Yes, we Khan

Porträt Sadiq Khan will im kosmopolitischen London ein proeuropäischer Bürgermeister des sozialen Ausgleichs sein
Michael Krätke | Ausgabe 19/2016 3
Yes, we Khan
Sadiq Khan ist so kosmopolitisch wie unorthodox
Bild: Zuma Press/Imago

London, die größte Stadt Europas, hat einen neuen Oberbürgermeister. Sadiq Khan vermochte als erster Muslim und Sohn pakistanischer Einwanderer diesen Posten zu erobern. Er gewann mit 1.310.143 gegen 994.614 Stimmen, die für seinen Gegner, den milliardenschweren Zac Goldsmith, einen typischen Vertreter der Upperclass-Tories, abgegeben wurden. Dieser Vorsprung gibt Khan ein weit stärkeres Mandat als vielen Vorgängern. Sein Sieg – so erwartbar er gewesen sein mag – verdient es, als Lichtblick für die Labour Party bei ansonsten eher ernüchternden Kommunalwahlen gefeiert zu werden.

Der Durchmarsch Sadiq Khans lenkt die Aufmerksamkeit auf eine bemerkenswerte Lebensgeschichte. Während der Kindheit im Südwesten der Stadt zu Hause, wuchs der Sohn eines Busfahrers und einer Heimarbeiterin mit sieben Geschwistern in einer Drei-Zimmer-Sozialwohnung auf. Er besuchte keine Privat-, sondern staatliche Schulen, er studierte an der University of North London, nicht in „Oxbridge“, und sollte sich später einen Namen als Anwalt für Menschenrechte machen. Mit 15 schon trat er in die Labour Party ein, für die er ab 2005 als Abgeordneter aus dem Londoner Wahlkreis Tooting im Unterhaus saß, zudem als Kabinettsmitglied Premierminister Gordon Brown diente und schließlich ins Schattenkabinett von Ex-Labour-Chef Ed Miliband berufen wurde – das ist nicht unbedingt die Karriere eines Underdogs.

Khan ist kein erklärter Corbynist. Er gehörte zwar zu den wenigen Labour-Abgeordneten, die Jeremy Corbyn nach der schweren Niederlage bei den Unterhauswahlen vor einem Jahr als Parteivorsitzenden vorschlugen. Doch hat er ihn dann beim parteiinternen Votum nicht gewählt. Was andererseits nicht heißt, dass Khan heute als Blairist zur Fronde derer zählt, die Corbyn schnell absägen wollen. Am Tag seiner Amtseinführung las Khan dem Parteichef und seiner Entourage allerdings die Leviten. Grund dafür war der wüste Streit um antisemitisch grundierte Äußerungen einiger Labour-Promis, darunter Ken Livingstone, letzter Labour-Bürgermeister von London. Die Linke, zumal die radikale Linke im Königreich, hat seit jeher ein dickes Problem mit Israel. Jeremy Corbyn zögerte in diesem Fall viel zu lange, bevor er die Delinquenten abservierte. Also nahm Khan als erste Amtshandlung demonstrativ am Shoah-Gedenken in London teil. Seine Botschaft: Will Labour nicht Schaden nehmen, muss sich die Partei mehr um Verstiegenheiten am ultralinken Rand kümmern, vor allem um die dort gepflegte Aversion gegen Israel. Priorität hätten aber die Alltagssorgen der übergroßen Mehrheit. Wohnungsnot, steigende Mieten und Lebenshaltungskosten. Prekarität beträfe alle, ob nun Muslime, Juden oder Christen.

Londons Stadtoberhaupt regiert eine multiethnische, multikulturelle und multikonfessionelle Metropole mit fast neun Millionen Menschen. Es ist für die öffentliche Daseinsvorsorge in der Riesenstadt zuständig, von der Feuerwehr über Hospitäler bis zur Abfallentsorgung. Es muss sein Mandat mit den 32 Bezirken (Boroughs) und der City of London teilen (die seit jeher eine eigene politische Körperschaft ist). In den kommenden vier Jahren wird Khan zeigen müssen, dass er tatsächlich eine Politik für die Mehrheit in London verfolgen will, nicht für die Minderheit der Privilegierten. Labour wird die City Hall nur behaupten, wenn Khan anders agiert als sein Vorgänger, der überaus agile Hansdampf in allen Mediengassen, Boris Johnson, der die Herren des Kapitals aus aller Welt machen ließ, was und wie sie wollten.

Dagegen will Khan die Fahrpreise für Busse und Untergrundbahn einfrieren, zunächst für vier Jahre. Das wird vielen Londonern gefallen, die täglich in überfüllten Bussen und Zügen pendeln und unter ständig steigenden Fahrpreisen stöhnen. Er denkt an eine Mietpreisbremse für die ganze Stadt – die „London Living Rent“. Diese soll die Mieten auf jeweils maximal ein Drittel des Durchschnittseinkommens in jedem Stadtteil beschränken. Wie tief diese Megastadt sozial gespalten ist, wird nirgendwo sichtbarer als bei der grassierenden Wohnungsnot. Während Zehntausende von Apartments als reine Geldanlagen leer stehen und in Luxusspekulationsobjekte umgewandelt werden, drängen sich die Londoner in viel zu kleinen, extrem überteuerten Wohnungen und sind oft der Willkür von Hauseigentümern schutzlos ausgeliefert. Dank Margaret Thatcher gibt es in Großbritannien keinen Mieterschutz mehr. Die Wohnungsmisere ist ein Skandal, der dieser Boomcity enorm schadet: Hunderttausende von jungen, hochqualifizierten Leuten mit guten Jobs und respektablen Einkommen können sich in dieser Stadt keine Mietwohnung mehr leisten, von Wohneigentum ganz zu schweigen.

So viel steht bereits fest – Sadiq Khan wird in seinem neuen Amt für den Verbleib des Landes in der EU werben. Ein klares Signal an die Bürger der Hauptstadt, bei denen die hysterischen Tiraden der rechten Europa-Verächter von Ukip nicht gut ankommen. Nirgendwo im Vereinigten Königreich leben und arbeiten so viele EU-Ausländer wie in London, ohne sie läuft hier wenig. Jeder dritte Einwohner wurde außerhalb Großbritanniens geboren. London ist und bleibt kosmopolitisch und hat nun wieder einen erklärt proeuropäischen Bürgermeister. Einen, der gegen den unter- wie oberschwelligen Rassismus und den geifernden Jingoismus der britischen Ober- und Mittelklasse antritt. Ein Sozialdemokrat, der bodenständig wirkt, Intellektualität nicht verbirgt und sich während des Wahlkampfes nie einschüchtern ließ. Dass Khan ein moderater Muslim ist, der als Anwalt auch radikale Salafisten verteidigt hat – die Mehrheit der Londoner kratzt das wenig.

06:00 13.05.2016

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