Yes, Freunde!

Prenzlauer Berg Ein Privatclub offeriert Maniküre, Charity und Babysitting. Unbefugten Kindern ist das Spielen verboten

Hier sind alle ungefähr gleich alt, gleich reich, gleich schlank, gleich schön. Hohe Mieten garantieren eine exklusive Einwohnerschaft. Amplituden nach oben und unten? Eher selten. Aber wem die Gleichheit im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg noch nicht gleich genug ist, der kann Mitglied im „Wunderhaus“ werden.

Der „family membership club“, im November 2017 gegründet, liegt gleich neben dem Wasserturm. Für bis zu 149 Euro Monatsgebühr kann man hier …, ja was eigentlich? Mit anderen Members Smoothies trinken oder selbst gebackenes Bananenbrot kaufen. Man kann an Pilates- und Yogakursen teilnehmen, die Kinder zum Ballett schicken und sich währenddessen die Nägel maniküren lassen. Seine Kinder lässt man in einem Spielzimmer, das neben dem Café liegt, die Kinder werden von Sittern des Wunderhauses betreut.

Man kann auch einfach nur einen Kaffee trinken, und dem Kind werden derweil die Nägel manikürt. Ja. Es gibt Maniküre für Kinder.

Das Wunderhaus ist eigentlich kein Haus, eher eine Art Café mit Tresen, Tischen, Bänken, Mini-Spa und Kinderspielbereich. Alles hell und klar, nordisch, clean und bequem. Am Empfang spricht man Englisch, die Kundschaft ist international.

„Was ist für dich ein Wunder?“, frage ich Shirley Erskine-Schreyer, die Gründerin und Chefin des Hauses (man duzt sich). „Ein Wunder ist etwas, das die Welt voranbringt“, antwortet sie. „Also gleiche Bezahlung für Frauen und Männer, oder dass es die metoo-Debatte gibt, oder dass wir hier heute einen Charity-Flohmarkt für Flüchtlinge veranstalten.“ Ist das Wunderhaus ein Wunder, weil dessen Existenz die Welt voranbringt?, hake ich nach. Sie nickt. Aber kann das stimmen?

Wunderschön, wundervoll

Das Wunderhaus befindet sich in einem Neubau, der vom Investor Rainer Bahr und seiner Firma econcept erbaut wurde. Bahr hat vier Wohnblöcke aus DDR-Zeiten, zwischen denen sich vier durchlässige grüne Höfe mit altem Baumbestand befanden, mit einer Blockrandbebauung, einer Tiefgarage und einem zusätzlichen Obergeschoss versehen. Die Bäume sind gefällt, und viele Mieter mussten gehen. Weil ihre Wohnungen abgerissen wurden oder aufgrund der neuen Mieten.

Auf dem Charity-Flohmarkt des Wunderhauses verkaufen hübsche, schlanke und gepflegte Damen geschmackvolle Babysachen. Vor dem Gebäude sind ein paar Tische aufgebaut, die Sonne scheint. Ich kaufe Kleidchen und Röckchen für meine Tochter, zu gesalzenen Preisen. Ich muss es einfach tun. Alles ist frisch gebügelt und frisch gewaschen und duftet. Und es ist alles für einen guten Zweck!

Die Flüchtlinge aus dem Heim, das nur ein paar Meter die Straße runter liegt, könnten sich das sicher nicht leisten. Das Geld, das hier eingenommen wird, geht an eine Organisation, die Flüchtlinge unterstützt. Nur warum geben sie die Sachen nicht direkt dort ab?

Alle scheinen gut gelaunt, dieses Lächeln der Wunderhaus-Members, ist es nicht zu starr geraten? Reden sie nicht alle etwas zu laut miteinander? Man muss an Woody Allen denken, der in seiner Rolle im Fillm Stadtneurotiker sagte: „Ich möchte nie im Leben Mitglied in einem Verein werden, der Leute wie mich als Mitglieder aufnimmt.“ Oder an Desperate Housewives (Verzweifelte Hausfrauen), die Serie über vier Nachbarinnen und ihre Erlebnisse in einer fiktiven Kleinstadt in den USA.

Nun also ein Privatclub nach amerikanischem Vorbild: um dazuzugehören, muss man sich auf der Webseite anmelden und für eine der Mitgliedschaften entscheiden: Wundermom (49 Euro pro Monat), Little Wunder (69 Euro), Wunderschön (99 Euro) oder Wundervoll (149 Euro).

Ich fühle mich wohl. Ich hatte einen wirklich sehr guten Cappuccino und sitze auf einer Bank im Schatten vor dem Gebäude. Gleichzeitig wünsche ich mir in diesem sterilen Umfeld nichts sehnlicher als ein Dosenbier und eine Zigarette. Entspannung und dennoch das Gefühl, am falschen Ort zu sein.

„Hat Sie hier Freunde gefunden?“, frage ich die Chefin. „Yes!“ Erskine-Schreyer ist um die 40, in Toronto geboren, ging mit Anfang 20 als Model nach New York, lebte dort einige Jahre und kam der Liebe wegen nach Berlin. Sie hat zwei Töchter, 21 und 4 Jahre alt. Die Idee zum Wunderhaus kam nach der Geburt der zweiten Tochter. Sie habe unter den mittlerweile etwa 140 Clubmitgliedern wunderbare Mütter getroffen, die ihr eine Menge guter Ratschläge gegeben hätten. Sie sagt das so professionell und schnell daher, dass ich ganz vergesse zu fragen, um welche Ratschläge es sich gehandelt habe. Ob sie auch zusammen Partys machen, feiern und abends Alkohol trinken? Wenn es hier schon kein Bier gibt, will ich wenigstens darüber sprechen.

Nein, außerhalb des Wunderhauses oder abends trifft Erskine-Schreyer mit ihren neuen Freundinnen nicht zusammen. „Außerhalb des Wunderhauses ist man Mutter und in der Familie“, sagt sie. Meine Frage kommt mir plötzlich naiv vor. Das Wunderhaus ist ein Job, ein Geschäftsmodell. Natürlich ist man zu seinen Gästen nett, aber selten trifft man sie in der Freizeit.

In Prenzlauer Berg gibt es bereits eine Menge Angebote für Mütter. Rückbildungsgymnastik, Pekip, Babymassage, Babyyoga, Krabbelgruppen, Kindercafés. Warum hat ihr das nicht ausgereicht? „Es gibt nie genug Angebote für Mütter und Babys“, sagt Erskine-Schreyer. Alles, was eine Mutter auf der Reise von Schwangerschaft zu Mutterschaft begleite, sei willkommen. Ein Kindercafé sei einfach kein Members-Club, sagt sie. Nur hier, in dieser Umgebung, könne man auf andere Mütter in der gleichen Situation treffen, Yoga und Pilates machen, Maniküre und Pediküre, und nach Schwangerschaft und Geburt wieder in Form kommen. Mit dem Wort elitär könne sie wenig anfangen, sagt sie. Mütter seien Mütter, sie mache da keine Unterschiede.Die ersten Monate mit Baby seien so hart für eine junge Mutter, erklärt die Unternehmerin, da brauche man Rat und Unterstützung und müsse etwas für seinen Körper tun. Von Anfang an hätte es eine Menge Anmeldungen für das Wunderhaus gegeben. Mittlerweile will sie in andere Großstädte wie München expandieren.

Darum geht’s also? Sport und Kosmetik? Selbstoptimierung? Kommt daher vielleicht das angespannte Lächeln der Clubmitglieder?

Wem gehört die Stadt?

Ich überlege, ob das Wunderhaus etwas für mich gewesen wäre, als meine Tochter klein war. Ich hätte mir die Nägel maniküren lassen können, während meine Tochter nebenan den „Arts and Crafts“-Kurs besucht oder Babyballett tanzt. Ich betrachte meine Fingernägel mit dem abgeplatzten Nagellack.

Als meine Tochter klein war, verbrachte ich meine Nachmittage am liebsten auf einer Decke auf der Wiese in meinem Hinterhof. Ich bin dankbar, dass mir damals kein Investor ein Wunderhaus vor die Nase gesetzt und keine Tiefgarage unter meinen Hof gegraben hat.

Der Kontakt zu anderen Müttern hat mich vor allem angestrengt. Nach dem Rückbildungskurs bin ich möglichst schnell wieder nach Hause geeilt und den Pekip-Kurs (in dem man nach einem Prager Eltern-Kind-Programm lernen soll, wie man mit seinem Kind spielt) habe ich nur einmal mitgemacht und bin dann nie wieder hingegangen, die Kursgebühr habe ich nicht erstattet bekommen.

Während ich mich mit Shirley Erskine-Schreyer unterhielt, habe ich meine Tochter auf den Hof des Neubaus geschickt, in dem sich das Wunderhaus befindet. Vorhin stand das Hoftor nämlich auf. Auf dem Hof gibt es zwar keine alten Bäume mehr, dafür aber eine saubere Wiese mit Spielplatz, ohne Hundekacke und Glasscherben. Dort konnte ich sie beruhigt allein lassen, während ich meiner Arbeit nachging.

Nach dem Gespräch will ich meine Tochter abholen, komme aber nicht mehr auf den Hof. Das Tor ist jetzt verschlossen. Ein Mann gießt mit seinem Sohn den hübschen Vorgarten vor dem Neubau. „Entschuldigung, können Sie mich bitte reinlassen? Meine Tochter ist da drin.“„Das ist kein öffentlicher Spielplatz“, belehrt mich der Mann. „Ich weiß“, höre ich mich sagen. Spontan kann ich neuerdings sehr nett und unterwürfig sein. „Aber meine Tochter ist da drin, ich will sie nur rausholen, weil ich jetzt gehen will. Könnten Sie mir bitte aufschließen?“

„Ich habe keinen Schlüssel dabei“, sagt er. Lügner. Klar, er klingelt dann einfach, wenn er wieder reinwill. Seine Frau sitzt oben allein auf der Terrasse und chillt. Sie trinkt wahrscheinlich ayurvedischen Kräutertee, hockt in der Heimsauna oder liest ein Lifestyle-Magazin. Sie putzt den Induktionsherd, sie bügelt seine Hemden. Sie macht Home Office. Und sie denkt hoffentlich darüber nach, diesen Mann zu verlassen, den es offenbar nicht im Geringsten juckt, dass meine Tochter da drinnen eingesperrt ist, und der mir nicht helfen will.

Ich rufe mein Kind durch das Hoftor. Keine Antwort. Dann klingle ich eben einfach irgendwo, damit jemand auf den Summer drückt. Ich sehe aufs Klingelbrett, um mir einen netten Namen auszusuchen, und verliere den Mut.

Über den Namen ist eine halbkugelförmige Kamera installiert. Wenn ich klingle, wird mich jemand durch die Kamera beobachten und gar nicht erst mit mir reden. Das Hoftor ist aus dekorativem eisernen Buschwerk gebildet. Auf der Innenseite des Tores ist eine Klinke. Ich greife durchs Buschwerk durch und drücke die Klinke herunter. Das Tor öffnet sich. Meine Tochter spielt im Schatten unter einer Buchsbaumhecke.

Auf dem Klettergerüst sitzen zwei Punks und trinken Bier. Sie haben wohl auch durchs Buschwerk gegriffen. Gated Communitys sind wohl neue Verbotszonen, die man besetzen kann.

Wem gehört die Stadt?, frage ich mich, während ich meiner Tochter beim Spielen zuschaue. Leuten wie mir, die hier geboren sind und wissen, wie es früher war, als man Mutter war, einfach so, oder denen, die sich hier eingekauft haben? Wundermüttern.

06:00 13.10.2018

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