Zar Wladimir

Russland Vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi steht Präsident Putin im Zenit seiner Macht. Aber kann davon auch das riesige Land profitieren?
Oliver Bilger | Ausgabe 04/2014 25
Zar Wladimir
Das System Putin befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht

Foto: Ria Novosti/ Reuters

Im Eispalast „Bolschoi“ am Schwarzen Meer: In dieser neu gebauten, tropfenförmigen Arena steht die erste sportliche Entscheidung des neuen Jahres 2014 an. Wladimir Putin läuft im roten Trikot mit der Nummer 11 auf. Dazu trägt der sportbegeisterte Präsident weiß, blau und rot gestreifte Handschuhe – die Nationalfarben seines Landes. Gemeinsam mit dem weißrussischen Kollegen Alexander Lukaschenko und dem russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu geht es gegen alternde Eishockey-Stars. Klar, dass Putins Mannschaft am Ende gewinnt, haushoch mit 12:3. Es ist eine Show vor der eigentlichen Show.

Die beginnt am 7. Februar. Die Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi soll eine große Bühne für Putin und natürlich auch für Russland sein. Zumindest dann, wenn alles glatt läuft und es wirklich um Sport geht. Rund 50.000 Sicherheitskräfte werden dafür im Einsatz sein. Niemand will, dass Themen wie Menschenrechte, demokratische Defizite oder Homophobie in den Vordergrund drängen, oder dass es, wie zuletzt in Wolgograd, zu terroristischen Anschlägen kommt.

Winterspiele in den Subtropen

Für kurze Zeit soll Sotschi jene Arena sein, in der sich Russland in den verschiedensten Facetten präsentieren kann; allein darauf, dass die Winterspiele in den Subtropen ausgetragen werden können, sind die Russen sehr stolz. Mehr als 50 Milliarden Dollar soll das Ganze mittlerweile kosten, ein Vielfaches der ursprünglich geplanten Ausgaben und die teuersten Winterspiele überhaupt. 180 Millionen Dollar waren beispielsweise für das Eisstadion geplant, 300 Millionen Dollar verschlang der Bolschoi-Palast schließlich. Hier soll, so wünschen es sich viele, zum Ende die Sbornaja, die Eishockeymannschaft, olympisches Gold holen. Das wäre der krönende Abschluss der Spiele.

Eishockey ist hier Nationalsport. Kein Wunder also, dass vorab auch Wladimir Putin Kufen unter seine Füße schnallte. Und keine Mühen scheute, denn der Sport zählt nicht unbedingt zu den Stärken des Präsidenten. Im Laufe der vergangenen Jahre soll er, um einigermaßen sicher über das Eis zu gleiten, in manchen Nächten stundenlang trainiert haben. Für einen 61-Jährigen machte er bei diesem Showspiel in Sotschi keine schlechte Figur. Putin will Entschlossenheit und Stärke zeigen, er will die Kontrolle. Er versteht es, die Stimmung im Volk einzufangen und für sich zu nutzen. Für seinen Machterhalt.

Snowden, Syrien & der Iran

Seit über 14 Jahren lenkt Wladimir Putin die Geschicke Russlands. Gerade hat er gute Monate hinter sich, wohl die besten seiner Regierungszeit. Jetzt, so sehen es nicht wenige Beobachter, ist er auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen. Putin hat, um es sportlich zu formulieren, einen Lauf: Asyl für den amerikanischen Whistleblower Edward Snowden, der diplomatische Erfolg in Syrien und bei den Atomgesprächen mit dem Iran. Putin hat die Ukraine wieder näher an den Osten herangerückt; er hat die oppositionellen Proteste im eigenen Land gestoppt, Michail Chodorkowskij, Pussy Riot und 30 Greenpeace-Aktivisten aus ihren Gefängnissen entlassen. Vom amerikanischen Forbes-Magazin wurde er im Oktober vergangenen Jahres zum mächtigsten Politiker der Welt gekürt. Und er hat, das wohl Wichtigste, eine neue, konservative Gesellschaftsideologie geschaffen. Putin fühlt sich so stark wie nie. Aber kann davon auch das Land profitieren?

Vor zwei Jahren war das alles nicht abzusehen. So weit muss man zurückblicken, um zu verstehen, wie groß der Wandel ist, den das Land gerade erlebt. Damals, zwischen der Duma-Wahl im Dezember 2011 und der zweiten Amtseinführung Putins im Mai 2012, wehte plötzlich ein Hauch von Revolution durch Moskau und andere Metropolen des Landes. Nach Wahlfälschungen strömten selbst bei bitterer Kälte Zehntausende auf die Straße. Sie trugen kleine weiße Schleifen an der Brust, riefen „Putin ist ein Dieb“ und forderten Neuwahlen.

Selbst langjährige Beobachter überraschte dieses Aufbegehren. In all den Jahren, in denen Putin als Präsident von 2000 bis 2008 und als Premierminister von 2008 bis 2012 das riesige Land regierte, hatte es nicht solche Proteste gegeben. Es galt ein ungeschriebener Gesellschaftsvertrag: Das Volk profitiert vom wachsenden Wohlstand des Landes, hält sich aber aus der Politik heraus. Dieses Credo prägte Putins Zeit im Kreml von Beginn an.

Die große Mehrheit akzeptierte diese Bedingungen. Den Untergang der Sowjetunion und die Jelzin-Jahre verbinden sie mit Chaos und wirtschaftlichem Niedergang. Auf diese Form der Demokratisierung waren die meisten bereit zu verzichten. Turbulenzen wie damals wünschte sich niemand mehr. Als Putin zum ersten Mal an die Macht kam, reformierte seine Regierung unter anderem das Steuer- und das Sozialsystem, das Justizwesen, den Bankensektor. Das Ziel: Stabilität. Seine Politik finanzierte Putin mit den sprudelnden Gewinnen der Rohstoffexporte. Der steigende Ölpreis sicherte dieses Modell und festigte seine Position.

Kein Interesse an Teilhabe

Die Russen konzentrierten sich auf ihre Jobs und die Familie, sie fuhren in den Urlaub nach Ägypten und in die Türkei, kauften Autos internationaler Marken, iPhones und Fernseher. Sie akzeptierten ihr politikfernes Leben. Volk und Regierende gingen sich, so gut es ging, aus dem Weg, solange der Lebensstandard stieg.

Doch durch die Finanzkrise in den Jahren 2008/2009 wuchs die Unzufriedenheit mit dieser Vereinbarung allmählich. Der umstrittene Ämtertausch von Putin und Dmitrij Medwedjew im Herbst 2011, die Fälschungen bei der Parlamentswahl waren willkommene Anlässe, denn vor allem die gut ausgebildete urbane Mittelschicht war bereit, den geltenden Gesellschaftsvertrag aufzukündigen. Zwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges sollte sich das Land endlich modernisieren: weniger Bürokratie und Korruption, mehr Einfluss und demokratische Mitsprache. Stabilität allein genügte nicht mehr.

Damals war man sicher, dass Putin auf diese Forderungen reagieren müsse, es sei Zeit, für einschneidende Veränderungen und Zugeständnisse, hieß es. Der Frust der Bürger, so waren sich viele Beobachter einig, habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Tatsächlich aber schwappte nur ein wenig Wasser über den Rand. Die Massen auf der Straße waren beeindruckend, aber sie blieben in der Minderzahl.

Putin versprach ihnen mehr Demokratie und sicherte seinen Sieg bei der Abstimmung mit Wahlgeschenken: höhere Renten, steigende Einkommen und sinkende Preise für Wohnraum. In den kommenden Jahren sollen 25 Millionen neue Arbeitsplätze in Hightech-Branchen entstehen. Heute sind Umfragen zufolge 65 Prozent mit seiner Arbeit zufrieden. Früher lagen die Zahlen deutlich höher, vor allem im Jahr 2007, also zum Ende seiner zweiten Amtszeit als Präsident. Da waren es sage und schreibe 87 Prozent. Dennoch, Putin hat heute weiterhin Rückhalt in der Bevölkerung, einen recht soliden sogar.

Das NGO-Gesetz & Pussy Riot

Um seine Position erneut festigen zu können, hat Putin eine Ideologie geformt, die konservative, orthodoxe und patriotische Werte in den Vordergrund stellt. Nach dieser richtet er seine Politik schon seit einiger Zeit aus. Das umstrittene NGO-Gesetz, das russische Organisationen, die aus dem Ausland finanziert werden und politisch aktiv sind, als „ausländische Agenten“ brandmarkt, passt zu dieser Linie ebenso wie das Urteil gegen die Band Pussy Riot, das Verbot für US-Bürger, russische Waisenkinder zu adoptieren, eine stärkere Kontrolle über das Internet und auch das Verbot von „homosexueller Propaganda“, was zuletzt für viel Aufregung im westlichen Ausland sorgte. Dort wertete man das Verbot, wie vieles der Kreml-Politik, als Werkzeug eines zunehmend autoritär regierenden Präsidenten. Putin selbst dagegen bezeichnet sich als „Pragmatiker mit konservativer Neigung“.

In seiner Heimat kommt dieser Kurs gut an. „Die für Putin stimmende Mehrheit befürwortet eine starke Rolle des Staates in allen Lebensbereichen“, schrieb die liberale Zeitung Nesawissimaja Gazeta. Für sie sei der Staat eine Art Freund, während die Privatwirtschaft als Feind betrachtet werde. Damit richtet sich der Präsident kaum an die Mittelklasse, die nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung ausmacht und keine Wahl entscheiden kann. Putin wendet sich an jene Bevölkerungsschichten, die vom Geld aus dem Staatshaushalt abhängig sind.

Gegenmodell zu westlichen Werten

Diese national-konservative Ideologie ist gleichzeitig die erste eigene Idee, die ein russischer Präsident seit dem Ende der Sowjetunion hervorgebracht hat. „Es geht um die Suche nach einer Stütze“, erklärt der Politologe und Außenexperte Fjodor Lukjanow. Der Westen habe, so Putins Ansicht, etwa mit seiner Toleranz für sexuelle Minderheiten die christlich-europäischen Werte verraten. Und deshalb habe er in Russland ein Gegenmodell zu jenen westlichen Werten geschaffen, deren Einhaltung die Regierungen im Westen nun wiederum immer wieder aufs Neue einfordern. Ein paradoxer Zustand, wenn man so will.

Von der Opposition geht dabei kaum mehr Gefahr aus. Das konstatierte jüngst auch Dmitrij Trenin, der Direktor des Moskauer Thinktanks Carnegie Center. „Die Proteste sind weitgehend im Sand verlaufen.“ Viele der Unzufriedenen verlassen das Land oder halten sich weiterhin aus der Politik heraus. Dennoch gibt es einen Unterschied: Die Gesellschaft verändert sich langsam und wird weiter nach Veränderung verlangen. Ob der Wandel bereits mit der nächsten Präsidentenwahl im Jahr 2018 kommt, ist jedoch noch ungewiss.

Im Moment fühlt Putin sich, wie gesagt, sehr stark. Frühere Gegner können ihm entweder nicht mehr gefährlich werden oder scheinen im Moment nicht wichtig zu sein. Im Dezember 2013 überraschte der Präsident die Weltöffentlichkeit mit der Freilassung des einst reichsten Mannes Russlands, Michail Chodorkowskij, und der Greenpeace-Aktivisten, die vor einer Bohrinsel in der Arktis gegen russische Ölbohrungen protestiert hatten. Und natürlich mit der Begnadigung der beiden Pussy-Riot-Frauen Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina.

Mit der Festnahme des Ex-Yukos-Chef Chodorkowskij im Jahr 2003 und den folgenden Urteilen gegen ihn hatte die Justiz die Oligarchen des Landes in die Schranken gewiesen. Die harte Bestrafung für die Mitglieder von Pussy Riot im August 2012 sollte Nachahmer abschrecken, ebenso wie die zunächst drohende hohe Strafe für die Umweltschützer von Greenpeace. Nun, wo die Haftzeiten der Pussy-Riot-Frauen und Chodorkowskijs ohnehin bald abgelaufen wäre, änderte Putin seine Meinung. Er wusste, dass die großzügige Geste der Freilassung ihm nutzen würde.

Imagepolitur fürs Ausland

Nicht Milde, sondern Taktik dürfte ihn dabei angetrieben haben, zumindest bis zu den Winterspielen versucht er, Kritik und negative Schlagzeilen zu vermeiden. Er poliert sein Image vor allem für das Ausland. In Russland käme ohnehin kaum jemand auf die Idee, Chodorkowskij als einen modernen Dissidenten zu verehren. Auch für den Auftritt von Pussy Riot in einer Moskauer Kirche hatten die meisten Russen hier nur Kopfschütteln übrig.

„Putin zeigt dem Westen ein freundliches Gesicht“, kommentierte die oppositionelle Journalistin Masha Gessen. Dieses präsentiere er nach außen, damit die Spiele reibungslos über die Bühne gehen können. Nach innen, so Gessen, laute Putins Botschaft jedoch weiterhin: Protest wird hart bestraft. Die richtet sich vor allem an die weniger bekannten politischen Gefangenen und Angeklagten, die im Mai 2012, am Vorabend von Putins Vereidigung, in Kremlnähe protestiert hatten. Ein paar von ihnen hatten zwar auch von Putins Amnestie profitiert, aber beispielweise einer wie Chodorkowskijs Geschäftspartner Platon Lebedew sitzt noch immer ein. Viele Kremlkritiker fürchten, dass Putin nach den Spielen die Daumenschrauben wieder enger ziehen wird.

Chodorkowskij & Nawalny

Dass Chodorkowskij so plötzlich freikam, hatte niemand erwarten können. Im Gegenteil, ein drittes Strafverfahren gegen den ehemals reichsten Mann Russland war bereits in Vorbereitung, es hätte ihn für weitere Jahre hinter Gitter verschwinden lassen. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass Putin die Nachricht seiner Freilassung nicht während, sondern erst nach seiner jährlichen Pressekonferenz zum Jahresende verkündet hat.

Putin ist kein großer Freund von Journalisten und Pressearbeit. Aber immer zum Jahresende lädt er Medienvertreter aus dem In- und Ausland in einen großen Saal im Moskauer World Trade Center ein, direkt am Ufer der Moskwa. Hunderte kommen, auch aus den entlegensten Regionen des Riesenlandes. Essenzielle Informationen werden bei dieser Zusammenkunft selten geliefert, eher heischen die Journalisten mit Luftballons und Stofftieren um die Aufmerksamkeit des wichtigsten Mannes im Land.

Wird einer von ihnen von Putins Sprecher aufgerufen, richten sie nicht selten den Kindern des Präsidenten ihre Grüße aus oder überreichen kleine Präsente. Das erinnert an einen Zaren, der Hof hält. Mehrere Stunden geht das so. Erst als jene Pressekonferenz vom 19. Dezember 2913 zu Ende war, verriet Putin, dass ein Erlass über Chodorkowskijs Freilassung „in nächster Zeit unterschrieben“ werde. Schon am Morgen darauf war Chodorkowskij frei. Zehn Jahre hatte er im Straflager gesessen, nun flog er in einem Privatjet nach Berlin.

Aber diese Pressekonferenz bot noch eine andere Neuigkeit. Normalerweise sind die Kremlmauern hoch und dick, nur wenigen gelingt es, dahinter zu sehen. Der Rest übt sich in Interpretationen und Spekulationen. Putin aber gestand eine Wahrheit, die Alexej Nawalny betraf.

Der Anwalt und Blogger hatte während der Proteste eine Führungsrolle der Opposition übernommen. Um Russland zu verändern, müsse man in Moskau beginnen, lautete sein Motto zur Bürgermeisterwahl im September 2013. Nawalny trat gegen den amtierenden Sergej Sobjanin, einen Gefolgsmann Putins, an. Als ein Gericht ihn aber wegen Holzdiebstahls verurteilte, schien die Wahl schon vor der Abstimmung gelaufen zu sein. Dann jedoch strömten am Abend des Urteils noch einmal Tausende Bürger auf die Straße. Sie demonstrierten vor der Duma und auf dem Prachtboulevard Twerskaja unweit des Kreml. Und am Tag darauf durfte Nawalny dann doch wieder zur Wahl antreten.

Es sei der Amtsinhaber Sobjanin gewesen, der eine faire Wahl abhalten wollte, hieß die offizielle Erklärung. Er wurde dann auch mit 51 Prozent bestätigt; Nawalny bekam hingegen achtbare 27 Prozent. Das Ergebnis war ohne große Manipulationen zustande gekommen, sagten sogar unabhängige Beobachter.

Nawalny war keine Bedrohung

Drei Monate später nun machte Putin auf der Pressekonferenz ein bemerkenswertes Geständnis: „Wenn Nawalny eine Bedrohung dargestellt hätte, hätte man ihn nicht zu den Wahlen zugelassen,“ sagte er. Dieser Satz zeigt, wie in Russland Politik gemacht wird. Und soll beweisen: Das System Putin ist sich seiner Stärke bewusst. Innen- wie außenpolitisch.

Das Forbes-Magazin schrieb auch in seiner Begründung: Putin habe seine Kontrolle über das Land gefestigt, und jeder, der das Schachspiel um Syrien verfolgt habe, habe gesehen, wie sich die Macht auf der Weltbühne in seine Richtung verschoben hat. Und auch der Politologe und Außenexperte Fjodor Lukjanow erklärt, es gäbe eine Verbindung zwischen diesem außenpolitischen Erfolg und Putins konservativer Strategie nach innen: „Die Regeln der bisherigen Weltordnung scheinen nicht mehr zu gelten und sich verschoben haben“, sagt er. „Diplomatische Erfolge erzielt man heutzutage nur, wenn beständige Prinzipien eingehalten werden.“

Aber wie wird es nach den Winterspielen in Sotschi weiter gehen? „Der Konservatismus stützt sich auf traditionelle Werte“, hat Putin seinen Kurs beschrieben, es gäbe aber auch eine Ausrichtung auf Entwicklung. Auf die warten viele im Land jedoch bislang vergebens. Der Präsident hat dem Land Stabilität gegeben, jetzt könnte er seine Stärke nutzen, um es weiter zu entwickeln. „Die Behörden haben keine Vorstellung davon, wie ein Russland der Zukunft aussehen soll, welche Rolle und Prioritäten es haben soll“, warnt Lukjanow. Es gebe keine langfristige Strategie, kurzfristige Lösungen reichten nicht aus, um die Zukunft des Landes zu sichern.

Geschenke zum Arztbesuch

Aufgaben gäbe es viele. Der Kampf gegen die Korruption zählt zu den größten Herausforderungen. Sie ist in überall anzutreffen, in Politik und Wirtschaft wie auch im alltäglichen Leben, bei der Verkehrskontrolle ebenso wie bei der Uni-Prüfung. Zum Arztbesuch werden kleine Geschenke mitgebracht. Außerdem müsste die Regierung den hohen Kapitalabfluss in den Griff kriegen. Jedes Jahr wandern viele Milliarden ins Ausland wegen der niedrigen Investitionsattraktivität und den hohen Risiken, die von Bürokratie, mangelnder Rechtssicherheit und der starken Einmischung des Staates in die Wirtschaft ausgehen. Seit Jahren beklagen Experten die hohe Abhängigkeit der Wirtschaft von Gas und Öl. Sie fordern die Modernisierung und Diversifizierung, die Stärkung von Mittelstand und konkurrenzfähiger Industrie.

Russlands Wirtschaftsleistung ist im vergangenen Jahr um gerade einmal 1,3 Prozent gestiegen. Ursprünglich hatte die Regierung 3,7 Prozent erwartet. Für ein Land wie Russland, mit enormen Aufholbedarf, ist das zu niedrig. Für 2014 aber sehen die Erwartungen trotz einer sich erholenden Weltwirtschaft kaum besser aus. Der Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew prognostiziert, dass Wachstum werde bis 2030 nur 2,5 bis drei Prozent betragen. Aus diesen Zahlen geht eine klare Botschaft hervor: Es muss sich etwas tun. Andernfalls steht Russland vor Jahren der Stagnation.

Formel 1 & Fußball-WM

Auch die Mittelschicht wird in Zukunft nur noch ein Drittel der Bevölkerung ausmachen und nicht die Hälfte, wie früher stets erwartet wurde. Die Gehälter der Staatsbediensteten und die Renten werden langsamer wachsen als vorgesehen. Können die vielen Versprechen, die der Kreml vor der Wahl gemacht hat, nicht eingelöst werden, wächst der Wohlstand trotz des weiterhin hohen Ölpreises nur noch langsam oder gar nicht mehr. Die Folge: Putins Machtbasis erodiert.

Kleine Veränderungen gibt es im Land, eine Art Zugeständnisse an die Mittelschicht. Seit wenigen Monaten beispielsweise besteigen der Präsident und der Premier im Kreml einen Helikopter, wenn sie zu Terminen müssen. Zuvor wurden Moskaus wichtigste Straßen mehrmals am Tag gesperrt. Lange wurde dieses nervige Ritual hingenommen, seit den Protesten von vor zwei Jahren jedoch wurden der Wagenkolonne immer häufiger Hupkonzerte hinterher geschickt. Auch hat Putin erst vor kurzem mal wieder einen breiteren öffentlichen Dialog angekündigt. Es sind Entwicklungen in kleinen Dosen, Beruhigungspillen. Ein großer Modernisierungskurs jedoch fehlt bisher.

Sinkende Zustimmung

In einer Umfrage des Moskauer Lewada-Zentrums, einem unabhängigen Meinungsforschungsinstitut, gaben im vergangenen Herbst 45 Prozent der Befragten an, dass sie Präsident Putin nach 2018 nicht mehr als Präsident haben wollen. Fünf Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor. Und das Institut hat noch eine weitere Frage gestellt: Was geschieht eigentlich, wenn die Macht viele Jahre in den Händen derselben Person liegt? Die mögliche Antwort, dies erhöhe die Stabilität, unterstützten im Jahr 2007 noch 35 Prozent der Befragten. 20 Prozent meinten hingegen, eine lange Regierungszeit führe zu Willkür, Korruption und Amtsmissbrauch. Heute sehen das die Russen genau umgekehrt.

Wladimir Putin selbst sagte gerade in einem Fernsehinterview, wenn ein Politiker an der Macht klebe, sei das „schlecht und gefährlich“. Das sind gute und richtige Worte, aber eben nur Worte. Ein Nachfolger für ihn ist nicht in Sicht, Putin selbst wirkt auch nicht so, als würde er jemanden aus seinem Umfeld aufbauen. Zu seiner eigenen Zukunft äußert er sich auch nicht klar. Nur soviel, dass er eine Kandidatur über 2018 hinaus nicht ausschließen würde.

Nach den Olympischen Spielen von Sotschi werden ein paar weitere wichtige Sportereignisse in Russland stattfinden: Schwimm- und Eishockey-WM sowie ein Grand-Prix der Formel 1. Im Sommer 2018 richtet das Land dann die Fußball-Weltmeisterschaft aus. Es wird, wie Sotschi, auch ein Prestigeprojekt Putins werden, noch größer, noch aufwändiger. Nicht an einem Ort, sondern in verschiedenen Städten Russlands. Und es ist nicht auszuschließen, dass er selbst vor kurz dem Anpfiff des ersten Spieles erneut als Präsident vereidigt wird. Dabei hat er doch schon einen Plan für seinen Ruhestand. Häufiger Eishockey spielen, hat er gerade erst vor kurzem verraten.

Oliver Bilger, geboren 1980, lebt und arbeitet als Journalist in Moskau. Er hat 2009 den Reportagepreis des Korrespondentennetzwerks n-ost gewonnen und im Jahr 2012 den Peter-Boenisch-Gedächtnispreis des Petersburger Dialogs



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06:00 05.02.2014

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