Zappzerapp in Klaipeda mit Sprit aus Kaliningrad

Unterwegs zur Kurischen Nehrung Kein stiller Spätsommer-Trip

Die ganze Tour durch den russischen Spätsommer ist gefährdet. Ohne Brennspiritus kann ich morgens keinen Kaffee kochen, und mehrere Verkäufer in Supermärkten, Angel- und Jagdgeschäften haben schon mit "njet" auf meine Frage nach "Technitscheskij Spirt" reagiert. Auch der Chef einer Firma im Kaliningrader Gewerbegebiet - mein letzter Versuch - sagt "njet" und hat doch Mitleid. "Wieviel?" Ich halte meine Colaflasche hoch. Mit dem Satz "Frau komm" nimmt er mich mit in sein Büro, holt ein großes Schlüsselbund aus der Hosentasche, öffnet einen stattlichen grünen Panzerschrank und kippt aus einem Plastikkanister eine durchsichtige Flüssigkeit in meine Flasche. Das Büro riecht jetzt nach Kneipe. "Nicht trinken", sagt er noch und grinst. Geld will er nicht.

Das Kaffeekochen am nächsten Morgen klappt sehr gut. Das Zeug brennt besser als Spiritus. Ich bin auf dem einzigen offiziellen Zeltplatz im Kaliningrader Gebiet - einer gemähten Wiese mit verrosteten Laternen hinter dem Hotel Baltika am östlichen Stadtrand. Vor dem Zelt ein idyllischer See, hinter dem Zelt tobt der Verkehr auf der Autobahn Richtung Moskau, in der Nachbarschaft das Camp eine deutsche Busgesellschaft, die in einem Anhänger mit Schlafkojen übernachtet. In acht Tagen haben sie schon St. Petersburg, Estland, Lettland, Litauen und Kaliningrad geschafft. Nun ist Polen dran. Abends gibt es bei ihnen Ravioli aus der Dose. Mir werden die Reste angeboten, weil "Essen wegwerfen nicht gut ist!"

Wald am Haff

Auf das Erlebnis "Autobahn per Fahrrad" folgt die Erfahrung "Kaliningrad im Berufsverkehr". Alle Wagen stehen, viele hupen, Lastwagen qualmen - ich kann auf Seitenstreifen oder Fußwegen am Stau vorbeiziehen und bemerke, der russische Autogeschmack ist eindeutig: Das Fahrzeug sollte möglichst groß sein und schwarz getönte Scheiben haben. Kaliningrad scheint das Entsorgungsgebiet für deutsche Spritfresser und ein fahrradfeindliches Areal zu sein. Die Bordsteine sind im Schnitt 30 Zentimeter hoch, bei vielen Gullis fehlt der Deckel, darunter gähnt ein tiefes, schwarzes Loch.

Nach einem Besuch in einem Internetcafe bin ich wieder versöhnt. Ein Türsteher passt auf mein Rad auf, ich darf an den Computer, obwohl ich "noch nicht dran" bin.

Nach dem Mittagessen geht es weiter in Richtung Baltijsk und Ostsee. Die Strecke führt durch kilometerlange Baumalleen und ist nicht so wunderbar wie gedacht. Von oben Sonne, von vorn Wind, von der Seite pausenlos Autos, Busse und Laster, die so tun, als wäre ich nicht da. Ich versuche eine andere Route, die aber nur auf meiner Karte zu sehen ist. Mehrere Einheimische, die ich frage, können sich nicht entscheiden, ob es diesen Weg nun gibt oder nicht. Ein Radfahrer kommt nach zehn Minuten wieder zurück, um mitzuteilen, er habe die Orientierung verloren, aber ich sollte es doch einfach selbst probieren. Nach einigen Kilometern taucht ein Militärposten auf. Eine Frau und ein Mann sitzen in Uniform mit umgehängten Gewehren in der Sonne und unterhalten sich. Sie spielen mit einer kleinen, schwarzen Katze. "Nein", sagen sie, "keine Chance", ich soll lieber umkehren.

Die Belohnung für die Odyssee winkt mit Baltijsk, der kleinen Hafenstadt an der Ostsee. Bis vor kurzem streng abgeschirmtes Depot für Schiffe der russischen Marine, doch das ist vorbei. Auch wenn die Hälfte der Einwohner noch Uniform trägt, ist die Atmosphäre heiter und friedlich. Soldaten hacken Unkraut unter dem strengen Blick ihrer Vorgesetzten, flankiert von bummelnden Pärchen und Hochzeitsgesellschaften, Anglern und Strandurlaubern.

Ein Teil der Stadt findet sich, verbunden durch eine Fähre, auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens, auf der Baltijskaja kosa (ehemals Frische Nehrung). Vor meiner Ankunft las ich in einem Zeitungsartikel: Der Ort sei heruntergekommen, mit vielen herum lungernden Alkoholikern und verwilderten Hunden. Heruntergekommen stimmt teilweise, Alkoholiker und Hunde sind nicht zahlreicher als sonst irgendwo. Es gibt Wohnblocks, drei Einkaufsläden mit Cafés und viele Holzhäuser mit Garten.

Auffällig sind die gewaltigen Bauwerke aus deutscher Zeit. Im Umland von Baltijsk befand sich einst ein Flughafen mit riesigen Hangars, Landebahnen und Nebengebäuden, der nach 1945 von sowjetischem Militär noch Jahrzehnte genutzt wurde. Wer gern in verlassenen Häusern herum kriecht, kommt hier auf seine Kosten. Zwischen den von Gras und Gestrüpp überwucherten Landebahnen wachsen Himbeersträucher, Kiefern und Pilze bis zu den Dünen am Meer und den kleinen Buchten am Haff. Im dichten Unterholz lagern ordentlich nummerierte Steinhütten mit großen Löchern. Erinnert man sich der Berichte aus dem Winter ´45 und der Bilder von Fluchtrouten über das Haff, wirkt dieser menschenleere Wald plötzlich unheimlich.

Höhepunkt des Tages

Neben einer verwitterten Flugzeughalle steht eine basa otdicha, die russische Spielart der Gattung Jugendherberge. Mehrere braune Holzhütten, ein Haus mit Toiletten und Küche. Eine Angestellte dieses Quartiers wäscht tief über einen Steintrog gebückt die Bettwäsche der Besucher. In den Hütten wohnen Familien, die teilweise aus Gegenden hinter dem Ural anreisen, um hier Urlaub zu machen. Abends wird gemeinschaftlich Schaschlik gegrillt.

Im Nachbarhaus logiert eine junge Deutschlehrerin aus Kaliningrad mit Kind, Mann und Freund. Sie adoptieren mich umgehend. Die beiden Männer gehen nachts angeln und laden mich danach zur besten Fischsuppe meines Lebens ein. Gekocht wird über offenem Feuer. Außer verschiedenen Fischsorten sind noch Dill, Möhren, Kartoffeln und viel Knoblauch drin. Schlagartig sind alle Magen- und Darmprobleme, die mich seit einigen Tagen plagen, verschwunden.

Da die Autofähre erst in mehreren Stunden fährt, setze ich am nächsten Morgen mit einem Motorboot zum Festland über. Es kommt Sturm auf, wir gleiten durch Wellentäler. Der Bootsführer hilft, meine Taschen und das Rad festzuhalten, Gischt spritzt ins Boot, für umgerechnet 1,50 Euro ist die Überfahrt der Höhepunkt des Tages.

Nach der Fahrt durch eine Hügellandschaft finde ich keine Übernachtungsmöglichkeit. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fällt mir ein besonders blumenreicher Garten rings um ein einsam liegendes Haus auf. Ich will fragen, ob ich auf dem Rasen zelten darf und lungere vor dem Gartenzaun herum. Niemand öffnet, die Pforte bewacht ein Hund, der aber keine Lust hat zu bellen. Als ich aufgeben will, öffnet sich die Haustür und ein altes Paar erscheint. Einige freundliche und einige kritische Blicke, dann darf ich herein und werde eingeladen, im Wohnzimmer zu übernachten. Der alte Herr bietet eine Führung durch den Garten an, während seine Frau ein Abendessen kocht. Danach liege ich auf dem Sofa und höre dem prasselnden Regen zu, den es gegen die Fenster treibt. Über mir hängen Geweihe und Rehköpfe, die die Zähne blecken.

Beim Frühstück erzählen die beiden, eigentlich stammten sie aus dem sibirischen Jekaterinburg, doch hätten sie vor zehn Jahren dort alles aufgegeben, um in der Nähe der Tochter zu sein, die in Kaliningrad als Journalistin arbeite. Glücklich und heimisch fühlen sich die beiden bis heute nicht, es fehle der Geruch der Großstadt. Von ihren Wünschen begleitet geht es weiter zur Kurischen Nehrung.

Das Eingangstor dorthin heißt Zelenogradsk und ist ein Badeort mit Bauboom, bröckelnder Promenade und einem Strand, der offenbar unaufhaltsam im Meer verschwindet. Die russischen Urlauber machen das Beste daraus, auch wenn gerade Wolkenbrüche nieder gehen. Kaum ist der letzte Tropfen gefallen, wird wieder gebadet und flaniert. Eine Imbisswirtin holt ihre metergroßen Boxen aus der Strandhütte, beschallt die Gegend, schenkt Bier aus und verteilt Pappkartons als Sitzunterlage. Ich ordere mehrere Schichten und frage, ob ihr im kurzärmligen T-Shirt nicht kalt sei. "Nein", lacht die Wirtin, "ich bin Russin, mir macht das nichts."

Abgesehen von der Autopiste, die über die Kurische Nehrung nach Litauen führt, ist es hinter Zelenogradsk wild und einsam, bleibt das Geräusch der Brandung oft der einzige Begleiter.

Deckel des Glücks

Auf der litauischen Seite der Nehrung scheinen Radfahrer als eine Gattung zu gelten, die es verdient, geschützt zu werden. Ein allein ihnen vorbehaltener Reiseweg führt 50 Kilometer durch lichte Kiefernwälder und an Wiesen vorbei, die nach Thymian duften.

In einem Vorort der Stadt Klaipeda. frage ich wieder einmal nach Unterkunft und habe wieder einmal Glück. Eine 86-jährige Frau sagt "ja". Sie hat wunde, offene Füße und geht mühsam am Stock. Trotzdem steigt sie mit mir die extrem steile Treppe in den ersten Stock hinauf in mein Zimmer. Die Betten haben den Namen nicht verdient, aber für eine Nacht geht das. Meine Wirtin schimpft, weil alle anderen Gäste ihre Zimmer abgeschlossen haben und sie nicht an das frische Bettzeug herankommt. Später in der Küche will sie mir Fotos von ihrer Mutter und den Großeltern zeigen, die aus Berlin stammen. Sie findet sie nicht. "Zappzerapp", sagt sie, "alles geklaut".

Am Abend liefern sich im Ort Jugendliche einen Schaukampf, sie jagen ihre teuren Autos auf zwei Rädern immer wieder um einen Kreisverkehr herum oder holen betont gelangweilt ihre Baseballschläger aus dem Kofferraum und legen sie anschließend wieder hinein.

Abends sagt die Wirtin, dass sie bei mir schlafen möchte, weil noch zwei weitere Gäste gekommen sind, die jetzt ihr Schlafzimmer belegen. Ich habe Angst vor ihr und einer schlaflosen Nacht und will nicht. Dann komme ich vor schlechtem Gewissen nicht zur Ruhe und finde sie im Dunkeln am Küchentisch sitzend. Ich bitte sie in mein Zimmer, sie kommt nicht.

Am nächsten Morgen zünde ich den Spirituskocher an. Eine Tasse Kaffee reicht nicht. Mit Schwung fülle ich den Teekessel aus meiner Flasche nach. Sofort lodern hohe Flammen aus dem Topf, der Plastikgriff schmilzt. Wieso brennt Wasser? Es war freilich kein Wasser, sondern die Flüssigkeit aus meiner Kaliningrader Colaflasche. Jetzt bin ich nicht nur eine hartherzige Deutsche, sondern auch noch ein Gast, der sein Zimmer abbrennt. Zum Glück reicht der Deckel, die Flammen zu ersticken. - Beim Abschied sieht die Wirtin mich an mit einem Blick, den Menschen haben, die Kummer gewöhnt sind, das aber nicht so wichtig nehmen.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare