Annika Joeres
16.10.2010 | 09:40 6

Zahlen sind ihre Waffen

Christiane Marty Christiane Martys Analysen stellen die Sarkozy-Regierung bloß. Die Ingenieurin kämpft gegen die französische Rentenreform und wird auch heute wieder auf die Straße gehen

Wenn Französinnen künftig ein wenig mehr Rente beziehen, dann ist das auch ihr Verdienst: Christiane Marty hat mit ihren eindringlichen Veröffentlichungen der Regierung von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy kleine Änderungen an der geplanten Altersversorgung abgerungen. Und bislang sieht es so aus, als wären diese ersten Korrekturen auch die letzten. "Die Regierung rüttelt an unserem Wertesystem", sagt die 55-jährige Frontfrau der globalisierungskritischen Organisation "attac". "Wir müssen die historische Errungenschaft der frühen Rente mit allen Mitteln verteidigen."

Die Ingenieurin kämpft vor allem dafür, die Nachteile für Frauen bei der geplanten Neuberechnung der Rente auszugleichen. Sie wird auch am heutigen Samstag wieder auf einer Kundgebung in Paris sprechen. Seit Monaten rebellieren die Franzosen gegen eine Erhöhung des Rentenalters, aber bislang gibt sich die konservative Regierung ungerührt. Einen ersten Sieg hat Ingenieurin Marty aber schon errungen. Sarkozy kündigte Anfang Oktober an, Frauen auch mit weniger Arbeitsjahren die volle Rente zuzubilligen, wenn sie mindestens drei Kinder groß gezogen haben. "Jetzt bewegt sich etwas", sagt Marty zufrieden. "Allerdings ist Sarkozys Angebot lächerlich – was ist mit den Frauen mit einem oder zwei Kindern?," fragt sie. Die Gesellschaft halte Frauen als kostenlose Erzieher und bestrafe sie dann mit einer geringeren Rente.

Martys Thesen bekommen viel Applaus

Das Interesse an ihren Analysen ist groß. Vor wenigen Tagen trat sie im südfranzösischen Nizza auf. Die seit Jahrzehnten konservativ regierte Touristenstadt ist sicherlich keine Heimstätte der sozialen Proteste. Aber Martys Thesen über die systematische Benachteiligung von Frauen zieht die Zuhörer in den Bann. Dutzende Frauen und Männer hängen in einer Brasserie an ihren Lippen. Für Marty ist die Rente einer der größten zivilisatorischen Fortschritte. Das immer wieder zitierte Argument , die Menschen könnten länger arbeiten weil sie länger lebten, lässt sie nicht gelten. "Die Menschen leben länger, weil sie sich nicht mehr wie früher kaputt arbeiten. Bei einer späteren Rente werden die Menschen wieder früher sterben," lautet ihre drastische Analyse. Die zierliche Frau kann sich in Rage reden und ballt immer wieder ihre Fäuste.

Allerdings lässt Sarkozy bislang keinen Zweifel daran, das Gesetz in seinen Grundzügen noch in diesem Jahr verabschieden zu wollen. Es sieht vor, das Renteneintrittsalter schrittweise von 60 auf 62 Jahren bis zum Jahr 2018 anzuheben. Außerdem soll künftig nur noch derjenige eine volle Rente beziehen, wer 41,5 Jahre eingezahlt hat. Über das komplette Reformpaket soll am kommenden Mittwoch im Senat abgestimmt werden. Wegen der großen konservativen Mehrheit wird das Gesetz sicherlich passieren.


Und so werden nur noch wenige Menschen künftig die volle Rente beziehen können. 41,5 Jahre seien insbesondere für Frauen mit Kindern eine nahezu unerreichbare Zeitspanne, sagt Marty und zitiert sofort einige Statistiken. Marty konnte in den großen überregionalen Zeitungen von Le Monde bis zu La Tribune ganzseitige Texte über die "fundamentale Ungerechtigkeit" der Reform veröffentlichen.

Über das deutsche Renteneintrittsalter von 67 Jahren schüttelt Marty den Kopf. "Die Deutschen schlucken viel", sagt sie nur. Sie klingt nahezu ärgerlich über das "schlechte Beispiel" des Nachbarlandes. Die Naturwissenschaftlerin ist überzeugt davon, dass sich Frankreich die vergleichsweise frühe Verrentung weiter leisten könne. Allein schon deshalb, weil die Geburtenrate im Nachbarland mit 2,1 Kindern pro Paar wesentlich höher ist als zum Beispiel in Deutschland, wo Eltern durchschnittlich 1,4 Kinder groß ziehen. "Wir haben genug Einzahler, die die Rente der älteren Generation garantieren", sagt Marty, die auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von attac ist. Letztlich müsse der Staat mehr Steuern einnehmen, um das soziale System zu retten. Sie glaubt, die Reform diene letztlich nur der "Kapitalisierung" - die großen Versicherer hätten die Pläne für eine private Altersvorsorge schon in der Schublade.

Eigentlich ist die schlanke Brillenträgerin passionierte Wissenschaftlerin. Sie forscht in der Thermodynamik, ein Bereich der klassischen Physik. "Ich halte es für den entscheidenden Fortschritt unserer Gesellschaft, nicht immer arbeiten zu müssen um zu überleben", sagt sie. Vor zehn Monaten hat sie sich eine Auszeit an ihrem staatlichen Forschungsinstitut genommen und ein Sabbatjahr eingelegt, sie wollte die Welt bereisen und lesen. Dann kündigte Sarkozy die umstrittene Rentenreform an. "Ich habe mich sofort an den Computer gesetzt und Gegenberechnungen angestellt", sagt Marty. Zahlen sind ihre schärfste Waffe, in vielen ihrer Artikel führt sie einen nahezu mathematischen Gegenbeweis zu den Kalkulationen der Regierung. So hatte der zuständige Minister Eric Woerth behauptet, Französinnen würden heute genauso lange in die Rentenkasse einzahlen wie Männer. Eine Falschaussage von Woerth, die er nach heftigen Reaktionen nun nicht mehr wiederholt. Diese kleinen Erfolge motivieren Marty, weiter zu streiten. Dabei ist ihre Rente mit 60 Jahren noch sicher.

Kommentare (6)

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sozenschiss 16.10.2010 | 13:44

@Beobachter
"Die Deutschen schlucken zu viel"
Das wundert mich auch immer wieder. Während in all unseren Nachbarstaaten die Demos laufen oder gar Generalstreiks laufen, betäuben sich die Deutschen mit immer noch mehr Konsum.
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Mich wundert das nicht!
In den betroffenen Nachbarländern zeigt sich lediglich, dass die sozialen Wohltaten (z. B. Rente mit 60) nicht mehr erwirtschaftet wurden.
Die Abfederung durch deutsche EU-Einzahlungen reicht bei Weitem nicht mehr aus, dieses zu kaschieren! :-(

Exilant 16.10.2010 | 18:18

@Beobachter: Die vom Wilhelminismus gepraegte Denk- und Verhaltensweise sitzt eben immer noch.
Die Franzosen haben eine ganz andere demokratische Tradition.
Im Fruehjahr 2009 waren insgesamt ca. 3 Millionen (wg. Finanzkrise) auf der Strasse, obwohl die Banken dort nicht gezockt haben.
Die Deutschen haften fuer inzwischen 142 Milliarden Schulden Euro der HRE - und schweigen.

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Ehemaliger Nutzer 17.10.2010 | 03:21

"Sie glaubt, die Reform diene letztlich nur der "Kapitalisierung" - die großen Versicherer hätten die Pläne für eine private Altersvorsorge schon in der Schublade."

Dies ist in Deutschland bereits geschehen. Seit 1998 (Antritt der rot-grünen Regierung) ist der Arbeitgeberanteil am Sozial- und Rentenanteil um 20,5% gesunken. Die Summen welche den umlagefinanzierten Rentenkassen fehlen, spiegeln sich in den angelegten Kapitalmengen der Großversicherer wieder.

Siehe hierzu "Die Rentenlüge". Auf den Nachdenkseiten findet man die Zahlenkolonen, welche den Feenstaub von Raffelhüschens Lügen pusten.

@Sozenschreck: dein Terminus ist Programm? Warum haben denn die staatlichen Kassen der Franzosen Probleme? Könnte es eventuell daran liegen, dass wir hier mit unseren Billiglohn-Facharbeitern dafür gesorgt haben, dass bspw. EADS in Frankreich die Werke geschlossen hat (man erinnere sich an den Standort-Konkurrenzkampf).

"Soziale Wohltaten der Nachbarländer" kannste deinen Mumpiz nicht woanders verbreiten?
Die Franzosen mögen zwar als Renteneintrittsalter die 60er Grenze haben, merkwürdiger Weise arbeiten die Meisten länger (siehe hierzu in der Mediathek von ARD). Warum? weil die Rente dort unter dem Niveau der deutschen Durchschnittsrente liegt. Und das obwohl die Lebenshaltungskosten in Frankreich höher liegen. Das Gleiche gilt für die "über ihren Verhältnissen lebenden Griechen", welche einen nicht unerheblichen Teil der Kredite der Deutschen Bank für Waffen von Thyssen Krupp und Co ausgeben. Attac hat auf diese Missstände schon seit Beginn der Griechenlandkrise hingewiesen, nun kam das auch in den Öffentlich-Rechtlichen.

Natürlich hat Deutschland die stärkst entwickelte Industrie und unsere Volkswirtschaft unterscheidet sich grundlegend von den PIGSS Staaten, aber genau das ist der Grund warum man nicht einfach einen einheitlichen Handelsraum mit einheitlicher Währung schaffen kann. Dann braucht man sich hinterher auch nicht wundern, warum die Starken die Schwachen kaputt machen (wir haben regelrecht Haushaltshoheit über die PIGSS auf Grund unserer Kredite).

Das was am stärksten unangenehm aufstößt, dass sich hier jetzt die Springerpresse und Co hinstellen und gegen diese Länder hetzen, denen wir vorher ohne Bedenken und trotz des Wissens über deren Volkswirtschaften Kredite noch und nöcher gewährt haben. Damit wurde in nicht unerheblichem Maße unser Krempel gekauft.
Die gequirlte Scheiße das Deutschland wieder allen anderen Ländern ihren Wohlstand finanziert hätte die Bildzeitung nicht besser posten können. Merkwürdigerweise hat sich die Situation für die Menschen in Griechenland, Italien usw. seit Eintritt in die EU sogar verschlechtert. Natürlich alles wegen deren Korruption ;)

Ach wie war das noch gleich mit Siemens, Mercedes und Co? Haben die nicht "Spenden" in Millionenhöhe vergeben um an Aufträge zu kommen? Ich frage mich angesichts solcher Größen welche Korruption schlimmer ist. 60% unserer Exporte gehen ins europäische Ausland...

j-ap 17.10.2010 | 03:50

Im Fruehjahr 2009 waren insgesamt ca. 3 Millionen (wg. Finanzkrise) auf der Strasse, obwohl die Banken dort nicht gezockt haben.

Bitte was? Die französische Bankenlandschaft ist quasi seit den 1960er-Jahren ein einziger Skandal, daß die Franzosen also wegen ihrer Bankiers nicht mehr auf sie Straße gehen, hängt eher mit Gewöhnung zusammen.

Was war denn da da mit der SocGen? Crédit Lyonnais? Crédit Agricole? BNP? Mutuel?

Herr im Himmel: Die Grande Nation, das Mutterland des Étatismus, hat die am kriminellsten politverfilzte Bankenlandschaft in ganz Europa, was schlicht damit zusammenhängt, daß in Frankreich diejenigen, die an die Fleischtöpfe der Macht wollen, allesamt dieselben Schulen besuchen, und zwar egal, ob sie nun bei Lagardère, Elf Aquitaine, BNP oder im Staatsrat »wirken«.

Soviel zum Thema »demokratische Tradition«.
Calvin 20.10.2010 | 00:33

Die EU hat die unwichtigen Sachen (Bananenkrümmung, Apfeldurchmesset, Gurkengeradigkeit) normiert, aber bei den wesentlichen Fragen herrscht beinahe Wildweststimmung. Das ist einer der Gründe, warum die EU noch relativ akzeptanz genießt. Die meisten Länder beziehen Netto mehr Geld als sie einzahlen. Wie groß wird die Begeisterung sein, wenn plötzlich die Hälfte oder gar alle Länder Nettozahler wären? Wenn der größte und dämlichste Posten, der Agrarfonds, wegfallen würde und sich damit Überproduktion und Umweltzerstörung nicht mehr lohnen würden?

Ich bin realistisch: Europa braucht die EU, wenn es global die vierte Geige spielen will und nicht als Triangel-Orchster wahrgenommen werden will. Aber es wird höchste Zeit, die Politiken innerhalb der EU zu harmonisieren.
Die Global wahrscheinlichste Variante ist m.A.n., dass es keinen Wohlstandszuwachs mehr auf der nördlichen Hemisphäre geben wird, sondern sehr viel Wohlstand nach Süden abwandern wird. Das betrifft besonders auch die Sozialsysteme, weil die einen Großteil der Kosten ausmachen -den Firmen woanders sparen können.
Ich Frage mich: Wie kann man dafür sorgen, dass sinkender Wohlstand gerecht verteilt wird (d.h. relativ und nicht absolut), wie verhindern wir, dass die Pfeffersäcke zu Drecksäcken mutieren?