Hoffnung. Wie die Menschen für ihre Rechte in einem der ungerechtesten Länder des Kontinents kämpfen, das begeistert. Was wir jedoch auf der Straßen an Gewalt erfahren, ist bar jeder Verhältnismäßigkeit, wenn man bedenkt, wie wenig wir eigentlich fordern. Es ist die pure Unterdrückung. Am 28. April attackierte das ESMAD die Demonstration auf der Plaza de Bolívar in Bogotá mit Blendgranaten und Tränengas. Ich war noch zwei Straßenecken weiter, wo ich mit Freunden einer Musikgruppe zuschaute, die einen Protestzug begleitete. Wir sangen und tanzten, als ein paar seltsame Jungs auftauchten, die riefen: „Es sind nur ein paar wenige, machen wir sie fertig!“ Und dann tauchte das ESMAD auf und beschoss uns mit Tränengasgranaten. Ich war nach einem Unfall noch auf Krücken unterwegs und konnte mich nur mithilfe von Freundinnen in Sicherheit bringen.

Wir hatten Glück, weil uns ein Restaurantbesitzer die Tür öffnete. In seinem Lokal mussten wir uns vier Stunden lang verstecken, bis es gelang, ein Menschenrechtsteam anzurufen, damit es uns half, sicher wieder nach draußen zu gehen. Man hat mittlerweile den Eindruck, als durchlebten wir einen Bürgerkrieg, in dem die einen schießen und die anderen sich mit Steinen und Stöcken verteidigen. Wir brauchen mehr internationale Aufmerksamkeit, die dafür sorgt, dass es in Kolumbien nicht fortgesetzt Gewaltausbrüche gibt. Die Älteren erzählen, was gerade in Bogotá passiert, lasse sich nur mit dem „Bogotazo“ vergleichen, als 1948 ein Bürgerkrieg das ganze Land erfasste. Und jetzt, 73 Jahre später, leiden wir immer noch unter staatlicher Gewalt, müssen wir den Lärm von Helikoptern über unseren Demos ertragen, verschwinden Menschen spurlos.

Magaly Pino Ordoñez,

Aktivistin in Cali

Ende April gab es in Cali die ersten Proteste, wichtige Straßen wurden besetzt. In der Nähe von Cali hat man auch Buenaventura, den größten Hafen des Landes, blockiert. Mittlerweile hat die Regierung angekündigt, die Steuerreform zurückzunehmen, aber bestimmt ändert sie nur Kleinigkeiten. Was wir brauchen, das sind eine Gesundheits- und eine Rentenreform. Außerdem wehren wir uns gegen die systematische Gewalt und die Massaker. Der kolumbianische Staat hält sich nicht an die internationalen Erklärungen, die er unterschrieben hat.

Am 29. April kam es zu einem Tag der Gewalt in Cali. Seither fühlt es sich an, als sei der ganzen Stadt der Krieg erklärt worden. Der Bürgermeister und der Gouverneur des Departments haben im Prinzip nichts mehr zu sagen, Entscheidungen über Einsätze gegen die Bevölkerung fällen Polizei- und Militärkommandanten. Krankenwagen werden nicht zu Verletzten durchgelassen, oft sogar angegriffen. Wir versuchen als Menschenrechtsteam so viel wie möglich zu dokumentieren, aber oft können wir Informationen nicht verifizieren. Bisher zählen wir in Cali 27 Tote; dazu kommen Opfer, die noch nicht identifiziert werden konnten.

Als wir durch die Viertel der Reichen zogen, schossen manche von ihren Balkonen auf uns. Wenn das ESMAD nachts in Stadtviertel eindringt, wird der Strom abgeschaltet und das Internet gekappt, wie am 3. Mai im Bezirk Siloé, wo es zu Zusammenstößen kam, aber in den sozialen Medien niemand darüber berichten konnte. Inzwischen organisieren wir Nachtwachen, um uns zu schützen.

Am schlimmsten war es am 6. Mai, als Zivilpolizisten Demonstranten angriffen. Es geschah an einem der Checkpoints, dort hielt um halb vier Uhr nachmittags ein Lastwagen, der ganz normal aussah. Auf einmal sprangen von der Ladefläche mehrere Männer in Zivil, zogen Waffen, eröffneten das Feuer auf Demonstranten und rannten ihnen hinterher, wenn sie sich in Sicherheit bringen wollten. Als dann einige von uns den leeren Wagen durchsuchten, fanden wir Polizeiwesten und Abzeichen, die dort zurückgelassen wurden. Das ist wirklich schrecklich, wenn Polizisten so tun, als seien sie Zivilpersonen, um dann anzugreifen. Niemand kann mehr sicher, jedes Auto eine Bedrohung sein.

Seltsamerweise war das Militär in den zurückliegenden Tagen sehr freundlich zu den Demonstranten. Einmal versorgten Soldaten die Menschen an einer Barrikade sogar mit Essen. Sie inszenieren sich plötzlich als „Retter des Volkes“, aber ich bleibe misstrauisch.

Fabian Grieger berichtet als freier Autor aus Bogotá, Medellín und Berlin über die aktuellen Konflikte in Kolumbien

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06:00 31.05.2021

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