Zehn Tage im September

Ein New Yorker Tagebuch George Bush im Pub

Mittwoch 19. September, alle schweigen sich an


Am Abend lande ich gegen 21 Uhr Ortszeit auf dem John F. Kennedy Airport. Die Reise, lange geplant, sollte schon vor einer Woche beginnen. Dann kam der 11. September.

Im Flughafen fängt mich ein illegaler Taxifahrer ab, er will 80 Dollar für die Fahrt in die City, ich handele ihn auf 50 runter. Dieser Glückritter der Krise versteht seine Arbeit. Im Wagen sitzt bereits eine junge Engländerin, die zu ihrem Hotel in Upper Manhattan will. Ungerührt nimmt der Driver der schönen Londonerin 100 Dollar ab. Wir fahren am Central Park vorbei - kaum jemand ist unterwegs, wenig Verkehr. Kurz darauf halten wir in der 17. Straße/Ecke 8. Avenue, hier soll ich im Appartement eines Freundes die nächsten Tage verbringen. Nach der Ankunft noch Lust auf ein Bier im Chelsea. In dem großen Restaurant sitzen nur wenige Gäste und schweigen sich an.

Donnerstag, 20. September, grauschwarzes Leichentuch


Während der vergangenen Jahre galt mein erster Blick in der Morgendämmerung stets den Twin Towers im Süden von Manhattan, denn ansonsten konnte ich immer im Herbst eine Wohnung beziehen, die ganz in der Nähe des World Trade Center, im Stadtteil Tribeca, lag. Diesmal nicht. Das Quartier liegt im Sperrgebiet, dennoch will ich versuchen, dorthin zu kommen.

Gegen acht Uhr Fahrt mit der U-Bahn-Linie A bis Canal Street. Die völlig überfüllte Station mit ihrem gedämpften Licht wird für alle, die mit mir aussteigen, zur Tortur: Umleitung zum Ausgang Church Street. Lange Schlangen, anschließend strenge Sicherheitskontrollen. Zugang nur für diejenigen, die wie ich ihr Ziel südlich der Canal Street haben. Ich überwinde mit Mühe, dank Mietvertrag und Wohnungsschlüssel, die Kontrolle und gehe in Richtung White Street, Ecke West Broadway. Auf dem Weg ein erster Blick auf die immer noch rauchenden Ruinen des WTC.

Der Wohnung aber, nur etwa tausend Meter von Ground Zero entfernt, hat die Katastrophe nichts anhaben können. Der Wind hat die ungeheure Staubwolke offenbar nicht über diesen Teil von Lower Manhattan getrieben. Auf dem frisch bezogenen Bett hat jemand ein kleines Kärtchen hinterlassen, mit dem ein angenehmer Aufenthalt gewünscht wird - Datum: 4. September 2001.

Auf dem West Broadway fährt brandige Luft in die Kehlen, doch keiner hier schützt sich mit einem Mundschutz. Bis zur Chambers Street geht alles reibungslos, dort jedoch steht die Polizei, kein Durchgang - dahinter schimmert die Silhouette der Reste des Nordturms. Stolz und unversehrt ragt allein das Woolworth Building aus Tristesse und Apokalypse. Ein Leichentuch aus grauschwarzer Asche überdeckt die Auslagen vieler Geschäfte, von denen die meisten geschlossen sind, aber ihre baldige Rückkehr ins Leben ankündigen. Auch das große Technik-Kaufhaus J. R. an der Ecke Broadway/Fulton Street ist noch verriegelt. Wer geöffnet hat, wirbt mit Preisnachlässen bis zu 80 Prozent um Kunden, aber die bleiben aus. Vereinzelte Passanten werden von der Polizei förmlich über die Straße getrieben, damit die schweren Trucks mit Schutt passieren können. Viele Gebäude der West Street fristen nur noch ein Schattendasein, Bankers Trust, das World Financial Center - das einst pulsierende Stadtviertel ist in seiner Substanz getroffen.

Überall lodert der Patriotismus: "America united can never be defeated" - der Slogan dominiert das Heer der Flaggen an Häusern und Geschäften. Alle, die nicht auf der Seite der USA stehen, sind Feinde. Amerika werde zeigen, welche Werte die Welt beherrschen, der erste Kreuzzug des 21. Jahrhunderts steht bevor. In einem Pub am Union Square erlebe ich eine Rede von George Bush. Etwa 100 Menschen starren gespannt auf die Monitore. Der frenetische Beifall aus Washington findet hier nur ein beiläufiges Echo. Die meisten sehen schweigend zu.

Der Union Square, Hauptort der Trauer, lässt die von deutschen Medien völlig ignorierte Sehnsucht nach Frieden spüren, "Love and Peace" und zwischen Kerzen und Blumen der Slogan "Make Peace - Not War". Viele Menschen, stumm, fast apathisch, nur der Regen ist zu hören. Ich gehe weiter zum Washington Square hinein ins Studentenviertel, doch der Platz ist leer, abgesehen von ein paar Fixern und bettelnden Schwarzen.

Freitag, 21. September, leichtes Revuefieber


Am Nachmittag Richtung Museum of Modern Art in die Rockefeller Avenue, dann Theater Distrikt und zurück in die 17. Straße. Wieder am Times Square, die Gegend um das von seinen Peep-Shows befreite neue Subzentrum der City scheint belebt wie immer. Etliche Bühnen versprechen die baldige Wiederaufnahme ihrer Revueprogramme.

Sonntag, 23. September,

Ferien auf dem Lande
Mittags Fahrt nach Hastings on Hudson, einer Künstlerkolonie nördlich von New York City. Sehr angenehmer Aufenthalt bei dem Künstler-Ehepaar Chaim und Yardena Donig Youner. Wir sitzen zum Lunch auf der Dachterrasse und reden über den 11. September. Yardenas offene, ehrliche Art des Redens ist etwas anstrengend, wohl auch, weil sie so konsequent und moralisch argumentiert - getrieben vor allem von der Sorge um die Existenz Israels. Chaim schweigt. Lieber erklärt er mir sein neues Projekt - ein Kinderbuch mit Zeichnungen über "Ferien auf dem Lande". Unser Hauptaugenmerk gilt jedoch den Druckfahnen seines Buches zur Ausstellung A Letter to Debbie, das in Deutschland verlegt werden soll. Yardena hat einen dringenden Änderungswunsch, der zum Glück vom Verlag in Bremen noch beachtet werden kann. Dem ist ein unangenehmer Fauxpas unterlaufen: Yardenas Groß-mutter Elise Sabatzki hatte sich ab Januar 1939, einer Nazi-Anordnung folgend, Elise Sara Sabatzki nennen müssen. Der Verlag nun hat diese Schreibweise übernommen, offenkundig verursacht durch den Abdruck der letzten Postkarte Elises aus Berlin, die sie vor ihrer Deportation in das Rigaer Ghetto Ende 1941 schrieb.

Am späten Nachmittag komplettiert eine weitere "Buchproduzentin" unsere Runde, die mit ihrem Verlag Transnational Publishers nur Wochen vor den Anschlägen ein Buch über Osama bin Laden herausgebracht hat, das zunächst kaum Resonanz fand. Jetzt kann sie sich vor Nachfragen und Übersetzungswünschen kaum retten. Die Autoren Yonah Alexander und Michael Swetnam haben mit Osama bin Laden´s al-Qaida - Profile of a Terrorist Network eine glänzend recherchierte Dokumentation vorgelegt. Die Analysen der beiden renommierten Wissenschaftler, die auch Berater der Regierung sind, bestätigen, dass die US-Behörden vor dem 11. September wesentlich mehr über dieses Terror-Netzwerk wussten, als sie nun zugeben. Die Verlegerin denkt auch, dass so überraschend geführte, präzise vorbereitete Anschläge vom eigenen Land ausgegangen sein müssen. Bin Laden mag Helfershelfer gewesen sein, aber nicht Hauptakteur. Ich erinnere an Oklahoma oder die Ermordung John F. Kennedys. Auch für rechte Modernisierungsgegner in den USA haben Pentagon und World Trade Center einen hohen symbolischen Wert.

Montag, 24. September, BORDERS


Über die Hudson Street erneut in Richtung WTC, erneut die Zeichen des Grauens, erneut nur verschlossene, düstere Gesichter. Südlich von Chambers soll es noch immer kein Licht und Telefon geben. Was mich betroffen macht, ist der Blick von der Cortlandt Street auf eines der unmittelbar vor dem WTC liegenden Gebäude. Von weitem sehe ich BORDERS - früher führte mein Einstiegsweg am Morgen stets über die River Terace zur West Street, hier galt mein erster Blick der internationalen Presse, von dort ging es zum Café von BORDERS, dann zu den Büchern und zur Musik-Abteilung, wo man alles abrufen konnte, was das Ohr begehrte. BORDERS wurde mit den Jahren zum Ritual. Wenn mich nicht alles täuscht, scheint der untere Teil des Gebäudes das Inferno überstanden zu haben, das große Reklameschild mit dem BORDERS-Schriftzug ist noch zu sehen.

Donnerstag, 27. September, gereinigtes Denkmal


Abends Diskussion im Liqor Pub: Alle werden immer stolzer auf Amerika, immer mehr wollen "Revanche". Später bin ich wieder am Union Square, nur noch wenig demonstrierende Leute, alles ist gesäubert, auch das Denkmal, auf dem "Make Love - Make Peace - Not War" stand, ist von der Schrift "befreit". Verloren liegen Blumen und Kerzenstummel am Boden. Ein kleiner Zettel wirbt für die Friedensdemo am Sonntag. Wer wird noch kommen?

Freitag, 28. September, gutes Englisch


Fahrt nach Boston zum Empfang im Goethe-Institut, Anlässe sind der 75. Jahrestag der Eröffnung des Generalkonsulats und der Tag der Deutschen Einheit. Als Ehrengast ist Wolfgang Thierse angekündigt, der aber wegen der aktuellen Ereignisse nicht erscheint. Ihn vertritt der grüne Bundestagsabgeordnete Özdemir, mit seiner Rede und seinem gu-ten Englisch gewinnt er das Publikum, für das die Solidarität der Deutschen mit den USA selbstverständlich ist. Ich frage mich hingegen, stellt der 11. September wirklich einen "Epochenwechsel" dar?

Der Autor hat seit 1978 eine Professur für Weiterbildung und politische Bildung an der Universität Bremen, er trat neben seiner akademischen Arbeit vor allem durch zahlreiche Buchveröffentlichungen hervor, so u.a. Von der Krise zum Faschismus. Bremer Arbeiterbewegung 1929-1933, Frankfurt a.M. 1983; Licht in den Schatten der Vergangenheit. Zur Enttabuisierung der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, Frankfurt a.M. 1987 (mit Jörg Friedrich); Niemand war dabei und keiner hat´s gewusst. Die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung 1933-1945, München 1989 (US-Ausgabe: The German Public and the Persecution of Jews 1933-1945, New York 1996); Menetekel. Das Gesicht des Zweiten Weltkriegs, Krakau 1991; Ahrensbök, eine Kleinstadt im Nationalsozialismus. Konzentrationslager - Zwangsarbeit - Todesmarsch. Bremen 2000.

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00:00 21.12.2001

Ausgabe 42/2021

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