Wut sucht Alternative

Mexiko Der Zorn aufs Establishment hat den Linken López Obrador trotz des internationalen Rechtsrucks zum Präsidenten gemacht, meint der Globalisierungskritiker John Holloway
Wut sucht Alternative
Das andere Gesicht des Wahlsiegs: eine Unterstützerin López Obradors

Foto: Pedro Pardo/AFP/Getty Images

Es sind aufregende Zeiten. Zum ersten Mal in der Geschichte Mexikos gewinnt eine linke Partei die Wahlen – und das mit einer deutlichen Mehrheit. Die Mexikaner haben Andrés Manuel López Obrador bei der Präsidentschaftswahl mehr als 53 Prozent der Stimmen gegeben. Das sind 30 Prozent mehr als seinem größten Rivalen (Ricardo Anaya von der Mitte-Rechts-Partei PAN). López Obradors Partei Morena erreichte bei den Bundeswahlen ebenfalls einen Erdrutschsieg, der ihr zahlreiche politische Ämter bringt.

Es weht ein frischer Wind durch Mexiko. Es wäre eine Katastrophe gewesen, wenn seine Kontrahenten gewonnen hätten. Das Wahlergebnis pustet aber auch einen ebensolchen frischen Wind in die Welt, in der dieser Tage so viele andere Wahlergebnisse einen starken Rechtsruck dokumentieren, sei es in den USA, in Deutschland, Argentinien, der Türkei, Italien oder bei der Brexit-Entscheidung in Großbritannien.

López Obradors Sieg ist das Ergebnis von wachsender Wut. Wut über den extremen Anstieg von Gewalt, von Korruption, von Ungleichheit. Er zeugt von der Verdrossenheit der Menschen gegenüber den etablierten politischen Parteien, die mit diesen Phänomenen verknüpft sind. Aber warum sucht die Wut in Mexiko die Alternative links, während sie in so vielen anderen Ländern zu einer Rechtsbewegung geführt hat? Vielleicht ist López Obradors besondere Beharrlichkeit der Grund – vielleicht sind es auch die unzähligen unsichtbaren gesellschaftliche Kämpfe, die in diese Richtung drängen.

Wenn López Obrador im Dezember sein Amt antritt, lasten enorme Erwartungen auf ihm. Es herrscht das starke Gefühl, dass es mit Mexiko bergab gegangen ist, dass die Dinge in Ordnung gebracht werden müssen, dass wir zu einem Land zurückkehren müssen, das sicher, weniger korrupt, weniger voller schrecklicher Armut ist.

Wird der neue Präsident diese Erwartungen erfüllen? Es wird wahrscheinlich einige Verbesserungen geben, vielleicht einen Rückgang der Gewalt in den Drogenkriegen. Aber unterm Strich wird López Obrador wohl den Weg aller linken Regierungen hin zu Kompromiss und Desillusionierung gehen.

Alle linken Regierungen arbeiten in einer kapitalistischen Welt und haben nicht die Macht, die sie zu haben versprechen. Das kapitalistische Umfeld zwingt sie, sich gegen ihre eigenen Wähler zu wenden. In seiner Siegesrede hat López Obrador deutlich gemacht, dass er nichts tun wird, was Banker und Industrie stört. Wenn nicht die sozialen Kämpfe in der Bevölkerung ihn darüber hinaus treiben, was er bisher will – Reformen in der Bildung und im Energiesektor, Reduzierung der Zerstörung durch die Bergbauindustrie) –, dann werden Desillusionierung und Wut weiter wachsen.

Und wogegen wird sie sich dann richten? Wir brauchen viel mehr als eine Veränderung der regierenden Partei.

John Holloway ist irisch-mexikanischer Politikwissenschaftler und lehrt an der Autonomen Universität in Puebla, Mexiko. Sein Buch Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen (2002) entfachte in der globalisierungskritischen Bewegung eine Debatte über alternative Politikmodelle

Übersetzung: Carola Torti
12:02 04.07.2018
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