Zahnarzt

A–Z Eine Welt ohne Dentisten wäre trist, verdanken wir ihnen doch Hausgeister, Trinkspiele und die Accessoires der Pubertät. Unser Lexikon der Woche
der Freitag | Ausgabe 18/2016
Zahnarzt

Foto: Keystone/Getty Images

A

Amalgam Der Wirt meiner Stammkneipe und meine Zahnärztin sind zwei der wichtigsten Vertrauenspersonen in meinem Leben, um das es in Sachen Zahngesundheit nicht zum Besten steht. Ihretwegen habe ich mir den Mund voller Amalgam pflastern lassen. Der Wirt sagte mir: „Alles Quatsch, die Angst vor Amalgam!“ Meine Zahnärztin bestätigte und verrichtete ihr Werk. Doch stecken die beiden vielleicht mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, dem Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München und mit dem Oberlandesgericht Hamm, das gerade die Klage einer mutmaßlich Amalgam-Geschädigten abwies, unter einer Decke? Schädigt das aus den Füllungen in Blut und Organe diffundierende Quecksilber doch meinen Körper (➝ Horror)? Für die Zukunft hat sich diese Frage erledigt: Meine Zahnärztin hat Amalgam nun aus ihrem Arsenal verbannt. Es lohne sich nicht mehr, außer mir frage es kaum noch jemand nach. Sebastian Puschner

B

Buddenbrooks Wenn bei den Buddenbrooks der „Verfall einer Familie“ begleitet wird, verfallen mit ihr nicht nur Haus und Unternehmergeist, sondern auch die Zähne. Während Außenstehende wie Christian Buddenbrooks Liebhaberin Aline oder die angeheiratete Gerda mit starkem, weißem Gebiss bestechen, gelten die schlechten Zähne in der Handelsfamilie selbst als Vorboten des Todes. So leidet Thomas Buddenbrook monatelang unter starken Zahnschmerzen, die Zahnextraktion (➝ Implantat) missglückt. Auf dem Rückweg vom Arzt bricht er auf der Straße zusammen und stirbt. Auch sein Sohn Hanno hat schon früh derartige Schmerzen, sodass ein Ende gar „wünschenswert“ wäre. Mit gerade einmal 16 Jahren stirbt er an Typhus. Mutter Gerda hingegen zieht wenig später unversehrt zurück zu ihrem Vater nach Amsterdam. Ihren weißen Zähnen sei Dank. Simon Schaffhöfer

C

Chopper Die Zahnarztpraxis ist, wie wir wissen, kein Ort zum Zuckerschlecken. Sie ist vielmehr die keramikgekachelte Kulisse (➝ Interieur) von Séancen um Prophylaxe, Bonusheftpunkten und anderen übersinnlichen Phänomenen. In Neutraubling, vor den Toren Regensburgs, machte 1981 der Geist „Chopper“ den sehr medienwirksamen Schritt in unsere dentalhygienische Dimension – und sorgte vielleicht nicht für Angst und Schrecken, jedoch zumindest für tiefe Falten auf so mancher Stirn: „Mach’s Maul auf“, „Du stinkst aus dem Maul“ und andere Verbalinjurien waren seine Botschaften, die er durch die Spucknäpfe und Toilettenschüsseln der Praxis kundtat.

Doch wie in jeder guten Geschichte gab es auch was fürs Herz: Chopper (benannt nach der Motorradart) war in die damals 16-jährige Zahnarzthelferin Claudia Judenmann (Motorradfan) verliebt. Sie gab sogar an, mit ihm geschlafen zu haben. Seitdem der von ihr, dem damals 62-jährigen Zahnarzt und seiner Frau inszenierte Schwindel durch Parapsychologen und einer Sonderkommission des LKA aufgedeckt wurde, lebt sie unter neuer Identität. Felix-Emeric Tota

G

Gazza Paul Gascoigne gehörte zu den begabtesten Fußballern, die es in England je gab. Dass „Gazza“ aber schon immer auch die George-Best-Seite des Fußballs zelebrierte, ist spätestens seit der EM 1996 und dem legendären „dentist’s chair“ bekannt. Dieses Trinkspiel ist simpel und zweckorientiert: Kopf in den Nacken, Mund auf, Schnaps rein – so viel wie möglich, ohne sich zu verschlucken. Jenem Ritual frönten „Gazza“ und seine Teamkollegen bei einem Kneipenabend (➝ Amalgam) während der EM-Vorbereitung. Die Presse schoss sich auf Gascoigne ein. Er revanchierte sich auf spezielle Art, erzielte gegen Schottland ein Traumtor und bejubelte es mit einer Imitation des „dentist’s chair“. Benjamin Knödler

H

Horror Als wäre das Ziehen eines Zahnes nicht schon Horror genug, toppt die Geschichte (➝ Buddenbrooks) der sadistischen Machenschaften eines niederländischen Zahnarztes alles. Über Jahre hatte dieser in der französischen Gemeinde Château-Chinon seinen Patienten unnötige Behandlungsqualen zugeführt und daran auch noch gut verdient. Beim jüngst beendeten Gerichtsprozess verhängte die Richterin eine achtjährige Haftstrafe und fügte in Richtung des Angeklagten hinzu: „Sie hatten Spaß daran, Menschen wehzutun.“ Das erinnert an die Horror-Zahnärzte und ihre Folterpraxen aus Filmen wie The Dentist (1996) und Marathon Man (1976). Gruselig! Laura Langer

I

Implantat Man muss kein ungepflegter Zeitgenosse sein, um in der Blüte seiner Jahre vor der Entscheidung zu stehen, fehlende Features in der Kauleiste durch solides Handwerk oder Ingenieurskunst made in Germany (➝ Spange) ersetzen zu lassen. Sprich: Es müssen Implantate sein. Denn ein Glas mit herausnehmbarem Zahnersatz auf dem Nachttisch ist definitiv keine Option. Neben den Kosten ist die größte zu überwindende Hürde jedoch die lähmende Angst vor dem Vorgang des Setzens der Implantate.

Ja, es wird direkt in den Kieferknochen gebohrt. Die dabei entstehenden Geräusche nimmt man indes nur zu geringem Teil über die Ohren auf. Das Vibrieren und Dröhnen verbreitet sich über den gesamten Schädelknochen; ein Supergau der Sinne, den man so schnell nicht wieder vergisst. Aber hey, heute habe ich zwei kleine glitzernde Knöpfe im Mund, die schon in wenigen Wochen meine neuen hübschen Keramikzähne tragen werden. Ich fühle mich wie ein Premium-Steiff-Bär und bin stolz wie ein frisch gepiercter Jugendlicher. Andrea Kain

Interieur Seit ich in Berlin wohne, war ich nie zweimal beim gleichen Zahnarzt. Sie haben mich nicht schlecht behandelt, ich fühle mich nur immer manipuliert, so wie nach einem Werbespot (➝ Zahnarztfrau), der wirkt, obwohl man ihn durchschaut hat. Daran hat das Mobiliar meist erheblichen Anteil: Zahnärzte versuchen offensichtlich, nicht nur sauber und professionell zu wirken, sondern auch Weltgewandtheit und Esprit auszustrahlen, um zahlungskräftige Kundschaft anzulocken.

Teure Buddha-Figuren thronen neben Lamellenvorhängen, expressionistisch wirkende großformatige Wandgemälde hängen neben kieferanatomischen Schautafeln. Richtig gruselig wurde es einmal auf dem Kurfürstendamm. Nach der Behandlung drückte mir die Empfangsdame ein Prospekt in die Hand: Die Praxis würde bald umziehen, stand da, in ein denkmalgeschütztes Gebäude mit goldverzierter Stuckdecke. In dem Saal sollten die Patienten dann in strahlend-weißen Behandlungswürfeln im Apple-Look zu besseren Menschen mit schöneren Zähnen werden. Ich bin da nie wieder hingegangen. Sophie Elmenthaler

K

Kommunikation Mein Zahnarzt redet oft mit mir, wenn der Absaugschlauch in meinem Mund steckt und ich nicht antworten kann. Er fragt dann, wie es im Urlaub war („Hnch!“) oder ob mir das Wetter ebenfalls missfällt („Hngcha ...“). Meistens beruhigt mich das. Einmal hatte er aber bereits begonnen, meine Zähne mit diesem spitzen Haken zu untersuchen, als er beiläufig bemerkte: „Die Rechnung vom letzten Mal ist überfällig. Zahlen Sie sicher bald, oder?“ Mit Haken und Absauger im Mund kann man nicht hektisch nicken oder gar „Ja! Tun Sie mir nicht weh!“ sagen (➝ Horror). Mittels panischen Quietschens signalisierte ich daher meine Zahlungsbereitschaft. Paul Watzlawick („Man kann nicht nicht kommunizieren!“) wäre stolz auf mich gewesen. Uwe Buckesfeld

M

Marke Im Gegensatz zu den echten Dr. Alban oder Dr. Oetker ist der fiktive „Meister Proper“ weder Meister noch „proper“ (engl. = angemessen), sondern „propre“ (frz. = sauber). „Dr. Best“ hingegen ist sowohl real als auch fiktiv. Zwar soll „Best“ primär ein Hinweis auf ein superlatives Zahnpflegeprodukt sein, existiert aber auch real. Ein Markenrelaunch 1988 sollte die Wegwerfzahnbürste seriös machen. Dabei stieß man auf Dr. Earl James Best († 2002), Zahnmediziner aus Chicago. In seiner Heimat kannten Dr. Best nur seine Patienten, in Deutschland bald Millionen dank seiner Demonstration der Schwingkopfzahnbürste an einer verletzlichen Tomate. Vielleicht findet sich auch noch ein glatzköpfiger Meister (➝ Gazza) der Gebäudereinigung mit „angemessenem“ Nachnamen? Konstantin Nowotny

S

Spange Zahnspangen sind das blinkende Accessoire der Pubertät. Ganz abgesehen von der Zeit, die man beim Kieferchirurgen mit dem Nachstellen der Dentalschrauben verbringt, bereitet sie jedoch viele Schmerzen. Ein besonderes Highlight dabei: Der Abdruck. Um ein Modell des eigenen Kiefers zu erzeugen, wird einem ein hufeisengroßes Metallding in den Mund gesteckt (➝ Kommunikation), auf dem sich eine pastellfarbene Paste befindet. Wenn diese am Gaumen andockt, überfällt einen das Gefühl, jeden Moment zu ersticken. Wimmernd liegt man dann mit Würgereiz auf dem Stuhl und wird von seinem Zahnarzt angewiesen, mit dem rechten Fuß zu wackeln. Hat nicht geholfen. Sarah Alberti

V

Vagina dentata Allein die Vorstellung von der Vagina dentata versetzt Männer in Schnappatmung (➝ Spange): Die bezahnte Vagina gilt als ein Urmotiv der Kastrationsangst. Die vermeintlich passive Weiblichkeit gewinnt plötzlich nicht nur aktive Züge, sondern wird zur drohenden Entmannung. Im Mittelalter verbreitete die Kirche, dass Hexen ihrem „da unten“ mit Hilfe von Zaubersprüchen Zähne wachsen lassen könnten.

In den Mythen vieler Kulturen tauchen kräftig zubeißende Scheidenschlünde auf, denen es nach dem Gemächt gelüstet oder die Männer gleich ganz verschlingen wollen. Daraus leitete man(n) unter anderem die Unterordnung der Frau ab – sie sollte ihre Vagina nicht aus freien Stücken einsetzen können. Sigmund Freud diente die Vagina dentata zur Illustration seiner Phallustheorie. Die Surrealisten malten Frauengesichter mit kleinen spitzen Zähnen. Letztlich bedient auch Ralf Königs zähnefletschendes Kondom des Grauens, ein schlecht verfilmter Kultcomic mit Biss, dieses Motiv. Tobias Prüwer

Z

Zahnarztfrau Was ist eigentlich aus der Zahnarztfrau geworden, die keine Frau Dr. med., sondern eine Doktor-Frau war, ihrem Mann als Sprechstundenhilfe (➝ Chopper) zur Hand ging und in den 90er Jahren als Werbeikone für Zahnweiß-Produkte firmierte: „Ich als Zahnarztfrau empfehle ...“ Ist sie mittlerweile geschieden, hat sie den Hund oder den Porsche zugesprochen bekommen, schreibt sie Frauenromane mit einem Schuh auf dem Cover? Der Gesetzgeber hat sie 2012 durch eine Novelle des Heilmittelwerbegesetzes ersetzt. Vorher durften Ärzte nicht für Heilprodukte werben, deshalb sprang die Zahnarztgattin ein. Seitdem die Docs selbst Produkte promoten dürfen, die kaum halten, was sie versprechen, warten wir in der Werbung auf den überfälligen Satz: „Ich als Gatte einer erfolgreichen Zahnärztin empfehle ...“ Oder parshipt sie noch? Sarah Khan

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 17.05.2016
Geschrieben von

Ausgabe 18/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare