Zehn Stunden sind nicht genug

Lebensgewinn "Wallenstein" in der Berliner Inszenierung von Peter Stein

Man könnte es sich auch aggressiver, härter, schärfer profiliert vorstellen - Wallensteins Lager mit seiner einerseits nach sechzehn Kriegsjahren zügellos-brutalisierten, andererseits aber selbstbewussten Soldateska, die sich nicht so einfach befehlen lässt, wo und gegen wen sie in den Krieg ziehen soll. Aber Peter Stein wollte es so folkloristisch, so historisierend und an der Oberfläche geradezu gemütlich, um uns das eigene Nachdenken und genaue Hinhören auf die Dispute und die in Knittelversen vorgebrachten Argumente nicht durch den erhobenen Zeigefinger belehrender Regie abzunehmen. Denn wenn man sich vom schönen Schein nicht täuschen lässt, beginnt man zu verstehen, warum der große Theatermann Iffland 1799 Schillers Wallenstein/Piccolomini nur ohne das Lager-Vorspiel in Berlin zu spielen wagte: "Es scheint mir und schien mehreren bedeutenden Männern ebenfalls bedencklich, in einem militairischen Staate, ein Stück zu geben, wo über die Art und Folgen eines großen stehenden Heeres so treffende Dinge in so hinreißender Sprache gesagt werden. Es kann gefährlich sein, oder doch leicht gemißdeutet werden, wenn die Möglichkeit, daß eine Armee in Maße deliberirt, ob sie sich da oder dorthin schicken laßen soll und will, anschaulich dargestellt wird ... Ganz anders ist das in Weimar, wo kein Militairstaat ist."

So gesehen, müsste Wallensteins Lager streng genommen auch im heutigen Deutschland zensiert, wenn nicht verboten werden, werden doch Angehörige der Bundeswehr disziplinarrechtlich verfolgt, wenn sie sich ein eigenes Urteil über die Rechtmäßigkeit des Irakkrieges erlauben und auch nur ihre indirekte Beteiligung daran verweigern. Wo käme ein Staat hin, wenn seine Soldaten jedesmal über Sinn und Unsinn ihres Einsatzes "deliberirten".

Aber mit der bunten Kostümshow, diesem Festival der riesigen Hüte, der Pluderhosen und farbenprächtigen Uniformen treu nach historischen Vorbildern (Moidele Bickel), ist es bald vorbei, wenn die eigentliche Handlung beginnt. Die aber ist selbst keine rechte dramatische Handlung, sondern ein vom "größten Intrigendichter der deutschen Literatur" (Peter von Matt) über zwei volle Stücke zu je fünf Akten (Die Piccolomini und Wallensteins Tod) ausgesponnenes politisches Netz, in dem sich alle Protagonisten schließlich verfangen und zugrunde gehen. Hegel sah dieses Ende wie eine düstere Prophezeiung: "Wenn das Stück endigt, so ist alles aus, das Reich des Nichts, des Todes hat den Sieg behalten; es endigt nicht als eine Theodizee."

Jenes tödliche Netz wird, im Unterschied zum "Lager", auf denkbar einfachster Bühne (Ferdinand Wögerbauer) geknüpft. Übergroße Verschiebewände in schwarz, weiß und bunt markieren für die mitarbeitende Phantasie intime Zimmer, das verschachtelte Innere einer Festung oder das Breitwandpanorama großer Auftritte, und sie erlauben es zugleich, die Requisiten auf ein Minimum zu reduzieren: ein Koffer, einige Hellebarden, eine Fahne, ein Tisch und einige Stühle - das ist alles. Denn von nun herrscht optisch die Ästhetik einer großflächigen Choreographie der individuellen oder zu Gruppen gegliederten Figuren, und Handlung und Handeln der Personen ist ganz und gar aufs Wort gestellt, auf diese dichte und strenge Sprache Schillers. Sie verwandelt die historische Wirklichkeit des Dreißigjährigen Krieges in Poesie, während umgekehrt gleichzeitig - vor dem Hintergrund der expandierenden Französischen Revolution, des Aufstiegs ehrgeiziger Generäle zur politischen Macht und des Zusammenbruchs der alten europäischen Staatenordnung - die zeitgeschichtliche "Wirklichkeit zur Dichtung wird,/Wo wir den Kampf gewaltiger Naturen/Und ein bedeutend Ziel vor Augen sehn,/Und um der Menschheit große Gegenstände,/Um Herrschaft und um Freiheit wird gerungen." So erklärt es der aktualisierende Prolog (gesprochen, wie immer unnachahmlich, von Walter Schmidinger), der, bezugnehmend auf die Eröffnung des neuen Weimarer Theaters, das mit dem Lager eingeweiht wurde, zugleich eine Grundsatzerklärung über die bildende Rolle der Schaubühne durch gegenwartsbezogene Stücke formuliert: "Soll nicht des Lebens Bühne sie beschämen." Hier findet sich nicht nur der berühmte Satz: "Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze", sondern auch die Begründung für die von Schiller gewählte gebundene Sprache als die dem sperrigen historisch-politischen Stoff angemessenste Form: "Tadelts nicht! Ja danket ihm, daß sie das düstre Bild/Der Wahrheit in das heitre Reich der Kunst/Hinüberspielt, die Täuschung, die sie schafft,/Aufrichtig selbst zerstört und ihren Schein/Der Wahrheit nicht betrüglich unterschiebt,/Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst."

An dieser Maxime hat sich Peter Steins Inszenierung vor allem orientiert. Keine naturalistische Täuschung des Publikums, keine Einfühlung oder Identifikation mit den Bühnenfiguren, sondern die höhere, die geistige Wirklichkeit der Sprach- und Sprechkunst, durch die wir die urteilsnotwendige kühle Distanz zu dem vorgeführten Geschehen gewinnen. Vom Publikum wird eine eigene Anstrengung geistiger Mitarbeit erwartet, es muss sich auf das gesprochene Wort ebenso einlassen, wie die Schauspielerinnen nichts sprechen, das sie nicht selbst genau verstanden haben. Diese intensiv geleistete Textarbeit hört man aus jeder Figur und in jedem Moment der insgesamt etwa acht reinen Bühnenstunden, und sie gibt jeder von ihnen ihre Würde und ihr spezifisches Gewicht.

Es ist ein Theaterspiel gegen den Zeitgeist der Regieeinfälle, der Strich- und Frei-nach-Fassungen, aber es ist ein den hohen Anforderungen Schillers an sein damaliges und ein heutiges Publikum gemäßes Theater. Von der Weimarer Uraufführung von Wallensteins Tod (1799) wird berichtet, die ganze Stadt habe einem Wallenstein´schen Lager geglichen, Bürger und Studenten seien lebhaft debattierend durch die Stadt gezogen, hätten Kernstellen zitiert, über die Charaktere und die Philosophie des Dramas sich erregt ausgesprochen, ja selbst ein Barbier habe am Morgen danach seinen Kunden ganze Partien vordeklamiert; in einer Gesellschaft ohne Rundfunk, Fernsehen und Massenpresse und darum mit lebendiger oraler Kommunikation ist das Memorieren durchaus nichts Außergewöhnliches. Wir Heutigen müssen diese verlorengegangene Fähigkeit kompensieren durch Textlektüre. Denn die Dichte der Schillerschen Sprache erzwingt es geradezu, die zentralen Stellen mehrfach und langsam nachzusprechen, nachzulesen. Allen sprachlichen Leistungen der SchauspielerInnen zum Trotz kann es gar nicht anders sein, als dass auf der Bühne die komplexe Welt des Gedankens sich zu schnell voranbewegt, um von uns im Kopf verankert zu werden. Wallensteins großer Monolog "Wärs möglich? Könnt ich nicht mehr, wie ich wollte?", der ist von einer so einzigartigen Konzentration und philosophisch-psychologischen Engführung, dass er beim erst- und einmaligen Hören bestenfalls in seiner allgemeinsten Aussage verständlich wird, nicht aber in den begründenden Details und Tiefen, auf die es nun einmal ankommt - obwohl Klaus Maria Brandauer diese achtzig Verse sehr schön langsam und bedeutungsschwer mit dem Kopf auf der Tischplatte zunächst zu sich selbst und dann zum Publikum spricht. Oder die subtil-bilderreiche Lektion in politischem Konservatismus, die der ebenso lebenskluge wie zugleich undurchsichtig-intrigierende Octavio Piccolomini (von Peter Fitz mit staatskluger Zurückhaltung und tödlicher Effizienz verkörpert) seinem Sohn erteilt: "Laß uns die alten, engen Ordnungen/Gering nicht achten! Köstlich unschätzbare/Gewichte sinds, die der bedrängte Mensch/An seiner Dränger raschen Willen band; /Denn immer war die Willkür fürchterlich - /Der Weg der Ordnung, ging´ er auch durch Krümmen,/Er ist kein Umweg." Sie enthüllt ihre Dignität und damit ihr spezifisches Gewicht gegenüber Maxens sympathischem, jugendlich-ungestümem Idealismus ("O! diese Staatskunst, wie verwünsch ich sie!") erst in ihrer poetisch-komprimierten Gänze, die in der Spannung des Bühnengeschehens intellektuell so schnell gar nicht oder doch nur in ihren gröbsten Umrissen nachvollziehbar ist. Auch eine solche Rede bedarf der vorgängigen oder nachholenden Eigentätigkeit des Publikums.

So hat, wer nur den (fast ungekürzten) Stein´schen Wallenstein sieht, gewissermaßen nur den halben Wallenstein gesehen und verstanden. Er wird aufgefordert, es nicht bei diesen zehn Stunden zu belassen, sondern sich Schillers geistigen Herausforderungen zu stellen. Das konkrete Bühnengeschehen in einer ehemaligen Brauereihalle (die Akustik ist auch auf den hinteren Reihen erstaunlicherweise gut) ist gewissermaßen nur ein erster aber zweifellos attraktiver Einstieg. Das schauspielerische Niveau ist hoch; einzelne Figuren wie den primitiv-impulsiven Haudegen Butler (Jürgen Holtz), den aktivistischen Antreiber Illo (Rainer Philippi), den sich gleich in drei Rollen bis zur Unkenntlichkeit verwandelnden Martin Seifert, die Wallenstein wie eine Lady Macbeth anstachelnde Gräfin Terzky (Elisabeth Rath) oder das bisweilen fast anrührende Paar Max-Thekla (Alexander Fehling/Friederike Becht) angesichts des enormen Personalaufwandes besonders zu erwähnen (Einzelne von ihnen erhielten Szenenapplaus) wäre unfair gegenüber den Anderen, denn alle füllen sie ihre Rolle aufs Schönste aus.

Und Wallenstein? Man sehe dem Kritiker seine Subjektivität nach. Beeindruckend Brandauers Macht über die riesige Rolle - so wollte er sie offensichtlich spielen und so hat Stein sie offensichtlich akzeptiert. Wer oder wie Wallenstein der Mensch hinter der historischen Figur war, da bekanntlich "schwankt sein Charakterbild in der Geschichte" - und Schiller selbst hat sich nicht festgelegt. Sympathisch, groß, als Held wollte er ihn zwar nicht: "Er hat nichts Edles, er erscheint in keinem einzelnen Lebensakt groß, er hat wenig Würde und dergleichen." Aber ob er ihn deshalb so gut wie ohne jedes Charisma gesehen hat, in seinem Auftreten vor Freund und Feind eher wie ein Kleinbürger bäuerlicher Herkunft, ungehobelt, sprunghaft, ohne jede aristokratische Würde und Autorität, das möchte ich bezweifeln und das hat mich bei Brandauer überhaupt nicht überzeugt. Sein Wallenstein nimmt dem Stück etwas von der tragisch-dunklen Größe und Dimension. Trotzdem trägt er es - und auch zu dieser Figur sind wir als Publikum eingeladen, sie anders sehen und verstehen zu können.

Zur unverzichtbaren Eigenleistung und Mitarbeit am Stück sind die vom Theater angebotenen zehn Stunden nicht genug. Das beginnt mit dem materialreichen Programmbuch, das aufmerksam gelesen werden will, weil es Hintergrundmaterial und Interpretationen anbietet, das man in den Pausen nicht eben mal überfliegen kann - etwa ein Abschnitt aus der vorzüglichen Wallenstein-Monographie Dieter Borchmeyers, Macht und Melancholie (1988), oder das konzsise Wallenstein-Kapitel aus Rüdiger Safranskis spannender Biographie Friedrich Schiller oder die Erfindung des deutschen Idealismus (2004) - und führt dann notwendig hin zum Text selber. Erfreulicherweise kann man in den Pausen einzelne betagte Besucher in ihren bisweilen alterswürdigen Schillerausgaben blättern sehen - eine ernsthafte und intensive Lektüre braucht dann doch noch einmal ihre ganze Zeit. Bringt man sie aber auf - und das ist man sich, Schiller und der Stein´schen Inszenierung so wie allen Schauspielern und Schauspielerinnen schuldig - dann hat man einen unbezahlbaren Gewinn fürs Leben.

Vorstellungen bis Anfang Oktober jeweils Sonnabend und Sonntag 14 bis 24 Uhr in der Kindl-Brauerei Berlin-Neukölln, Werbellinstr. 50. Karten über die Kasse des Berliner Ensemble (Telefon 030/28408-155).


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00:00 25.05.2007

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