Zahlen sind ihre Waffen

Christiane Marty Christiane Martys Analysen stellen die Sarkozy-Regierung bloß. Die Ingenieurin kämpft gegen die französische Rentenreform und wird auch heute wieder auf die Straße gehen

Wenn Französinnen künftig ein wenig mehr Rente beziehen, dann ist das auch ihr Verdienst: Christiane Marty hat mit ihren eindringlichen Veröffentlichungen der Regierung von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy kleine Änderungen an der geplanten Altersversorgung abgerungen. Und bislang sieht es so aus, als wären diese ersten Korrekturen auch die letzten. "Die Regierung rüttelt an unserem Wertesystem", sagt die 55-jährige Frontfrau der globalisierungskritischen Organisation "attac". "Wir müssen die historische Errungenschaft der frühen Rente mit allen Mitteln verteidigen."

Die Ingenieurin kämpft vor allem dafür, die Nachteile für Frauen bei der geplanten Neuberechnung der Rente auszugleichen. Sie wird auch am heutigen Samstag wieder auf einer Kundgebung in Paris sprechen. Seit Monaten rebellieren die Franzosen gegen eine Erhöhung des Rentenalters, aber bislang gibt sich die konservative Regierung ungerührt. Einen ersten Sieg hat Ingenieurin Marty aber schon errungen. Sarkozy kündigte Anfang Oktober an, Frauen auch mit weniger Arbeitsjahren die volle Rente zuzubilligen, wenn sie mindestens drei Kinder groß gezogen haben. "Jetzt bewegt sich etwas", sagt Marty zufrieden. "Allerdings ist Sarkozys Angebot lächerlich – was ist mit den Frauen mit einem oder zwei Kindern?," fragt sie. Die Gesellschaft halte Frauen als kostenlose Erzieher und bestrafe sie dann mit einer geringeren Rente.

Martys Thesen bekommen viel Applaus

Das Interesse an ihren Analysen ist groß. Vor wenigen Tagen trat sie im südfranzösischen Nizza auf. Die seit Jahrzehnten konservativ regierte Touristenstadt ist sicherlich keine Heimstätte der sozialen Proteste. Aber Martys Thesen über die systematische Benachteiligung von Frauen zieht die Zuhörer in den Bann. Dutzende Frauen und Männer hängen in einer Brasserie an ihren Lippen. Für Marty ist die Rente einer der größten zivilisatorischen Fortschritte. Das immer wieder zitierte Argument , die Menschen könnten länger arbeiten weil sie länger lebten, lässt sie nicht gelten. "Die Menschen leben länger, weil sie sich nicht mehr wie früher kaputt arbeiten. Bei einer späteren Rente werden die Menschen wieder früher sterben," lautet ihre drastische Analyse. Die zierliche Frau kann sich in Rage reden und ballt immer wieder ihre Fäuste.

Allerdings lässt Sarkozy bislang keinen Zweifel daran, das Gesetz in seinen Grundzügen noch in diesem Jahr verabschieden zu wollen. Es sieht vor, das Renteneintrittsalter schrittweise von 60 auf 62 Jahren bis zum Jahr 2018 anzuheben. Außerdem soll künftig nur noch derjenige eine volle Rente beziehen, wer 41,5 Jahre eingezahlt hat. Über das komplette Reformpaket soll am kommenden Mittwoch im Senat abgestimmt werden. Wegen der großen konservativen Mehrheit wird das Gesetz sicherlich passieren.


Und so werden nur noch wenige Menschen künftig die volle Rente beziehen können. 41,5 Jahre seien insbesondere für Frauen mit Kindern eine nahezu unerreichbare Zeitspanne, sagt Marty und zitiert sofort einige Statistiken. Marty konnte in den großen überregionalen Zeitungen von Le Monde bis zu La Tribune ganzseitige Texte über die "fundamentale Ungerechtigkeit" der Reform veröffentlichen.

Über das deutsche Renteneintrittsalter von 67 Jahren schüttelt Marty den Kopf. "Die Deutschen schlucken viel", sagt sie nur. Sie klingt nahezu ärgerlich über das "schlechte Beispiel" des Nachbarlandes. Die Naturwissenschaftlerin ist überzeugt davon, dass sich Frankreich die vergleichsweise frühe Verrentung weiter leisten könne. Allein schon deshalb, weil die Geburtenrate im Nachbarland mit 2,1 Kindern pro Paar wesentlich höher ist als zum Beispiel in Deutschland, wo Eltern durchschnittlich 1,4 Kinder groß ziehen. "Wir haben genug Einzahler, die die Rente der älteren Generation garantieren", sagt Marty, die auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von attac ist. Letztlich müsse der Staat mehr Steuern einnehmen, um das soziale System zu retten. Sie glaubt, die Reform diene letztlich nur der "Kapitalisierung" - die großen Versicherer hätten die Pläne für eine private Altersvorsorge schon in der Schublade.

Eigentlich ist die schlanke Brillenträgerin passionierte Wissenschaftlerin. Sie forscht in der Thermodynamik, ein Bereich der klassischen Physik. "Ich halte es für den entscheidenden Fortschritt unserer Gesellschaft, nicht immer arbeiten zu müssen um zu überleben", sagt sie. Vor zehn Monaten hat sie sich eine Auszeit an ihrem staatlichen Forschungsinstitut genommen und ein Sabbatjahr eingelegt, sie wollte die Welt bereisen und lesen. Dann kündigte Sarkozy die umstrittene Rentenreform an. "Ich habe mich sofort an den Computer gesetzt und Gegenberechnungen angestellt", sagt Marty. Zahlen sind ihre schärfste Waffe, in vielen ihrer Artikel führt sie einen nahezu mathematischen Gegenbeweis zu den Kalkulationen der Regierung. So hatte der zuständige Minister Eric Woerth behauptet, Französinnen würden heute genauso lange in die Rentenkasse einzahlen wie Männer. Eine Falschaussage von Woerth, die er nach heftigen Reaktionen nun nicht mehr wiederholt. Diese kleinen Erfolge motivieren Marty, weiter zu streiten. Dabei ist ihre Rente mit 60 Jahren noch sicher.

09:40 16.10.2010

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