Zdrasdwujtije und Shalom, Sharon

Israel Die russischen Einwanderer sind zum Machtfaktor geworden - besonders jetzt im Konflikt mit den Palästinensern

Vor dem israelischen Kontrollposten zwischen Jerusalem und Bethlehem hat sich ein kleiner Menschenauflauf gebildet. Ein Palästinenser, umgeben von ein paar Freunden, schüttelt wütend die Faust in Richtung des israelischen Soldaten: "Ich bin hier geboren, seit 20 Jahren lebe ich in einem Flüchtlingslager. Der da ist ein Russe, gerade erst hierher gekommen, und der darf mit mir alles machen." Er wollte nach Jerusalem, seine Kinder besuchen, erzählt er. Aber seit Monaten ist Bethlehem hermetisch abgeriegelt. "Und jetzt steht da dieser Russe. Der ist doch noch nicht mal ein richtiger Jude. Aber denen versprechen sie den Himmel auf Erden - Geld, Arbeit, Wohnung, bloß damit sie nach Israel kommen."

Szenenwechsel: Die Verkäuferin im Supermarkt ist sichtlich gestresst. Nachdem die Kundin - um die 50, wasserstoffblond und stark geschminkt - sich mehr als ein Dutzend Kosmetika hat zeigen lassen, an allen herumgeschnüffelt hat und sich am Ende doch für kein Produkt entscheiden konnte, verlässt sie den Laden grußlos. "Russen", murmelt die Frau und hebt die Augenbrauen.

Sie sind weder zu übersehen noch zu überhören. Wer auf dem zentralen Busbahnhof von Tel Aviv ankommt, fühlt sich nach Moskau oder St. Petersburg versetzt. Geschäfte und Bistros mit kyrillischen Buchstaben, Hinweisschilder Informazija o rabotje oder Kwartiry. Das russische Zdrasdwujtije hört man fast ebenso oft wie das hebräische Shalom. Der Ausländer, der auf Englisch jemanden anspricht, erntet nicht selten nur hilfloses Schulterzucken. Die "Russen" gelten als ein Machtfaktor in Israel, seit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rund eine Million Juden hier eingewandert sind. "Nicht eingewandert", korrigiert Michael Jankelowitz von der Jewish Agency, "sie sind heimgekehrt". Das israelische Einwanderungsgesetz heißt auch nicht zufällig Law of Return (Rückkehrgesetz). Denn nach Auffassung des Staates Israel gehören alle weltweit rund 13 Millionen Juden ins "Land der Väter" und nicht länger in die Diaspora.

Zauberwort Alijah

Die Jewish Agency for Israel ist bestrebt, dies in soziale Praxis umzusetzen. "Die Juden müssen nicht nach Israel gehen, sie haben die Wahl", sagt Michael Jankelowitz, Pressesprecher der Organisation. Was die Wahl erleichtert, ist der Umstand, dass ihnen der Weg ins Gelobte Land jederzeit offen steht, während sie in anderen Ländern - ob nun in Deutschland oder den USA - zunächst die Hürden von Quotenregelungen und anderen Immigrationsbedingungen nehmen müssen.

Das Zauberwort heißt Alijah. Es stammt aus der Bibel und meint ursprünglich soviel wie sich nach oben begeben, emporstreben. Im politischen Sprachgebrauch Israels bezeichnet es allgemein die Immigration, die Heimkehr aus der Diaspora. Die Russische Alijah - worunter kurzerhand alle Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion subsumiert werden - ist zahlenmäßig mit Abstand die größte. Rund eine Million in zwölf Jahren - bei einer heutigen Gesamteinwohnerzahl Israels von sechs Millionen (darunter 1,2 Millionen Nichtjuden) ist das so, als würde ganz Frankreich in die USA strömen oder ein Quantum von 20 Millionen Einwanderern nach Deutschland. Man stelle sich die Reaktionen vor! In Israel dagegen wird die Immigration noch forciert. "Nichts ist wichtiger als Alijah", sagt der Vorsitzende der Jewish Agency, Sallai Meridor, und begründet es vor allem mit der demographischen Entwicklung. Die Geburtenrate bei den jüdischen Israelis liege gerade bei 1,2 Prozent, bei der nichtjüdischen Bevölkerung - arabische Christen und Muslime - hingegen bei 3,2 Prozent. Selbst in den Grenzen von 1967 könnte eine jüdische Bevölkerungsmehrheit nicht ohne eine jährliche Immigration von 50.000 bis 100.000 Menschen aufrechterhalten werden. Neben den GUS-Staaten, in denen eine weitere Million Juden umworben wird, verstärkt die Jewish Agency ihre "Heimkehr"-Kampagne in den USA, in Frankreich, Argentinien und Südafrika.

Die Frage, wer eigentlich Jude ist, beschäftigte schon Generationen von Politikern, Rabbinern und Wissenschaftlern. "Jude ist, wer sich fragt, wer Jude ist", witzelt die Buchautorin Rolly Rosen, die sich bereits Anfang der neunziger Jahre auch mit der russischen Einwanderung und ihren Folgen beschäftigte. "Das säkulare Selbstverständnis der Russen provoziert natürlich auch Konflikte", meint sie. Das hat Regierung und Rabbinat jedoch nicht daran gehindert, sich über die Einwanderung zu einigen. Nicht nur, wer eine jüdische Mutter hat - und damit im orthodoxen Verständnis allein als Jude gilt -, darf nach Israel kommen und erhält automatisch die Staatsbürgerschaft. Das gleiche Recht kann auch beanspruchen, wer einen jüdischen Großvater, eine Großmutter, Vater oder Ehepartner hat. Damit folgt der Staat Israel den Definitionen von Hitlers Nürnberger Rassengesetzen. Michael Jankelowitz findet das historisch durchaus gerechtfertigt: "Wer jüdisch genug war, um von den Nazis vergast zu werden, ist auch jüdisch genug, um vom jüdischen Staat aufgenommen zu werden."

Die Russische Alijah profitiert von dieser Regelung am stärksten. Schon zu Sowjetzeiten, als nicht wenige Juden Diskriminierungen ausgesetzt waren, habe der jüdische Staat ihnen Rückhalt gegeben, sagt Natan Sharansky. "Die Existenz des Staates Israel schützte uns", glaubt der heutige Bauminister. Einer von drei "Russen" im Kabinett Sharon.

Zwar gibt es auch eine Partei der russischen Einwanderer, doch profitiert diese erstaunlicherweise wenig von der Zuwanderung. Die Einwanderer aus den Ex-Sowjetrepubliken wählen mehrheitlich nicht "ihre" Partei, die Stimmen verteilen sich vielmehr auf andere, vor allem Exponenten des rechts-nationalen Spektrums. Rolly Rosen hat beobachtet, dass die Russen mehrheitlich Protestwähler sind, die gegen den Mainstream votieren, also weder für den rechts-konservativen Likud und schon gleich gar nicht für die sozialdemokratische Arbeitspartei. "Sie wollen auch durch ihr Wahlverhalten eigene Akzente setzen", vermutet Rosen.

Fachkräfte und dubiose Figuren

In seiner harten Haltung gegenüber den Palästinensern allerdings hat Sharon in den "Russen" treue Gefolgsleute. Sie treten mehrheitlich für ein Festhalten an den besetzten Gebieten ein und befürworten selbst einen "Transfer" der Palästinenser - wohin auch immer. "Seit die Russen hier sind, ist vieles im Umgang zwischen Israelis und Palästinensern härter geworden", meint Professor Abbas Abdulhaq von der palästinensischen Universität Bir Zeit. Natürlich hätten beide Völker seit Jahrzehnten im Konflikt miteinander gelebt, "aber wir kannten einander auch, wussten wie der Eine oder Andere in bestimmten Situationen reagiert. Die Russen haben für eine Verhärtung in der israelischen Haltung gesorgt. Vieles ist heute auch resoluter auf die militärische Komponente verlagert als früher." Ein Grund, so meint er, könne auch sein, dass viele der jungen Ankömmlinge aus der früheren Sowjetunion froh seien, in der Armee Job und Auskommen zu finden. Mike Rosenberg sieht in der "russischen" Zuwanderung allerdings weniger die Probleme, schon gar keine Gefahr, sondern vielmehr einen Gewinn. Denn die Russische Alijah - das sind in den wenigsten Fällen einfache Arbeiter, Handwerker oder Bauern, sondern in der Mehrzahl hoch qualifizierte Fachleute, Wissenschaftler, Ärzte, Künstler. "Wenn man heute in Israel ins Hospital geht, wird schon gewitzelt, man sollte vorher Russisch lernen", erzählt Rosenberg. Der Zustrom von Fachkräften wird gern gesehen, ist aber bei einer Arbeitslosenrate von acht Prozent auch nicht konfliktlos.

Eine vierköpfige Familie erhält für die Einwanderung nach Israel einen Gratisflug und 10.000 Dollar Starthilfe für die ersten acht Monate. Wer trotz intensiven Hebräisch-Kurses und weiterer Integrationshilfen keinen Job gefunden hat, wird in die reguläre Arbeitslosenunterstützung eingegliedert. "Da gibt es schon Kritik von den Alteingesessenen", gibt Michael Jankelowitz zu. "Die sagen: Wir mussten in Zelten schlafen und uns abrackern, um diesen Staat aufzubauen, und die kriegen es in den Hintern geblasen." Auch die Hoffnung vieler älterer Israelis, durch die Russen könne womöglich die Kibbuz-Bewegung - gewissermaßen die Wiege des heutigen Staates Israel - wiederbelebt werden, hat sich nicht erfüllt. Die meisten Zuwanderer aus der GUS sind städtisch geprägt, mit Feldarbeit und dörflichem Zusammenleben haben sie wenig im Sinn. So konzentrieren sie sich denn auch in großen Städten wie Tel Aviv, Jerusalem, Nazareth oder Haifa.

Die Meinung vieler Israelis, dass mit der Russischen Alijah auch Mafia, Korruption, Drogen und Prostitution ins Land gespült würden, will Jankelowitz nicht bestätigen. Allerdings gebe es ein gewisses "Gefolge" im Sog der Einwanderer, das nicht immer durchschaubar sei. Immerhin halten sich inzwischen auch bizarre Gestalten wie der - von Präsident Putin rigoros entmachtete - russische Medienmogul Gussinski und der des Waffenexports für die Taleban verdächtige ukrainische Magnat Rabinowitsch in Israel auf. Wie auch andere dubiose Inhaber eines israelischen Passes können sie sich absolut sicher fühlen, denn Israel liefert grundsätzlich keinen Staatsbürger an ein anderes Land aus.

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00:00 26.04.2002

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