Zar war’s

Bühne Tom Kühnel und Jürgen Kuttner bringen am Deutschen Theater in Berlin „Agonie“ heraus – "ein zaristisches Lehrstück über die letzten Tage der Romanows". Ein Stück zur Zeit
Ausgabe 36/2013

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner bringen ihr Projekt Agonie – Ein zaristisches Lehrstück über die letzten Tage der Romanows pünktlich auf die Bühne. In Russland, und nicht nur dort, wird gefeiert. 400 Jahre Zarendynastie im Zeichen der Romanows. 18 Glieder der Familie residierten während dieser Zeit, gekrönt in unausweichlicher, von Gott gewollter Erbfolge. Jeder widerwillige, langweilige, verträumte Bub der Sippe hätte Thronfolger werden können und ist es teils geworden. Der gewählte Raum ist Familienstube und zugleich politische Zentrale des Nikolaus. Die kleine Hinterbühne steht offenbar für ein Guckloch zur Außenwelt.

Dort stieben Funken von Schlachten, dort begegnen Wunder des Schamanentums, dort brennen die Kerzen beim Gebet, dort wird befohlen und erschossen. Handlungsort ist Petersburg. Die Zarentöchter spielen so unschuldig in der Familienstube wie Zarewitsch Alexej dort bemuttert wird. Vier Mädchen hat Zarin Alexandra geboren, nun, endlich, ist der Bub da. Doch die Eintracht trügt. Wie irre schreit Zarewitsch mit Matrosenanzug (Moritz Grove) das Unglück heraus, das die Krönungsfeier seines Vaters gestört hatte, als eine Tribüne zusammenbrach und den Tod vieler verursachte.

Ohnmacht der Familie

Plötzlich singt der Zar ein Loblied auf den Sohn. Stumm bewegt er die Lippen, im Background Lob des Lernens von Eisler/Brecht aus der Musik zur Mutter nach Gorki mit dem Sänger Ernst Busch und Choristen. Ein Revolutionslied. Es verbindet die proletarische Machtübernahme mit dem Lernen. Hier in Verkehrung des Inhalts den Zarenlippen übertragen, chorisch begleitet von den Lippen der Kinder. Das funktioniert so schlagend, dass einem der Atem stockt. Ein paar Mal geht das so.

Verwandte, Freunde, Fürsten, Politiker, Ärzte geben sich in besagtem Raum die Ehre. Hiobsnachrichten kursieren. Es brennt im Land. Schreiende soziale Probleme harren der Lösung. Niederschmetternd die Krisen und Kriege, die Russland erbleichen lassen. Das Volk, Bauern, Proletarier, ist bitterarm, während die Elite ihre Feste feiert. Der Ruf nach wirtschaftlichen Reformen, nach einer Duma wird laut. Den Städten drohen Revolutionen (Blutsonntag 1905). Berge unbewältigter Probleme suchen den Aktionsraum heim. Die bürgerlichen Liberalen drängen auf deren Lösung. Der Zar aber verweigert sich. Jörg Pose gibt ihn als amtsscheuen, teils rigorosen, teils vor kardinalen Problemen fliehenden Mann, nichts duldend zwischen ihm und Gott, geschäftig allein, wenn es ums Gehorchen geht. Mit ihm im Mittelpunkt schreitet die Agonie der Familie voran und mit dieser die Auslöschung einer ganzen Ordnung.

Ohnmacht der Familie: Der Sohn hat die Bluterkrankheit. Nur einer vermag zu helfen: Rasputin, Bauer, umwoben von Legenden, Erwählter Gottes im Verständnis seiner selbst und für die Romanows Wundertäter, einziger und darum teuer. Er, so sehr gottesfürchtig wie aufbrausend, machtgeil und hinter Weiberröcken her, dürfe gleichwohl niemals Opfer gemeiner Intrigen werden. Diese Ansicht vereint die Familie, voran die Zarin Alexandra, ihre Mutter Maria und die Verwandte Anna. Die Zarin zumal, ahnend, dass geladene Revolver den Erretter gefährden, ersucht „Niki“ (ihr liebstes Kosewort) unter Aufbietung ihrer weiblichen Reize um dessen Schutz. Auch gewisse Minister abzusetzen, sei nötig, flüstert sie dem Gemahl zu.

So ungelenk wie weibeskräftig sucht nun die Gattin, dessen Stiefel auszuziehen. Ein Kabinettstück, Politikbetrieb im Bette mit Katharina Marie Schubert als Alexandra und eben Pose als „Niki“. Rasputin muss freilich sterben. Schuldig sei er, Ausbund aller russischen Schrecken. Bevor er erschossen wird – zum Ort der Exekution muss er durch lauter Türen hindurch –, bringt Rasputin seinen Mörder dazu, das Lied Grabrede über einen Genossen, der an die Wand gestellt wurde zu singen. Auf dessen Lippen die Stimme Buschs. Groß die Szene. Zuvor schon übte sich ein Quartett aus windigen Rasputin-Feinden im Erschießen und Vergiften desselben, was wirre Effekte auslöst.

Allenthalben reichen hier Komik und Drastik einander die Hand. Überhaupt: Die Aufführung spart so wenig mit Überraschungen wie mit Witz und Humor. Körpereinsatzfreudig, all seiner Sprech- und Schreikünste mächtig, gibt Michael Schweighöfer den dicken Rasputin, als balanciere dieser immerfort auf des Messers Schneide. Lustig die Szene mit dem asiatischen Quacksalber auf der Hinterbühne, der Ruten austeilend einer halbnackten Crew seine heilenden Dämpfe entgegenwedelt. Wie sich die Bilder gleichen. Getreu ihrer selbst posieren am Anfang die Romanows, Idylle wie auf dem Foto. Am Ende in gleicher Pose sanfter Disput um das Datum ihrer Auslöschung in der „Lenin-Zeit“.

Agonie ist bissiger Kommentar auf Verhältnisse, die unabänderlich starr und steinern scheinen, und auf Figuren, die lieber Wunderheilern vertrauen, als den Realitäten ins Auge zu schauen. Licht aus. Berückend, ein so sinnliches wie aufklärerisches Theater erleben zu dürfen. Gratulation dem gesamten Ensemble.

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