Xingui oder Bobo?

Kosmopolitisch Annie Wangs Roman "Peking Girls" führt in die Welt der chinesischen Boomtowns

Westliche Leser könnten der Idee verfallen, dass es in Büchern wie Annie Wangs Peking Girls um die "chinesische Identität" geht. Doch vorab müsste geklärt werden, ob Identität nicht eine westliche Erfindung ist. Und selbst wenn - China ist längst auf dem Weltmarkt angekommen und importiert nicht nur westliche Waren, sondern ebenfalls ähnliche Probleme und natürlich Ideologien. Was sich alles in den Boomtowns Shanghai, Hongkong, im Pearl River Delta zuträgt, interessiert aber nicht nur Psychologen. Soziologen, Architekten, Ökonomen registrieren sorgfältig jede Veränderung, schließlich ist China heißer Kandidat, wenn es darum geht, einen möglichen Nachfolger für den im Abstieg befindlichen Welthegemon USA zu finden. Ob die hierzu nötige Assimilationsfähigkeit vorhanden ist, kann nicht zuletzt an einer Vielzahl von chinesischen Büchern abgelesen werden, die nicht nur auf dem dortigen Buchmarkt reüssieren.

Auch die 1972 in Peking geborene Annie Wang, die in Berkeley Journalismus studierte und danach wieder in ihr Land zurückkehrte, konstatiert in ihrem Buch eine Inflation von Erlebnisberichten, die sowohl das Leben in China über mehrere Generationen hinweg verfolgen oder kulturelle Hybridbildungen beschreiben. Mit ihrem Buch Peking Girls ist sie letzterem zuzuordnen. Die Erzählerin ist eine "Heimkehrerin", die in den USA lebte und studierte, dann dem Ruf der Regierung, die "chinesischen Patrioten in Übersee" mögen bitte zurückkehren, folgte, um sich ihrer "Wurzeln" zu versichern. Das Leben zwischen den Kulturen ist das große Thema dieses formal höchst unentschiedenen Buches.

Peking Girls changiert zwischen Essay, Reportage, Soap Opera und fiktionalem Text. Ein Vergleich mit der amerikanischen Fernsehserie Sex and the City läge nahe, denn in beiden Fällen geht es um eine Gruppe von Frauen, die sich vorwiegend mit Gender-Troubles herumschlagen. One-Night-Stands, Internetkontakte, zudringliche Typen in allerlei Variationen, dazwischen Niuniu, Beibei, Lulu, CC und andere, die als berufstätige Frauen durchs Leben navigieren. Beibei etwa ist Präsidentin einer Firma mit dem schönen Namen "Chichi Entertainment Company", die Schauspieler und Sänger managt. Alle gehören der Mittelklasse an, mit deutlicher Tendenz nach oben und ohne Gefahr des sozialen Absturzes - bereits das ist ein Argument entweder für die Zukunft Chinas oder gegen das Buch, das nur einen sehr begrenzten Ausschnitt aus der chinesischen Gesellschaft liefert.

An einer Stelle verlässt die Erzählerin Hongkong und schlägt den Weg ein, den auch westliche Kamerateams in ihren Reportagen gerne wählen. Sie begibt sich in die Vororte, dem Gegenpol zu den glitzernden Metropolen und registriert dort bittere Armut. Aber diese Reise wirkt wie eine Konzession, wie ein Wohltätigkeitsbesuch einer Prinzessin, die ein paar sozial inspirierte Fotos in Umlauf bringen möchte.

Die Welt der chinesischen Boomtowns ist weitgehend abgeriegelt. Das Leben spielt sich in luftigen Höhen ab, die Figuren reden und spazieren, die Erzählerin unterfüttert das Geschehen mit Hintergrundinformationen. Dabei ergeben sich interessante Einblicke. So wird berichtet, dass gegenwärtig Sprachschullehrer leicht Millionäre werden, dass chinesische Liberale pro-, Linke hingegen antiamerikanisch orientiert sind, und dass Xiaozi, das chinesische Wort für Kleinbürger, zu Zeiten der Kulturrevolution ein schlimmes Schimpfwort war, aktuell jedoch als ganz wunderbare Wendung gilt.

Annie Wang beschreibt den chinesischen Beitrag zu einer transnationalen Klasse, die ohne Existenzsorgen munter Modestile kombinieren und ihren alltagskulturellen Vorlieben nachgehen kann. So gilt in China Starbucks Kaffee als schick, genauso McDonalds, wohingegen es in Amerika eher anders ist. In der Postmoderne pflegt man so etwas Differenz zu nennen, und mit Differenzen dieser Art beschäftigen sich Niuniu und Lulu gerne. Unklar ist allerdings, ob sie eher xingui oder Bobo sind - also Angehörige der neuen Elite oder "Bohemiens der Bourgeoisie", die in Shanghai, Hongkong oder Peking leben, als wäre das eine einzige große Stadt.

Die Erzählerin kommt aus der Bay Area der USA und hat lediglich eine urbane Agglomeration mit einer anderen getauscht. Kulturkämpfe werden hier vergebens gesucht, wie es scheint dienen Amerika und sein Way of Life aus der Distanz als eine Folie oder eine Art Blaupause, mittels derer diese Chinesinnen ihren Alltag gestalten können. Annie Wang illustriert eine Möglichkeit, auf chinesische Art kosmopolitisch zu sein. Voraussetzung ist zweifelsohne eine genaue Kenntnis der amerikanischen Kultur, ohne die internationale Ambitionen nicht gehegt werden können. Auf diese Weise ist auch ein schöner Seitenhieb auf den deutschen Provinzialismus herauszulesen: International oder kosmopolitisch sein zu wollen, ohne die - selbst natürlich äußerst heterogene - amerikanische Kultur verinnerlicht zu haben, ist ein Oxymoron, und außerdem natürlich ökonomisch äußerst kontraproduktiv. In den Kreisen der Peking Girls gibt es keine kulturellen Ressentiments; It´s the economy, stupid - in der gehobenen Klasse, die um die Ökonomie herum gruppiert ist und vorwiegend mit kulturellen Codes agiert, ist diese Form der Abgrenzung vollkommen sinnlos.

Das Buch von Annie Wang liefert mehr als nur einen Einblick in eine bestimmte Gesellschaftsschicht. China ist derzeit ein Laboratorium, in dem traditionelle Werte mit postmodernen Lebensstilen gemischt werden. Stereotyp kehrt hier die Versicherung wieder, wie schwierig das Tempo der Veränderung für die Bevölkerung sei. Es gibt jedoch Konstanten in der Geschichte, wie auch im Vergleich mit den konkurrierenden westlich-kapitalistischen Ländern. Immer sind es Männer, die mit Macht und Geld - in Abwesenheit beider auch mit Angeberei - die Regeln diktieren, Business-Machos, die dauernd entweder nach der Trophy-Woman oder dem Zweit- oder Drittnest in den wechselnden Metropolen suchen. Ohne solche Typen scheint auch in China keine Modernisierung der Geschäftemacherei vonstatten gehen zu können.

Die Frauen haben mit diesen Figuren ihre Last, aber sie haben auch das Vergnügen. Dieses Buch belegt, wie weit es gelingt, die Schattenseiten der rasanten Veränderung in China auszublenden, im kulturellen Sinn postmodern sein zu dürfen, ohne immer die ganze Bürde des Neoliberalismus tragen zu müssen. Es belegt auch, ein wie großes Privileg und Vergnügen das bereiten kann und, damit die Modernisierung Erfolg hat, bereiten muss. Annie Wang feiert es als Erfolg, dass dies jetzt auch im autokratisch regierten China möglich ist und aus ihrer Perspektive ist das plausibel. Denn eine Einrichtung kommt in dem ganzen Buch nicht vor - die Partei. In der Tat ist der Fortschritt für viele Menschen, ihr Leben ohne diese ständig präsente Instanz zubringen zu können, nicht gering zu schätzen. Dass es gelang, diesen Eindruck zu erwecken, dürfte einer der größten Erfolge der Kommunistischen Partei Chinas auf ihrem Weg zu neuen Ufern sein.

Annie Wang: Peking Girls. Roman. Aus dem Englischen von Annette Hahn. Aufbau, Berlin 2006, 362 S., 19,90 EUR


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00:00 17.03.2006

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